Wissenschaft & Spiritualität

Das erleuchtete Gehirn

Hände invers Das erleuchtete Gehirn

Mit Schamanismus und Neurowissenschaft zu Gesundheit, Freiheit und Glück finden

Kann die Neurowissenschaft die Versprechen der Religion erfüllen, die Freiheit von Leiden, Gewalt, Armut und Krankheit? Kann sie uns ein Leben bescheren, in welchem Gesundheit, Frieden und Fülle herrschen?
Die Ansprüche der Weltreligionen sind so universell, dass es scheint, als wäre die Sehnsucht nach Glück, innerem Frieden und Wohlbefinden in unserem menschlichen Gehirn verankert und habe sich zu einem sozialen Instinkt entwickelt, der so mächtig ist, die Fähigkeit zur Co-Schöpfung anzutreiben. Sowohl die Bibel als auch der Koran und die buddhistischen und hinduistischen Schriften lehren uns, wie man einen paradiesischen Zustand erreichen kann – entweder nach dem Tod, am Ende der Zeit, nach vielen Reinkarnationen oder als Ergebnis von persönlicher Anstrengung und Verdienst. Dieser Zustand der Befreiung wird in den christlichen Traditionen als „Gnade“ oder „Himmel“ bezeichnet, bei den Muslimen als „Paradies“, während die östlichen Traditionen es „Erweckung“ oder „Erleuchtung“ nennen und hierfür verschiedene Bezeichnungen haben wie samadhi, mukti, bodhi, satori und nirvana.
Aber was wäre, wenn „Gnade“, samadhi und „Erleuchtung“ in Wirklichkeit auf biologischer Wissenschaft gegründet wären? Was wäre, wenn sie Zustände der höheren Ordnung und Vielschichtigkeit sind, geschaffen von programmierbaren Schaltkreisen im Gehirn? Was, wenn diese Schaltkreise es ermöglichen würden, lebenslanges Glück, inneren Frieden, Gesundheit und Wohlbefinden zu erreichen – und zwar jetzt, in dieser physischen Welt und nicht in irgendeiner fernen Zukunft oder nach dem Tod?

Das Gehirn und die Erleuchtung

Wonach streben wir mit all der Kraft unseres Gehirns? Im Osten wurde Erleuchtung traditionellerweise mit Qualitäten wie Großzügigkeit, Mitgefühl oder friedlicher Akzeptanz verbunden sowie mit der Erfahrung des Einsseins mit der gesamten Schöpfung. Im angespannten, individualistischen Westen, haben wir von Erleuchtung eher die vage Vorstellung, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist, oder herauszufinden, wie wir sie zum Besseren verändern können. Erleuchtung schließt für uns außerdem das übliche Verlangen nach Neuem, Entdecken und Kreativität ein, wie es von den Entdeckern, die ins All fliegen, verkörpert wird. Wenn wir die östlichen Qualitäten der Erleuchtung aus dem religiösen Kontext herauslösen und sie in Bezug zur biologischen Wissenschaft setzen, dann stellen wir fest, dass es Eigenschaften gibt, die mit der Ansteuerung des präfrontalen Cortex verbunden sind, dem neuesten Teil unseres menschlichen Gehirns. Bei funktionellen Kernspin-Untersuchungen zeigte es sich, dass Personen, die regelmäßig meditieren, Gehirne entwickelt haben, die anders „verdrahtet“ sind als die Gehirne von Personen, die nicht meditieren. Sie sind besser in der Lage, ruhig zu und stressfrei zu bleiben, in Frieden zu leben und Mitgefühl zu haben. Interessanterweise ist ihr präfrontaler Cortex die meist aktive Region ihres Gehirns während der Zustände, die sie als samadhi oder „Erleuchtung“ bezeichnen. Seine Heiligkeit der Dalai Lama beschreibt Erleuchtung als „einen Zustand der Freiheit nicht nur von kontraproduktiven Emotionen, die den Prozess einer zyklischen Existenz unterhalten, sondern auch von allen Prädispositionen, die der Verstand durch diese betrübenden Emotionen gebildet hat“. Der Dalai Lama zielt darauf ab, dass Erleuchtung ein Zustand der Freiheit von destruktiven Emotionen ist und von limitierenden Glaubensgrundsätzen und sich wiederholendem Verhalten, geschaffen durch diese Emotionen.
Edelmut und Mitgefühl zeigen sich nur, wenn der präfrontale Cortex in der Lage ist, die mehr prähistorischen Regionen des Gehirns zu drosseln. Damit der präfrontale Cortex funktionelle Bahnen für Freude und Friede schaffen kann, muss der gesamte Körper und das Gehirn gesund sein, braucht passende Nährstoffe und eine geschulte innere Disziplin.
Wir müssen also unsere Körper und unseren Verstand heilen, um den präfrontalen Cortex zu stärken – dieses neue Gehirn, welches biologisch programmierbar ist für Glückseligkeit, außergewöhnlich langes Leben, Frieden und Regeneration. Für zu lange Zeit wurde diese Gehirnregion offline gehalten, ruhiggestellt von denselben Kräften – Mangel, Gewalt und Trauma – von welchen sie uns zu erlösen verspricht.
Wenn diese neue Region des Gehirns einmal online geschaltet wird, dann ist Gehirn-Synergie möglich. „Synergie“ bedeutet, dass das Ganze größer ist als die Summe seiner Teile. Ingenieure sind vertraut damit, wie Synergie funktioniert. Die Festigkeit von Edelstahl zum Beispiel ist nahezu zehnfach größer als die Festigkeit von Eisen, obwohl Edelstahl grundsätzlich Eisen mit einer winzigen Menge Kohlenstoff ist. Kohlenstoff und Eisen sind beide einzeln betrachtet spröde und blättern leicht ab. Aber wenn beides kombiniert wird, dann entsteht daraus ein außergewöhnlich starkes Material.
Gehirn-Synergie bezeichnet einen Neurocomputer, dessen Schaltkreise alle aktiviert, auf der richtigen Wellenlänge sind und zusammenarbeiten, jede Region ihre Funktion bedienend – ungefähr so wie das Herz für die Blutzirkulation sorgt, während die Lungen sich um die Atmung kümmern –, ein System schaffend, das nicht über die einzelnen Bestandteile definiert oder noch nicht einmal beschrieben werden kann.
Neurale Netzwerke sind eine plastische, dynamische Konstruktion, eine Konstellation von Neuronen, die augenblicklich aufleuchten, um eine spezielle Aufgabe auszuführen. Immer wenn du über einem bestimmten Gedanken (gut oder schlecht) grübelst oder eine bestimmte Aktivität (nützlich oder schädlich) ausübst, verstärkst du dieses neurale Netzwerk, das mit diesen Gedanken oder Fähigkeiten in Wechselbeziehung steht. Jedes mal, wenn dich eine Situation an eine tatsächlich angstvolle oder gefährliche Erfahrung aus deiner Vergangenheit erinnert und instinktive Emotionen hochgebracht werden, wird dieses spezifische neurale Netzwerk verstärkt. Wir stärken die „toxischen Emotionen“ und die neuralen Netzwerke in unserem limbischen Gehirn und beginnen, unbewusste Überzeugungen über das Leben zu erschaffen. Diese Überzeugungen bestimmen unsere Handlungen und Reaktionen in allen Erfahrungen, die wir machen.

PTBS, Stress und Leiden

Wenn wir ein schweres Trauma erleben, können wir eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln. Studien zeigen, dass die meisten Menschen mindestens eine lebensbedrohliche oder gefährliche Situation im Laufe ihres Lebens erfahren. Die Studien lassen erkennen, dass selbst wenn eine Person sich von der PTBS erholt, er oder sie doch möglicherweise weiterhin milde Symptome zeigen können. Aufgrund der PTBS werden viele lebenstypische Situationen unangebrachterweise durch das limbische Gehirn geleitet, wo wir, zumindest aus der emotionalen Perspektive, diese herzzerreißenden Traumata oder Ereignisse nochmals durchleben, die oft viele Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen können. Der Bezug zu PTBS ist deshalb hergestellt, weil das limbische Gehirn, ursprünglich wie es ist, keine Zeit benennen kann und deshalb auch nicht unterscheiden kann zwischen einem schmerzvollen Ereignis, das vor 20 Jahren geschah, und der bloßen Erinnerung an dieses Ereignis, die durch eine ähnliche, heutige Situation wieder aufgerufen wurde. Beispielsweise war es weitverbreitet bei Soldaten, die aus den Kriegen im Irak und Afghanistan zurückkehrten, Angst oder Stress zu empfinden, wenn sie Feuerwerk oder andere plötzliche laute Geräusche hörten, da ihr limbisches Gehirn nicht verstand, dass es sich nicht länger auf dem Kriegsschauplatz befand. Ähnliches kann sich auch bei Paaren zeigen, die durch eine bittere Scheidung gingen, dass sie selbst nach vielen Jahren noch geschockt reagieren, wenn sie die Stimme des anderen hören. Aber du musst nicht einmal PTBS-Patient sein, um intensive emotionale Reaktionen, die durch eine scheinbar harmlose Situation ausgelöst wurden, zu erfahren. Diese Verstärkung kann ohne unser Wissen erfolgen, wenn wir ein emotionales Trauma einsetzen, um Mitleid zu bekommen, sei es von uns selbst oder von anderen. Wir mögen zum Beispiel sagen:
„Ich muss mich nicht reif verhalten, denn ich hatte ja schließlich eine furchtbare Kindheit.“ Wenn wir eine solche Begründung erschaffen und wiederholen, dann stärken wir neurale Netzwerke und emotionale Gewohnheiten, die so ausgeprägt sind wie Haltungsfehler nach einem alten Schleudertrauma, welches die Wirbel und die Muskeln der Wirbelsäule betroffen hatte. Diese Netzwerke führen zu Emotionen und dann zu Überzeugungen, die uns vergangenen Schmerz begünstigen lassen, ebenso wie Verhaltensweisen, die ständig das Trauma verstärken und auch das Mitleid, das wir so erfolgreich damit auszulösen gelernt haben.
Während solch ein sich wiederholendes, kreisendes Muster einst dazu diente, unser Überleben zu sichern, wurde es nun „giftig“ und hat Trugschlüsse über Bekanntschaften, Freunde und sogar die Familie entstehen lassen. Weil Überzeugungen unbewusst sein können, kann es sein, dass sie sich in Gewohnheiten zeigen, die uns überraschen. Wir mögen eine innige Beziehung eingehen, die dann auseinanderbricht, wenn wir entdecken, dass die Person nicht wirklich diejenige ist, für die wir sie gehalten haben. Aber die Situation mag in Wirklichkeit das Produkt unserer eigenen unbewussten Überzeugung sein, nämlich dass wir nie einen Partner finden werden. Oder ähnlich mögen wir eine unglaubliche Karrierechance haben, die jedoch zusammenbricht, weil wir tief in uns die Überzeugung haben, dass wir wertlos sind.
Sonderbarerweise kannst du sogar diese toxischen Netzwerke, die durch Traumata begründet wurden, allein schon durch eine furchtvolle Reaktion auf eine vermeintliche Bedrohung verstärken. Wann immer eine Situation auftritt, die nur entfernt einem schmerzhaften Ereignis in deiner Vergangenheit ähnelt, geht eine rote Fahne in deinem Säugetiergehirn hoch und du empfindest diese Situation als mögliche Bedrohung. Das geschieht deshalb, weil das Trauma nicht das ist, was tatsächlich geschah, sondern wie du es in deinem Verstand abgespeichert hast. Man kann sagen, dass du feststeckst durch das, was du glaubst, was passiert sei. Und diese Geschichte wird unterhalb der Schwelle deines Bewusstseins lebendig erhalten, ohne dass du dir dessen bewusst bist oder daran denkst.

David Perlmutter, Alberto Villoldo

Weitere Informationen unter: www.thefourwinds.com

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