Mensch-Sein

Der Wandel in mir – Teil 1

neu_1_Licht_Brille Zur Dynamik der Persönlichkeit

Der Wandel in mir.

„Meißle stets an Deiner eigenen Büste“ (Plotin)

Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern

Was ist der Mensch? Er ist das Wesen, das sich immer ent.scheidet. Und was ent.scheidet er? Was er im nächsten Augenblick wird.

Diese zwei Kurzaussagen umreißen ein Menschen.bild, das vor Dynamik fast platzt und das gleichzeitig diametral der weit verbreiteten Ansicht entgegensteht, wonach Begriff und Wirklichkeit von Mensch, Person und Persönlichkeit beliebig miteinander austauschbar und identisch seien und vorwiegend statisch verstanden werden müssten.

In diesem Verständnis bzw. nach üblichem Klischee wäre dann Persönlichkeit, näherhin die sog. gestandene, starke Persönlichkeit jener Mensch,

· der zeit seines Lebens stets der einen Idee und Ansicht huldigt,

· nur gleich bleibenden Idealen nachjagt,

· seine Meinung nie umstößt,

· sich stur auf die eine Fahne und Farbe einschwört und nur sie trägt und hoch hält, und schließlich

· in bestimmten Verhaltens.mustern fest.gefahren linear sich selbst – was auch immer darunter zu verstehen sein mag – treu bleibt, kurzum:

· sich nie – und schon gar nicht grund.legend – ändert!

Wenn ein solcher Mensch einmal einem alten Bekannten nach vielen Jahren wieder begegnet, ihm nach ein paar Stunden munteren Plauderns auf die Schulter schlägt und ekstatisch jubelt: „Mein Gott, wie schön, ganz der Alte!“, dann mag dies als Kompliment gemeint sein und die Enge und Nähe des Gestern zum Heute ausdrücken wollen.

Es ist aber nach meinem Verständnis von mensch.licher Existenz im Grunde eine schiere Beleidigung, die dem anderen so unter der Hand attestiert, dass er angeblich nicht verwandlungs.fähig, nicht veränderungs.fähig war.

Solcherart Veränderung freilich setzt voraus, Wahl.möglichkeiten erst mal wahrzunehmen, sie als echte Alternativen sehen zu wollen und sich dann zu entscheiden.

Ø Möglichkeiten indes sind Wege zu einem Ziel hin, das noch nicht zur Wirklichkeit erhoben ist – der Weg aber ist wirklich, ich muss ihn nur betreten.

Der Mensch der statisch-solid-stabilen Sorte setzt nicht einmal die Fußspitze auf diesen Pfad und reduziert sich damit um die unzähligen Chancen individuell.personaler Ent.wicklung, Ent.faltung und Reife.wachstums – nicht unbedingt aus Träg.heit, sondern oftmals aus Angst, denn es geht bei bewusster Ent.wicklung und Veränderung um Grenzüberschreitung,

und das heißt:

Ø Man muss wagen, sich in Un.vertrautes, Un.gewohntes, Un.erkanntes, Un.bekanntes und Noch.nicht.Erfahrenes hineinzuleben, dem man nicht gewachsen zu sein Angst hat.

Ø Man muss los.lassen, Mauern ab.bauen, Krücken weg.werfen, Zäune ab.reißen, Abschied nehmen von lieb.gewordenen Illusionen, Ideologien und fixen Vorstellungen, von eingefahrenen Verhaltens.weisen, man muss gelernt haben zu verzichten.

Und so ist es denn auch bei jeder Entscheidung, weshalb ich die oftmals als Entschuldigung vorgebrachte sog. Entscheidungs.schwäche nicht gelten lasse, denn manches oder vielleicht sogar

jedes

Sich-nicht-entscheiden-Können

ist eigentlich ein

Nicht-verzichten-Wollen

– im Klartext: der Akt des Wählens ist immer ein Verzicht auf die nicht gewählte Alternative. Ich verstehe Albert Schweitzer gut, wenn er einmal sagt, die große Schuld des Menschen sei, dass er jeden Tag wohl zur Um.kehr fähig ist, dies jedoch nicht tut.

Der Mensch – das entscheidende Wesen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man dies so pauschal sagen kann, denn

· zwischen ja und nein,

· zwischen pro und kontra,

· zwischen Handeln und Nicht.handeln (also Unterlassen) ist immer zu entscheiden.

Unentwegt und stets aufs Neue steht der normale und gesunde Mensch am Kreuzweg einer neuen Entscheidung, auch der Entscheidung über sich selbst, d.h. über diesen Menschen, auf den hin er sich entwickelt bzw. sich entwickeln will.

Unsere Sprache ist weise, wenn sie sagt, ein Verzicht – der ja zur Entscheidung wesentlich gehört, wie ich eben sagte – ein Verzicht müsse „geleistet“ werden.

Es handelt sich in der Tat um eine echte Leistung, die einem da abverlangt wird, denn im Verzicht erst, also im Nein zu der Viel.falt verschiedener Wünsche und Wollungen wird der Mensch an die Grenzen seiner Persönlichkeit geführt, und dies beansprucht ihn körperlich und seelisch und geistig ungeheuer, weshalb er das Verzichten – ohne gleichzeitige Ersatz.befriedigung! – durchaus als besondere Leistung empfindet.

Schon hier, so meine ich, kann man verstehen, weshalb zahlreiche Menschen sich nicht entscheiden, sich nicht entscheiden wollen, und weshalb auch echte, wahre, reife Persönlichkeiten so selten sind.

Jede Ent.scheidung ist Ab.scheidung, und darum ist die Entscheidungs.fähigkeit eng mit dem Opfergeist verbunden. Wer sich für etwas entscheidet – ich wiederhole mich hier bewusst -, verzichtet damit notwendigerweise auf die anderen, auf die nicht eingeschlagenen Wege. Darum kann der französische Philosoph Maurice Blondel (1861-1949) sagen:

„Die Aktion ist grundsätzlich Opfer.“

Heute jedoch, in einer Zeit und Gesellschaft der Haben.Orientierung, der Über.konsumation und Verwöhnung ist Fest.klammern angesagt – Fest.klammern macht aber un.frei. Los.lassen dagegen ist Freiheit und Un.abhängigkeit. Wenn man nur auf das Raffen, auf das An.häufen und Fest.halten fixiert ist, zahlt man allerdings einen hohen Preis dafür, nämlich neben der Un.freiheit und Ab.hängigkeit und dem Alles.festhalten.Wollen die permanente Angst, das Gewonnene eben doch wieder zu verlieren.

Der indische Lehrmeister für Spiritualität Parvathi Kumar bringt es auf den Punkt, wenn er sagt:

„Alles, was wir festhalten, hält uns fest“.

Auf unser Thema bezogen heißt dies:

Nur wer los.lässt,

kann sich ändern.

Wie man einen Ort aufgeben muss, wenn man einen anderen finden will, so muss man auch das Gestern und Heute loslassen, so man sich ungeteilt dem Morgen, der Zukunft zuwenden will.

Daher gilt uneingeschränkt:

Man kann nicht nach vorne springen,

ohne hinter sich etwas los.zulassen.

Oder anders gesagt:

Man muss immer etwas los.lassen,

um wieder etwas anderes zu finden.

Hier denke ich spontan an das Bild des Trapez.künstlers im Zirkus, der das eine Trapez rechtzeitig los.lassen muss, um das andere fassen zu können!

Bevor ich nun die Dynamik der Persönlichkeit näher angehe – wofür im Vorfeld schon eine deutliche Differenzierung vorgenommen werden muss zwischen Person, Charakter und Persönlichkeit – sei es mir erlaubt, ein Bild, mein Lieblings.bild vom Menschen vorzustellen: Es zeichnet mensch.liches Da.sein muster.gültig nach und umgreift gleichzeitig die abenteuerlich.herrliche, auf Ent.faltung und Zukunft ausgerichtete Dynamik mensch.lichen Lebens.

Ich gehe dabei vom transitorischen Charakter allen Lebens aus, d.h. übersetzt und verdeutlicht:

Für mich hat das ganze Leben dynamischen, prozess.haften Charakter, in dem nichts bleibt, sondern immer alles (erst) wird und schon gleich wieder dasselbe nicht mehr ist, was schon der griechische Philosoph Heraklit von Ephesos im 6. vorchristlichen Jahrhundert mit seinem „pantha rhei“ (= alles ist im Fluss, in Bewegung, im Werden begriffen) ausgedrückt hat.

Daher verstehe ich den Menschen – und das ist mein Bild – als einen homo viator: homo ist der Mensch, viator heißt der Pilger und Wanderer, der Weg.geher und Weg.gänger. Homo viator ist also der Mensch unterwegs.

Damit ist Wesent.liches über den Menschen ausgesagt, denn der Mensch ist schicksal.haft und wesen.haft in Zeit und Raum eingebunden, d.h.: Zeit und Raum machen ihn aus, und zwar so, dass er – ein jeder also von uns – stets unterwegs ist in der Zeit, also von Vor.her zum Jetzt und Nach.her, und im Raum, also von hier nach dort – er ist ein Mensch auf dem Wege mit oder auch ohne Hoffnung, aber doch und stets unterwegs.

Was ich sage, ist nicht nur ein reines Bild, es ist vielmehr ein meta.physischer Wesens.zug des Menschen, dass er auf dem Wege sei, und dies auch zwischen Zuständen: also zwischen Anlage und Erfüllung, zwischen dem „schon.da“ und dem „noch.nicht“.

Denn der Mensch ist ein geschichtliches Wesen, und das bedeutet, dass er ausgespannt ist zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und dass sich sein Schicksal, das also, was den konkreten Menschen ausmacht, in einem zeitlichen Nach.einander erfüllt: in eigenen Ent.scheidungen einerseits und in Wider.fahrnissen von außen andererseits. Dies aber bringt mit sich, dass ein Teil dessen, was ihn als konkrete Person ausmacht, noch aus.steht – das noch Aus.ständige seiner Existenz aber ist das Künftige.

Und so ist die Zukunft der Raum, in dem der Mensch – in Gedanken der Gegenwart vorgreifend – lebt, und in den hinein – mit Heidegger gesprochen – er sich selbst vor.weg ist, während er die Gegenwart als den flüchtigen Moment einer Bewegung erlebt, der eben dadurch, dass er zur Zukunft weiterleitet, selbst schon Vergangenheit wird. Genau hier hat die Hoffnung ihren Ort – sie ist freilich nicht unser Thema, aber es muss gesagt sein dürfen, dass Hoffnung ein „Weg.gefühl“ ist, das auf ein Ziel ausgeht, das es zu erreichen gilt – es enthält somit Zuversicht und Gewissheit des Gelingens und es hat seinen Platz zwischen dem Schon.da.Sein, Schon.anwesend.Sein und dem Noch.nicht.Sein.

Bleiben wir noch beim Weg, von dem zu sagen ist, dass er wesens.gemäß immer gerichtet ist, d.h.: Jeder Weg hat und sucht und erreicht ein Ziel (oder auch nicht), er verfehlt es oder er führt an ihm vorbei oder in die Irre, aber er hat stets Richtung.

Die Richtung jedoch, die geben wir an, das ist das Wesent.liche, und vornehmlich wir selbst bestimmen, wohin der Weg gehen soll mit all seinen Kurven und Widerwärtig.keiten, mit den Un.wegsam.keiten und gelegentlichen Aussichtslos.igkeiten, mit oder auch ohne Stützen und Krücken von außen.

So steht es jedenfalls um den Menschen, wenn unser Menschen.bild Platz hat für freie Entscheidungs.mächtigkeit und wenn es uns nicht durch genetische und psycho.soziale Potentiale weitest.gehend geprägt und festgenagelt.determiniert sein lässt.

Wenn ich nun – ausgehend vom homo viator als dem Menschen unterwegs auch zwischen den Zuständen von Anlage und Erfüllung – eine Brücke schlage zur mensch.lichen Person mit ihrer Charakter.struktur und zur je und je verschiedenen, weil individuellen Persönlichkeit, dann ist Persönlichkeits.bildung ein Unterwegs.sein voller Bewegung, Flexibilität und Dynamik insofern, als es gilt,

aus dem rohen Marmorblock des Person.seins die lichte und filigran gearbeitete Skulptur

einer reifen und sich zentrierten, aber

wesent.lich dia.logisch orientierten Persönlichkeit zu meißeln.

Diese Wegrichtung für sich zu bestimmen, was Verzicht und Los.lassen wesent.lich einschließt, das ist echte Leistung und solches Tun als lebens.lange Persönlichkeits.bildung ist weit entfernt von der reinen Wort.hülse „Persönlichkeit“, wie sie uns permanent im Alltag begegnet und wie sie oftmals von Leuten in führenden Positionen nur aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz und meist nur – was noch schlimmer ist – aufgrund ihrer Einbindung in eine höhere Hierarchie.ebene, aufgrund der Karrieresprosse, die sie – wie auch immer – erklommen haben, in Anspruch genommen wird. Ich habe darüber ausführlich in meinem Kompendium zur „Ethik des Führens“ und in meinem Buch „Macht und Verantwortung“ geschrieben und spreche darüber unentwegt, wenn es in Vorträgen und Kolloquien um das sittliche Anforderungs.profil für Führungskräfte und Verantwortungsträger geht.

Ich will nun – mich wirklich nur auf das Notwendigste beschränkend – die begriffliche und inhaltliche Ver.schiedenheit von Person und Persönlichkeit abklären, zunächst mit einem wissenschaftlich etwas fragwürdigen, aber durch die Anschaulichkeit doch berechtigten etymologischen Ansatz:

In seiner ursprünglichen Bedeutung heißt das lat. Wort „persona“ die „Verkleidung“, die „Maske“, die „Larve des Schauspielers“, die den ganzen Kopf bedeckte und je nach Verschieden.heit der darzustellenden Charaktere je verschieden geformt war. Dann bedeutet es auch die „Rolle“, die der Schauspieler darstellte, und die „Rolle“, die der Mensch in der Welt spielt.

Das Zeitwort personare heißt „laut erschallen“, aber auch „(hin)durchtönen“ – es verweist also ebenfalls auf das Bild des Schauspielers, der seine Rolle, den Inhalt des Textbuches, durch eine Maske, eben durch die persona, hindurch.sprach, hindurch.“tönte“.

So gesehen machte natürlich die Maske den Schauspieler in unserem Verständnis „un.persönlich“, d.h. sie verhüllte seine von der Rolle je unterschiedene Identität, denn er war ja beispielsweise nicht der Parasit Cuculio, sondern er spielte ihn nur.

Trotzdem gilt:

Mit dem nun, was der Schauspieler durch die – seine „wahre“ Identität verhüllende – Maske hindurch.sprach, offenbarte er das Eigentliche, das seiner Rolle und seinem schauspielerischen Auftrag Entsprechende, das Hindurch.tönende: die Person.

In diesem Verständnis wäre

Person das,

was an Eigenem und un.verwechselbar Individuellen

durch die Maske des Rollenhaften dringt.

Eine sehr wichtige Konsequenz lässt sich hieraus ziehen:

Wenn wir die Maske nun hernehmen als die dem Außen, also der „äußeren“ Wirklichkeit zugekehrte, angepasste, konventionalisierte Seite des Menschen, und wenn wir dann das durch diese Maske Hindurch.tönende verstehen als das ganz ihm Eigene, als das Persönliche, als das Eigentliche, als das, was den innersten Kern des Individuums und seiner schicksal.haften Rolle ausmacht, als sein „Wesen“, dann können wir erahnen, wie sehr es unser aller Pflicht ist, selbst hinter der durch Krankheit zerstörten „Maske“ des „Idioten“ oder „Neurotikers“ oder „Psychoten“, des „Alten“ oder „Debilen“ oder „Dementen“ oder des wie auch immer Behinderten das un.zerstörbare „Wesen Mensch“ auch dann noch zu erkennen, wenn sich dieses „Wesen Mensch“ nicht mehr adäquat artikulieren kann, weil die Maske un.durchlässig geworden ist.

Zu allen Zeiten und auch heute noch versteigen sich immer wieder Menschen von neuem in die verwerfliche Idee, andere nach ihren individuellen, nach ihren sozialen bzw. ethnisch.nationalen „Masken“ zu beurteilen und zu verurteilen. Indes, die Euthanasie ist, mit Verlaub, nur eine Form solcher Verurteilungen, die physisch radikalste allerdings und zweifel.los, aber daneben gibt es un.zählige andere, die geistig.psychisch nicht minder radikal sind und grundsätzlich überall dort zu finden sind, wo wir dezidiert in.toleranten und fanatischen Menschen und Gruppierungen begegnen, und dies in der pubertären Radikalen.szene ebenso wie im religiös.fundamentalistischen Raum von Islam und Christentum.

Es liegt mir fern, eine philosophische, wasserdicht.absolute Definition dessen vorzulegen, was menschliche Person ist – das ist zu oft versucht worden und stets Stückwerk geblieben.

Ich will einen anderen Weg gehen und greife dabei zurück auf das Erleben der Leibgestalt und damit auf die Erfahrung der Nicht.Identität mit dem eigenen Leib. Es geht mir um die Spannung bzw. um den Unterschied, der zwischen dem „ich habe meinen oder ich habe einen Leib“ und dem „ich bin mein Leib“ liegt.

Man bedenke: ich kann legitimerweise sagen „ich bin müde“ oder „mein Leib ist müde“ und ich signalisiere damit eine echte Identität zwischen dem Ich und dem Leib, denn die Schlaffheit ist meine (eigene) Müdigkeit – und doch: die Ausdrucksweise „mein Leib“ drückt ein Besitz.verhältnis aus, und damit eine gewisse Distanz. Ich selbst bin zwar mein Leib, der Leib ist aber doch auch wieder mein Besitz. Dieses Verhältnis von Sein und Haben ist ganz einmalig beim Menschen in der Relation von Ich und Leib – ich nenne dieses von allen anderen Besitz.verhältnissen grundverschiedene Verhältnis Identität in der Differenz.

Ich gehe nun einen Schritt weiter und prüfe die schlichte Aussage „ich denke“, „ich fühle.“ Lässt sich dies un.eingeschränkt auf die Seele/Psyche beziehen? Ich sage nein, denn würde das Ich ausschließlich und nur auf der Verlängerungs.linie der Seele liegen und könnte ich das „ich denke“ – „ich fühle“ durch „meine Seele denkt – fühlt“ ersetzen, dann wären Ich und Seele, Mensch und Seele gleich, d.h. dann würde die mensch.liche Wirklichkeit vollkommen mit der Seele zusammenfallen – und das ist un.zulässig, denn der Mensch besteht wahrhaftig nicht nur aus Seele allein.

Nun können wir aber der Redeweise „ich bin Seele“ durchaus entgegenhalten „ich habe Seele“ – beide Aussagen sind berechtigt und erlaubt, wenngleich die zweite Version (ich habe Seele) dem Ich eine gewisse Distanzierung zur Seele gewährt – sie offenbart eine gewisse Differenz zwischen Ich.grund und Seele, d.h. beide müssen voneinander verschieden sein.

Wie sich nun das Ich von der Seele absetzen kann, so ist es ihm auch möglich, sich vom Leibe abzusetzen, d.h. das Ich ist auch nicht auf der Verlängerungs.linie des Leibes zu suchen. Mehr noch: das „ich habe einen Leib“ drückt ein noch stärkeres Besitz.verhältnis aus als das „ich habe eine Seele“. Jedenfalls kann sich trotz der Aussagemöglichkeit von „ich bin Leib“ und „ich bin Seele“ das Ich von Leib und Seele absetzen, es scheint mit keinem un.eingeschränkt identisch zu sein.

Anders gesagt:

die Frage nach dem Ich.grund ist identisch mit der Frage nach der Person, d.h.

alles, was ich fühle, denke, tue und leide,

alles, was mir widerfährt und an mir und in mir abläuft,

das bin un.verwechselbar und un.austauschbar ich,

das vollzieht sich so nur an mir als diesem un.teilbaren und einzigartigen Ich,

das ich bin (jedoch nicht habe!).

Dieses Ich zeigt also mehr an als nur Leib und mehr als nur Seele, es ist letztlich Ausdruck der mensch.lichen Ganzheit, sich durchhaltend über alle Entwicklungs.stadien hinweg – natürlich bei je verschiedener Bewusst.heit – vom Kind.sein bis ins höchste Alter und bis in den Tod.

Jene Ganz.heit aber,

die der bleibende und der durchgängige

Träger aller Handlungen und allen Erlebens ist,

die nenne ich PERSON

als jene fundamentale Basisgröße,

die IST,

die nicht wird oder sich ent.faltet oder ent.wickelt

oder deren man verlustig gehen könnte.

Ich kann sagen „ich habe einen Leib“ und ich kann sagen “ich habe eine Seele“ oder einen mehr oder minder festen oder auch miserablen Charakter, die Aussage aber „ich habe Person“ hat keine Berechtigung, denn ich bin Person.

Somit ist Person so etwas wie Letzt.grund – Person.sein ist bereits gegeben mit dem Mensch.sein, es ist dem Menschen als geist.begabtem Wesen ur.sprünglich und daher eigentlich schon im embryonalen Zustand vorhanden. Auch der Säugling und das Kind sind Personen – nicht mehr und nicht weniger als jeder von uns hier. Und das Kind ist auch nicht anders Person als im hohen Alter: der Ich.grund hält sich durch, oder anders gesagt:

Es gibt keine Veredelung des Personseins

– der eine Mensch ist nicht mehr Person als der andere!

Aus dieser dezidierten Aussage lassen sich natürlich vielerlei sehr wichtige Schlüsse ziehen, und zwar

· hinsichtlich der un.bedingten Rechts.gleichheit der Menschen verschiedenster Nationen, Rassen und Farben ebenso wie

· hinsichtlich der Achtung mensch.lichen Lebens auch im vor.geburtlichen Status, Achtung bei Miss.bildungen der Körpergestalt oder bei Kasernierung in psychiatrischen Anstalten, Achtung vor allem auch im hohen – jedoch dem Leistungs.standard der heutigen zum Erfolg verurteilten Gesellschaft so gar nicht mehr entsprechenden – Alter.

Diese so grandiosen aus dem Mensch.sein und Person.sein und dessen Geist.begabtheit sich logisch ergebenden Konsequenzen kann ich leider nicht weiter verfolgen, aber jeder kann sie für sich selber weiterdenken ins familiäre und soziale, ins nationale und internationale Umfeld hinein und sich immer wieder die Gretchenfrage nach seiner Toleranz.fähigkeit stellen bzw. auch fragen, wie er diese konkret realisiert angesichts von Rassismus und Nationalismus, von Fremden.feindlichkeit und Asylanten.problematik heute! Meine ethische Grundmaxime ist:

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