Mensch-Sein

Der Wandel in mir – Teil 2

2Schafe_metall_HSC Der Wandel in mir – Teil 2

Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern

Mensch = Mensch

Wir alle als Einzelpersonen erleben uns als ganz.heitlich, und das heißt, dass Person mehr ist als die Addition von Leib und Seele – sie ist weder in das eine noch in das andere aufzuteilen. Daraus folgt, dass für die Taten oder Un.taten des Menschen weder die Seele allein noch der Leib allein zur Rechenschaft gezogen werden kann, vielmehr trägt die Person die Verantwortung.

Daraus ergibt sich logischerweise:

· Nicht die Hand etwa, die sich fremdes Gut aneignet, ist schuldig,

· nicht der Mund, aus dem Gift und Galle und Miss.gunst geifert, ist schuldig,

· sondern ich bin es!

· Nicht meine Seele kann ich zur Verantwortung ziehen, wenn die Not und Armut anderer mich nicht betroffen machen oder wenn Hass mich blind agieren oder resignieren lässt oder wenn Überheblich.keit und extremes Selbst.bewusstsein mich dazu verführen, auf andere verächtlich herabzuschauen,

· sondern ich bin es, ich als diese eine un.austauschbare Person, die einzig und allein die Verantwortung trägt – oder dies auch unterlässt.

Die Person ist also der letzte Handlungs.grund und Handlungsträger,

hinter den nicht mehr zurückzugehen ist.

Wenn dies so ist, wenn also Person letztes Fundament ist und letzte Ganz.heit und letzter Eigentümer ihrer Handlungen und ihrer Natur, dann kann und darf sie weder der Möglich.keit noch der Wirklich.keit nach Teil eines anderen sein und werden, d.h.

sie darf auch nicht Mittel für ein anderes oder

Mittel für einen anderen sein!

Es war vor allem Immanuel Kant, der die mensch.liche Person aus der Verwendbar.keit als Mittel herausgenommen hat und der in ihrer Selbstzweck.lichkeit die Achtung vor der Würde der Person begründete.

Daher ist es un.sittlich, den Menschen zu instrumentalisieren, ihn also als Mittel zum Zweck zu ge.brauchen oder zu miss.brauchen, was oftmals im Berufsleben ebenso wie auch von dem großen Heer der Motivationstrainer, die zum besseren und effizienteren Funktionieren anleiten, außer Acht gelassen wird.

Ø Um der Würde der Person willen muss man die Un.gegenständlich.keit der Person festschreiben.

Und dies heißt:

ich und Sie,

jeder von uns,

das sind keine Gegenstände,

keine Objekte,

über die man wie über eine Sache verfügen kann!

Man mag ahnen, wie oft hiergegen gesündigt wird.

Eine verantwortungs.bewusste Philosophie jedoch will die mensch.liche Person aus der Sachwelt, auch aus dem „Nur.ein.Stück.Natur.Sein“ herausretten. Das tu ich auch, so hoffe ich, mit diesem Beitrag als einem bescheidenen Denkanstoß, das tu ich gezielt auch in Veranstaltungen für Führungskräfte der Industrie und Wirtschaft, wo ich mich schon lange nicht mehr blenden lasse von den auf Hochglanzpapier gedruckten Unternehmens.leitlinien, die mehrheitlich kulminieren in der großkotzigen Humanitäts. maxime: Bei uns ist der Mensch Mittelpunkt. Ich übersetze das in der Regel so: Der Mensch ist auch bei uns Mittel. Punkt.

Ich glaube sehr, dass ich gerade angesichts der babylonischen Sprachen.verwirrung, die hinsichtlich des Begriffs und der Wirklichkeit von Person und Persönlichkeit vorherrscht, legitimerweise das Personsein als die generelle und fundamentale und für alle Menschen gleich.wertige Basis.größe in groben Zügen habe entwickeln müssen. Es war dabei bislang un.schwer zu erkennen, dass das reine Person.sein das statische Element mensch.licher Existenz darstellt.

Ø Dieser Wurzelgrund geist.begabten Seins jedoch mit all seinen Strebungen und Wollungen und Entscheidungs.mächtigkeiten lässt Ver.änderung und Ent.faltung und Ent.wicklung nicht nur in freier Wahl zu, sondern er fordert dies geradezu ein!

Ich bin nämlich der Ansicht, dass der Mensch nicht nur biologisch – zum Zeitpunkt seiner Geburt – ein Mängel.wesen ist, gewissermaßen eine biologische Sackgasse insofern, als er doch im Vergleich zum Tier – beispielsweise zur Affenart der Pongiden – un.entwickelt bzw. unter.entwickelt ist und lange Zeit auf einem quasi.fötalen Zustand stehen bleibt, während der Pongide sich bereits im Mutterleibe zum voll.entwickelten Wesen entfaltet – gleichsam eine Taschenausgabe des Erwachsenen.sein – und nach der Geburt sogleich hüpft und springt und alles zu seiner Existenz.sicherung Nötige voll beherrscht.

Das Menschen.kindlein jedoch ist zum gleichen Zeit.punkt nur hilf.los, es muss gepflegt und genährt werden und alle zu seiner Existenz.sicherung erforderlichen Tätigkeiten erst lernen.

Freilich: die Chance langer Kind.heit und noch längerer Lern.zeit als Weg zum Mensch.sein kompensieren das ur.sprüngliche Zurück.geblieben.sein im Wachs.tum, kompensieren auch die biologische Unter.wertigkeit und das Fehlen von animalischer Instinkt.sicherheit.

Der biologische Mangel jedoch wird nicht auf biologischer Ebene, auf der Ebene der Leib.struktur wettgemacht, so als könnte die Wucht der gewaltigen Löwenpranke etwa durch entsprechend schnellere Beine ausgeglichen werden, sondern dies geschieht durch einen über.wertigeren Faktor auf der Geist.ebene, und die Umkehr von Mangel in Gewinn ließe sich leicht nachzeichnen beispielsweise am Vergleich der mensch.lichen Hand mit der tierischen, näherhin mit der Greifhand des Affen.

Der Mensch, und darauf will ich eigentlich hinaus, ist nun auch in seiner Strukturiertheit als Geist.wesen, als Person, ein Mängel.wesen, und zwar insofern, als die Anlage, die er mitbekommen hat, lediglich das Material ist, die Roh.masse gewissermaßen, die zu gestalten und auszuformen er imstande und verpflichtet ist, um „human“ leben zu können in freier Ent.scheidung und Verantwortlich.keit – ganz im Gegensatz zum Tier, das durch den Instinkt geprägt und mehr oder minder eindeutig festgelegt ist.

Die Anlage, das Material, die Rohmasse – all dies liegt auf der Ebene des Person.seins als dem seins.mäßig Un.wandelbaren und statisch Bleibenden:

Person „wird“ man nicht,

man „ist“ sie.

Zwischenzeitlich sind wir nun auch vorbereitet für die Behauptung:

Ø Was sich im Menschen und am Menschen ändert, was sich im Menschen und am Menschen ent.wickelt und wandelt, das ist die Persönlichkeit,

die nicht nur von Person zu Person je verschieden ist – sie kann und soll sich sogar im selben Menschen im Laufe seines Lebens ändern und wandeln und um.formen und ent.wickeln, und dies nicht nur ein klein bisschen und peripher am Rande, sondern wesent.lich bis in die Tiefen.strukturen seines Selbst hinein und permanent bis ans Ende unserer Tage:

Persönlichkeit

– so meine These –

ist man nicht von vorneherein und so nebenbei,

Persönlichkeit „wird“ man,

denn sie ist das,

was ein Mensch erst im Laufe seines Lebens

bewusst gestaltet.

Persönlichkeit, so könnte ich definieren, ist demnach

der Mensch im Werden,

Persönlichkeit ist

das dynamische Element der Person.

So gesehen ist die Bezeichnung Persönlichkeit eigentlich rechtens nur solchen Menschen vorbehalten, die durch eigene Leistung sich ver.vollkommnet haben und im Laufe ihres Lebens in täglicher Über.windung und Ver.wirklichung von Werten „aus.gereift“ sind:

Schauen Sie:

Ein Apfel wächst und reift ohne eigenes Zutun; ein Mensch jedoch, eine Person wird – ohne eigenes Zutun – nur alt und älter und noch älter, egal in welcher sozialen Einbindung er sich bewegt oder auf welcher Karriere.sprosse er angesiedelt ist. Er wird immer nur älter, so er sich nicht müht, in freier Ent.scheidung und aus eigener Verantwortung aus dem Marmor.block seines Personseins die fein.ziselierte Skulptur einer reifen Persönlichkeit zu meißeln. Alter und Reife mag automatisch zusammentreffen bei Käse oder Wein – beim Menschen allemal nicht.

Freilich, wenn man so will, ist jedermann eine irgendwie.geartete Persönlichkeit, wenn man Persönlichkeit auffasst als die besondere Gestalt der Person oder die je und je individuelle Art und Weise, Person zu sein.

Das sagt aber absolut nichts über Qualität aus, das ist völlig wert.neutral, fast nur ein unterscheidendes Kriterium. In solcher Sicht war dann eben auch Hitler eine Persönlichkeit und so gesehen sind halt dann auch Karacic und Milosovic, Saddam Hussein und Georg W. Bush Persönlichkeiten.

Ich jedoch möchte Persönlichkeit etwas kategorischer sehen und formuliere daher als mein Credo:

Persönlichkeit ist keine Vorgegeben.heit,

sondern

eine Aufgabe.

Wiewohl nun der menschliche Charakter – als eine der Person ur.sprünglich zukommende Anlage – sowohl von der Veranlagung her, also genetisch, als auch von der Erziehung her, also sozial, durchaus geprägt wird, sollte man ein Drittes keineswegs vergessen, das ebenfalls auf ihn einwirkt und meiner Meinung nach noch viel beachtenswerter und wesentlicher ist als die eben genannten Prägungs.faktoren: der Charakter.inhaber selbst!

Es ist eine Binsenwahrheit, dass sich keiner seinen Charakter aussucht, auch nicht sein genetisches Erbe, auch nicht seine Umwelt, in der er zunächst aufwächst und zweifel.los zahlreiche Prägungen erfährt, aber jeder vermag diesen seinen Charakter mitzugestalten. Denken Sie an das Bild vom Marmorblock und der daraus zu gestaltende Skulptur!

Jedenfalls scheint es aus meiner Sicht doch so zu sein, dass das, was der Mensch in freier Entscheidung und eigener Verantwortung aus seinem Charakter herausgestaltet, dass die Richtung, in die er ihn autonom und eigen.mächtig, d.h. in eigener geistiger Mächtig.keit, weiterentwickelt, dass erst dies alles die Persönlichkeit bestimmt, zu der dieser Mensch schließlich und endlich wird, die er verkörpert und die immer wieder bis ans Ende unserer Tage neue Facetten, Änderungen und Ver.vollkommnungen zulässt.

So sehr in meinem Verständnis also der Charakter

als die Summe

der an.geboren.en und er.worben.en

Eigenschaften eines Menschen

zunächst vor.gefundenes und vor.geprägtes und auch prägendes Material ist, so sehr ist er gleichzeitig die Gestaltungs.basis, d.h. der un.behauene Granit, der form.bare und knet.bare Lehm für die Persönlichkeits.bildung, die mit zunehmender geistiger Reife und Mündig.keit einsetzen sollte und den Betreffenden über das hinaus, was ihm in die Wiege gelegt wurde und was ihm die Kinderstube und sein soziales Umfeld zu bieten hatte, hinaus.führt in ein neues und gänzlich un.vorherseh.bares, weil eigen.ständiges Abenteuer des Mensch.seins.

Charakter sei Schicksal, sagte der griechische Philosoph Heraklit. Man muss jedoch sofort ergänzen:

Leben, mensch.liches Leben, ist die fortwährende Arbeit am schicksal.haft vor.gegebenen Charakter, sofern man den Menschen nicht konzipieren will als Marionette – gezogen an den Schnüren aus Erb.gut und Umwelt.einflüssen, aus seinem Trieb.potential und dem übrigen Arsenal seiner Bedürfnis.skala:

„Wer sein Schicksal für besiegelt hält,

ist außerstande,

es zu besiegen“,

sagt der Begründer der Logotherapie Viktor A. Frankl.

Freilich kann ein Apfelbaum auch bei noch so pfleglicher Behandlung keine Birnen hervorbringen, und deshalb bleibt der Mensch stets in seinen Lebens.kreis ein.geboren, dem er sich tunlichst auch nicht ent.fremden sollte, um zu seiner Identität und Authentizität zu finden.

Und noch etwas:

Auch wenn keiner – schon gar nicht ganz – aus seiner Haut heraus kann und keiner das Holz wesentlich verändern kann, aus dem er geschnitzt ist (wird), auch wenn Härte und Maserung bei Birke, Eiche oder Teak durchaus vorgegeben sind und dem Schnitzmesser von Schicksal und Lebens.gestaltung den Weg weisen, ansetzen muss jeder das Schnitzmesser selbst und er kann es, wenn er will und dem Wild.wuchs steuert, so er sich ändern will, weil ein neues Ziel – nämlich ein anderer, besserer Mensch zu werden – wichtiger wird als das bisherige, nämlich so zu verharren, wie man ist bzw. geworden ist, und partout die Route der Gewöhnung an ein.getretene Pfade nicht zu verlassen.

Das bislang zu Person, Charakter und Persönlichkeit Gesagte lässt sich als Merksatz so formulieren:

Person „ist“ man,

den Charakter “hat“ man und

eine Persönlichkeit

bzw. zu einer Persönlichkeit “wird“ man.

Man nähert sich umso mehr jener Persönlichkeit, die man sein möchte, als man Einfluss zu nehmen imstande ist auf den Charakter, den man besitzt.

Oder anders ausgedrückt:

Indem sich die Person,

die man ist,

mit dem Charakter,

den sie hat,

auseinandersetzt,

indem sie zu ihm Stellung nimmt,

gestaltet sie ihn und sich immer wieder um

und „wird“ zur Persönlichkeit.

Man könnte auch diese Gleichung aufmachen:

die Freiheit vom Charakter

= die Freiheit zur Persönlichkeit.

In meinem philosophisch.anthropologischen Verständnis vom Menschen besteht das Wesen mensch.licher Existenz darin, dass es sich beim Menschen nicht um ein faktisches Sein handelt von der Art etwa:

„so bin ich mal und so bleibe ich und werde niemals ein anderer,“ sondern dass es sich um ein

fakultatives Sein handelt, und das bedeutet, dass der Mensch nicht etwas Un.abänderliches ist im Sinne von Nun-einmal-so-und-nicht-anders-sein-Müssen, sondern dass mensch.liches Sein wesent.lich ein Immer-auch-anders-werden-Können ist.

Dies gibt der mensch.lichen Existenz grundsätzlich einen dynamischen Charakter und die Möglichkeit (auch die Verpflichtung) zur Veränderung und damit – bei entsprechender Richtungs.angabe! – zu Wachs.tum und Ent.wicklung und Reife – alt wird man ganz von selbst, wie jeder weiß, reif nur, wenn man sich permanent darum bemüht!

Solches Reife.Wachstum vollzieht sich als ein stufen.weises Fort.schreiten von der reinen Perzeption, also der Wahrnehmung seiner selbst, zur personalen Dezision, also der Ent.scheidung, wer man sein und werden will.

Verdeutlicht heißt das in zwei Doppelschritten:

Zuerst nehme ich mich selbst wahr in meinem individuellen So.Sein (das ist : Selbst.erkenntnis) und erkenne gleichzeitig bei kritischer Analyse und nüchterner Beurteilung meine Wandlungs.fähigkeit (das ist: Selbst.besinnung).

Dr. Bernhard A. Grimm