Aufstieg & Lernen

Achtsamkeit und Demut

Tulpe am StrandWenn wir Leid sehen

und sofort eingreifen wollen, dürfen wir eines bedenken:

Wir gehen nicht in den Schuhen derjenigen, die sich miteinander verstrickt haben. Wir wissen nicht, was sie brauchen und wir wissen nicht, wer am Ende tatsächlich der Täter und wer das Opfer ist. Das gilt natürlich nicht, wenn wir akute Not erkennen, wenn Gefahr besteht und wenn schnelles Eingreifen von Nöten ist. Dann handeln wir, wenn wir uns in der Lage dazu sehen. ETWAS können wir immer tun, und sei es, andere um Hilfe zu bitten.

Was aber, wenn wir immer wieder die gleichen schwierigen Situationen sehen, vielleicht in unserer Familie oder im Freundeskreis?

Nun, es ist wichtig, dass wir immer wieder erkennen: Wir wissen nicht, was die Seelen derer, um die es geht, miteinander vereinbart haben. Wüssten wir es, ergäbe das Ganze, egal, was geschieht, mit Sicherheit einen Sinn. Es braucht uns nicht zu gefallen, aber alles im Universum folgt in sich stimmigen Gesetzen, auch wenn wir das zugrunde liegende Muster oft nicht erkennen können. Die langjährige Arbeit mit Rückführungen und systemischen Aufstellungen zeigt immer wieder, dass alles, was geschieht, in ein Muster passt, einen Zweck erfüllt, auf eine von außen oft nicht zu erkennende Weise für einen Ausgleich sorgt. Das Universum sorgt dafür, dass es immer wieder ins Gleichgewicht kommt, das Bestreben des Lebens ist es, sich selbst in der Waage zu halten. Die Methoden, die das Leben anwendet, sind nicht zimperlich, es lässt schon auch mal eine Rasse aussterben, wenn sie das Gleichgewicht stört, weil sie sich nicht genügend anpassen kann.

Was bedeutet das?

Seien Sie achtsam und demütig (nicht unterwürfig! Demut ist das Gegenteil von Hochmut und meint, dass Sie Ihre Grenzen kennen und wissen, dass Sie eben nicht alles wissen), wenn Sie das Leid anderer ändern wollen. Stülpen Sie nicht Ihre Lösungsmethode über die Köpfe anderer. Es kann sein, dass sie nichts taugt.

Wie oft höre ich folgenden Satz: „Der oder die sollte…“ So? Woher wissen Sie das? Und wie oft haben Sie selbst diesen Satz gehört und sich zu Recht gründlich missverstanden gefühlt?

Heißt das, wir sollen uns raushalten? Natürlich nicht. Aber wir dürfen lernen, im Sinne und im Dienst der Seelen derer, denen wir helfen wollen, zu agieren.

LichtspielEin Beispiel:
Eine meiner engsten Freundinnen lebt in einer Ehe, die nach außen hin wirklich disharmonisch aussieht. Sie selbst nimmt das auch so wahr, sie leidet und ist unglücklich. Sie hat zwei Kinder, sie lebt mehr oder weniger neben ihrem Mann her, sorgt für das Haushaltsgeld, obwohl er genug verdient – eine Situation, in der man auf den Tisch hauen will und in der alles danach ruft, einzugreifen, zumal sie immer wieder krank wird, Allergien entwickelt und nervöse Ticks hat.

Ich habe versucht, einzugreifen, ihr Mut zu machen, ihr zu zeigen, dass sie die geschiedene Ehe ihrer Eltern wieder gut machen will, indem sie durchhält – und ich bin gescheitert. Warum?

Weil ich nicht nach dem Sinn gefragt habe. Weil ich nicht daran gedacht habe, erstmal auf Seelenebene zu fragen, wozu es diese Situation braucht, wie sie dem Leben und dem Wachstum dient.

Als wir dann miteinander arbeiteten, erkannten wir folgendes:
Sie hat sich in vielen vergangenen Inkarnationen (und es ist egal, ob Sie daran glauben oder nicht, die Arbeit mit inneren Bilder kann auch einfach ein Ausdruck einer psychischen Programmierung sein) immer wieder klein gemacht, ist innerlich immer wieder in Ohnmacht gefallen und hat erlaubt, das andere über sie bestimmen. Sie hat sich selbst immer wieder zum Opfer gemacht, hat viele Erfahrungen erlebt, in denen sie mundtot gemacht, nicht gehört, nicht ernst genommen wurde.

In diesem Leben nun hat sie entschieden, sich noch einmal ganz bewusst in diese Situation hinein zu begeben, um ein Bewusstsein darüber zu entwickeln und um Stück für Stück zu lernen, sich zu wehren. Sie braucht diese Ehe, um zu lernen, sich selbst zu behaupten, um überhaupt erst einmal zu verstehen, dass sie das darf! Ja, sie ist unglücklich und irgendwann wird dieses Konstrukt zerbrechen oder sich transformieren. Aber solange sie auf seelischer Ebene spürt, dass sie immer wieder in das alte Muster fällt und noch immer nicht erkennt, dass sie ihr Leben so leben und gestalten darf, wie SIE es für richtig hält, solange wird sie in dieser Situation bleiben – egal, ob mir das passt oder nicht.

Was tue ich nun, wenn sie anruft und ich spüre, es geht ihr schlecht?

Ich sage ihr nicht: „Verlass doch endlich diesen Mann“, auch wenn es mir auf der Zunge liegt. Ich verneige mich vor ihr, während ich am Telefon bin, und sage ihr:

„Ich achte dein Schicksal“ und dann sage ich den entscheidenden Satz:
„Was brauchst du von mir, auf welche Weise wünschst du dir, dass ich dich unterstütze?“

Ich weiß nicht, was sie braucht. Aber sie selbst weiß es. Und wenn ich es ihr geben kann, dann gebe ich es ihr gerne. Ich lasse das, was ich selbst für richtig halte, das, was meiner Meinung nach das Richtige für sie wäre, einfach los. Ich werte nicht, sondern ich erkenne die mutige Entscheidung ihrer Seele, sich diese Situation anzuschauen, an.

Denn wie wäre es mit dieser Idee:
Wir alle haben eine bestimmte Seelenfrequenz, eine Schwingung, die sich aus verschiedenen Anteilen zusammen setzt, in sich aber einzigartig ist. Um nun eine spirituelle Evolution zu erleben, damit also auch in spiritueller Hinsicht Weiterentwicklung stattfinden kann, braucht es einen zweiten Impuls – einen Kontrapunkt, eine Gegenstimme. Dieser Kontrapunkt muss zu der Seele passen, sonst interferieren die Energien nicht, sonst entsteht keine Harmonie. So wie es zwei bestimmte Substanzen braucht, damit eine chemische Reaktion geschehen kann (nicht jede Substanz reagiert mit jeder), so braucht auch der Kontrapunkt eine bestimmte Schwingung.

Damit also das spirituelle Bewusstsein mit seinem Kontrapunkt, dem menschlichen Bewusstsein, interagieren und etwas Neues entstehen kann, braucht das menschliche Bewusstsein eine ganz besondere Energie, nämlich die, die zur Energie der Seele passt. Und hier kommen die Erfahrungen ins Spiel: um ein besonderes menschliches Bewusstsein auszuformen, braucht es bestimmte Erfahrungen, die ganz eigene, besondere Qualitäten haben. Wie wäre es, wenn sich hier der Seelenplan zeigte? Damit das menschliche Bewusstsein zur Seele passt und damit dann aus diesen beiden sehr, sehr unterschiedlichen, aber in ihrer Polarität doch zueinander passenden Energien etwas Neues entstehen kann, brauchst der Mensch bestimmte Erfahrungen, die nicht verhindert und auch nicht ausgetauscht werden können – die einen Kontrapunkt zur Frequenz der jeweiligen Seele bilden. Solange wir nun also nicht die Energie der Seele kennen, wissen wir auch nicht, welche Erfahrungen ein Mensch braucht, um seinen ureigenen Kontrapunkt ausformen zu können. Wir wissen also nicht, was für ihn richtig und falsch ist, weil wir nicht wissen, welches menschliche Bewusstsein er ausformt – es kann zum Beispiel sein, dass er damit beschäftigt ist, Erfahrungen des Mangels zu machen, gerade weil seine Seele so sehr in der Energie der Fülle schwingt.

StrandwegHeißt das nun, wir sollen uns raushalten, weil der andere gerade dabei ist, einen menschlichen Gegenpol zu seiner Seele zu bilden und in seinen schmerzlichen Erfahrungen nicht gestört werden darf? Natürlich nicht. Es heißt aber, dass wir das Bewerten ein für alle Mal lassen dürfen. Nicht zu bewerten ist eine bekannte spirituelle Technik. Wenn wir aber davon ausgehen, dass jede Seele ein einzigartiges menschliches Bewusstsein braucht, damit sie im Zusammenspiel von spirituellem und menschlichem Bewusstsein ihre ganz persönliche neue Dimension erschaffen kann, dann ergibt das Bewerten einfach gar keinen Sinn mehr.

Und das ist Demut. Wenn Sie also helfen und für den anderen da sein wollen, dann tun Sie das im Sinne seiner Seele, in Übereinstimmung mit seinen Schutzengeln und seiner Bestimmung und lassen Sie die Idee los, Sie wüssten, was der andere braucht.

Respektieren Sie seinen Weg und fragen Sie ihn, was Sie für ihn tun können. Sind Sie schamanisch geübt, dann fragen Sie Ihr eigenes oder sein Krafttier, führen Sie eine schamanische Heilreise für ihn durch und lassen Sie dabei geschehen, was geschehen will.

Auch wenn Sie global helfen wollen, bei Natur- oder Umweltkatastrophen eingreifen möchten, führen Sie eine schamanische Reise durch und rufen Sie die Kräfte, die wissen, was hilft. Stellen Sie sich zur Verfügung, erlauben Sie, dass diese Energien durch Sie wirken dürfen, aber lassen Sie die Idee los, Sie wüssten, was zu tun ist. Manipulieren Sie die inneren Bilder nicht, sondern bitten Sie nur immer wieder darum, dass die höchste Ordnung wirksam wird. Sie brauchen die Lösungen nicht zu kennen. Wenn Sie sich den heilenden, ausgleichenden und höheren Kräften zur Verfügung stellen, als Mittler zwischen der geistigen Welt, der höheren Ordnung und demjenigen, der Hilfe braucht, dienen, dann tun Sie bereits alles, was überhaupt nur möglich ist.

Susanne Hühn

(c) Schirner

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