Gesellschaft

Herzensbildung – Lernen für wahres Menschsein – Teil 1

gut-saunstorf-bildungHerzensbildung – Lernen für wahres Menschsein – und ohne Angst
Teil 1

von Johannes Spath

“Tell me and I forget,
teach me and I may remember,
involve me and I learn“
Benjamin Franklin

Ein erfahrener Pädagoge beleuchtet das Bildungssystem mit einer ungewöhnlichen These: Hinter vielen Bemühungen von Lehrern, den Anstrengungen der Schüler und den Sorgen der Eltern versteckt sich Angst. Er skizziert die Vision einer erfüllenden Menschen- und Herzensbildung, die vom Wunsch nach Liebe und Wahrheit geleitet wird und geistlichen Traditionen verpflichtet ist. WAS zu lernen sind wir auf der Welt?
Ein Essay von Johannes Spath

I Angst als Antreiber

Die westlichen Gesellschaften rutschen in eine Bildungskatastrophe. Denn sie erkennen nicht, was ein Mensch im Leben eigentlich lernen soll und wem seine Bildung in Wahrheit zu dienen hat. Dabei haben wir viel Geld in unsere Schulen gesteckt und die Lehrer unterrichten nach den neuesten Methoden. Aber die Lehrer und Schulen haben Angst. Ihre Mühe, die Schüler zu bilden, entspringt ihrer Angst, ihre Schüler könnten ohne Bildung untergehen in den Kämpfen um Brot und Dach und Job. Wir sprechen also von Überlebensangst, einer Angst, die die westlichen Gesellschaften blind macht für wahres Wissen.

So wird auch die Forderung nach lebenslangem Lernen von der Angst gespeist, unter den ökonomischen Bedingungen des Weltmarkts sonst nicht überleben zu können. Bildung hat sich also der Ökonomie fast vollständig untergeordnet. Bildung ist zur „Ressource“ geworden. Kinder, Jugendliche, Studenten, wir alle lernen beflissen, weil wir befürchten, angesichts des Konkurrenzdrucks auf der Strecke zu bleiben. Apokalyptische Szenarien von Verarmung bis hin zum körperlichen Tod sind paradoxerweise gerade in den Phantasien reicher Wohlstandsgesellschaften lebendig.

Ob wir nun von PISA oder den Forderungen nach Kompetenzorientierung und Teamfähigkeit sprechen – auch die meisten bildungspolitischen Reformanstrengungen werden unbewusst von Angst angetrieben. Dabei sind viele dieser Reformen in sich sehr wertvoll und sogar notwendig. Allein: Das hinter ihnen stehende Motiv korrumpiert ihren Wert – oft bis zur Unkenntlichkeit. Diese leidvolle Erfahrung habe ich als Lehrer selbst vielfach machen müssen: auch jahrzehntelanges Erproben neuester pädagogischer, psychologischer und neurobiologischer Konzepte konnte mich von latenter Unzufriedenheit, dem Mangel an Sinn und Ziel meines Handelns und vor allem von meiner eigenen, unerkannten Angst nicht befreien.

Die gravierendste Folge der Angst ist eine tiefe Selbstvergessenheit, der Verlust von Sinn und Richtung. Erkenntnisfähigkeit, Menschenwürde, Mitgefühl und Freude – gehen verloren. Ein Mensch, der der Angst dient, hat viel Unbrauchbares im Kopf, ein leeres Herz und wenig Kraft für wesentliche Handlungen. Eine „Bildung“, die im tiefsten von solcher Überlebensangst motiviert ist, dient ganz offensichtlich dem falschen Herrn.

Aber was, wenn es in Wahrheit bei der Bildung eines Menschen gar nicht darum ginge, sich im Hamsterrad der Überlebensangst zu quälen?

`Ich lerne, um mein Brot zu verdienen, um zu überleben´, glauben wir das nicht irgendwie alle? Stellen wir uns dieser Frage vorbehaltlos! Vielleicht fühlen wir dann unsere Angst. Aus dieser Ehrlichkeit können wir die Folgen eines solchen angstmotivierten Lernens klarer in ihrer ganzen Dimension sehen.

II Der Mythos vom dummen Menschen

Schauen wir also genauer hin: Wie stellt sich der angstmotivierte Geist „Lernen“ und „Bildung“ vor?
Eine seiner unausgesprochenen, weil überwiegend unbewussten Annahmen, lautet: Eigentlich ist der Mensch von Geburt an dumm und leer und muss deshalb von Lehrern und Erziehern gefüllt und belehrt werden. Sie trauen einem Kind nicht zu, dass Lernen und Bildung aus ihm selbst heraus, aus eigener Motivation geschehen könnte und dass sein Potential eventuell nur geweckt werden will. Dieses – natürlich angstgesteuerte – Misstrauen drückt sich dann aus in Sätzen wie „Von nichts kommt nichts“ oder „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Dem Kind wird dabei gleichzeitig unterstellt, dass es eigentlich gar nicht lernen will und deshalb erhebliche Anstrengungen von außen unternommen werden müssen, um es anzutreiben. Dass der Lehrende damit nur seine eigene Angst unter Kontrolle bringen will, ist ihm selten bewusst.
Diese Vorverurteilung und Geringschätzung kindlichen Lernwillens hat zur Folge, dass ein junger Mensch in unserem Bildungssystem chronisch unterfordert ist. Unterfordert in seinem Wunsch und seiner Fähigkeit, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Unterfordert darin, Wahrheit und Wissen aus eigener Motivation und Erfahrung zu erwerben.

„Tatsächlich hat ein Kind nicht die Kraft, sich zu wehren gegen das, was ihm tagein, tagaus erzählt wird, was es glauben soll. (…) Manche Lehrer sprechen hier von einer ständigen Trance-Induktion. Das Kind übernimmt ungeprüft die Botschaften des Umfeldes, der Eltern, wie des Kollektivs – die ausgesprochenen und die unausgesprochenen“, so der Philosoph und Mystiker OM C. Parkin in seinem Buch „Intelligenz des Erwachens“.
Die folgenschwerste Botschaft, die ein Kind schon mit der Muttermilch aufsaugt, ist diese Idee: Dass es eigentlich dumm und unwissend sei und der Belehrung von außen bedürfe, um überhaupt existieren zu können.

Die Folgen sind tragisch: Brav nimmt das Kind die erwünschte Opferhaltung eines Bildungskonsumenten an. So vergisst es sich selbst und beginnt alsbald seinerseits, der Angst zu dienen. Sein Geist reagiert konsequent und dauerhafter mit Lernunlust und Lernunwilligkeit. Mehr noch. Am Schluss glaubt es selbst, dass der Mensch von Natur aus gar nicht lernen will. Und wird diese „Trance“ später an seine Kinder übermitteln. So werden leidvolle Glaubenssätze wie Staffettenstäbe über Generationen weiter gegeben.

Aber tief drinnen schmerzt etwas in der Seele.

III Lernen aus Begeisterung

Im Film „Alphabet – Angst oder Liebe“ von Erwin Wagenhofer und in dem Buch „ …und ich war nie in der Schule“ berichtet der Musiker und Gitarrenbauer André Stern über eine ungewöhnliche Kindheit und Jugend: Er ist nie zur Schule gegangen. Er wurde auch nicht von Hauslehrern oder seinen Eltern unterrichtet. Er wurde überhaupt nicht belehrt. Er hat nie irgendeine Prüfung abgelegt. Stattdessen haben seine Eltern ihm den Raum und die Freiheit gewährt, seinen eigenen Interessen und Impulsen zu folgen.

Sein Bildungsweg liest sich spannend, inspirierend. Kaum irgendwo wird die Kraft kindlicher Neugier und Begeisterungsfähigkeit, die Dynamik und unbeirrte Zielgerichtetheit kindlichen, besser: menschlichen Forscherdrangs so überzeugend dargestellt! Ich fühlte mich sofort an meine eigene Kindheit und Jugend erinnert: Das für mich Wesentliche habe auch ich nicht in der Schule gelernt. Ob es sich nun um meine Leidenschaft für die Seefahrt, für die Astronomie, für die Musik oder später für moderne Erziehungskonzepte handelte – meine Wissbegier fand ihr Futter außerhalb der Schule, in Zeiten, in denen ich einfach in Ruhe gelassen wurde. Ich erinnere mich gut wie ich im Chemieunterricht – ein Fach, das ich eigentlich mochte – unter dem Tisch A.S. Neills „Antiautoritäre Erziehung“ las. Ähnlich geht es vermutlich vielen Kindern und Jugendlichen, sofern in ihnen ein Rest an natürlicher Lernfreude bewahrt blieb.

Mit diesen Beispielen soll keineswegs der Wert eines staatlichen Schulsystems in Frage gestellt werden – für viele Kinder ist die Schule vermutlich das Beste, was ihnen passieren kann. Aber die Beispiele widerlegen eindeutig das Menschenbild eines angstmotivierten Bildungssystems.

Ein Kind lernt alles, was es will. Aus Neugier und Interesse, ohne Druck, ohne Angst, ohne permanente Belehrung – und das auch unter den ökonomischen Bedingungen unserer Zeit. Zweckfreies Lernen wird dann zur Freude und bildet die Grundlage dafür, die Lernaufgaben eines Erwachsenen zu meistern. Alles, was es braucht, ist Freiraum und Vertrauen.

IV Auf den Lehrer kommt es an

John Hattie, ein bekannter neuseeländischer Bildungsforscher, machte mit der Meta-Studie „Visible Learning“ Furore. Er untersuchte, was in der Schulbildung wirklich wirkt. Das Ergebnis: Auf den Lehrer kommt es an. Aber die Rolle des Erwachsenen für die Bildung junger Menschen ist mehr als die des Vermittlers von Kulturgütern oder „Kompetenzen“. Der Erwachsene konfrontiert mit etwas viel Wesentlicherem – womit?

Das Kind in seinem expansiven Drang, neugierig lernend und forschend die Welt zu erobern, stößt ja früher oder später an eine Grenze. Und diese Grenze ist der Tod. Und der Tod fordert ihn auf, erwachsen zu werden. So wandelt sich das Bildungsziel: ein erfülltes, erwachsenes Leben zu führen – angesichts der eigenen Vergänglichkeit.

Und die Erwachsenen stehen für diese Grenze, für den Tod. Sie müssen Grenzen setzen da, wo das Kind in seinem kindlichen Allmachtsgefühl seine eigene Begrenztheit noch nicht sieht. Sie müssen Führung geben, indem sie den nächsten notwendigen Schritt, den das Kind tun muss, wissen und ihm einen altersgerechten Rahmen dafür geben. Sie muten dem Kind zu, alles zu fühlen, was auf diesem Lernweg zu fühlen ist, und begleiten es darin in Ernsthaftigkeit und Liebe. Sie fordern von ihm Respekt gegenüber ihrer Autorität. Sie geben dem Kind durch ihre Integrität das Vertrauen, dass es gut und erfüllend ist, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen – auch und gerade angesichts des Wissens um den Tod.

V Bei Stopp ist Schluss

Aber wo sind die Erwachsenen und Lehrer, die diese Aufgabe übernehmen? Gibt es die überhaupt? Oder sind die selbst alle Kinder geblieben, die nun – selbst Tod und Vergänglichkeit geflissentlich verleugnend – der Angst und dem materiellen Überleben dienen? Wer steht als Lehrer auf diesem „zweiten Bildungsweg“, dem Weg ins Erwachsensein zur Verfügung? Welcher Erwachsene interessiert sich für die Frage, wie denn ein erfülltes Leben im Angesicht des Todes zu führen ist? Spätestens hier zeigt sich die Begrenztheit unseres herkömmlichen Bildungsbegriffs, die sich auch an unseren Schulen widerspiegelt: Erwachsenwerden wird als Bildungsziel in seiner fundamentalen Bedeutung nicht erkannt und steht infolgedessen nirgendwo im Lehrplan. Es wird stattdessen gehofft, dass das schon irgendwie von selbst geschieht, weil „erwachsen sind wir ja alle geworden“. Das ist ein Irrtum.

Ausblick auf Teil 2

… Und jetzt? Trauen wir diesen Lehrern? Folgen wir ihnen oder der Angst? Wagen wir das „Bildungsabenteuer“ des dritten Weges? Wenn wir das nötige Vertrauen auf diesem Weg der Entleerung finden, dann kann in zunehmender Aufgabe von Kontrolle und Hingabe an das Unbekannte das geschehen, was der …

Teil 2

johannes-spath-gut-saunstorfZum Autor:
Johannes Spath ist Oberstudienrat für die Fächer ev. Religion und Biologie und mit Engagement seit über 30 Jahren in der „Bildung“ seiner Schüler tätig. Darüber hinaus ist er seit mehr als 15 Jahren Schüler des Weisheitslehrers OM C. Parkin, der ihn u.a. lehrte, die christliche Religion aus einer vertieften inneren Perspektive für sich neu zu entdecken. Auch das Thema „Bildung“ gewann für ihn auf diesem Wege eine ganz neue Brisanz – sowohl für seinen eigenen Lernweg als auch für seine berufliche Praxis.
Er ist auch als Ausbilder für Mediation und im Beirat der Stiftung Gut Saunstorf – Ort der Stille.
Johannes Spath ist verheiratet und lebt in Reinfeld/ Holstein.

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(c) Texte und Fotos: www.gut-saunstorf.de

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