Verlust & Tod

Der Tod ist kein Todfeind

S_Netz_4 Der Tod ist kein Tod.feind

Mensch.liches Sterben als eine Grund.funktion des Lebens

 Dr. Bernhard A.. Grimm, Scheyern

Unser Verstand sucht unentwegt Sicherheits.zonen, und wir halten sogar diesen Kokon, in dem alles berechen.bar und zuverlässig, bequem und behaglich sein soll, für unser Leben. Alles wollen wir hand.haben, ab.sichern, meistern können – in allem soll Sicherheit sein. Der TOD jedoch bedeutet, all das zu verlieren. Und das macht Angst.

Die Angst vor dem Tod ist im Grunde die Angst, sich zu verlieren. Üblicherweise definiert sich der Mensch durch das, was er in seinem Leben getan, geschaffen, gewerkelt hat – und nunmehr besitzt. Das, was er glaubt zu sein, liegt im „Außen“ und nicht in einem „Wissen“, d.h. in einer Wahrnehmung des inneren Selbst. Also verliere ich im Tod alles (= das „Außen“, von dem ich glaube, dass es mich ausmacht), und das ist natürlich angst.einflößend.

Wenn man jedoch die Erfahrung oder das Vertrauen in das innere Selbst besitzt, das nicht abhängig vom Außen ist, dann ist der Tod weniger beängstigend – doch davon später.

Marianne Gronemeyer hat in ihrem Buch „Leben als letzte Gelegenheit“ auf eindrucks.volle Weise das Lebens.gefühl unserer Zeit geschildert und lapidar festgestellt, der Mensch könne den Gedanken an den Tod nicht ertragen. Daher lebe er in einer permanenten Versäumnis.angst, d.h. er fürchte stets, er könne irgendetwas verpassen, was dieses Leben bietet oder noch zu bieten habe, denn er sehe dieses Leben als letzte Gelegenheit, etwas zu erleben. Die panische Angst, etwas zu versäumen, beschleunige das alltägliche Leben ungemein:

Der moderne Mensch ist in ein fundamentales Miss.verhältnis geraten, und das heißt: Auf der einen Seite sieht er sich als ein Lebe.wesen mit einer begrenzten Zeit.spanne einer verlockenden Fülle von Welt.möglichkeiten gegenüber, auf der anderen Seite erfährt er – angesichts des Über.angebots der Welt – seine Zeit.knappheit als äußerst beunruhigend. Durch Techniken und Kunstgriffe der Selbst.beschleunigung sucht der Mensch nun, Zeit zu gewinnen, um mehr von der Welt zu haben. Was dem Leben an Länge abgeht, soll durch Schnelligkeit wettgemacht werden. Doch in Wahrheit wird die Zeit.knappheit durch Beschleunigung nicht einen Deut verringert, und mit jedem Beschleunigungs.schub steigt das Welt.angebot exponentiell an:

Man fühlt sich an die Wurst erinnert, die dem Rennhund vor die Nase gehängt wird – da er jede Tempo.steigerung mitvollzieht, bleibt es dabei, dass sie ihm nur vor.schwebt.

Die Bemühung des Menschen, die Kluft zwischen Lebens.zeit und Welt.möglichkeit durch Beschleunigung schließen zu wollen, ist noch aussichts.loser als die Jagd des Hundes nach der Wurst, denn:

Den Wettlauf gegen die Zeit hat noch keiner gewonnen!

Nicht ohne Grund ist daher immer wieder mal die Rede von der so genannten „Erlebnis.gesellschaft“:

2_neu_Wolken Weil für den Menschen unserer Tage der Gedanke un.erträglich ist, dass nach seinem Tod die Zukunft ohne ihn stattfindet, versucht er, die Zukunft „blank zu fegen“, also alles, was die Zukunft irgendwie bieten könnte, in die Gegenwart zu packen. Er will möglichst keine offene Zukunft, die man versäumen kann, übrig lassen. Zukunft ist aber zweifel.los das Reich der Potentialitäten, und so ist es gänzlich un.möglich, eigentlich eine dumme Vermessenheit, die Zukunft in die Gegenwart packen zu wollen!

Aber man sieht an diesem Versuch, wie schwer es dem Menschen fällt, sich als eine zeit.liche, als end.liche, als eine ganz und gar vergäng.liche Existenz zu begreifen!

Ganz anders der große protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der auf dem Weg zur Hinrichtung gesagt haben soll: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens“.

Wir Menschen haben als kulturellen Fortschritt wohl das mensch.liche Leben verlängert, jedoch dem Tod seinen Schrecken nicht genommen. Der Glaube an die Beherrschbar.keit der Welt und an einen un.begrenzten Fortschritt hat auch für viele die Illusion eines end.losen Fortgangs des Lebens erzeugt.

Im Rahmen eines solchen Welt.bildes erscheint der Tod nicht nur als eine un.erwünschte, sondern als vermeid.bare Katastrophe.

Das 20./21. Jahrhundert hat den Menschen seines eigenen Todes beraubt: Heute möchte niemand mehr an seinen Tod erinnert werden. Eine über.trieben fortschritts.gläubige Mensch.heit glaubt, den Tod in unserem Leben bald nicht mehr ernst.haft berücksichtigen zu müssen.

Wenn freilich die Entwicklungen der Technik, Biologie und Medizin es bislang (noch) nicht vermochten, den Tod de facto aus unserem Leben zu bannen, so haben sie es doch geschafft, den Tod weit.gehend aus unserem Bewusstsein zu verdrängen, ihn zu tabuisieren. Jedoch:

Die Abwesenheit jedoch des Todes im individuellen ebenso wie im politischen und gesellschaftlichen Leben ist kein Zeichen unserer Souveränität, sondern unserer Hilflosig.keit.

Die Verdrängung des Todes aus unserem Leben hat die Endlichkeits.ängste der Menschen nicht beseitigt, sondern vergrößert. Indem die Menschen alles daransetzen, des Sterbens Herr zu werden, berauben sie sich zugleich der Möglichkeit, die Tatsache der Sterblich.keit zu akzeptieren:

Jede Zeit ist auch Sterbenszeit – je verdrängter diese Realität, desto größer die Ängstlichkeit!

Der Dichter Rainer Maria Rilke hatte noch andere Zeiten in Erinnerung:

„Wenn ich nach Hause denke, wo nun niemand mehr ist, dann glaube ich, das muss früher anders gewesen sein.

Früher wusste man (oder vielleicht man ahnte es), dass man den Tod in sich hatte, wie die Frucht den Kern.

Die Kinder hatten einen kleinen in sich und die Erwachsenen einen großen.

Die Frauen hatten ihn im Schoß und die Männer in der Brust.

Den hatte man, und das gab einem eine eigentümliche Würde und einen stillen Stolz.“

1_Licht_111212 Tempora mutantur – die Zeiten ändern sich…

Die Erforschung des Todes hat in Tibet eine ur.alte Tradition. In der westlichen Welt jedoch, die sonst alles immer so genau wissen will, ist sie gerade mal vierzig Jahre alt.

Elisabeth Kübler-Ross und Raymond Moody veröffentlichten in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die ersten Untersuchungen über Nahtod.Erfahrungen. Der amerikanische Professor Kenneth Ring fasst das Ergebnis dieser Forschung so zusammen:

„Aus der Ferne gesehen, ist der Tod erschreckend; doch aus der Nähe betrachtet, hat er das Antlitz des Geliebten. Meine Botschaft ist: Es gibt mehr.“

Bis in unsere Gegenwart hinein werden diese so genannten „Grenz.gebiete“ von der Wissenschaft aus Mangel an Beweisen nicht ernst genommen und arrogant belächelt. Hier klafft eine peinliche Lücke in unserem scheinbar so nahtlos erforschten Welt.bild, an die keiner gerne denkt, weil niemand darauf eine (allgemein gültige) Antwort weiß (Näheres und Fundiertes hierzu in dem sehr lesenswerten Buch: Pim van Lommel: „Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung“, Patmos Verlag, 440 Seiten, ISBN 978-3-8436-0013-2).

Die Christen sprechen weiterhin von Himmel und Hölle, die Tibeter beschreiben minuziös die verschiedenen Stadien, welche die Seele nach dem Tod und vor der Wieder.geburt durchläuft, und die Zen.Buddhisten zucken lächelnd die Achseln und sagen, sie wüssten es nicht.

Und so bleibt sicherlich das geheimnisvolle „Danach“ eine reine Glaubensfrage, aber das sehe ich durchaus positiv, denn:

kaum etwas schafft mehr innere Sicher.heit und einen höheren Grad an individueller Gewiss.heit

als eben das, woran wir glauben.

Zum Glück haben die so unterschiedlichen Denk.ansätze und Glaubens.differenzen wenigstens in der Sterbe.begleitung, auf der Schwelle also zwischen dem Diesseits und Jenseits, nichts zu suchen. Cecil Saunders, die Begründerin der Hospizbewegung, hat den spirituellen Beistand im Hinblick auf Sterbens.kranke so beschrieben:

„Es bedeutet, offen zu sein, um Sterbenden – in welcher Weise auch immer – bei der Suche nach ihrem Sinn in ihrem Leben und ihren wichtigsten Werten beizustehen.“

Wie schwierig sich Sterben „gestalten“ kann, sei mit einem Zitat der Trauer.therapeutin Dorothea Mihm wenigstens angedeutet:

„Als Begleiterin sehr vieler Sterbender habe ich selbst gesehen, wie die Emotionen über das Bewusstsein hereinbrachen wie eine überwältigende Sintflut. Ich habe miterleben müssen, dass wir Patienten in die geschlossene Psychiatrie einweisen mussten, weil sie eine Gefahr für sich und für andere darstellten. So brutal brachen die verdrängten Emotionen bei ihnen durch. … Das Ausbrechen von starken Emotionen im Sterbeprozess ist kein unumstößliches Gesetz. Wir haben es in der Hand, ob es dazu kommen muss, oder ob wir auf eine friedvollere Weise unseren Körper verlassen können“ (Gerne verweise ich auf ihr Buch „Mit dem Sterben leben. Aus der Praxis der spirituellen Sterbebegleitung“, Königsfurt Verlag, 253 Seiten, ISBN 3-89875-082-5).

Wenn das Sterben geschafft ist, dann mag dem einen oder anderen vielleicht das Paradies – in welcher Form auch immer – winken. Durch das „Nadelöhr“ müssen wir aber hindurch, und das ist der Sterbe.prozess.

Der sterbende Mensch wird so erbarmungs.los und un.gefiltert mit seinen eigenen Emotionen (mit Aggression und Ohnmacht, Wut, Neid und Ärger, mit Verzweiflung, Mitleid und Eifersucht) konfrontiert, dass jetzt kaum mehr Platz bleibt für das, was wir landläufig „Glauben“ nennen. Jedenfalls zählt für den Sterbenden nur seine eigene Wahrheit, und die ist eigentlich sein ge.lebtes Leben, einerseits – andererseits sollte sich ein jeder Mensch darum bemühen, sich früh.zeitig, eigentlich während der gesamten Lebens.dauer (Sterben geschieht jeden Augenblick in unserem Leben – jeden Moment sterben Körperzellen, stirbt der Atem – mit jeder Sekunde wandern wir un.aufhaltsam unserem Tod entgegen!) mit seinem bevorstehenden Tod auseinander zu setzen.

Ich habe in meinem Buch „Älter wird man in jedem Alter. Aussöhnung mit einer Selbstverständlichkeit“ (Eos Verlag, 2006, 317 Seiten, ISBN 978-3-8306-7265-4) immer wieder und nachdrücklich über Endlich.keit und Vergänglich.keit gesprochen, auch davon, dass das Leben eine einzige Serie von Abschieden sei. Jetzt an dieser Stelle detailliert auch noch über das von Heraklit, dem griechischen Philosophen des 6./5. Jahrhundert v. Chr., geprägte Diktum „pantha rhei = alles fließt“ abzuhandeln, sprengt den Rahmen – ich werde es mal in einem weiteren Beitrag nachdrücklich erörtern. Es sollte jedoch heute jeder begriffen haben, dass alles im Wandel begriffen ist und nichts Bestand hat:

Wir leben in einer Welt, in der nichts beständig und wandlungs.resistent ist und in der sich alles fortwährend ändert.

15Blumen_HSC Das gilt auch für das Leben, natürlich auch für menschliches Leben. Ich halte daher dagegen – so die Endlich.keit des Lebens negiert und Sterben als am Ende jeden menschlichen Lebens stehend permanent tabuisiert wird -:

Wenn in unserer Gesellschaft der Tod weiterhin als Todfeind bekämpft wird, verleugnen wir damit auch das Leben.

Den Kampf gegen den Tod müssen wir sowieso verlieren. Daher sind wir eigentlich eine Gesellschaft der Verlierer.

Und der Preis, den wir für unseren Kampf gegen den Tod bezahlen, ist der Verlust des Sinns.

Am Ende jeden Lebens steht der Tod, nicht umgekehrt, wie es auf humorige Art der Schauspieler Donald Sutherland einmal vorgeschlagen hat:

„Das Leben sollte mit dem Tod beginnen, nicht andersherum. Zuerst gehst du ins Altersheim, wirst rausgeschmissen, weil du zu jung wirst, spielst danach ein paar Jahre Golf, kriegst eine goldene Uhr und beginnst zu arbeiten. Anschließend gehst du auf die Uni. Du hast inzwischen genug Erfahrung, das Studentenleben richtig zu genießen, nimmst Drogen, säufst. Nach der Schule spielst du fünf, sechs Jahre, dümpelst dann neun Monate in einer Gebärmutter rum und beendest dein Leben als Orgasmus“ (Wolf Schneider in connection 6/2000/3).

Doch kehren wir gleich wieder zurück zum Ernst unserer Thematik. Es ist weitaus mehr als ein billiges Paradox, wenn ich sage, dass das wichtigste Lebens.problem eines jeden Menschen der Tod sei.

Es scheint ein Problem zu sein, das seinem Wesen nach im meta.physischen Sinne un.lösbar ist, aber dennoch sich zugleich immer wieder un.umgänglich aufdrängt. Dieses Problem ist nicht nur ein theoretisches, philosophisches, vielmehr zwingt es jeden Menschen zu einer Stellungnahme und bestimmt sein Denken und Handeln bewusst oder unbewusst, positiv oder negativ mit.

Das gilt auch für diejenigen, die sich vor dem Problem verschließen, um sich die Lebens.freude und ihre Gemüts.ruhe nicht verderben zu lassen.

Aber irgendwann erlebt jeder Mensch das Todesproblem, er kann ihm letztlich nicht entweichen.

Für meinen antiken Freund Seneca ist der Tod wesent.licher Bestand.teil der mensch.lichen Existenz. Er räumt wohl ein, dass uns beim Gedanken an den Tod die Tatsache krank mache, dass wir die irdische Welt zwar kennen, dagegen das Jenseits nicht – „und das Unbekannte lässt uns schaudern!“, aber für ihn ist die Kunst des Sterbens – neben der Kunst des Lebens – die wichtigste Aufgabe für den Menschen. Noch mehr:

wir müssten uns eher auf den Tod als auf das Leben vorbereiten:

„Das irdische Leben ist nur ein Vorspiel für ein längeres besseres. Neun Monate lang umschließt uns der Mutterleib und rüstet uns aus für die Stätte, an die wir gelangen, wenn wir imstande sind, Atem zu holen und im Freien zu leben – genauso reifen wir in der Spanne von der Kindheit bis zum Alter heran für eine neue Geburt“.

lichtblick_hsc Seine Seele schon während des Lebens auf den freien, reinen Zustand nach dem Tode vorzubereiten, dieses „meditari mortem“(= nachsinnen über den Tod, sich vorbereiten auf, sich einüben in den Tod) hat kein antiker Philosoph so ins Zentrum seiner Lebenslehre gerückt wie Seneca. Die Anwendung der Formel vom Leben als „meditatio mortis“, als „Vorübung des Todes“, hat seiner Lebens.lehre die Prägung einer Sterbens.lehre gegeben.

Immer wieder stellt Seneca fest, dass wir den Tod durch unsere Geburt mitbekommen haben: „Wer nicht sterben will, hat nicht leben wollen“. „Gut sterben, ist gerne sterben“.

Der Tod ist auch nicht das ganz Andere, vielmehr durchdringt er unser Leben selbst, weshalb jeder Tag so eingerichtet werden muss, als ob er die Reihe aller Lebens.tage abschließt.

Seneca geht sogar noch weiter und sagt, leben sei sterben („cotidie morimur“ = „jeden Tag sterben wir“): „Jeder Moment unseres Lebens ist der Tod unseres vorhergehenden Zustandes“. „Täglich geht ein Teil unseres Lebens dahin, und selbst dann, wenn wir noch zunehmen, nimmt das Leben ab“.

Aus alledem zieht er die paradoxe Konsequenz, die auch für uns Heutige Maxime werden sollte:

„Wir müssen uns eher auf den Tod als auf das Leben vorbereiten.“

Senecas Lebensweg war ein heroischer Weg, den er eigentlich nur gehen konnte, weil er von der Überzeugung getragen wurde:

„Wenn du die Todes.angst abgeworfen hast, wird keine andere Angst in dein Herz einzutreten wagen.“

Ich finde es gerade für unsere Zeit großartig, wie Seneca Tod und Leben sozusagen integriert, d.h. als zwei Seiten der einen mensch.lichen Existenz betrachtet, wobei er einerseits immer wieder betont, dass unsere Sterblich.keit nicht unser größter Feind, sondern unser größter Freund sei („eine Wohltat der Natur“), und es ihm anderseits stets darum geht, „gut“ zu sterben:

„Lang oder kurz leben, früh oder spät sterben, das ist belanglos – gut oder schlecht sterben: darauf kommt es an!“

Und was heißt dann „gut sterben“? Es heißt nichts anderes, als der Gefahr, schlecht zu leben, zu entkommen.

Ein moralisch gutes Leben, eine Ausrichtung auf Werte, die das Mensch.sein bereichern und er.füllen, permanenter Du.Bezug auf den Mit.menschen, nicht das Haschen nach Nebensächlichkeiten und materiellem Reichtum und weltlichem Ansehen, ist demnach der Garant für ein gutes Sterben – ich habe dies existentiell (und dankbar) er.leben dürfen, als meine Frau Kaja vor 103 Wochen ins Ewige Licht gegangen ist – nach 20 monatiger Sterbe.begleitung weiß ich sehr wohl, wovon ich spreche.

Es gibt in der Geschichte der Völker viele Sagen und Märchen, die von dem Versuch handeln, den Tod zu überlisten, ihn gar ganz aus dem Leben zu verbannen. Doch die List kann das Gerippe mit der Sense allenfalls dazu veranlassen, etwas später zu kommen. Irgendwann kommt er zu jedem, weil nun mal der Tod zum Leben gehört. Erst durch die Grenze des Todes bekommt das Leben seinen Sinn, wie ich an anderer Stelle einmal darlegen möchte.

Auch das „berühmte Gilgamesch.Epos“ aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend erzählt, wie der große König von Uruk nach einem Leben ohne Tod strebt. Fast verrückt geworden nach dem Tode seines Freundes Enkidu, durchstreift der die ganze Welt auf der Suche nach Un.sterblichkeit. Er scheitert und akzeptiert letztendlich seine Sterblich.keit.

Das ewige Leben erreicht Gilgamesch nicht – der Gott Enlil hat es für ihn nicht bestimmt -, aber er wird zum fürsorglichen König von Babylonien – und in seinem Epos unsterblich.

Des Gilgamesch gigantischer Trotz, sein heftiges Klagen und sein lange währender un.erbittlicher Kampf gegen den Tod, all dies und insbesondere die blinde Leugnung der Tatsache des Sterben.müssens und die Weigerung, dieser Tatsache einen Sinn zu geben, faszinieren den bulgarischen Dichter und Essayisten Elias Canetti (1905-1995) ungemein, so dass er den Mythos leitmotivisch in sein posthum erschienenes Werk „Über den Tod“ übernimmt:

Canetti hasst den Tod – und sein Buch ist so un.erträglich, dass man ihm schon nach wenigen Seiten entrinnen möchte. Ich muss es so sagen, obwohl ich ein großer Bewunderer seines philosophischen Hauptwerkes „Masse und Macht“ bin.

Im Alter von 80 Jahren (!) schreibt er: „Aber ich verfluche den Tod. Ich kann nicht anders. Und wenn ich darüber blind werden sollte, ich kann nicht anders, ich stoße den Tod zurück. Würde ich ihn anerkennen, ich wäre ein Mörder.“

blau_1Sonnenaufgang_11022013 Nach Canetti soll man dem Tod jederzeit Widerstand leisten und niemals mit dem Sterben einverstanden sein. Er postuliert nicht wie Martin Heidegger ein „Sein zum Tod“, sondern ein „Sein gegen den Tod“.

Und dies fordert ein un.erbittliches Zurückstoßen. Nicht wir laufen dem Tod entgegen, sondern der Tod kommt auf uns zu und muss weg.gedrängt werden.

Canetti hat kein Sterben akzeptiert, nicht einmal das Sterben der Tiere. Der Tod ist in uns, jedoch nicht wie bei Rilke, dass er in uns reife wie eine Frucht, sondern weil wir ihn zu attackieren haben. Nach Canetti ist der Tod der „Feind schlechthin“ und er ist in „überdrückender Übermacht“, weshalb alle Lebenden „jedermanns Tod wie den eigenen hassen“ und „mit allem einmal Frieden schließen sollten, nie mit dem Tod.“

Der Tod als Beleidigung, als zutiefst sinn.loses Phänomen, als ein Skandal, der durch nichts zu rechtfertigen ist – das ist Canettis Haltung.

Da nun einmal alle ausnahms.los sterben müssen, macht es doch wirklich keinen Sinn, so gegen den Tod zu wüten.

Das ist eine pathologische Dominanz.allüre, die ich nicht begreife. Canettis un.eingeschränktes „Nein“ zum Tode empfinde ich auch als Un.dankbarkeit gegenüber dem Leben, das ihm 90 Jahre Erden.dasein gegönnt hat. Ich weiß nicht, in welcher emotionalen Verfassung man gerade seine alten Tage – und das waren bei ihm ja noch gute 30 Jahre! – verbringen kann, wenn man konstatiert: „Die größte Anstrengung des Lebens ist, sich nicht an den Tod zu gewöhnen.“

Da halte ich es doch sehr viel lieber mit Seneca. Canetti hat jedoch alle antiken Philosophen verachtet.

Wie eine macht.volle Antithese stehen da die Worte eines Epikurs: „Gegen alles andere können wir uns absichern – vor dem Tod aber gleichen alle Menschen einer Polis ohne Mauer“. Oder: „Das angeblich schaurigste aller Übel, das Tot.sein, hat für uns keine Bedeutung; denn

solange wir sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, sind wir nicht mehr“.

Oder: „Die rechte Einsicht von der Bedeutungslosig.keit des Todes für uns macht erst das sterbliche Leben zum Genuss, indem sie uns nicht eine endl.ose (Lebens)zeit in Aussicht stellt, sondern das Verlangen nach Un.sterblichkeit nimmt.“

Auch Marc Aurel hätte Canetti belehren können: „Verachte nicht den Tod, sondern befreunde dich mit ihm, da auch er eines von den Dingen ist, die die Natur will. Was nämlich Jungsein ist, Altern, Wachsen und Reifen, Zähne-, Bart- und Graue-Haare-Bekommen, was Zeugen und Schwangerwerden und Gebären und die übrigen natürlichen Tätigkeiten, die deines Lebens Jahreszeiten bringen, dies ist auch das Sichauflösen. Wie du jetzt darauf wartest, wann das Kind aus dem Leibe der Frau herauskommt, so harre auf die Stunde, in der deine Seele aus dieser Hülle herausfallen wird“.

Der bayerische Barde Fredl Fesl ist 65 Jahre alt und leidet seit 1995 an Parkinson, eine Erkrankung, bei der man normalerweise nach zehn Jahren das Endstadium erreicht. Eine Aussage in einem Zeitungsinterview spiegelt staunenswerte Gelassenheit wider, gepaart mit dem ihm eigenen Humor: „Sterben kann gar nicht so schlimm sein – sonst würden es ja nicht so viele Menschen machen. Ich habe jedenfalls keine Angst vorm Sterben.“

Wenn das Volk der Ägypter, das ewigkeits.kundigste von allen, vom Tode sprach, nannte es das Sterben ein „Landen“ am Ufer der Ewigkeit.

Wenn ein Mensch stirbt, so dachten die Ägypter, versinkt sein Leib in das Reich des Gottes Osiris, aber seine Seele erhebt sich vogelgleich zum Himmel in das Reich der Sonne, zum Heer der Sterne. Das Seelenbild selbst, den Ba-Vogel, malten die Ägypter als ein geflügeltes Wesen mit mensch.lichem Antlitz, und daneben zeichneten sie gern wie zur Erklärung die Hieroglyphen des Weihrauchs mit der Wortbedeutung: „was zu Gott macht“, als sei der Aufstieg der Seele zum Himmel wie ein Gebet und wie ein Lobgesang, gleich dem Wohlduft der Weihrauchkörner, die ihr Wesen enthüllen, wenn sie im Opferfeuer verbrennen.

Auf einem Ägyptischen Amulett aus dem Grabe Tut-anch-Amuns liest man den Wunsch seiner Gattin:

„Ich habe dich geliebt, und meine Trauer, dass du gehst, ist groß. Aber vergiss, dass die Zeit Zeit ist; denn nach der Zeit sehen wir uns wieder“…

(c) Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern