Gesellschaft

EVA – Mutter und Weib

Enten MUTTERTAG. Ich erinnere mich. EVA – Mutter und Weib

Dr. Bernhard A. Grimm 

„ ‘Meine schönste Erfindung’, sagt Gott, ‘ist meine Mutter. Es hat mir eine Mutter gefehlt, und ich habe sie geschaffen’“ (Michel Quoist).

Mit diesem Zitat habe ich vor ein paar Jahrzehnten einen Bericht überschrieben, den ich als fiktiven Brief („Gedanken zum Muttertag“) – gleichsam als Hommage an meine Mutter – in einem Mitteilungsblatt meiner schwäbischen Heimat veröffentlicht habe.

Was ich heute damit sagen will, ist dies: Da ich eine liebend gute Mutter haben durfte und da ich als einziger Junge unter vier Schwestern aufgewachsen bin, war mir von frühester Kindheit an sehr vertraut und eigentlich selbstverständlich, die Frauen generell als wert.voll, als gleich.wertig, ja sogar idealisiert: als höher.wertig einzuschätzen und zu erleben.

Während der Internatszeit und noch mehr in den Jahren des Studiums der Philosophie und Theologie sprachen dann fromme Männer in schwarzen Kutten sehr beredt, gescheit und „wissenschaftlich fundiert“ von einer Liebe zwischen Frau und Mann und damit von einer Wirklichkeit, die sie freilich – quasi als „Klerikal-Eunuchen“ – nie real und haut.nah (im wortwörtlichen Sinne!) erfahren und erlebt hatten:

Kontinuierlich, intensiv und nachgerade impertinent versuchten sie, mir ein neues Frauen.bild einzuimpfen, nämlich einerseits das der sündigen und stets verführerischen Eva („Und ewig lockt das Weib!“) und andererseits jenes der un.endlich reinen und eigentlich geschlechts.losen Jungfrau Maria.

Eva war nach biblischem Bericht die Zweite der Erschaffung nach – dem Manne Adam also nach.geordnet und ihm nach Jahwes Strafwort sogar unter.geordnet -, jedoch die Erste beim Sündigen.

In dieser Interpretation verbarg sich elementare Ab.wertung des Weiblichen. Und daher, vor allem aber, weil die Frauen in alter theologischer Tradition als die Personifizierung der Fallstricke des Teufels zu gelten hatten, waren sie (als gefährlich!) wie die Pest zu meiden, gerade von solchen, die man wie mich zum sogenannten „selbstgewählten“ Frauen. und Geschlecht(lichkeits).verzicht (Stichwort: Zölibat!) geneigt machen und hierzu verpflichten wollte.

* In dieser Zeit wurde mir mit Nachdruck zur Kenntnis gebracht, dass bereits der griechische Philosoph Aristoteles erstaunlich schlecht von den Frauen gesprochen habe:

Nach ihm ist die Frau für den Mann das, was der Sklave für den Herrn ist. Überdies sei die Frau, so der große Philosoph, ein un.fertiger, miss.glückter und defekter Mann, also auf einer tieferen Stufe der Entwicklungsleiter stehen geblieben und in ihrem Entstehungsvorgang ent.gleist und fehl.gesteuert worden.

* Der heilige Thomas von Aquin, der größte und die Theologie bis heute am stärksten beeinflussende Theologe des Mittelalters, hat die These des Aristoteles von der Frau als einem „ver.fehlten oder ver.stümmelten Männchen“ aufrechterhalten und die Frau ein „mas (= Männchen) occasionatus“ genannt: „occasio“ bedeutet hier: etwas, das nicht in sich beabsichtigt ist, also nicht der Absicht der Natur entspricht, sondern von einem Defekt herrührt.

* Von meinem Namenspatron Bernhard von Clairvaux, einem glühenden Marien.verehrer, ließ man mich wissen, dass nach ihm das Weib nur ein primitives, minder.wertiges Geschlechtswesen, ein „un.vollkommenes Tier“ (also nicht einmal ein vollkommenes!) sei. In einer Vision, so habe ich später selbst herausgefunden, ließ ihn die Gottesmutter Maria an ihren Brüsten trinken – die „Milch der frommen Denkungsart“, die aus solchen Quellen fließt, muss fürwahr viel und gar seltsame Energien verliehen haben für seinen lebens.langen erbitterten Kampf gegen die real existierende Weiblich.keit!

Über viele Jahre hinweg war ich solcherart ideologischer Beeinflussung, wie man verharmlosend und brav bewusst.gesteuerte Indoktrination und Gehirnwäsche umschreiben kann, ausgesetzt – alles stets schön garniert mit begründenden Argumenten aus Bibel und christlicher Tradition, so dass es stets als gott.gewollt zu gelten hatte.

Bei solcher „Erziehung“ zu Frauen.feindlichkeit, zu Lust.feindlichkeit und Sexual.pessimismus grenzt es an ein Wunder, dass ich dennoch imstande war, mir den Glauben an die einzigartige Wertig.keit der Frau nicht stehlen oder korrumpieren zu lassen. Es war wohl Gnade, dass ich relativ spät, aber doch noch – wie einst der Philosoph und Theologe Abaelard im 12. Jahrhundert – der Liebe begegnen durfte. Ich habe dann als Kleriker entschieden, konsequent und ehrlich „Ja“ zu dieser Liebe, zur Frau gesagt – und mit genau dieser Frau war ich 36 Jahre lang verheiratet, ehe sie vor 98 Wochen – engel.gleich – ins Ewige Licht entschwebte.

Von dem eben erwähnten Abaelard, dem einzigen Quer.denker in der Herde der lust.feindlichen Theologen, erfährt man aus seiner „Leidens.geschichte“ u.a. dies:

„Und nun nahmen sie an mir Rache, so grausam, so beschämend, dassdie Welt erstarrte: Sie schnitten mir von meinem Leib die Organe ab, mit denen ich gesündigt hatte.“

Solches widerfuhr mir zum Glück nicht, aber „Mutter Kirche“ (wenn ich an meine eigene Mutter denke, müsste ich mir diesen beleidigenden Vergleich eigentlich versagen!), die sich gerne als militante Anwältin für nicht geborenes Leben geriert, hatte jedoch wenig Skrupel, an mir für mein „Vergehen“ ein un.barmherziges Exempel zu statuieren, d.h. mir meine Lebens.leitlinie abrupt zu durchtrennen und den räudigen Sünder und Abtrünnigen für seine weitere, insbesondere berufliche(!) Zukunft empfindlich und nachhaltig zu sanktionieren.

Wenn ich heute die Summe meiner Forschungen zum „Thema Frauen“ und den Kranz meiner eigenen Erfahrungen mit ihnen zusammenbündele, ergibt sich für mich als mein Credo:

Es gibt absolut keinen theologischen, philosophischen oder psychologischen Grund, der auch nur entfernt zuließe, die Frau oder das Weibliche abzuwerten!

Wenn jedoch die allermeisten Männer, wenn die Religions.gemeinschaften und Amts.kirchen dies in der Vergangenheit dennoch getan haben und es bis in die Gegenwart hinein stets noch tun, dann eigentlich nur aus panischer Angst vor Macht.einbuße und Macht.verlust, aber auch aus Angst vor ihrer eigenen Geschlechtlich.keit, mit der ganz.heitlich (nicht nur als Lust.apparat und Zeugungs.instrument!) umzugehen und sie in ihre Persönlichkeit zu integrieren sie absolut nicht imstande sind!

Die eigentlich Starken im Lande sind daher die Männer nicht, sie möchten dies wohl stets glauben und allenthalben einem jedem suggerieren, sie lügen sich dabei aber selbst in die eigene Tasche, denn, im Klartext gesprochen, läßt sich ungeniert sagen:

Ohne Macht und (erigierten) Penis, also nur auf ihr nacktes Mensch.sein reduziert, bleibt bei vielen Männern verdammt wenig übrig, was berechtigt und einigermaßen begründet Rückschlüsse ziehen ließe auf eine reife und ganz.heitliche, auf eine „runde“ = ausgewogene, ausbalancierte und (auch emotional!) gesunde Persönlichkeit.

Hier setze ich freilich voraus, dass nach meinem Verständnis Persönlichkeit keine (durch Geschlecht oder Alter, durch gesellschaftlichen Stand, Vermögen oder berufliche Positionierung endgültig garantierte) Vorgegebenheit ist: Persönlichkeit ist vielmehr Verpflichtung, sie ist eine Aufgabe!

Mit anderen Worten:

Person i s t man, Charakter h a t man, aber: Persönlichkeit w i r d man (oder auch nicht, so man nicht veränderungs. und entwicklungs.bereit ist) durch un.unterbrochenes, ein ganzes Leben dauerndes Arbeiten an sich selber.

Das bloße Mann.sein ist (noch) kein Wert, vielmehr kommt es darauf an, aus dem Marmorblock (seines Person.seins) die fein.ziselierte Skulptur (einer reifen Persönlichkeit) zu meißeln – und zwar durch Selbst.erkenntnis und Selbst.besinnung, durch Selbst.bestimmung und Entscheidung zum Anders.werden, durch Sinn. und Wert.orientierung, durch Gewissens.bildung und durch ständige Selbst.disziplin.

Selbst.erkenntnis steht vor jeder Identitäts.findung, zweifellos, aber in der Regel ist es doch so, daß sich die Männer tatsächlich gar nicht selber kennen (geschweige denn fühlen!), da sie sich stets mit anderen, „wichtige(re)n“ Dingen beschäftigen, mit dem Beruf, der Karriere und dem ewigen Konkurrenz.kampf.

Wenn man dies so sieht, dann begreift man auch, daß Identität eigentlich überhaupt keine ein.malige, keine end.gültig fest.umrissene Größe und keine statische Rolle ist, sondern ein kontinuierlicher Prozess, innerhalb dessen man zu immer mehr Persönlichkeit heranreift, sich immer klarer kennen.lernt und fähig wird, all die tausend verschiedenen und auch sich widersprechenden Bilder, die man im Laufe der Jahre von sich selbst gewonnen hat, in ein integriertes Ganzes einzufügen, das jedoch immer noch viel Raum läßt für neue, für zukünftige Bilder.

Ich nenne dies dynamische Identität, und das Streben nach ihr umfasst Sein u n d Werden.

Hier geht es dann eigentlich auch nicht so sehr um männliche oder weibliche Identität, nicht um eine Transformation zum richtigen Manne oder zur echten Frau, sondern wesentlich um Transformation zum wahren Menschen.

Wichtig ist, daß wir uns un.ablässig verändern, und wer sich niemals ändert oder wer sich zu verändern nicht bereit ist, ist auf dem Holzweg, wenn er glaubt, seine end.gültige Identität bereits gefunden zu haben.

Sich wie eine Klette an eine Rolle zu klammern, und sei es die einer potenten und dominierenden Männlichkeit, blockiert jeden Reifungs.prozess und verarmt zusehends.

Wenn Identität nicht zur Grundlage für die Weiter.entwicklung der eigenen Persönlichkeit wird, degradiert sie zum Eigen.dünkel und führt dauerhaft zu einer psychischen Verkrustung und eklatanten Verkürzung des Menschseins.

Man hat uns gelehrt, Männlich.keit hieße, nicht weib.lich zu sein.

Auf diese „Identität“ sei (fürderhin) gepfiffen, denn sie führt nicht nur zu Gewinner.mentalität, gockel.hafter Überlegenheits.allüre des Mannes und damit letztlich wieder zur Unter.drückung und Ab.wertung der Frau und des Weiblichen, sondern sie lässt die Männer auch sich innerlich selbst ent.eignen und zunehmend veröden.

Im Blick auf den un.bestrittenen Eigen.wert der Frau gilt es, endlich und endgültig Abschied zu nehmen von allen patriarchalischen Verhaltens.mustern und eine Psychologie der Begegnung und der Selbst.hingabe zu beginnen.

Als bislang kopf.lastige Hirn.linge sollten wir Männer, so meine ich, uns endlich auf den Weg machen zu einer grund.legenden Emotionalisierung und keine allzu große Angst haben vor einer notwendigen „Feminisierung“, damit Ganz.heit in uns werde und damit auch eine nachhaltige Abkehr stattfinde vom virilen Wahn von Dominanz und angeblich alles entscheidender und neuerlich gar Viagra.gestützter Potenz.

Ich wünschte mir, allenthalben würde realisiert werden können, dass der alte Mythos von der „Heiligen Hochzeit“ (hieros gamos), nämlich der Vereinigung der weiblichen und männlichen Wesen und Gottheit(en), neu als humanes Prinzip der Gleich.wertigkeit zwischen Frau und Mann entdeckt werde.

Solcherlei Gedanken überkommen mich heute zum Mutter.tag …

Herz.liche Grüße

Dr. Bernhard A. Grimm

(c) Bernhard (A. Grimm)

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