Gesellschaft

Den Machbarkeits. Wahn des Menschen ausbremsen

dubai_burj_1_hsc_coutoo „Panta rhei“, und das heißt: „Alles ist in ständigem Fluss“. Wenn demnach nichts beständiger ist als der Wandel und wenn nichts in sich selbst verharrt, dann sind durchaus Entwicklung und Fortschritt angesagt.

Aber die Frage muss sein: Bis zu welcher Grenze, in welchem Maße?

Jedermann weiß jedoch sehr gut, dass gerade das „Maß.halten“ genau das ist, was der Mensch am wenigsten beherrscht. Und die Erfahrung lehrt un.übersehbar: Macht.GE.brauch ist stets auch Macht.MISS.brauch. Wissen erhöht nicht nur die Macht, sondern auch die Verantwortung!

Es muss freilich nicht zurück in die Steinzeit gegangen werden, aber es ängstigt doch sehr, dass auf dem Gebiet der Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung gerade zu Beginn des 3. Jahrtausends die Frage nach der Wünsch.barkeit mensch.lichen Tuns zumeist nicht nach ethischen Kriterien beurteilt wird, sondern dass alles erlaubt sein soll, was sich rechnet und auszahlt, und dass das Gesetz von Angebot und Nachfrage zur obersten Norm wird, welcher alle anderen Werte unter. und nach.geordnet sind.

Man muss endlich begreifen lernen, dass Entwicklungs.prozesse, die heute oder in der Zukunft auf Kosten anderer stattfinden oder die durch Un.gerechtig.keit und Abhängig.keit, durch Verschlechterung der Umweltbedingungen und der psychophysischen Lebens.qualität entstehen und die menschen.würdigen Lebens.grundlagen für zukünftige Generationen zerstören, man muss begreifen lernen, dass solche Entwicklungs.prozesse nicht als Entwicklung oder Fortschritt, sondern als Ausbeutung und Destruktivität, als Verantwortungslos.igkeit gebrandmarkt werden müssen. Im Interesse der Überlebens.fähigkeit der gegenwärtigen und der zukünftigen Generationen ist solchen Prozessen entschieden entgegenzutreten, und es gilt:

„Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ (Hans Jonas).

Wenn wir freilich un.geachtet solcher Empfehlungen einfach so weitermachen wie bisher, wenn es nach wie vor erklärtes Ziel mensch.licher Bemühungen bleibt, sich partout nicht in die Natur einzufügen, sondern sie wie eine Feindin zu erobern und seinem absoluten Diktat zu unterwerfen,

wenn wir uns der neuen Pflicht, nämlich dem Prinzip Verantwortung, also einer Ethik der Erhaltung, der Bewahrung und Verhütung gänzlich verschließen, wenn wir die globalen Umweltsünden im Sinne mut.williger Zerstörung unserer natürlichen Lebens.grundlagen weiterhin begehen und die Menschen.züchtung auf dem Wege des Klonens mit all seiner Un.kalkulierbarkeit der Folgen forcieren,

dann läßt sich erahnen, welch verdammt schlechte Karten wir späteren Generationen hinterlassen:

Es darf aber nicht sein, dass die Zukunft eine vergrabene Zeit.bombe ist, deren Zeit.zünder in der Gegenwart abläuft!

Der Fortschritts.gedanke („Lasst uns das, was wir haben, verbessern und erweitern, vergrößern und vervielfachen – bis ins un.ermeßlich Gigantische!“) muss die Frage zulassen:

Wo ist die Grenze, generell und insbesondere moralisch?

Wie viel ist genug?

Wie viel ist notwendig?

In der Regel werden diese Fragen heute gar nicht mehr gestellt, vielmehr begegnet man allenthalben einem un.gebrochenen Glauben an den un.begrenzten, nach oben vermeintlich un.endlich offenen und ausnahms.los positiv interpretierten Fortschritt.

Für das einzelne Individuum gilt doch zweifels.frei und un.umstößlich:

Die einzig gewisse Zukunft ist: der Tod!

Warum sollte dies nicht auch für die ganze Spezies, für die Menschen.gattung insgesamt gelten? So sind denn auch in der Tat 99,9 % aller Arten, die die Evolution hervorgebracht hat, wieder ausgestorben: Keine Art – auch der Mensch nicht – ist auf Ewig.keit angelegt. Jede Spezies ist dazu verurteilt, nach einer gewissen Zeit zu scheitern.

Bescheidenheit ist angesagt, und auch dies ist zu bedenken:

Die sog. Krone der Schöpfung hat allein im 20. Jahrhundert dies veranstaltet, nämlich:

90 Millionen Tote durch Kriege,

30 – 40 Millionen Tote durch Epidemien,

20 Millionen Tote durch Hungersnöte, allenthalben Umwelt.zerstörungen, Rinder.wahnsinn durch Menschen.wahnwitz.

Ist da nicht der Schluss zulässig:

Nichts gefährdet die mensch.liche Zukunft mehr als der Mensch selbst, oder anders ausgedrückt:

Das größte Risiko für den Menschen ist der Mensch selbst!

Der Begriff Fortschritt muss endlich abgekoppelt werden von der Vorstellung, er beinhalte wesentlich und ausnahms.los eine Verbesserung. Es ist zu fragen: Fortschritt wohin und für wen und auf wessen Kosten? Es gibt moralische Grenzen des Fortschritts, und es MUSS sie geben, oder wie wollen wir etwa den verwegenen „Traum“ der Wissenschaftler beurteilen, mit der Klon.Technik Menschen beliebig zu vervielfältigen bzw. Ersatzteil.lager entstehen zu lassen, mit denen dann gewissen.lose Geschäfte.macher reichlich Profit machen?

Wo ist da Zukunft als menschen.würdige Zukunft, wo der blanke Horror?

Es darf keine Einteilung des mensch.lichen Lebens in „lebens.wert“ und „lebens.un.wert“ geben und die Würde des Menschen an bestimmte Merkmale und Eigenschaften und Fähigkeiten und Alter gebunden werden. Der Mensch ist Mensch um seiner selbst willen, weshalb er weder nach wünsch.baren Qualitäten (Klonen) bewertet noch als Mittel zum Zweck ge. und miss.braucht werden darf.

Die Entwicklung der Menschheit ist am Psychischen spurlos vorbeigezogen – und das bedeutet, dass die Evolution die psychische Grund.prägung der mensch.lichen Persönlichkeit nicht erreicht hat.

Das heißt:

Es gibt/gab keine Evolution im Psychischen!

Die Elementarmotive, die das mensch.liche Tun antreiben, haben sich nicht geändert. Eine fundamentale qualitative Entwicklung hat demzufolge nie stattgefunden. Ob die Vernichtung eines Mit.menschen mit Pfeil und Bogen, mit dem Faust.keil, mit der Atom.bombe oder mit einem Lase.rstrahl ausgerichtet wird, ändert nichts am Motiv des Mörders. Das Ur.Motiv des Tötens ist un.verändert erhalten geblieben. Mehr noch: Die diabolisch.destruktive Kreativität des Menschen sucht nach immer neuen und subtileren Formen, um das Gegen, das sie im Herzen trägt, zu seinem vernichtenden Werk zu führen – die ganze Welt konnte dies an jenem ominösen 11. Sept. erleben. Und so wird Thomas Hobbes leider, aber doch, immer wieder recht behalten: Homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf! Und daran wird auch der geklonte Mensch nichts ändern.

Es gibt in unserer Zeit einen fatalen Imperativ, wonach der Mensch das, was er könne und verstehe, auch anwenden und sich dabei keine Grenzen setzen solle.

Diese Handlungs.regel übersieht, das die Technik des Menschen wegen und nicht der Mensch der Technik wegen da ist; sie spiegelt – nicht erst seit Hiroshima und Tschernobyl und BSE und angesichts geplanter Menschen.züchtung auf dem Weg des Klonens – den mensch.lichen Machbarkeits.wahn wider ist und ist die Perversion jeglicher Moral, sie ist eigentlich proklamierte Un.moral. Sie missachtet, was die Menschen aller Kulturprägungen immer gewusst haben:

DER MENSCH KANN MEHR, ALS ER DARF, oder:

er darf nicht alles, was er kann.

Der Mensch kann rauben, betrügen, quälen, verletzen, vergewaltigen, töten – aber darf er dies allenthalben?

Es gilt:

Die Handlungs.möglichkeiten des Menschen müssen durch ein Korsett des Dürfens und Nicht.dürfens eingeschränkt werden, und angesichts des Fortschritts möge sich der Mensch die Gegenfrage stellen:

Wo bitteschön bleibt der Fortschritt in der Liebe?

Wo bleibt der Fortschritt in der Menschen.freundlichkeit?

Wo sehen wir den Fortschritt in der Toleranz.fähigkeit, in der Barmherzig.keit, im Mit.gefühl und in der Friedens.bereitschaft? Gibt es etwa auch da ein stufenweises und rasantes Aufsteigen des Mensch.seins zu mehr Sittlichkeit, zu mehr und reiferer Persönlichkeit, zu einer höheren Bewusstseins. oder Lebens.qualität, etwa im Geistigen, im Religiösen oder Spirituellen: absolute Fehlanzeige?

Es macht jedenfalls große Angst, dass Ethik im Modell der verselbständigten Wissenschaften nur noch die Rolle einer Fahrrad.bremse am Interkontinental.flugzeug zu spielen scheint – und das ist erbärmlich wenig und völlig un.zureichend!“

(c) Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern