Wissenschaft & Spiritualität

Die Grenze der Wissenschaft liegt im Forschenden selbst

Mann-See-Berg-personDie Grenze der Wissenschaft liegt im Forschenden selbst

OM C. Parkin
INTERVIEW MIT OM C. PARKIN
zum Thema „innere und äußere Wissenschaft“

Quelle: Auszug aus: advaitaJournal Vol.9, Herbst/Winter 2004, „Die Grenze der Wissenschaft liegt im Forschenden selbst“ Interview mit OM C. Parkin zum Thema „innere und äußere Wissenschaft“, Seite 45ff., zu beziehen über www.spirituelle-buchhandlung.de

„Advaita ist keine Lehre, kein Konzept. Es ist eine innere Wissenschaft, die auf die einzige Realität deutet“1, so der in Hamburg lebende spirituelle Lehrer OM C.Parkin. Im nachfolgenden Gespräch räumt er mit dem Vorurteil auf, die Erforschung der Frage „Wer bin ich?“ sei unwissenschaftlich. Quantenphysik, moderne Hirnforschung und Biologie gelangen immer häufiger zu Ergebnissen, die sich mit den Aussagen viel älterer Weisheitslehren decken. Trotzdem halten Wissenschaftler nach wie vor daran fest, Selbst-Erkenntnis sei eine Angelegenheit persönlichen Glaubens und hätte in der wissenschaftlichen Forschung nichts zu suchen.
aJ: Wissenschaft ist in der abendländischen Kultur ein Begriff, der sich mit Spiritualität und religiösem Glauben nicht verbinden lässt. Sie gelten im Gegenteil als „unwissenschaftlich“.
OM: Der spirituelle Weg ist ein Weg innerer Wissenschaft und nicht ein Weg des Glaubens! Wesentliche Methoden sind auf dem Weg der Erforschung innerer Welten denen der äußeren Wissenschaft gleich: Beobachtung und Experiment. An die Bibel zu glauben, oder an Gottesbilder zu glauben, gleichgültig in welcher Religion, mag vorübergehend Trost spenden, und das kann auf dem Heilsweg zeitweise sehr wichtig sein, aber es schafft kein Wissen, denn das ist ja die Aufgabe von Wissenschaft. Religion ist meist „Glaubenschaft“, und wie heißt es im Volksmund? Glauben ist nicht wissen. Ich verstehe unter „Wissen“ als auch unter „Wissenschaft“ allerdings etwas anderes, als die meisten äußeren Wissenschaftler. Allgemein wird Wissenschaft definiert als die Gesamtheit menschlicher Erkenntnisse einer Epoche, bezogen auf einen Gegenstandsbereich. Doch wie gelangt der menschliche Geist zur Erkenntnis? Nur ein Geist, der leer ist, entleert von jeglichen Vor-annahmen und Vor-urteilen ist in der Lage, reine, empirische Wissenschaft zu betreiben. Im Zen heißt es: Nur der Anfängergeist erlangt wahres Wissen. Doch die große Mehrheit der äußeren Wissenschaftler scheint Wissenschaft zu betreiben, ohne sich der Begrenzung durch eine persönliche, geistige Grundannahme vollständig bewusst zu sein: Peter Russell, englischer Physiker, Philosoph und Buchautor, nennt es das materielle Metaparadigma: die Grundannahme, dass die materielle Welt die reale Welt ist. Das ist die materialistische Weltanschauung und an der Beschränktheit dieser Weltanschauung krankt die gesamte äußere Wissenschaft, denn diese Grundannahme verfälscht und beschränkt wissenschaftliche Forschung von vorneherein. Ziemlich absurde Hypothesen sind die Folge. Verschiedene Hirnforscher haben beispielsweise bestimmte Hirnregionen bereits als Sitz Gottes unter Verdacht. Für mich geht es jedoch nicht um einen Paradigmenwechsel, sondern darum, jedes Paradigma aufzugeben. Wie sollte sonst die Realität erforscht werden? Nur der no-mind kann die Realität erforschen.
aJ: Die moderne Hirnforschung ist heute allerdings soweit, dass sie erkennt, dass solche „Grundannahmen“ Konstrukte unserer Hirntätigkeit sind. Das bedeutet also, wir können nur unsere eigenen Konstruktionen untersuchen. Daraus ergibt sich, dass die Wissenschaft ausschließlich die sogenannte phänomenale Welt analysieren und erforschen kann. Es ist nicht ihr Anspruch, darüber hinaus zu gehen. Das tut die Spiritualität, was aber nicht als „wissenschaftlich“ gilt.
OM: Ich kann eine äußere phänomenale Welt und eine innere phänomenale Welt unterscheiden. Der Selbsterforscher auf dem spirituellen Weg erforscht zunächst auch nur die phänomenale Welt, die ein Konstrukt seines denkenden Geistes ist, nämlich die innere. Die äußere phänomenale Welt könnte ich als die projizierte innere phänomenale Welt bezeichnen.
aJ: Diesen Unterschied zwischen innerer und äußerer Welt macht die moderne Hirnforschung auch nicht mehr. Innen und außen sind beides eine Konstruktion des Gehirns. Was aber ist der Ursprung dieser Konstrukte? Das hat doch die Spiritualität immer beschäftigt, diese Realität zu finden, aus der die Phänomene geboren werden.
OM: Der Weg dorthin ist der Weg der Erforschung innerer Phänomene, welche aus der Sicht des Selbsterforschers eindeutig auf den „Ich“-Gedanken zurückgehen. Der „Ich“-Gedanke wird von Bewußtseinsforschern, wie z.B. Ken Wilber, als das „Pseudosubjekt“ beschrieben. Das heißt es handelt sich um ein Phänomen, welches sich seiner eigenen Phänomenalität nicht bewusst ist. Die Grenze wissenschaftlicher Forschung liegt ja nicht im Feld der Erforschung sondern die Grenze ist der Forscher selbst. Es ist der suchende Ich-Gedanke, der forscht. Die persönliche Suche an sich basiert ja bereits auf einer Grundannahme.
aJ: Welcher?
OM: Die Grundannahme, dass es ein persönliches Ich gibt. Ein Forscher, der sich der vierten Dimension2 nicht bewusst ist, der nichts anderes tut, als seinen eigenen Geist zu erforschen – innen, wie außen – kann nur bis an den „Rand des Abgrundes“ geraten. Vielleicht kann er den Fall intellektuell erfassen, ihn aber nicht erleben. Er wird nicht zu seiner realen Erfahrung und daher nicht zu seinem endgültigen Erkennen. Der Selbsterforscher und der Meditierende jedoch erlebt den Fall in die unergründlichen Tiefen des Bewusstseins, in die endlose Weite. Solange ein äußerer Wissenschaftler nicht auch den inneren Weg geht und der Beschränktheit des Forschers selbst auf die Spur kommt, solange muss äußere Wissenschaft begrenzt bleiben. Das ist ein Grundproblem, das aus dem materialistischen Paradigma entsteht.
aJ: Aus diesem Grund fordert der Biologe Francisco Varela die Wissenschaftler auf, ihren eigenen Geist als „Objekt“ in ihre Forschung miteinzubeziehen. Wie er überhaupt darauf hinweist, dass es diese Trennung zwischen Objekt und Subjekt nicht gibt und die Theorie, man müsste sich in der Forschung für eines von beiden entscheiden, für irreführend und falsch hält.
OM: Das Gros der Wissenschaftler ist da noch nicht. Wenn z.B. ein Hirnforscher behauptet, alles, was wir wahrnehmen, sei lediglich ein Konstrukt des Gehirns, dann bleibt die Frage: Wessen Konstrukt ist das Gehirn?
aJ: Das ist eben gerade das Problem. Um eine Lösung dafür zu finden, entwirft der Hirnforscher Gerhard Roth die Hypothese einer vom Gehirn konstruierten Wirklichkeit, die das beinhaltet, was wir glauben wahrzunehmen. Dem gegenüber steht die Realität, die unserer Erfahrbarkeit aber nicht zugänglich ist.
OM: Das ist aber auch nur ein Konstrukt.
aJ: Mit dem allerdings, zumindest intellektuell, diese scheinbar unlösbare Frage beantwortet werden kann.
OM: Es ist nach wie vor das denkende Ich-Konstrukt, das diese Aussagen trifft. Die Frage „Wer bin ich?“ wird nicht gestellt.
aJ: Gestellt wird sie schon…
OM: …, aber sie wird nur von dem beantwortet, der sie stellt. Und da beißt sich die Katze natürlich in den Schwanz. (Dabei wollte sie eigentlich die Maus fangen.) Der indische jnana-Weg, der als der Königsweg der Erleuchtung beschrieben wird, arbeitet mit der Frage: Wer bin ich? Sie ist keine vom Verstand anwendbare Methode, sondern eine Anleitung zur stillen Schau in den Ursprung des „Ich“-Gedankens. Diese Frage ist die einzige Frage, die das Potential hat, den Ursprung des Fragenden selbst bloßzulegen und damit die gesamte Wirklichkeit zu sprengen. Der Fragende hält sich immer selbst für das Subjekt und ist sich nicht bewusst, dass er selbst nur ein Konstrukt, ein Phänomen ist, das aus dem Bewusstsein entspringt.
aJ: Vielleicht sollten wir an dieser Stelle erst mal klären, was du mit Bewusstsein meinst?
OM: Wenn äußere Wissenschaftler von Bewusstsein sprechen, dann meinen sie so etwas wie die Gesamtheit der Wahrnehmungsvorgänge eines Menschen. Dafür verwenden spirituelle Lehrer meist den Begriff Geist. Ein unpersönliches Bewusstsein kann für einen „persönlichen“ Wissenschaftler nur eine Hypothese sein. Unter Bewusstsein verstehe ich All-Bewusstsein ohne persönliche Identifikation, in dem aber das Persönliche des Menschen sehr wohl mit eingeschlossen ist. Die Frage, die sich also bei jeder Forschung stellt, ist: Wer ist der Forscher? Wer forscht? Ist es der identifizierte denkende Geist, der forscht – und das ist bei äußeren Wissenschaftlern die Regel – dann ist das Höchste, was dieser denkende Geist erreichen kann, sich seiner Grenze bewusst zu werden, was dann noch den Schluss zulässt, dass es etwas jenseits dieser Grenze geben muss. Das kann ein Moment der Demut, des Nichtwissens, der Öffnung in Das sein, was jenseits des denkenden Geistes ist.

1 OM C.Parkin: „Nur ein Prinz kann erwachen“ aJ Vol.5
2 Steht für eine unbegrenzte, unbekannte Ausdehnung jenseits der drei in der Mathematik bekannten begrenzten Dimensionen Punkt, Linie, Körper
Das vollständige Interview lesen Sie im advaitaJournal Vol. 9
HERBST 2004

 

gut-saunstorf-logo(c) Texte: www.gut-saunstorf.de

 

 

 

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