Gesellschaft

Herzensbildung – Lernen für wahres Menschsein – Teil 2

gut-saunstorf-bildungHerzensbildung – Lernen für wahres Menschsein – und ohne Angst
Teil 2

von Johannes Spath

“Tell me and I forget,
teach me and I may remember,
involve me and I learn“
Benjamin Franklin

Ein erfahrener Pädagoge beleuchtet das Bildungssystem mit einer ungewöhnlichen These: Hinter vielen Bemühungen von Lehrern, den Anstrengungen der Schüler und den Sorgen der Eltern versteckt sich Angst. Er skizziert die Vision einer erfüllenden Menschen- und Herzensbildung, die vom Wunsch nach Liebe und Wahrheit geleitet wird und geistlichen Traditionen verpflichtet ist. WAS zu lernen sind wir auf der Welt?
Ein Essay von Johannes Spath

Zu Teil 1 

V Bei Stopp ist Schluss


Wenn wir uns nur anschauen, welche Mühe Eltern und Lehrer in unserem Land allein haben, ihren Kindern Grenzen zu setzen, wird einiges deutlich. Und wenn jemand wirklich einmal authentische Grenzen markiert, erhebt sich schnell ein großes Geschrei. So erging es dem namhaften Konfliktforscher, Ausbilder für Mediation und Buchautor Thomas Grüner.

Mit seiner Forderung nach einem „autoritativen Erziehungsstil“ in unseren Schulen stieß er vielerorts auf Ablehnung; er wurde im Fernsehen angegriffen und auch viele Leser-Rezensionen seines Buches „Bei STOPP ist Schluss“ im Internet klingen vernichtend. Eltern sehen ihre Kinder gefährdet, glauben, Grüner maße sich „absolutistische Macht“ an, würde die Kinder zu angepassten Duckmäusern erziehen wollen.

Kurz: Grüner trifft einen wunden Punkt. Unsere vom Dritten Reich immer noch traumatisierte Gesellschaft verharrt in einem Autoritätskomplex. Sie lehnt Autorität ab – aus Angst vor Missbrauch. Echte und falsche Autorität werden vorsichtshalber gar nicht mehr unterschieden.

Vieles spricht dafür, dass es bei uns einen erschreckenden Verlust von erwachsener Autorität gibt, jener Autorität, die dem Herzen dient. Eltern und Lehrer wollen zwar das Beste für ihre Kinder, können aber nur zuschauen, wie diese zu „kleinen Tyrannen“ werden. Diese Blindheit für echte Herzensautorität führt zu einer großen inneren Schwächung bis hin zum „Burn-out“, ein Prozess, den ich in meinem Lehrerberuf am eigenen Leib erlebt habe. Dass dabei alle Beteiligten in tiefe Angst geraten müssen, ist nicht wirklich verwunderlich.

VI Die Ein-Bildung in Gott

Dabei ist die Bildung mit dem „ersten Bildungsweg“ der Weltaneignung und dem zweiten des Erwachsenwerdens noch nicht einmal abgeschlossen. Denn so sehr ihm äußerlich das Leben gelingen mag, wird auch der gereifte Erwachsene immer noch eine Unzufriedenheit, einen Mangel und eine Sehnsucht in sich spüren. Er leidet. „Wer bin Ich?“, fragt er sich, „Wo komme ich her?, „Wo gehe ich hin?“

Dies ist sein Schrei nach Gott. Und der Mensch wird Gott nicht finden mit Hilfe dessen, was er bisher angesammelt hat. Denn er hat nur gelernt, die Welt und auch sich selbst mit Begriffen zu beschreiben. Er hat gelernt, sich von allem ein Bild zu machen – und eben auch von sich selbst. Das nennt er nun „Ich“. Sein denkender Geist ist angefüllt mit Bildern. Irgendwann dämmert ihn, dass da etwas nicht stimmt, dass das nicht die letzte Wahrheit sein kann, die ihm Frieden bringen könnte.

Das ist die Stunde des „dritten Bildungswegs“. Auf diesem Weg lässt der Mensch alle erlernten Bilder einschließlich seines Selbstbildes wieder los, um zu sehen, was dann übrig bleibt.

Das mag wenigen im Geiste gerade noch eben denkbar und konsequent erscheinen. Aber wer will das schon? Wer will das wirklich?

Wer sich entschließt, wird massiv seiner Angst begegnen – zunächst sicher in vielfältigen Formen der Abwehr. Sie wird sehr glaubhaft behaupten: „Wenn ich alles loslasse, bleibt gar nichts übrig!“ Nichts. Gar nichts.

Die großen geistlichen Lehrer, die Meister der religiösen und spirituellen Traditionen aber lehren allesamt etwas anderes: Es bleibt etwas übrig. Übrig bleiben Wahrheit und Liebe.

Und jetzt? Trauen wir diesen Lehrern? Folgen wir ihnen oder der Angst? Wagen wir das „Bildungsabenteuer“ des dritten Weges? Wenn wir das nötige Vertrauen auf diesem Weg der Entleerung finden, dann kann in zunehmender Aufgabe von Kontrolle und Hingabe an das Unbekannte das geschehen, was der christliche Mystiker Meister Eckhart (1260-1328) die „Ent-bildung“ des Menschen und seine „Ein-bildung in Gott“ nannte.

„Bildung wird in diesem mystischen Verständnis nicht als eine Leistung des Ichs, nicht als ein Ichhaftes Tun, sondern als eine Formung des Göttlichen im Menschen verstanden, als eine Formung aus dem Innersten, aus der Seele des Menschen. Dies ist das uralte mystische Verständnis von Bildung als einem Schöpfungsakt Gottes, in dem Gott sich im Menschen sein eigenes Bild schafft“ so OM C. Parkin in einem Vortrag aus dem Jahr 2004.

So kann der Mensch der werden, der er sein soll; das Wort von der Ebenbildlichkeit Gottes wird zur lebendigen Erfahrung, und die Seele kann endlich Frieden finden.

Es ist letztlich diese Bildung, nach der die Seele eines jeden Menschen im tiefsten dürstet. Sie setzt voraus, dass die ersten beiden Stufen auf dem Bildungsweg durchlaufen wurden. Wenn wir ehrlich mit uns sind, dann werden wir feststellen, dass wir meist irgendwo im ersten Stadium, mit Glück im Zweiten stecken geblieben sind. Angst hat uns immer wieder daran gehindert, weiter zu gehen. Wollen wir da stehen bleiben? Oder sind wir interessiert und wollen wir weiter lernen? Bringen wir den Mut und das Vertrauen auf? Wenn ja, müssen wir in Betracht ziehen, dass unser alter Bildungsbegriff und unser gegenwärtiges Bildungssystem uns dabei nicht viel weiterhelfen können. Beide sind – wie wir gesehen haben – begrenzt. Wir sind auf uns selber gestellt – und wir müssen selbst die Lehrer für uns suchen. Sie sind rar, aber es gibt sie.

johannes-spath-gut-saunstorfZum Autor:
Johannes Spath ist Oberstudienrat für die Fächer ev. Religion und Biologie und mit Engagement seit über 30 Jahren in der „Bildung“ seiner Schüler tätig. Darüber hinaus ist er seit mehr als 15 Jahren Schüler des Weisheitslehrers OM C. Parkin, der ihn u.a. lehrte, die christliche Religion aus einer vertieften inneren Perspektive für sich neu zu entdecken. Auch das Thema „Bildung“ gewann für ihn auf diesem Wege eine ganz neue Brisanz – sowohl für seinen eigenen Lernweg als auch für seine berufliche Praxis.
Er ist auch als Ausbilder für Mediation und im Beirat der Stiftung Gut Saunstorf – Ort der Stille.
Johannes Spath ist verheiratet und lebt in Reinfeld/ Holstein.

>>> mehr Informationen
(c) Texte und Fotos: www.gut-saunstorf.de

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