Mensch-Sein

Ich brauche Dich (!/?)

7_winter Ich brauche Dich (!/?)

Reflexionen zum Du.Bezug in 5 Akten

Zweifellos ist es gnadenlos entsetzlich, wenn der Mensch über seinen „Gebrauchs.wert“ – wie bei Sachen und Gegenständen – definiert ist. Und doch macht es sehr nachdenklich, wenn für viele Menschen „Alt.sein“ gleichbedeutend ist mit „weniger wert sein“, mit „un.nütz sein“ UND mit „nicht mehr gebraucht werden“ – oftmals geben sie dann die Fahrkarte zum Leben durch einen Akt des Suizids freiwillig zurück. Es macht auch sehr betroffen, wenn ich eine Frau klagen höre: „Er braucht mich ja nicht, er macht ja alles alleine, ich bin Luft für ihn.“

Lebendig sein heißt: in Beziehungen stehen. Beziehungslos.igkeit ist der Tod des Menschen. Und eine der möglichen Beziehungen zum Anderen und zur Welt ist, dass man nötig (und wichtig) ist, dass man uns braucht und auch ge.braucht. Mir wird immer mehr klar, dass Lieben wesentlich auch heißt, sich zu brauchen und sich brauchen zu lassen – aber eben nicht symbiotisch zum puren Ge.brauch und Ver.brauch, sondern als Medium von Beziehungs.freude, von Freiheit und Kreativität im wachsenden Wissen um Anders.sein und Un.verfügbar.keit. Ich brauche Dich – die Geliebte, der Geliebte macht sich schutz.los, und beide gestehen, dass sie ohne einander nicht leben wollen und können. Ich meine, es ist größtes Vertrauen, das Liebende einander schenken können, wenn sie ihre (vermeintliche) Un.abhängig.keit und die eigene Autarkie aufgeben und sich in die Liebe des anderen flüchten. Und ich meine forciert: die Kälte des Lebens ist da hereingebrochen, wo man einander sagt: Ich brauche Dich nicht mehr!

Akt 1 Eine Geschichte

Bevor ich das Thema näher anleuchte, mag ich erst mal eine Geschichte erzählen, in die an ein paar Stellen durchaus auto.biographische Linien integriert erscheinen:

Er ist Mit.sechziger und erlebt auf hoher See seine Wieder.geburt durch den Anderen.

Dies ereignete sich inmitten von tiefster Trauer und Verzweiflung. Bernis Frau war, wenig jünger als er, an Krebs gestorben. Die beiden Kinder studierten auswärts. Berni flüchtete wild und geradezu un.bändig in seine Arbeit. Die abendliche Einsam.keit war grausam und un.erträglich. Er litt an einer schweren reaktiven Depression. Psychopharmaka milderten zwar die Antriebslos.igkeit und hellten die Stimmung während des Tages etwas auf, aber sie vermochten die Ursachen seines Herze.leids nicht zu beseitigen.

In dieser Situation riet ihm sein kluger Hausarzt, eine Kreuzfahrt zu machen, um sich abzulenken. Doch auch hier auf dem Schiff kapselte sich Berni von den anderen ab und verblieb in seiner Alleinsam.keit. Seine Sozio.phobie, die Angst vor den Anderen, lähmte ihn. Und da geschah es:

Am Tisch saß eine ungefähr gleichaltrige Frau, Damenboutiquebesitzerin und Yogina, zierlich, aber auch energisch und lebens.froh. Nennen wir sie Martina. Sie bat um einen Tanz, was Berni nicht ablehnen konnte – sie tanzte ruhig, ohne ein Wort zu sagen. Berni merkte, dass er das genoss, zumal sie sich so weich anfühlte und angenehm nach einem dezenten Parfum roch.

Bei einer Pause auf Deck – die Luft war warm, die Steren funkelten an einem wolken.losen Himmel – brach alles aus Berni heraus und er erzählte vom Tod seiner Frau, von dem langen Krankenlager, den Heilungs.bemühungen, von der Bestattung und seiner zweijährigen Einsam.keit. Einige Stunden sprach er, und Martina hörte einfach nur zu, während sie während der ganzen Zeit ihren Arm um Berni legte. Als er weinte, streichelte sie ihn und wischte mit ihrem Taschentuch die Tränen ab. Obwohl so viel Trauer in Berni war, fühlte er sich irgendwie selig und wie ein Kind geborgen. Und als sie vorschlug, die Nacht bei ihm zu bleiben und ihn zu beschützen, und fragte, ob ihm das recht sei, nickte er bestätigend – sexuell passierte überhaupt nichts, sie hielten sich nur fest umschlungen, und auch Martina erzählte von ihrer traumatisierenden Ehe und Scheidung, und jetzt durfte Berni sie trösten … Heute sind die beiden verheiratet und tragen das Geheimnis dieser köstlichen ersten Nacht un.auslösch.lich in ihrem Herzen.

> … da wurden un.ausgesprochene Signale des „Ich brauche Dich“ ausgesandt

> … da erlebte einer zutiefst die Wirklich.keit des chinesischen Sprichworts: „Ein Mensch allein ist noch kein Mensch“

> … da fällt mir spontan der herrlich.be.rührende Vers von Rainer Maria Rilke ein: „Darin besteht die Liebe: dass sich zwei Einsame beschützen und berühren und mit.einander reden“

> … da bewahrheitet sich auch meine Philosophie, die keine des puren Selbst.bewusstseins ist, sondern dies ausdrücken will: Das in Wahrheit Mensch.liche und Geistige ist nicht das Zu.sich.(selbst)Kommen, sondern eigentlich das Aus.sich.Heraustreten, das Zum.Anderen.Kommen, was ich mit Viktor E. Frankl Selbst.transzendenz nenne, die wert.vollste aller menschlichen Fähigkeiten.

Wo begegne ich dem Anderen?

Eigentlich überall.

Und da mag einem jeden dann der Mut zuwachsen, dem Anderen zu sagen: „Ich brauche Dich“ – und dies hieße auch, die Auf.gabe und die Chance wahrzunehmen, vom Ego.zentriker zum Allo.zentriker (griech. ho allos – der Andere) zu werden, d.h. sich liebend an Andere zu binden und Andere liebend an sich binden zu können. Wer sich im Alltag und im Eros an Andere bindet, der befreit sich von der Einsam.keit der eigenen Ego.zentrik, trotz der un.aufhebbaren Differenz in der Ich.werdung, die letztlich geschieht in der Verantwortlich.keit für den Anderen. So würde dann einer werden (dürfen): ein Ver.bundener und Ver.bündeter mit Anderen. Die „Stärke“ dessen, der „am mächtigsten allein“ ist, ist eher eine tödliche Stärke, sie ist eine Herrschafts.stärke, die etwas ausrichtet, aber nichts gebiert. Niemanden zu brauchen und sich nie brauchen zu lassen, ist aus meiner Sicht Lebens.geiz, nicht Lebens.reichtum.

winter_5_HSC Akt 2 Angewiesen.heit – wider Autonomie und Autarkie

Es soll aber doch Menschen geben, die – autonom.autark.selbst.bestimmt, wie sie zu sein vorgeben – es tatsächlich für ein Zeichen von Stärke halten, niemanden zu brauchen, und die dem chinesischen Sprichwort hartnäckig Paroli bieten: „Ein Mensch allein ist noch kein Mensch.“

Mir erscheint es aber als selbst.herrliche Arroganz und Un.kultur zu glauben, sich selbst zu genügen, sich nur auf sich selbst verlassen zu können, die Sehnsucht nach Bindung, nach Nähe und Zärtlichkeit unter.drücken zu sollen, es nicht nötig zu haben, mit anderen zu sprechen, sie zu sehen, sie zu berühren, ihnen das Gefühl zu geben (und es erwidert zu bekommen), dazu zu gehören.

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