Aufstieg & Lernen

Eins mit dem Meer

Meer und SinnlichkeitDie Welle und das Meer

Nachdem unsere innere, wahre Natur jenseits von Gedanken und Konzepten liegt, wird in allen Weisheitslehren mit Allegorien gearbeitet, um trotzdem mit Worten dorthin zeigen zu können. Beispielhaft dafür, wie dies in den spirituellen Lehren gemacht wird, ist der Vergleich, dass die Anweisungen wie der Finger sind, der auf den Mond zeigt, das Ziel jedoch nicht der Finger, sondern der Mond selber. Doch mit Worten ist der Mond nicht zu erreichen und zu erkennen, also gibt es den Fingerzeig.

Allegorien vermögen es uns Konzepte begreiflich und spürbar zu machen, die in „wissenschaftlicheren“ Worten gehalten nur ein Gedankenkonstrukt bleiben würden. Wir wollen ja den Schritt von der Lehre zur gelebten Realität schaffen, es bringt uns nicht viel, die Weisheitslehren rein wissenschaftlich zu betrachten und zu analysieren.

Eins mit dem Meer

Eine Allegorie, die mich persönlich sehr anspricht, ist der Vergleich unseres separaten Ichs (und Körpers) mit einer Welle und unserer wahren Natur (und der Natur aller Dinge) mit dem Meer. Wir sind eine Welle, die sich für die kurze Zeitspanne eines Menschenlebens als von dem Meer getrennt empfindet. Bevor die Welle entsteht und nachdem sie wieder versinkt, ist sie offensichtlich nicht vom Meer getrennt, doch auch während die Welle scheinbar eine separate Existenz hat, bleibt sie in Wirklichkeit immer Teil des Meeres.

Selbst wenn wir mit unserem Körper und Geist scheinbar alleine und getrennt da stehen, sind wir doch eins mit dem Ganzen, die Frage ist nur, wie können wir dies erkennen? In Meditation und anderen spirituellen Praktiken geht es darum, für eine gewisse Zeit die Illusion dieser Getrenntheit zu durchblicken und zu spüren, dass man eins mit der Gesamtheit der Existenz (=dem Meer) ist. Diese Erkenntnis gilt es dann in den Alltag zu integrieren und so oft wie möglich darin zu verharren. Nur so können wir innere Ruhe, unumstößliche Leichtigkeit und Glückseligkeit erlangen.

Die Illusion einer Welle

Die Allegorie mit der Welle lässt sich noch weiter vertiefen. Wie ich erst durch das Lesen von Kinderwissensbüchern erfahren habe, bewegt sich die Welle nämlich nicht. Wenn wir eine Welle beobachten, haben wir auf ersten Blick den Eindruck, dass es sich um eine separate Wassermasse handelt, die sich quasi auf dem Meer fortbewegt. Aber in Wirklichkeit handelt es sich nur um Bewegungsenergie, die von dem Wasser weitergegeben wird. Die Wasserteile selber bewegen sich nur kreisförmig ein kleines Stück nach vorne und oben (was wir als Welle sehen) und dann wieder nach hinten und unten (wenn die Welle „weitergewandert“ ist). Das heisst, dass es eigentlich irreführend ist von „einer“ Welle zu sprechen. Erst durch unsere Benennung bekommt die Welle eine eigenständige Existenz, in Wirklichkeit aber ist sie nur eine Ausformung des Meeres.

Wenn man diese Erkenntnis auf uns Menschen umlegt, kann das im ersten Moment etwas erschreckend oder befremdlich wirken. Befasst man sich jedoch tiefer damit, wird man erkennen, dass da schon was dran ist. Unser Körper besteht aus genau den gleichen Atomen, wie alles um uns herum und ist im stetigen Auf- und Abbau begriffen. Auch wenn wir im Laufe eines Lebens relativ ähnlich aussehen, sind unsere Körperzellen im Durchschnitt nur 7 bis 10 Jahre alt.1

Und auch unser Geist ist im stetigen Wandel begriffen. Unsere Gewohnheiten und Gedankenmuster, die wir als „in Stein gemeißelt“ empfinden, sind nur deshalb so beständig, weil wir sie durch stetige Wiederholung verstärken und aufrechterhalten. Neben unserem Körper, unserem Umfeld und unseren Gewohnheiten, sind es unsere Erinnerungen, mit denen wir uns besonders assoziieren und die uns ein Gefühl von Fortbestand geben. Doch auf Erinnerungen ist kein Verlass. Wir erinnern uns nur an Teile unseres Lebens, diese Erinnerungen sind oft auch stark verfremdet und Krankheiten wie Alzheimer können uns die Erinnerungen auch komplett entreissen.

Auf die Welle ist kein Verlass

Ein Teil von uns weiss, dass es sich bei unserem Ich um eine sehr instabile Illusion handelt und ist umso mehr bemüht, das Ich stetig zu verstärken, indem es Grenzen aufbaut und diese verteidigt. Spätestens wenn wir sterben, werden wir jedoch der Realität ins Auge blicken und erkennen müssen, dass es das Ich, so wie wir es gesehen haben, eigentlich nie gab. Doch auch im Alltag sterben wir dauernd kleine Tode und spüren, dass der Boden unter unseren Füßen längst nicht so stabil ist, wie wir das gerne hätten.

Wenn man sieht, dass auf die Welle kein Verlass ist, muss man kein Genie sein, um zu erkennen, worauf wir eigentlich bauen sollten. Wir sollten uns bemühen zu erkennen, dass wir eins mit dem Meer sind, nur so können wir die (meist unbewusste) Todesangst überwinden und uns dadurch auch von ungesunden Verhaltens- und Gedankenmustern lösen, die wir eigentlich nur aufrechterhalten, um das Gefühl des separaten Ichs zu bestärken. Wenn wir aber nicht mehr dauernd dafür kämpfen müssen, uns als separates Wesen zu erfahren, kann eine ungeahnte Leichtigkeit und Glückseligkeit in unser Leben einkehren. Und ganz nebenbei bleibt uns auch mehr Kraft für die wesentlichen Dinge, wenn wir keine Energie mehr für diesen Kampf verschwenden.

P.S.: Wo ich schon von Wellen schreibe, möchte ich Dich auch gleich dazu einladen, mein Lied „Weich wie Wasser“ anzuhören und anzuschauen. Da geht’s im Grunde um das Selbe. 😉

Sean.

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