Mensch-Sein

Groll & Co. – Warum wir auch negative Gefühle festhalten

EuleGroll & Co.

Wir alle sind Gefühlsjunkies. Dass wir positive Gefühle gerne haben, ist ja nicht weiter überraschend, aber warum wir ebenso an negativen Gefühlen festhalten, ist schon eher fraglich – wieso machen wir das also? Hier 3 Gründe, die mir aufgefallen sind…

1. Identität

Soweit ich es sehen kann, ist die Grundlage unseres Festhaltens an negativen Emotionen, dass sie uns ein Gefühl von Sicherheit und Identität vermitteln. Wir leben in einer unsicheren Welt, in der alles vergänglich ist – es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch unser Körper den Geist aufgibt1. Nachdem wir unsere innerste Natur nicht kennen, suchen wir unsere Identität im Außen. Da dort aber alles im stetigen Wandel ist, müssen wir andauernd um unsere innere Stabilität kämpfen. Also nutzen wir alles, was wir „in unsere Hände bekommen“, um unser Ich darum aufzubauen und darin zu verankern. Gedanken und Emotionen bieten sich dafür besonders gut an, da sie eine so einfach zugängliche Ressource sind. Wir müssen gar nichts machen, Gedanken entstehen einfach so und Gefühle folgen selbständig darauf. Besonders negative Gefühle lassen sich sehr leicht hervorrufen und schüren – also hängen wir ganz besonders an ihnen.

2. Gewohnheit

Selbst wenn wir erkannt haben, dass negative Gefühle uns innerlich nicht gut tun, schaffen wir es doch nicht, sie loszulassen. Wir sind es zu sehr gewohnt, an ihnen festzuhalten. Und damit wir uns dabei nicht all zu blöd vorkommen, reden wir uns ein, dass wir gute Gründe haben, um schlecht gelaunt oder wütend zu sein. Unser ganzes Leben haben wir uns dieses Muster eingeprägt, und es wir uns auch von anderen Menschen stets vorgelebt. Aber es ist an der Zeit, aktiv daran zu arbeiten, diese schlechte Gewohnheit loszuwerden. Und da „einfach loslassen“ meist schwierig ist, kann man schlechte Gewohnheiten auch durch bessere ersetzen bzw. „überschreiben“. Anstatt also negative Gedanken und Gefühle zu beherbergen, üben wir uns darin, positiv zu denken und Mitgefühl zu kultivieren.

Wichtig ist es zu sehen, dass es hierbei nicht darum geht, blauäugig durch das Leben zu gehen. Wir müssen die Realität erkennen, so wie sie ist. Wenn wir dies tun, werden wir aber auch erkennen, dass die Qualität unserer Gedanken und Gefühle eigentlich nichts mit der äußeren Welt zu tun haben. Es ist niemandem geholfen, wenn wir schlecht drauf sind, weil es in der Welt schlecht läuft. Das einzige, was wir damit erreichen werden, sind Magenschmerzen. Nur wenn wir innerlich losgelöst sind, können wir auch äußerlich etwas Positives bewegen.

3. Politik

Neulich ist mir ein interessantes Verhalten aufgefallen. Ich war schlecht gelaunt, habe gegen jemanden Groll gehegt. Natürlich gab es „gute Gründe“ dafür – in meinem Kopf liefen wie immer Gedanken ab darüber, wie es zu meinem Groll kam, warum ich im Recht sei und warum es gut sei, weiterhin am Groll festzuhalten. Dass ich damit hauptsächlich meinen eigenen Tag vermiest habe, war in dem Moment nebensächlich. Als ich dann etwas Abstand von meinen Gefühlen bekam, fiel mir auf, dass ich mich gleich verhielt, wie meine Söhne das öfters tun. Es war ein politischer Schachzug. Ich wollte mit meinem Groll etwas erreichen, nämlich der anderen Person ein schlechtes Gewissen machen, um meine Agenda durchzusetzen.

Wenn wir es genauer betrachten, können wir sehen, dass wir negative Gefühle (seien es Groll, Bitterkeit, Wut,…) sehr oft als Druckmittel verwenden. Aber dabei sind wir die größten Leidtragenden. Und selbst wenn wir unsere Ziele so erreichen, versperrt uns diese negative Denkweise den Weg dazu, den Moment und unser Erreichtes richtig zu genießen. Nein – negative Emotionen und Gedanken einzusetzen würde einer vernünftigen Kosten-Nutzen-Analyse nie standhalten. Nur sind wir die negativen Effekte in uns so gewöhnt und sehen sie meist auch gar nicht, dass wir sie einfach unter den Tisch kehren.

Also, bemühen wir uns, besser positive Gefühle zu kultivieren, auch wenn wir so vielleicht scheinbar weniger oft unsere Ziele durchsetzen werden. Und wer weiss, vielleicht sind unsere Ziele gar nicht so erstrebenswert, wie wir das denken…

Sean


  1. Da fällt mir auf, dass die Redewendung „den Geist aufgeben“ eine sehr schöne ist. Sie zeigt uns klar, was im Tod passiert: Der Körper stirbt und gibt den Geist wieder frei. Das heisst, dass selbst unsere Sprache Hinweise darauf gibt, dass der Geist unsterblich ist und nur vorübergehend im Körper haust.

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