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Der Garten als Spiegel der Persönlichkeit

Wolf-Dieter StorlDer Garten als Spiegel der Persönlichkeit

Zeige mir deinen Garten, und ich sage dir, wer du bist!
(Christian Grunert, Gärtner)

Ein Garten ist nicht nur ein vernetztes Biotop, bestehend aus allerlei Pflanzen, Tiere und Erde, sondern er ist ein Mischwesen, eine Individalität geschaffen durch das Zusammenwirken des großen und des kleinen Schöpfers, der Natur und des Menschen. Ein Garten ist ein Stück vermenschlichte Natur. Schon architektonisch gestaltet er sich, wie einst die Sakralbauten der alten Zivilisationen, anthropomorph, das heißt: wie der Menschenleib. Man betrachte nur die Skizzen der mittelalterlichen Klostergärten, der Bauerngärten oder auch der Schrebergärten nach ihrem Grundplan, um das zu erkennen. In ihren Längen- und Breitenverhältnissen nähern sich die Formen von Mensch wie auch Garten, dem Goldenen Schnitt. Ein Hauptweg teilt Garten in rechte und linke Hälften, in denen die Beete wie Rippen liegen. Rechtwinklig durchquert ein anderer Weg den Hauptweg, so daß sich ein Kreuz formt. Hier, in der Herzensmitte des Gartens, ist oft der Brunnen, eine Kräuterspirale oder eine runde Mandala aus bunten Blumen. Kompostmieten und Jauchefässer entsprechen dem Darm und seinen Funktionen. Wie die feste Gehirnkapsel auf dem Körper befindet sich am oberen Ende des Gartens die brombeer- oder rosenumkränzte Laube oder der Geräteschuppen. Da sitzt der gestandene Gärtner in seinen Musestunden, raucht sein Pfeifchen oder labt sich am kühlen Bier und denkt seine Gärtnergedanken.

Wassertrog, Kompostplatz, Kräuterbeet, Obstbäume und Kleintierställe heben sich wie einzelne Organe aus dem harmonischen Gesamtgefüge heraus. Wie eine dicke Haut umgibt eine Hecke oder ein Zaun den Garten und trennt diese organisierte Gestaltung von dem Wirrwarr der noch undifferenzierten Natur oder schirmt von der Außenwelt ab. Das Wort »Garten« bedeutete auch ursprünglich einen eingezäunten, kultivierten Ort (indogerm. ghorto = Flechtwerk, Zaun, Eingefriedetes). Der Garten stellt daher im primären Sinne den Ursprung der Kultur dar (lat. cultura = Pflege des Ackers, Bearbeitung, Bestellung; lat. cultus = Anbau und Pflege von Pflanzen, Pflege von Kunst und Unterricht, Verehrung, Kult). Es handelt sich um einen Ort, der gepflegt wird, der friedlich ist und in dem sich die kosmische Ordnung (griech. kosmos = Ordnung, Anstand, Schmuck) gegenüber dem wilden, wüsten Chaos (griech. chaos = Leere, Durcheinander, ungeformte Masse) behaupten kann. Es ist der Garten Eden, das Paradies (pers. Pardez = Garten), der germanische Midgard, der „Garten in der Mitte“, den die Mythen als den eigentlichen, für die Menschen bestimmten Wohnort angeben und in dessen Mitte der Lebensbaum wächst.

Wolf-Dieter StorlDer Garten besitzt Körper, Geist und Seele. Im Gartenleib findet ein reger Stoffwechsel statt: in und über dem Boden, zwischen Kleingetier und Vegetation, sowie durch das Wirken des Gärtners, durch sein Gießen, Düngen und Umgraben. Als eine kleine Biozönose, die ihre eigene Kräftedynamik besitzt, kann man von einem „Lebensleib“ des Gartens sprechen. Das Seelenelement tritt einem in den bunten Blumen, der summende Insektenwelt, dem Frohlocken der Vögel, in den krabbeligen Würmern, den Eidechsen, Mäusen und Igeln entgegen, wie auch in den Gärtnerträumen, die in bunten Gipsfiguren, in Brunnen- oder Beetgestaltung ihren Ausdruck finden. Der ordnende Geist strömt ebenso von den kosmischen Rhythmen der Sonne, des Mondes und der Planeten, wie von der Vision und Planung des Gärtners.

Es ist der Gärtner, der dieses vom Makrokosmos stammende Stück Erde und Natur zum Garten macht und ihn zu einem Mikrokosmos individualisiert. Der Gärtnermeister, die Bäuerin oder der alte Schrebergärtner übertragen ihre seelischen und geistigen Inhalte in den Garten und werden zusammen mit den Naturkräften die »Eltern« dieses Gebildes. Wer nicht glaubt, daß der Gärtner seine Seeleninhalte in den Garten hineingibt, der soll einmal versuchen, etwas geringfügiges im Garten eines leidenschaftlichen Gärtners zu verändern, etwa einen neuen Weg anzulegen, einen Busch zu roden oder anders als vorgeschrieben umzugraben. Es ist, als verletze man diesen Menschen, als beleidige man ihn. Der Garten ist getreuer Spiegel desjenigen, der ihn gestaltet: Er spiegelt den geistigen und seelischen Zustand des Gärtners wider. Wer seine Seelentriebe ständig zurückdrängt, der beschneidet mit Eifer die Büsche und Bäume; wer Verdauungsschwierigkeiten hat, konzentriert sich auf Kompostierung und Schneckenbekämpfung; der Sauberkeitsfanatiker jätet jedes Unkraut und vergiftet jedes Krabbeltier. Der sachlich nüchterne Praktiker pflanzt nur einfache Sorten, die gute Erträge bringen; der Offizier a. D. läßt Blumen und Gemüse wie kleine Soldaten in Reih und Glied, wie zur Musterung, antreten. Der Garten eines Künstlers nimmt oft bizarre Formen an.

Storl BieneDer Garten als Spiegel des Menschen: War nicht der Klostergarten, der Hortulus, mit seinen winzigen karrierten Beeten, in denen zwar liebevoll gepflegte, aber ökotopfremde Kräutlein aus den biblischen Ländern ihr Leben fristeten, ein Spiegel des Lebens in kargen Mönchszellen. Die dicke Mauer des Hortulus hielt Unkraut und Untier, wie auch die Teufel fern. Der Garten der Renaissance mit seinen antiken Statuen und Pflanzen aus den neuentdeckten Ländern, verrät die Weltoffenheit der Periode. Anders die Gärten der Aufklärung und den Zeiten der Inquisition: Hier wird die Natur gedemütigt und vollkommen der menschlichen Ratio unterworfen. Wie im Garten zu Versailles, ist alles streng geometrisch eingeteilt, alle Wege führen zu einem absoluten Zentrum – es ist eine Zeit der absoluten Herrschaft, eine Zeit in der die Menschen das Universum als Urwerk begreifen und den Schöpfer als Uhrmacher. Karl von Linné, der große Botaniker, der alle Pflanzen sorgfältig kategorisierte, legte in seinem Garten sogar die berühmet „Blumenuhr“ an; anhand des Öffnens und Schließens der verschiedenen Blüten, konnte er bis auf die Viertelstunde genau die Tageszeit ablesen. Bemerkenswert sind auch die protestantischen Pfarrgärten, die wie eine Erweiterung der Pfarrbibliothek anmuten; eingerahmt zwischen peinlichst getrimmten, niederigen Buchsbaumhecken, wuchs dort manch exotisches und symbolträchtiges Gewächs.

Bemerkenswert auch die amerikanischen Gärten mit ihren großen sorgffältig gemähten, grünen Rasenflächen, auf denen Baseball gespielt und Beef gegrillt wird. Hinter ihnen verbirgt sich die unbewußte Sehnsucht der weißen Nordamerikaner nach den saftig grünen Weiden, Wiesen und Anger des nordwestlichen Europas, die ihre Vorfahren, oft unter Tränen, hinter sich lassen mussten. Diese materialisierten Kollektiverinnerungen verschlingen mehr Kunstdünger als die gesamte Drittwelt zur Nahrungsmittelerzeugung verwendet, und dazu Unmengen an Wasser. Auch der deutsche Garten, der Garten hinter dem Haus, der Schrebergarten oder die Datscha in der ehemaligen DDR, verrät viel über das Seelenleben der Besitzer: Nur Spießer und Pseudointellektuelle würden die Gartenzwerge „spießig“ nennen. In Wirklichkeit versinnbildlichen sie die ätherischen Kräfte die in der Natur wirksam sind. Sie verbürgen eine Urerinnerung an ein Goldenes Zeitalter, wo man noch mit den Elementarwesen und Elfen reden konnte. Der Garten ist Schlaraffenland, Sonntagsland, da gibt’s Kaffee und Kuchen. Der Himmel der keltisch-germanisch-slawischen Früheuropäer bestand aus einer blühenden Wiese, wo einst die Götter mit den Würfeln des Schicksals spielten, den Met der Inspiration tranken und das Lebenskraft spendende Spanferkel schmatzten – nur eben, sind heute die Götter zu Gipszwergen geschrumpft, das Spiel zu Skat oder Rommé und die Götterspeisen zu Bier und Bratwurst.

Storl SchneckeEs ist aber nicht nur der Garten, der vom Menschen gepflegt und gestaltet wird; der Mensch wird auch von seinem Garten beeinflußt, belehrt und »kultiviert«. Der Garten wird zum Yoga (altind. yuga = Joch, in das der Körper gleichsam eingespannt ist) und der Gärtner zum Yogi: Seine Hände werden breit und feinfühlig, sein Leib erstarkt, sein Gesicht wird braun und gefurcht wie die Erde selbst, und seine Arbeit, die regelmäßige Pflege der Pflanzen und Geschöpfe, ist für ihn wie ein Kult. Er arbeitet mit den irdischen Kräften zusammen und erkennt das Götterwirken auf der Erde. Er lernt Hoffnung und Geduld, wenn er pflanzt oder den Samen streut, auf die Ernte wartet, auf Regen hofft. Tiefsinnige Bilder gehen vor seinem inneren Blick auf, wenn er viele Stunden, sich rhythmisch bewegend, den Boden hackt oder Kompost schaufelt. Beim Jäten weben sich die wohlgestalteten geometrischen Pflanzenrosetten wie Mandalas in sein Bewußtsein hinein. Die ruhige Arbeit läßt die Gedankenbilder wie Fische in einem Fluß vorbeifließen, und mit der geistigen Angelrute fischt er mal diesen silbernen, mal jenen goldenen »Fisch« heraus.

In seiner meditativen Arbeit trifft der Gärtner auf die »Innenseite der Phänomene«. Das ist die trans-sinnliche und dennoch absolut wirkliche Dimension, wo man das weiße Einhorn finden, die Heinzelmännchen werkeln oder die Göttin über taunasse Wiesen wandeln sehen kann. Letztendes sind es diese in der gärtnerischen Meditation geschauten Wesenheiten, die dann in den Gipszwergen, Wunschbrunnen, Rehlein und Madonnenstatuen ihren physischen Ausdruck finden. Mag kirschig oder spießig erscheinen, wurzelt aber in seelischen Archetypen! 

Wolf-Dieter StorlHier, auf der „schamanischen Seite“ des gewöhnlichen Gartens, trifft man auch die Individualität des Gartens, den Genius loci, mit dessen Schicksal das eigene verbunden ist. Noch Goethe – er war begeisterter Gärtner – wußte, man  kann dieses Wesen ansprechen, wie man einen guten Freund oder eine geliebte Freundin anspricht. Es kann einem sagen, was der Garten braucht, welchen Liebesdienst man ihm erweisen kann. Solch ein Garten »leuchtet«, so daß der zufällig Vorbeigehende kurz stehenbleibt und – wie damals, als er noch ein  Kind war – staunt. Bewußt oder unbewußt wird ihm eine frohe Botschaft mit auf den Weg gegeben. So gärtnert der Gärtner nicht nur in seinem eigenen Garten, sondern – wie der Heiland selber – im Garten der anderen Seelen. 
(c) www.storl.de

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Wolf-Dieter Storl

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