Verlust & Tod

Der heilende Weg zur Essenz

EssenzÜber den heilenden Weg zur wahren ESSENZ zu schreiben,

heißt, Leben und Sterben als zusammengehörend zu begreifen. Der Tod ist im besten Fall der Höhepunkt des Lebens. Natürlich muss man die Regeln kennen, um erfolgreich am Spiel des Lebens teilzunehmen. Wer sie aber kennt und den Spielcharakter des Lebens durchschaut, ist mit der Kenntnis des Polaritäts- und des Resonanzgesetzes auf gutem Weg. Den Gegenpol zum Leben bietet das Sterben. Wer das von vornherein akzeptiert, hat auch für diese andere Hälfte der Existenz gute Aussichten und findet seinen Weg zur Essenz.

Kübler-Ross & Luise

Elisabeth Kübler-Ross und Louise(Foto: „Leben bis wir Abschied nehmen“, Kreuz-Verlag, ISBN 013922955-8

           Unser Problem mit dem Sterben lässt sich gut am Leben und Sterben der diesbezüglich bedeutendsten Spezialistin, Elisabeth Kübler-Ross, erkennen. Wohl keine Ärztin hat in diesem Jahrhundert so viel in Richtung Bewusstheit bewegt. Begonnen hat sie ihren ärztlichen Weg als Landärztin in der Schweiz. Erst später in den USA hat sie Weltruf als Wissenschaftlerin erlangt und die Sterbeforschung durch ihre Ergebnisse salonfähig gemacht. Im Alter – angetrieben von ihrem unstillbaren Bedürfnis zu helfen und der unbeugsamen Ehrlichkeit gegenüber ihren Forschungsergebnissen – hat sie den Bogen noch weiter gespannt bis in Bereiche jenseits des Sterbens. Damit aber hat sie für viele Wissenschaftler den Bogen überspannt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, mochte man ihr nicht mehr folgen und verwarf zum Teil dann auch Dinge, die längst akzeptiert waren. So war sie immer unbequem für ihre wissenschaftlichen Kollegen und manchmal konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, sie setzten ihr Ehrendoktorhüte (ca. 20!) auf, um ihr nicht folgen zu müssen. Wohl kaum ein Forscher hat so viel Anerkennung erhalten bei so konsequenter Ignorierung seiner Ergebnisse in der alltäglichen Klinikpraxis des Sterbens. Dass viele ihr nicht folgen konnten auf ihren weiten Ausflügen in jene unheimlichen Bereiche jenseits der Schwelle des Todes, ist eine Sache, die mehr über die vielen Forscher als über die Autorin sagt. Die viel Geehrte wurde nun manchmal gar als verrückt abgestempelt – als einfachstem Weg, sich nicht mit ihren Forschungsergebnissen auseinandersetzen zu müssen. Besonders für die zumeist ängstlichen Gemüter im medizinischen Wissenschaftszirkel war das jener verlockende Ausweg, auf dem man schon versucht hatte, Ignatz Semmelweis und Wilhelm Reich loszuwerden. Bis heute hat das Gerichtsurteil Gültigkeit, dass jede Forschung im Bereich der von ihm entdeckten Orgonenergie in den USA unter Strafe stellt. Das ist die Methode der Angst, die sich gern hinter Paragraphen verschanzt.

              Als Sterbeforscherin machte Elisabeth Kübler-Ross aber nicht nur durch ihr Forschungsgebiet, sondern vor allem auch durch ihre radikale Menschlichkeit und Lebendigkeit Angst. Mit ihrem Versuch Aidskranken und damals todgeweihten Kindern jedweder Hautfarbe in ihrem eigenen Heim ein Zuhause zu schaffen, hat sie ihre Nachbarn in der amerikanischen Provinz so verängstigt, dass sie ihr das Haus niederbrannten. Wissenschaftler wissen ihre Angst subtiler zu bemänteln, und manchmal hing man ihr auch das Mäntelchen einer Heiligen um, die so weit über anderen stand, dass es gar keinen Zweck hatte, ihr nachzueifern. Oder man schob ihre Vorstellungen in die Ecke idealistischer Versponnenheit: gut gemeint, aber nicht zu realisieren. Dabei hat sie beeindruckend vorgelebt, wie so vieles sogleich zu verwirklichen war. Ihre Wissenschaft hatte immer sehr schnell praktische Konsequenzen und war nie in jenem elitären Elfenbeinturm angesiedelt, den manche ihrer Kollegen, die die Praxis in den Universitätskliniken bestimmen, zeitlebens nicht verlassen.

           So kam es, dass Elisabeth Kübler-Ross die Mehrheit ihrer Anhänger schließlich außerhalb wissenschaftlicher Kreise hatte, denn ihr Wirken, das im Bewusstsein der Wissenschaftler ganz um Sterbende kreiste, hatte vor allem Auswirkungen auf die Lebenden. Das Forschungsgebiet des Todes mit Gefühlen zu verbinden, verletzte wesentliche Tabus der herrschenden Universitätsmedizin. Zum Schluss war sie so dem Buddhismus näher als der Zunft der Wissenschaftler, die peinlich bemüht sind, alle Gefühle und Emotionen aus ihrer Arbeit zu verbannen, um objektive Ergebnisse zu erzielen, die meist auch wenig mit den fühlenden Wesen zu tun haben, sondern auf Patente und wissenschaftliche Anerkennung zielen.

Dieses Bild von Markus Bösch (www.markusboesch.com) trägt den Titel „Selbstbewusst werden“, doch es kennzeichnet gleichermaßen den Übergang vom Messbaren zum Unermesslichen und öffnet die Schwingtür zur nächsten Dimension

           Wir verdanken es Frau Kübler-Ross, dass das Sterben überhaupt wieder zum Thema der Wissenschaft geworden ist. Laut Umfrage glaubt die große Mehrheit der Deutschen schon gar nicht mehr daran, sterben zu müssen. Auf die Frage, ob sie lieber Zuhause oder in der Klinik sterben wollen, antworteten 93 Prozent der Befragten Deutschen sinngemäß: „Wenn schon, dann zuhause!“ Dieses “Wenn schon, dann…..“ kann als Zeichen schwerer kollektiver Verdrängung gedeutet werden, wenn wir es nicht als Hinweis auf völlige Verblödung werten wollen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass über 90 Prozent der Großstädter in Kliniken sterben. Nach dieser Umfrage ist das gegen den Willen der meisten. Elisabeth Kübler-Ross trat leidenschaftlich dafür ein, den Wunsch nach einem Sterben im eigenen Heim zu erfüllen – den Sterbenden, aber auch ihren Angehörigen zuliebe. Sie selbst erlebte – bei allem wissenschaftlichen Engagement – die Begleitung von Sterbenden als zutiefst beglückend. Dass diese Möglichkeit sich trotz allen Engagements der Autorin nur so schleppend durchsetzen lässt, hat nicht nur mit der Angst der Angehörigen zu tun, sondern auch mit der der niedergelassenen Mediziner. Sterben muss für diejenigen, die angetreten waren, es zu verhindern, als Niederlage erscheinen. In dieser Hinsicht zu klassischen Verlierern erzogen, vermeiden sie es im Allgemeinen lieber Zeugen ihrer Niederlage zu werden und weisen die Patienten „rechtzeitig“ in Kliniken ein. Die dortigen Mediziner schützen sich in der Regel wenigstens durch Abwesenheit im entscheidenden Moment vor der Erkenntnis der Niederlage und der Erinnerung an die eigene Sterblichkeit.

            Sterben ist in deutschen Krankenhäusern im Allgemeinen noch immer eine schreckliche Erfahrung. Was sich im Gefolge der Arbeit von Elisabeth Kübler- Ross und der Hospizbewegung als Alternative zum Abgeschobenwerden ins Badezimmer und auf den Gang entwickelt hat, ist zwar wunderbar, aber doch nur ein Tropfen (hoffentlich der erste und nicht der letzte) auf den berühmten heißen Stein. Die Mehrheit der Patienten landet in Klinikmehrbettzimmern, wo schon die anderen Patienten dafür sorgen, dass sie zum Sterben hinausgeschoben werden.

            Der Schlusspunkt unter dem großen Leben der größten Sterbeforscherin zeigt, wie schwer diese ganze Thematik zu bewältigen ist. Elisabeth Kübler-Ross konnte ihre Erkenntnisse auf ihren eigenen Tod nicht anwenden und geriet zum Lebensende, nach einem Schlaganfall, in eine schreckliche Situation des Widerstandes, die ihren vielen Anhängern schwer zu schaffen machte. Aber anstatt dieses persönliche Scheitern am eigenen Anspruch zu nutzen, um ihre Arbeit rückwirkend zu entwerten, könnten wir daran vielmehr sehen, wie schwer die Thematik für westliche Menschen zu bewältigen ist.

 

Der heilende Weg zur Essenz mutet wie ein dunkler Höhlen-Gang  an, doch am Ende tauchen wir gemäß vieler Berichte zu  Nahtoderlebnissen in ein helles Licht ein. – Buddhas letzte Worte: „Folge deinem eigenen Licht, Ananda.“

Der heilende Weg zur Essenz mutet wie ein dunkler Höhlen-Gang an, doch am Ende tauchen wir gemäß vieler Berichte zu Nahtoderlebnissen in ein helles Licht ein. – Buddhas letzte Worte: „Folge deinem eigenen Licht, Ananda.“

Der moderne Tod

Nicht einmal der Tod erscheint heute mehr zeitlos. Wo frühere Versuche, ihn zu überlisten, wie sie in der Literatur etwa mit dem „Jedermann“ oder dem „Brandner Kasper im Himmel“ Ausdruck fanden, regelmäßig fehlschlugen, erscheint das heute durchaus möglich und stellt seine Rolle in Frage. Auch der Tod ist längst nicht mehr, was er einmal war, nämlich unumstößlich und unbesiegbar. Die Vorstellung, seiner Herr zu werden, passt dabei bestens zur modernen Macherideologie, die sich gerne selbst zum Maß aller Dinge macht. Aber selbst wenn wir dem Tod heute noch in letzter Minute einige Organe entreißen können, um sie anderen Sterbenden einzupflanzen, die wir damit gleichsam endgültig vor dem Sterben bewahren wollen, bleibt seine Macht – bei genauerem Hinsehen – doch praktisch ungebrochen. Auch wo sich in den USA zunehmend Menschen buchstäblich in letzter Minute lieber einfrieren lassen, als Gevatter Tod in Würde zu begegnen, bleibt natürlich die Frage, ob das als wirklicher Sieg zu bezeichnen ist, oder nicht doch eher als eine besonders klägliche Form des absichtlichen Sterbens, wenn man schon nicht von Selbstmord sprechen will. Diese Menschen umgehen jedenfalls das Euthanasieverbot auf diesem fragwürdigen Weg. Es ist unklar, ob die Seelen Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte neben den mit flüssigem Stickstoff gefüllten High-Tech-Särgen ausharren, bis ihre Behausungen eines fernen Tages wieder aufgetaut werden. Da auch auf modernsten Intensivstationen keine wirklichen Endsiege über den größten Feind der Menschen im Allgemeinen und der Mediziner im Speziellen zu feiern sind, haben wir eine andere Strategie entwickelt.

            Wir verdrängen den Tod und schieben ihn aus unserem Gesichtsfeld, übersehen dabei aber die großen Chancen, die dieser letzte Übergang des Lebens uns bieten würde. Da wir mit allen Übergangsphasen beginnend von der Empfängnis über Geburt, Pubertät und Wechseljahre bis hin eben zum Tod heute Probleme haben, mag das nur weniger auffallen. Der Tod jedenfalls erscheint immer weniger modernen Menschen als Lösung oder gar Erlösung, sondern vielmehr als Ende und Horror – und schon gar nicht als der heilende Weg zur Essenz.

            Das Problem dabei ist, wie bei allem Verdrängten, dass es im Schattenreich nur umso aktiver wird. So taucht dann auch der Tod dort wieder auf, wo wir ihn am wenigsten vermuten würden: in der freien und damit angeblich schönsten Zeit des Tages, am Feierabend. So erlebt eine Mehrheit den Tod täglich, dramatisch und zur besten (Sende-)Zeit. Im Mehrheitsmedium Fernsehen tobt er auf möglichst spektakuläre Weise auf allen Kanälen durch die Wohnzimmer und feiert seine ungezählten, zum größten Teil gewaltsam-grausamen Auftritte.

            Wenn er sich so durchs Hintertürchen einschleicht, geschieht es doch für den Fernsehbürger auf eher wenig beunruhigende Weise. Immer wieder und meist gleich mehrmals pro Film kann der sich nämlich beruhigt zurücklehnen und denken: Das kann mir ja alles nicht passieren! Weder muss er damit rechnen, von den Maschinengewehrsalven irgendwelcher Mafiosi durchsiebt zu werden, noch wird er bei einer Autojagd von der Golden-Gate-Bridge stürzen oder bei einer Verfolgung durch fremde Agenten auf der Strecke bleiben. Niemand wird ihn aus einem fliegenden Hubschrauber werfen, und auch Urweltsaurier dürften ihn kaum zerfleischen. Die ausgefallensten und spektakulärsten Katastrophen mit Todesfolge überschwemmen via Bildschirm die Wohnstuben. Wer sich über Jahre und Jahrzehnte allabendlich solche Szenen zu Gemüte führt, wird am Ende des Lebens mit vielen zigtausend konfrontierten Todesbildern im letzten Gepäck doch fürchterlich unvorbereitet an der Schwelle zum Reich des Todes stehen. Hier soll dem Fernsehen aber keine Schuld zugeschoben werden, es ist nur Erfüllungsgehilfe des Schattens, der bei einer Überarbeitung der Programme mit Sicherheit andere Wege finden würde.

            Dass der Tod In den letzten beiden Jahrzehnten durch die Transplantationsaktivität doch wieder in den Mittelpunkt ärztlichen Interesses gerückt ist, lässt sich auch als Ergebnis des Polaritätsgesetzes erklären. So werden jedenfalls junge Sterbende bzw. ihre noch funktionierenden Einzelteile doch wieder wichtig. Bezeichnender Weise werden von der Pharmaindustrie, die die für Transplantationen nötigen Medikamente wie Immunsuppressiva produziert, Ärzteseminare gesponsert, bei denen die Kollegen lernen sollen, wie man den Angehörigen am effizientesten die Zustimmung zur „Ausschlachtung“ entlockt. Wer aber sollte bei uns Seminare für Sterbebegleitung sponsern? Zum Glück haben Initiativen wie die Hospizbewegung oder eben Elisabeth Kübler-Ross diesbezüglich Pionierarbeit geleistet und hin und wieder finden sich auch Kollegen, die in eigener Initiative und ohne Sponsoring daran teilnehmen. 

            Es ist leicht, das Transplantationsgeschehen als Horrorszenario darzustellen, aber wir sollten uns doch klarmachen, dass es dem Wunsch moderner Patienten entspricht. Die Ärzte werden hier zu Erfüllungsgehilfen des Zeitgeistes, der den Tod bekämpft und ihm noch lieber Einzelteile entreißt als ihm in Würde zu begegnen. Durch Organverpflanzungen werden tatsächlich viele Leben verlängert, und für viele Schwerstkranke sind sie die einzige Überlebenschance. Das Makabre ist, dass wir immer mehr Organe für immer mehr Patienten brauchen und dass gar nicht mehr genug junge Menschen (z.B. im Verkehr) sterben, um diesen Bedarf zu decken. So fordern Mediziner und das sehr wohl im Namen ihrer Patienten, auch wenn diese jetzt vielleicht noch gar nicht glauben, dass es um sie geht, Gesetze, die mehr Organentnahmen ermöglichen.

            Aber auch hier kommt die Verdrängung des Todes hinderlich dazwischen, denn nicht einmal 5 % der Bevölkerung geben zu Lebzeiten ihre Einwilligung zu späterer etwaiger Organentnahme. Die allermeisten schieben das Thema genauso weit von sich wie die ganze Sterbeproblematik. Wer nicht daran glaubt, sterben zu müssen und sich gleichsam unbewusst für unsterblich hält, wird selbstverständlich seine Organe nicht freigeben.

            Hinzu kommt, dass wir heute gar nicht mehr definieren können, wann ein Mensch tot ist. Der Herzstillstand als früheres Todeskriterium musste mit den Errungenschaften der High-tech-Medizin längst verlassen werden. Der Hirntod aber ist nicht unproblematisch, denn tatsächlich sind Menschen auch nach Ausfall aller EEG-Signale wieder zurückgekommen etwa nach schweren Barbituratvergiftungen oder nach Ertrinken in eiskaltem Wasser. Tatsächlich ist das ja auch genau die Hoffnung derjenigen, die sich einfrieren lassen auf ihrer Flucht vor Gevatter Tod. Selbstverständlich haben all die Tausenden in ihren Kältesärgen keine Gehirnaktivität mehr. Und genauso selbstverständlich dürfte man ihnen trotzdem keine Organe entnehmen.

            Die entscheidende Frage, wann der Mensch wirklich tot ist, lässt sich heute genauso wenig klären, wie die andere, wann er zu leben beginnt. Der Grund ist simpel und die Frage einfach falsch gestellt. Aus Sicht der spirituellen Philosophie beginnt das Leben weder mit der Empfängnis noch endet es mit dem Tod, sondern es ist. Die unsterbliche Seele nimmt das Körperhaus mit der Empfängnis in Besitz und verlässt es am Ende wieder. Wann das aber genau passiert, lässt sich mit naturwissenschaftlichen Methoden wohl nie ganz sicher herausfinden. Es allgemeinverbindlich zu definieren, bleibt letztlich immer unmöglich. Das aber spiegelt wie wenig anderes die Probleme der modernen Medizin mit Leben und Sterben. 

Empfange das Leben. Öffne dich für die Essenz dieses Lebens. Halte deine Organe gesund – und verweigere sie der Organspende-Mafia. Bild: Manuela Tornow (www.wunderschule.com)

Empfange das Leben. Öffne dich für die Essenz dieses Lebens. Halte deine Organe gesund – und verweigere sie der Organspende-Mafia. Bild: Manuela Tornow (www.wunderschule.com)

           Trotz all dieser Unsicherheit wird tagtäglich in unseren Kliniken transplantiert. Über 1000 Menschen konnten im letzten Jahr in Deutschland „ausgeweidet“ werden, und weit mehr Menschen profitierten im Sinne eines Aufschubes ihres Todes davon. Alle Worte, die wir in diesem Zusammenhang verwenden, klingen schrecklich für unsere Ohren, stammen sie doch aus dem Metzger- oder Jägerhandwerk. Mit beiden Bereichen aber wollen Mediziner eigentlich nichts gemein haben. Aber auch im juristischen Bereich müssen sie erleben, wie der Gesetzgeber anfängt, ihnen eigenartige Auflagen zu machen, die darauf hindeuten, dass er ihrem Jagdfieber auf der Suche nach Organen misstraut. Um „Interessenkonflikte“ zu vermeiden, dürfen so niemals dieselben Ärzte, die die Organentnahmen vornehmen, auch den Tod des Opfers feststellen. Tatsächlich sind die Kollegen der Entnahmeteams auf alle Fälle in einem Interessenkonflikt, denn entgegen ihrer sonstigen ärztlichen Tätigkeit, müssen sie auf das baldige Sterben hoffen, um aktiv werden zu können. Die juristische Regelung besagt auf ihrer Schattenseite, dass der Gesetzgeber offenbar Angst hat, dass Ärzte von sich aus zu früh den Tod feststellen könnten, um schneller an die benötigten Organe zu kommen. Das ist an sich eine ungeheuerliche Annahme, die den ganzen ärztlichen Stand zutiefst beleidigt. Es hat sich aber – meines Wissens – bisher kaum jemand darüber aufgeregt, nicht einmal die sonst recht empfindlichen Standesvertreter. Das dürfte wiederum daran liegen, dass wir über diesen ganzen Bereich des Lebensendes am liebsten nicht nachdenken, sondern ihn tunlichst in seiner Verdrängung lassen.

            Hier zeigt sich der brutale Schatten der Lebenslust, die das moderne Leben als hauptsächlichen Inhalt hat. Extrem grässlich wird das Ganze, wenn westliche Geldmacht einerseits und frühes Krankheitselend zu erhöhtem Organbedarf führen, und andererseits im tiefsten Schatten verharrende unmenschliche Diktaturen  zu schrecklichen Deals führen. Ein Organ wie eine Niere ist inzwischen auf dem Schwarzmarkt ca. 50 000 US-Dollar wert. Seit langer Zeit werden deshalb in einem Land des Ostens zum Tode Verurteilte schon zu Lebzeiten auf ihre Blut- und Gewebefaktoren typisiert und dann auf Bestellung hingerichtet. So werden die frischesten „Organspenden“ möglich. Da sich das so bewährt hat – ein einzelner Gefangener kann bei Mehrfach-Organ-Entnahmen bis zu 200 000 Dollar bringen, ging man im früheren Reich der Mitte einen schrecklichen Schritt weiter aus der Mitte. Weil auch die Organe der – nach westlichen juristischen Vorstellungen – unglaublich leichtfertig zum Tode Verurteilten knapp wurden, erschloss sich das Regime eine andere Organ-Quelle. Man verschleppte zu Hunderttausenden Falun Gong-Anhänger, die sich einer einfachen Form von Körper-Übungen im Sinne des Tai Chi schuldig gemacht haben, in Lager und hielt sie dort zum Ausschlachten nach Bedarf gefangen. Es gibt inzwischen ausreichend Berichte von Geflohenen über diese extrem unmenschlichen Praktiken; außerdem lassen die extrem hohen Transplantationszahlen keine andere Erklärung. Die Gefangenen werden typisiert und dann nach Bedarf lebend ausgeschlachtet.

            An so etwas wollen wir nicht denken, nicht erinnert werden, wir wollen das gar nicht glauben. Das sind Verbrechen in einem Bereich der Unmenschlichkeit des tiefsten Schattens. Und es geschieht weit weg und was haben wir überhaupt damit zu tun?

            Leider einiges. Solche Preise für Organe zahlen eben nur sehr reiche Menschen aus unserer vergleichsweise sehr reichen Welt, die sowieso nicht wissen wollen und dürfen, wo ihr Organ herkommt. An diesem Elend wirken über viele Jahre ausgebildete Mediziner mit. Das Ausschlachten mag noch einfacher sein, transplantieren aber müssen Profis. Hier spiegelt sich in grauenhafter Weise unsere moderne Angst vor dem Sterben, die vor grässlich unmenschlichen Szenarien die Augen verschließt.

            Diese Art von Schatten macht auch im Übrigen keineswegs die ganze Transplantationsmedizin herunter. Wer würde nicht bei der Wahl zwischen Blindheit und Hornhautspende letztere wählen, wenn er ehrlich ist. Als Steve Jobs, der Apple-Begründer, dank einer gespendeten Leber wieder auf die Bühne (des Lebens) zurückkehrte, war das einfach wunder-voll.

Der altägyptische Gott Apohis behindert die Fahrt der Sonnenbarke  mit den Windungen seines riesigen Schlangenkörpers, um den Aufgang der Sonne zu verhindern. – Symbolisch ist das die Behinderung, die überwunden werden muss, um aus dem Dunklen immer wieder ins Licht zu finden.

Der altägyptische Gott Apohis behindert die Fahrt der Sonnenbarke mit den Windungen seines riesigen Schlangenkörpers, um den Aufgang der Sonne zu verhindern. – Symbolisch ist das die Behinderung, die überwunden werden muss, um aus dem Dunklen immer wieder ins Licht zu finden.

Konsequenzen

Auf den Ebenen, auf denen sich unsere Gesellschaft mit dem Sterben und den damit verbundenen Problemen auseinandersetzt, gibt es offenbar keine befriedigenden Lösungen. Um mehr Tiefe in die Betrachtung zu bringen, ist es naheliegend, sich auf die alten Weisheitslehren zu beziehen. Fast alle religiösen Traditionen dieser Erde gehen von einem Weiterleben des Bewusstseins oder der Seele nach dem Tod aus. Selbst Wissenschaftler, die sich mit Nachtodzuständen beschäftigen, kommen heute zu ähnlichen Schlüssen, und belegen, dass ein Fortleben der Seele im Sinne des tibetanischen oder ägyptischen Totenbuches wahrscheinlich ist. So scheint es mir wichtig, in die verfahrene und von Verdrängung gekennzeichnete Situation neue Denkanstöße zu bringen, die sich aus spiritueller Sicht geradezu aufdrängen.

            Selbst wenn wir den Tod im geschichtlichen Zusammenhang betrachten, fällt auf, wie sehr die Angst vor ihm ein Kind unserer Zeit ist. In früheren Zeiten gehörte der Tod zum Leben und war selbstverständlich. Er wurde sogar im religiösen Sinn als Erlösung aus dem Jammertal eines beschwerlichen Erdenlebens gesehen. So hatte er wenig Beängstigendes, und wurde oft geradezu ersehnt, wie manchmal heute noch in archaischen Kulturen. Die Menschen versuchten, den Tod nicht zu bekämpfen, aus dem Wissen, dass er nicht zu besiegen ist, sondern sich ihm zu ergeben. Die Hinübergehenden entsprechend auf den Übergang vorzubereiten und für die Zeit danach auszurüsten, war das Thema. Der Tod an sich war unantastbar. Vor diesem Hintergrund sind zahllose Grabbeigaben zu deuten, die wir fast überall auf der Welt finden. Der Tod fand in diesen frühen Zeiten offenbar öffentlich statt und wurde in die Mitte und nicht an den Rand des gesellschaftlichen Lebens gestellt. Er galt als die ESSENZ, als Höhepunkt des Lebens. So ist zu erklären, dass auch hierzulande bis zum 17. Jahrhundert Angst vor ihm eher unbekannt war, wie der französische Forscher Philippe Aries betont. Erst mit der Aufklärung und dem Beginn der Wissenschaft entstand jene geradezu paranoide Angst vor dem Sterben, die uns heute fast normal erscheint und die schrecklichen Schatten-Szenarien heraufbeschwört.

            Durch die religiöse Einbettung hatten die Menschen früherer Zeiten noch Vorstellungen, was weiter mit ihnen geschehen würde, wenn sie beziehungsweise ihre Seele den Körper verlassen muss. Ähnlich wie bei den Tibetern bis heute gab es damals auch in unserer Kultur die Ars moriendi, die Kunst des Sterbens. Auch wenn wir heute dieses religiöse, vor allem von Bildern getragene Werk naiv finden, hat es damals Orientierung gegeben. Heute haben wir dagegen ein massives Problem, denn wer kein Konzept vom Sterben als Übergang zu einer neuen Dimension hat, ist irritiert durch die weiterbestehende sinnliche Wahrnehmung, die oft zu der Illusion führt, noch am Leben zu sein. Die unsterbliche Seele verfügt über keinen Körper mehr und kann so nicht mehr wie gewohnt ins Geschehen eingreifen, auch wenn ihre sinnliche Wahrnehmung vollkommen intakt ist. Solch unvorbereitete Seelen halten sich in ihrer Hilflosigkeit häufig in der Nähe ihres ehemaligen Körpers auf. Oft wird erst die Beerdigung oder vielleicht sogar das „Ausschlachten“ zum Zwecke von Organentnahmen zu einem Verstehen der eigenen Situation führen. Wenn die Seele noch am Körper hängt, entweder weil die Silberschnur noch gar nicht abgerissen ist oder weil sie aus Orientierungsmangel ihren weiteren Weg nicht findet, kann diese Übergangszeit zu einer grässlichen Qual werden, was die Bilder vom Fege- oder Läuterungsfeuer, das in verschiedenen Kulturen beschrieben wird, gar nicht so abwegig erscheinen lässt.

Das Bild ist von Hans-Werner Sahm, einem begnadeten Künstler unserer Zeit, geschaffen worden. Es ist im Buch „Reise ins Licht“, erschienen im Aquamarin-Verlag (ISBN 3-89427-285-6), zu finden.- Es heißt an anderer Stelle in diesem wunderschönen Buch: „Es gibt in Wahrheit kein Gott-Suchen, weil es nichts gibt, wo man ihn nicht finden könnte.“ (Martin Buber)

Das Bild ist von Hans-Werner Sahm, einem begnadeten Künstler unserer Zeit, geschaffen worden. Es ist im Buch „Reise ins Licht“, erschienen im Aquamarin-Verlag (ISBN 3-89427-285-6), zu finden.- Es heißt an anderer Stelle in diesem wunderschönen Buch: „Es gibt in Wahrheit kein Gott-Suchen, weil es nichts gibt, wo man ihn nicht finden könnte.“ (Martin Buber)

Bei Einführung von Sterbebegleitung auf breiter Basis würden die hier tätigen Menschen schon recht bald gerade beim Sterben die spirituelle Dimension des Lebens entdecken. Elisabeth Kübler-Ross gab ein wunderbares Beispiel dafür ab. Aus solch einem Ansatz könnte sich dann vielleicht auch bei uns wieder eine Kultur des Sterbens ergeben, die sich mit der Zeit wohl immer mehr jenen Tiefen nähern würde, die die tibetanische und die alte ägyptische Kultur in ihren Totenbüchern schon erreicht hatten. Denn was wir heute unter Sterbebegleitung verstehen, ist ja von jenen Exerzitien der tibetischen Lamas, die die Seele durch die verschiedenen Energieebenen begleiten, mangels Wissens noch weit entfernt. Wobei natürlich auch gutgemeinte Menschlichkeit schon enorm viel ist, verglichen mit jener Unmenschlichkeit, die momentan noch oft die Regel ist.

            Sobald wir erkennen, dass der Tod zum Leben gehört, brauchen wir ihn nicht mehr zu verdrängen und sind vor seinen Überfällen sicher, und sogar vor den Krankheitsbildern, die uns die Beschäftigung mit ihm aufzwingen. In den immer häufiger werdenden Depressionen etwa kümmern sich die Patienten dann ja schon um ihr Sterben, eben in ihren Selbstmordgedanken. Aber besser als auf der Ebene Strick oder Kugel, Gift oder Gas wäre es offenbar, sich im philosophischen oder religiösen Sinne mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. In diesem Zusammenhang mag interessant sein, dass in ihre Tradition noch eingebunden lebende Tibeter Depressionen gar nicht kennen. Sie haben sie wohl nicht notwendig, denn sie beschäftigen sich ja freiwillig mit dem Sterben. Wir könnten das natürlich auch vorbeugend tun, wie es zum Beispiel das Buch „Depression – Wege aus der dunklen Nacht der Seele“ und die entsprechende CD ermöglichen.

            Wer den Tod als Ziel seines Lebens in der polaren Welt der Gegensätze erwartet, kann von ihm nicht mehr überrascht werden. So könnten wir unsere Probleme weit im Vorfeld der Transplantationsmedizin lösen. Und natürlich konnte auch dieser lange Artikel nur einen kleinen Teil der Probleme streifen. Wirklich gerecht werden wir dem Tod wohl erst, wenn wir ihn in seiner ganzen Macht und als Ziel unseres Lebens anerkennen. Er markiert nicht nur den größten, sondern auch den wichtigsten Lebensübergang und zeigt uns die Macht der Schicksalsgesetze, an denen letztlich kein Weg vorbeiführt. Und so wie wir aus jedem Lebensübergang eine Chance machen können, ist das auch beim Tod möglich. Er könnte wieder zu jener Lösung und Erlösung werden, die er auch in unserer Kultur einmal war und die er in Wirklichkeit auch immer geblieben ist.

 

Dr. Ruediger Dahlke und seine Lebensgefährtin Rita Fasel

Literatur von Dr. Ruediger Dahlke:

„Das Buch der Widerstände“ und die Buch-Trilogie des alten Wissens: „Die Schicksalsgesetze – Spielregeln fürs Leben“, „Das Schattenprinzip“ und „Lebensprinzipien“ (alle Goldmann-Arkana)

Video-Bücher: „Die geistigen Gesetze“, „Krankheitsbilder-Deutung“, „Integrale Medizin“

„Krankheit als Symbol“ (Bertelsmann)

Infos: www.dahlke.atwww.taman-ga.atwww.mymedworld.cc

 

Weitere empfehlenswerte Bücher:

Die_Essenz_Gottes Verliebt_in_das_LebenDas_Jetzt_im_Sterben Sterben_in_Achtsamkeit

 

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