Gesellschaft

Gemeinsame Werte unterschiedlicher Glaubensrichtungen für ein friedliches Zusammenleben in einer Gesellschaft

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Liebe Leserinnen und Leser,
seit einiger Zeit gehöre ich dem CONVENT im Internationalen Therapeutenzentrum in Hagen-Dahl an (Leiter: Winfried Bahn). – Am 24. August trafen sich dort führende Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen, um sich über „Gemeinsame Werte unterschiedlicher Glaubensrichtungen für ein friedliches Zusammenleben in einer Gesellschaft“ auszutauschen. So saßen um den „runden Tisch“ der Vorsitzende einer Jüdischen Gemeinde, der Vertreter der Bahai, ein sehr bekannter, den Islam vertretender Psychiater, ein Pfarrer einer evangelischen Kirchengemeinde, ein katholischer Theologe, eine muslimische Bundestagsabgeordnete, ein Tibetischer Buddhist und ein Professor für Philosophie und Sozialökologie, der bereits Vorschläge zum Thema des Convents publiziert hatte. – Die Namen sind Schall und Rauch, denn das Ergebnis dieser Zusammenkunft ist der Funke, der zum Flächenbrand werden kann, wenn auch Sie sich anstecken lassen, über die Fragen ganz eigenständig zu reflektieren und dann in einen Dialog mit Ihren Partnern, Freunden und Bekannten eintreten, um so ein Bewusstseinsfeld zu schaffen, auf dem die Verschiedenheit der Hinwendung zu Gott akzeptiert ist und in der Weise Früchte trägt, dass folgende Thesen des Konvents weitergetragen werden:

  1. Akzeptanz der verschiedenen Glaubensrichtungen im Sinne der Menschenrechte des existierenden Grundgesetzes.

  2. Auflösung von Schuldzuweisungen in Richtung jeglicher Gruppierungen, sei es religiöser oder nationaler Ausrichtung.

  3. Gemeinsame Wertevermittlung durch die Vertreter der Glaubensrichtungen sowie der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft und allen relevanten Beteiligten.

  4. Zweimal im Jahr gemeinsame Gottesdienste aller Glaubensrichtungen, damit keine Abgrenzung sondern Gemeinsamkeit stattfindet.

  5. Wahl eines gemeinsamen Ethikrates aller relevanten Beteiligten.

In diesem Fazit, auf das sich am Ende des Convents die Anwesenden verständigten, liegt der Anfang zur praktischen Umsetzung. – Damit Sie aber ganz in den Themenkreis mit mir einsteigen können, mache ich mich an dieser Stelle bewusst zur Projektionsfläche. (Ich weiß ja, dass Sie die „Lebens(t)räume“ und „…heute leben mit FLIEGE“ abonniert haben, weil Sie diese Anregungen suchen.) Ich gebe Ihnen die Fragen weiter, die den Teilnehmern des Convents gestellt wurden. Dazu meine Antworten. Andere gaben andere Antworten. – Das möge die Basis für unseren Austausch sein: Sie lesen meine Antworten – und geben sich oder mir die anderen Antworten. Wichtig sind der innere und der äußere Dialog. Lassen Sie uns denken und handeln, um ein friedliches Miteinander zu schaffen.

  1. Welche Werte sind in dieser Situation wichtig, um ein friedvolles Miteinander zu gewährleisten?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“. – Alle Menschen sind unterschiedlich. Jeder lebt in seiner Welt. DIE Welt gibt es nicht. – Daraus ergibt sich, dass Akzeptanz vor Toleranz kommt, denn jede Andersartigkeit hat ihren spezifischen kulturellen Hintergrund, ob wir dies Bildung oder Verbildung nennen. „Keiner kommt aus seiner Haut (Schale) heraus.“ – Es gibt deshalb keinerlei Gewähr, dass es je zu einem „friedlichen Miteinander“ führt, denn erst durch Zwietracht findet man zur Eintracht, d.h. Thesen und Anti-Thesen dürfen aufeinander prallen, ehe die Synthese gefunden wird. Reibung ist NOT-wendig; im Extremfall führt also erst der Krieg zum Frieden. –

Wenn es nun aber eine Anforderung bleiben soll, dass „ein friedvolles Miteinander zu gewährleisten“ ist, muss vorausgesetzt werden, dass es für den seiner inneren Welt verpflichteten Menschen ein Vorbild, eine Idee, eine Ethik gibt, der er vertrauensvoll zu folgen bereit ist. Wer „gewährt“ dies? Nur jener Weise, der weiß, dass alle Dinge, alle Unterschiede, in ihrem innersten Kern EINS sind. Das ist dann jener, der jedes konfessionelle Denken und Handeln als Haut, Schale, Verpackung begreift, in der das Wesentliche enthalten ist: das Über-Weltliche, das über alle Unterschiede Erhabene.

Da aber in der Geschichte die Priester, Philosophen und Politiker jeweils nur ihren begrenzten Blickwinkel zum erstrebenswert „Erhabenen“ ausgerufen haben und ihre Untergebenen machtvoll unwissend gehalten haben, um sie führen zu können, wird die hier gestellte Frage rein theoretisch bleiben. Ein friedvolles Miteinander lässt sich nur erreichen, wenn der „Frieden“ von außen verordnet wird – von dem, der gerade vom Zeitgeist die Zügel in die Hand bekommen hat.

  1. Was muss ich als Einzelner aktiv dafür tun und welchen Beitrag kann ich persönlich dazu leisten, damit das Leben in einer Gemeinschaft funktionieren kann?

Ich muss dem, was nicht zu ändern ist, zuschauen lernen. Es ist in aller Regel das, was von der Natur vorgegeben ist. – Jenes, was zu ändern ist, was künstlich geschaffen ist, muss entlarvt werden. Und ich fange damit an. Ich warte nicht auf andere. Meine Potenz werde ich offenbaren, wohl wissend, dass es um ein Nebeneinander geht, um friedliche Ko-Existenz, nicht um das Durchsetzen von vermeintlich Klügerem oder Wichtigerem. Ich suche die Partnerschaft mit dem, was man „kindlich“ nennt, denn Kinder handeln in ihrer Unschuld vom Herzen her, nicht vom geschulten Verstand. Ich werde also verlernen, eine Lösung durch das Denken zu finden. Ich gehe über die Grenze: a) Ich reise in die Welt, b) Ich schaue überall dem Volk auf´s Maul, c) Ich tanze, singe, esse und trinke mit den Andersartigen, d) Ich lerne die Sprache meiner politischen und kulturellen „Feinde“, e) Ich lese deren „Heilige Bücher“, f) Ich fange bei mir an, das Fremde zu integrieren, g) Ich versuche, meine Feinde, die Andersartigen, meinen Schatten lieben zu lernen. – Ich nehme mich wichtig, ohne mich wichtig zu nehmen. – Ich bin der „Einzelne“, der einzigartig ist – ich erhebe aber keinen Anspruch darauf, dass die Gemeinschaft schließlich nach meinen Vorstellungen „funktionieren“ müsste – ich bin einer der vielen, vielen Diener, die sich „strebend bemühen“.

  1. Wie könnte eine gemeinsame Leitidee, geltend für alle Glaubensrichtungen, aus Sicht des Staates aussehen?

Die Leitidee muss ein ethisches Verhalten über jede Religion stellen. – Die aufgeklärte (!) Bevölkerung wählt einen Ethik-Rat, den Rat der Weisen, der vor Verabschiedung eines von der Legislative vorbereiteten Gesetzes darüber befindet, ob dieses Gesetz höchsten Ansprüchen genügt. Diese „höchsten Ansprüche“ orientieren sich an den Vorgaben, auf die man sich schon verständigt hat, die aber aus machtpolitischen Gründen bisher stets unterwandert wurden: die „Charta der Vereinten Nationen“. – Dieser Ethik-Rat muss aber auch lebendig bleiben, indem er sich damit auseinandersetzt, dass das geschriebene Wort in der „Charta“ immer weniger unterschiedlich interpretiert werden kann, sondern aus der Zusammensetzung aller Wahrheiten zu einer übereinstimmenden Auslegung findet: über alle Veränderungen in Zeit und Raum hinweg.

  1. Welche Synergieeffekte können durch das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen als Wirkfaktor für unser Gesellschaftssystem entstehen?

Grenzen werden generell aufgehoben. Integration der Unterschiede geschieht in zwei Richtungen: Vorhandenes wird mit dem Hinzugekommenen verschmolzen. – Nationales Denken wird nur noch im wertfreien Austausch kultureller Errungenschaften zu finden sein. – Jeder wird begreifen, dass wir alle im Laufe der Zeit schon einmal Flüchtlinge waren: Flüchtlinge vor Beschränkung durch Religionen, Ideologien, politische Gewalt – und dass wir gerade deshalb den Bittenden Zeit, Raum, Brot und vor allem unser Herz schenken. – Eine EIN-Sicht ist vonnöten: Alles hat seine Zeit und gilt genau so lange, als es nicht im Leben sterben muss. Insofern ist der wesentlichste „Synergieeffekt“ die Bereitschaft, ganz bewusst sterben zu lernen  –  und alles loszulassen, was einem in der Angst vor Verlust „heilig“ war. Dann wird es ein TEILEN. Männliches und Weibliches finden zu einer Gleichberechtigung. – Genau dies war nämlich noch nie der Fall. Alle Religionen haben das Männliche gefördert und das Weibliche unterdrückt. – Wer dies als die Ursache allen Übels erkennt, ist auf dem Weg zu einer friedlichen Welt.

Freikarte-Kongress-2016Herzlichst,
Wolfgang Maiworm

Herausgeber und Autor

www.medizinundbewusstsein.de
www.lebens-t-raeume.de

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