Mensch-Sein

Gedanken über Selbstliebe

meditation-theravada-buddhismNur ein paar Gedanken über Selbstliebe

Erst wenn du dich selbst liebst, kann dich ein anderer lieben – das ist hinlänglich bekannt. Wir werfen mit dieser Idee um uns, als wäre sie wahr. Ich habe diesen Satz bestimmt auch schon geschrieben, ohne ihn in all seiner Vielschichtigkeit zu überdenken und ich bitte von Herzen um Vergebung dafür. Denn ich hoffe sehr, wir, die wir diese Weisheit von uns geben, irren uns fundamental.
Denn was ist mit „Liebe mich bitte, wenn ich es am wenigstens verdiene“? Was ist mit Mitgefühl? Was ist damit, dass ein Baby, das nicht geliebt wird, gar keine Chance hat, diese innere Beziehung zu sich selbst aufzubauen? Natürlich weiß ich sehr genau, was mit dem obigen Satz gemeint ist. Der andere, besonders der Partner, ist nicht der Erfüllungsgehilfe für das, was du dir selbst geben solltest oder was dir deine Eltern nicht gaben. Ich würde den Satz so formulieren: „Liebe dein inneres Kind oder lerne es, damit du nicht einen anderen brauchst, der es hütet.“

Ich erlebe es als Gnade, dass ich geliebt werde. Genau diese Liebe gibt mir den Raum, mir meine Verletzungen und meinen Selbsthass überhaupt erst anzuschauen. Ich war, als ich sehr jung war, noch gar nicht in der Lage, mich selbst zu lieben. Ich war voller Selbstverurteilung, voller Angst und Schmerz. Ich war einfach noch nicht auf meinem Weg, die Suchreise hatte noch nicht begonnen. Wir alle bekommen als Kinder unseren Stempel aufgedrückt, den Stempel der Seelenverträge, die dazu führen, dass wir unseren Weg überhaupt erst gehen. Warum? Um Bewusstsein zu erlangen. Selbstliebe ist oft genug noch lange nicht mit im Paket. Das will entwickelt, werden, geübt. Auch die Liebe zu sich selbst will entstehen und reifen, es ist nichts, das einem selbstverständlich in die Wiege gelegt wird. Selbsterhaltungstrieb, ja. Selbstfürsorge, ja. Das macht das Gehirn von alleine, es ist eine biologische Notwendigkeit.
Doch bewusst, achtsame Selbstliebe, obwohl du ja weißt, was du fühlst und was du den ganzen Tag so denkst, das will gelernt werden. Warum sollte ich mich überhaupt selbst lieben, wie komme ich auf die Idee, ich wäre ein wertvoller Mensch? Da gibt es ganz andere, die Großartiges leisten, die bewundernswert sind, die viel besser aussehen als ich und ihr Leben grandios meistern. Um sich selbst zu lieben, braucht es die Fähigkeit, zu lieben, auch wenn es holprig wird. Sich selbst nah sein und nah bleiben, auch wenn es weh tut, das ist Selbstliebe. Diese Fähigkeit will entwickelt werden. Vom Selbsterhaltungstrieb zur bewussten Selbstliebe, das ist ein langer Weg, der eine große Portion Bewusstheit erfordert. Wie in jeder reifen Liebesbeziehung will auch die Liebe zu sich selbst immer wieder angepasst und ausgedehnt werden. Es gibt Bereiche, da muss man sich von sich selbst trennen, andere lernt man gerade erst kennen. Es gibt innere Bereiche, die entwickelt man im Laufe des Lebens – muss ich die automatisch mitlieben oder darf ich erst mal zögerlich sein?

Warum dieser Artikel? Weil „Selbstliebe“ so ein Schlagwort ist, im wahrsten Sinne des Wortes. Liebe dich erstmal selbst, das ist eine manchmal unzumutbare Aufforderung, die einem Menschen jede Hoffnung rauben kann. Nein. Ich möchte einladen: Gib Raum für Liebe. Ginb eine Liebesvorschuss. Natürlich braucht es ein Gegenüber, das diesen Vorschuss auch annehmen kann. Wenn jemand zu verschlossen ist, dann nutzt deine Liebe nicht viel, zumindest nicht in Bezug auf dein Verhältnis zu ihm. Die Liebe selbst aber nutzt sehr viel. Sie wärmt, auch wenn der andere sie nicht spürt, sie gibt Raum, sie nährt und spendet Leben. Wenn der andere deine Liebe nicht fühlen kann, nicht annimmt, nicht erwidert – nun, dafür kannst du nichts. Liebe dennoch.
Vorsicht, höre ich mich selbst sagen, du forderst deine Leser gerade zur Coabhängigkeit auf! Sollen sie lieben, auch wenn sie nicht zurück geliebt werden, sollen sie hoffen und bangen und warten, kennen wir das nicht zur Genüge, haben wir das nicht sooo satt?
Ja, aber davon rede ich ja auch nicht. Wenn sich einer nicht selbst lieben kann, wenn er um sich stachelt, dann bleib ihm fern, wenn er dich verletzt. Liebe dennoch. Sei voller Mitgefühl, voller Zärtlichkeit für ihn.
Und das gilt auch für dich selbst. Wenn du dich selbst nicht lieben kannst, aus welchen Gründen auch immer, dann sei zärtlich und mitfühlend mit dir. Du kannst nichts dafür. Es ist eine Kunst, eine liebevolle Beziehung mit sich selbst zu führen, die sehr viel Gelassenheit und Weisheit braucht, denn du erlebst dich ja in jeder Sekunde. Und während einiger bist du vermutlich nicht ganz in Höchstform.
Verhalte dich dir gegenüber so, dass du dich lieben kannst, sei freundlich und verlässlich zu dir. Hüte dein inneres Kind. Sei an deiner Seite. Sei dein Verbündeter. Alles stimmt. Und alles kannst du nur, wenn du schon einigermaßen gereift bist.
Was machst du denn bis dahin?
Auf Liebe verzichten, bis du dich endlich selbst liebt?
Ich habe es anders erlebt. Ich liebte mich ganz sicher nicht, als ich neunzehn war. Ich fand mich manchmal unglaublich toll, dann wieder grauenvoll, je nachdem, wie ich in meinem jugendlichen Gehirn gerade drauf war. Ich spürte mich nicht mal, wie sollte ich mich lieben? Doch ich wurde geliebt. Und dann wieder mit siebenundzwanzig, auch nicht gerade meine Glanzzeit. Und wieder und wieder und wieder. Und ich liebe, auch dann, wenn sich mein Partner gerade nicht liebt und furchtbar mit sich umgeht. Dann erst recht. Schweigend, im Hintergrund, bis er sich selbst wieder spürt.

Ich mag das Konzept, dass man sich erst selbst lieben muss, um geliebt zu werden, nicht mehr. Es fühlt sich ziemlich grausam an. Wenn du dich nicht liebst, dann liebe ich dich auch nicht… ich kann dich dann nicht lieben. Hmm. Mein Herz schweigt dazu zunächst. Später sagt es: „Dann lerne es halt.“ Es sagt: „Ich liebe dich, wenn du dich nicht liebst, damit du fühlst, wie das ist. Wie sollst du es sonst erfahren?“
Natürlich weiß ich, dass man Liebe erst wirklich spüren kann, wenn man selbst liebt und all das. Ich weiß den Kram mit der Resonanz. Ich weiß das. Hoffentlich stimmt das Konzept nur für Menschen.
Denn Engel sehen das ein wenig anders. Wäre ich einer, würde ich erst recht lieben, wenn sich einer nicht mag.
Ich würde nichts von ihm erwarten, mir nichts erhoffen, mich nicht von ihm abhängig machen. Aber ich würde ihn lieben.
Wenn ich ein Engel wäre.

Susanne Hühn

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