Bewusst-Sein

Emotionale Aufladungen und ihre Auswirkungen

Sonnenaufgang Emotionale Aufladungen und ihre Auswirkungen

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine emotional mich stark beanspruchende Situation mehr weitreichende Auswirkungen hat, als ich mir eingestehen wollte. Ich glaubte, ich könnte im Großen und Ganzen so weitermachen, wie bisher und auch alles so erledigen/auf die Reihe bekommen, wie gewohnt. Ein innerer Transformationsprozess, der unvermeidbar auch alten Schmerz an die Oberfläche holte und einen Wahrnehmungsfilter über meine Umgebung, mein Denken, Fühlen und Handeln stülpte, setze mir so zu, dass ich richtig lahmgelegt war. Ich wollte ursprünglich einen Artikel über emotionale Aufladung und innere Visionen schreiben. Als ich diesen Artikel begonnen hatte, kam meine eigene innere Arbeit hinzu, die mich – wie oben erwähnt – in eine vorübergehende „Zwangspause“ versetzte. Nun hat das Ganze sein Gutes – ich kann diesen Artikel erweitern, bereichern mit meiner unmittelbar durchlebten eigenen Erfahrung. Außerdem habe ich ein persönliches Verarbeitungskonzept erstellt, welches ich hier veröffentliche, weil ich mir vorstellen kann, dass es auch anderen in ähnlichen Prozessen unterstützen könnte.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass alles, was wir meistern möchten im Leben, was wir uns vornehmen zu bewältigen und was wir allgemein planen, auf einer inneren Vision aufbaut. Damit meine ich einen Überbegriff über alle inneren Bilder, die wir in irgendeiner Form verwirklichen möchten. Es ist etwas aktives, wir durchleben, erleben diese Vision wie einen Film, der vollkommen real ist und wir zweifeln auch nicht daran, dass es in der Praxis/unserer Realität so sein wird. Das ist auch gut so, weil wir eine uns wichtige Vision mit viel Überzeugungsenergie aufgeladen haben. Das ist eine positive Kraft, die uns hilft, Wünsche und Pläne umzusetzen. Die andere Seite ist unser großes Meer an Gefühlen. Das kann man ganz wörtlich nehmen, denn Gefühle entspringen dem Wasserelement. Sie sind wie ein unendliches, unberechenbares Meer und immer wieder für eine Überraschung gut – oft im Gegensatz zu unseren Gedanken, sie sind oft flüchtig, leicht, weil sie dem Element Luft zugeordnet sind. Und wie die Luft selbst, die im Hintergrund wirkt, die aber nicht soviel Chaos anrichten kann wie das Wasser, denn wir können kaum von Luft überschwemmt werden oder in ihr ertrinken, so können auch Gedanken weniger chaotische Auswirkungen haben als unsere emotionalen Seinszustände. In der Vorstellung wird unsere Vision mit guten Gefühlen aufgeladen, die jedoch fiktiv sind. Das ist die Theorie und dieses fiktive gute Gefühl wird mit angenehmen Gedanken untermalt. Und unsere luftigen Gedanken lassen uns auch entsprechend hoch fliegen und so fühlt es sich angenehm locker an, etwas wunsch- und vorstellungsgemäß umzusetzen. Wir nähren auf allen Seinsebenen die Vorstellung „ich schaffe das mit Leichtigkeit“. Es ist auch eine erstrebenswerte und nützliche Antriebskraft. Sie ist förderlich für unser Wohlempfinden und stärkt lichtvolle und lebensbejahende Energie, die uns durchströmt. Nun kommt der zentrale und allgegenwärtige Aspekt hinzu: Wir stehen in unserer Realität auch durch Erinnerungswerte aufgeladenen Wahrnehmungen gegenüber, welche sich in einer Visualisierung in der Theorie nicht dazwischenmischen. Der Grund ist, dass wir in der Zukunft sind, wir stellen uns vor, was wir möchten und transportieren eine solche Wunschvorstellung in das Jetzt. Wir holen die Zukunft in das Jetzt, welches das Geheimnis von Visionen und Visualisierungen an sich ist, denn alles was JETZT intensiv mit Energie aufgeladen ist, kann sich materialisieren, die universelle Kraft des Jetzt ist der Schlüssel. Die Vergangenheit gehört in den Schattenbereich, speziell wenn sie überschattet gewesen ist mit Verdrängungen, unverarbeiteten Verletzungen. Wir entziehen dieser Schattenkraft ganz bewusst unsere Aufmerksamkeit, wenn wir die starke Kraft des Jetzt anzapfen. Wenn wir direkt in der Realität, im unmittelbaren Erleben sind, holen die Erinnerungswerte uns ein. Diese Energie ist vorhanden, sie IST, sie ist Bestandteil unserer Persönlichkeit, ob wir ihr Aufmerksamkeit zukommen lassen oder auch nicht. Sie kann transformiert werden, aber sie hat eine Eigendynamik, in welcher Form auch immer das so sein mag – bei jedem ist diese Form anders. Weil verdrängte Schatten mit einer emotionalen Aufladung einhergehen, wird sich das in unserem Leben auswirken, unabhängig von positiv aufgeladenen Visionen. Wir planen sie selten mit ein, weshalb sie unser Leben gerade in unerwünschten Momenten durchkreuzen. Wir fühlen dann etwas Unvorhergesehenes kommt uns in die Quere. Wir malen uns aus, dass wir etwas schaffen, weil wir davon überzeugt sind, weil wir etwas schon kennen und weil wir alle Fakten berücksichtigen. Kommen wir dann praktisch in diese Situation hinein, kommt uns das Gefühl in den Weg, weil sich hier die vorhandenen Erinnerungen eingenistet haben. Die Praxis widerspricht dann in diesem entscheidenden Moment unserer Vorstellung. Wir sind überschwemmt von einer emotionalen – scheinbar unerwarteten – Ladung, weil sie in unserem Unterbewusstsein geschlummert hat und weil sie so eine Unberechenbarkeit hat. Das Wissen um Fakten kann das Gefühl selten überzeugen.

1_Steine_Wasser_15102011 Wenn wir uns vor unangenehmen emotionalen Überraschungen schützen möchten, bzw. leichter mit ihnen umgehen wollen, erkennen und akzeptieren wir die obigen Abläufe. Aus etwas scheinbar unberechenbarem wird etwas, was wir bis zu einem gewissen Grad einkalkulieren können; die Unberechenbarkeit wird berechenbar. Durch Bewusstwerdung und wiederholte Akzeptanz können wir schrittweise leichter mit der Kluft zwischen Vision und emotionaler Ladung durch Erinnerung umgehen. Wenn wir diesen natürlichen Ablauf erkennen und akzeptieren, können wir unsere Schwierigkeiten damit loslassen.

Wenn wir diese sich in ihrer Struktur wiederholenden Abläufe erkennen, können wir folgende Verarbeitungsphasen anwenden:

· 1) Wir erkennen und akzeptieren, dass wir etwas, was uns schmerzt und was anders ist, als wir es uns vorgestellt haben, zunächst nicht wahr haben wollen. Wenn uns etwas emotional stark berührt, wirkt es sich als erstes in einem Gefühl aus, welches sich oft auch körperlich mitteilt. Würden wir den Mut fassen, dieses Gefühl von unserem Verstand aus zuzuordnen, ist das Gesamtergebnis zu schmerzhaft, deshalb wird zunächst ein Gefühl klein gehalten und/oder verdrängt. Wir möchten uns nicht mit Fakten konfrontieren, denn verletzte Gefühle verhindern das Heranlassen von Fakten und auch Erkennen/Akzeptieren von Zusammenhängen, auch wenn diese offensichtlich sind. In der ersten Phase geben wir uns falschen Hoffnungen hin, nähren Illusionen und möchten glauben, dass etwas, was bereits gescheitert ist, doch noch zu einem guten Ende führen wird. Mitunter versuchen wir auch, uns selbst die Schuld zu geben und suchen nach Lösungen, wie wir uns für etwas entschuldigen können, wozu wir gar nichts beigetragen haben. Eine Schuld auf sich zu nehmen fühlt sich weniger schmerzhaft an, als eine unveränderliche Tatsache zu akzeptieren. In dieser Phase klopfen wir lieber wiederholt gegen eine längst verschlossene Tür, als es klar sehen zu wollen, dass diese wirklich geschlossen bleibt. Manchmal versuchen wir einen dritten phantomartigen Schuldigen zu finden, eine höhere Macht, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Wir können alles Mögliche eher als eine wirkliche Enttäuschung akzeptieren.

· 2) Wenn wir aus dieser quälenden ersten Phase herausgetreten sind, und uns sagen können, dass das bekannte Ende mit Schrecken doch besser ist als ein Schrecken ohne Ende und wir uns den schmerzlichen Wahrheiten stellen, können diese sich als Wegweiser und als Lerngeschenk offenbaren. Wir sind an eine erste Öffnung unserer Persönlichkeit gelangt. Wir sagen uns nun: Ich bin bereit, etwas als das, was es IST, zu akzeptieren. Wir gewinnen an Kraft, weil wir durch die erste Stufe hindurchgegangen sind. Wenn wir Traurigkeit und Wut leben, sie zulassen und uns sagen: DAS DARF ALLES SO SEIN, ICH HABE EIN VERSTÄNDNIS FÜR MEINE GEFÜHLE, kann die emotionale Ladung aus einer Blockierung zum freien Fließen kommen. Da Gefühle mit Wasser zusammen hängen, dürfen Tränen der Befreiung fließen und ganz und gar gefühlt, gelebt werden. Durch diesen Prozess können wir sie dann auch annehmen und sie uns zum Freund und Botschafter machen. Wir können dann ein Verständnis für die Gesamtsituation, für andere Menschen entwickeln, haben wir es für die eigene Person verinnerlicht. Wir sagen uns hier: „Ja, ich fühle mich verletzt und ich akzeptiere die Situation. Ich verdränge den Schmerz nicht weiter. Es gibt keinen Schuldigen, es gibt verschiedene Erlebnisperspektiven“.

· 3) Beide Seiten – die eigene, die einer anderen Person und/oder Situation können als Wegweiser, als Lehrmeister anerkannt werden. Wir erkennen, dass wir durch ein Hindurchgehen und Durchleben einer emotionalen Ladung, diese befreien können. Manchmal gibt es ganz alte emotionale Ladungen, die schon lange darauf gewartet haben, von uns gesehen, durchlebt und in das Licht der Bewusstheit angehoben zu werden. Das Ergebnis ist, dass wir durch emotionale Prozesse, die wir ganz zugelassen haben, gewachsen sind, eine persönliche Stärke gewonnen haben, die uns die Stürme des Lebens leichter und mit voller Kraft überstehen lassen. Wir haben Frieden geschlossen mit uns selbst, mit beteiligten Menschen und mit Situationen. Wir können so sauer gewordene Energien in die Freiheit entlassen und uns neu aufladen, wir sind frei geworden für neue, belebende Erfahrungen mit einem Zugewinn an Lebensqualität und Lebensfreude. Wir sind nicht mehr gefangen in emotionalen Aufladungen, die uns das Gefühl geben, dass es keinen Ausweg zu geben scheint. Wenn wir offensiv mit emotionalen Aufladungen umgehen, können wir Stagnation verhindern und stattdessen eine klare Sicht der Dinge annehmen. Verstand und Gefühl sind so im Einklang. Wir haben den Weg in ein gesundes Abgrenzen von uns selbst sowie Menschen und Situationen gefunden und können durch nötige Distanz zur eigenen Mitte finden.

(c) Karin Aveon

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