Mensch-Sein

Ich will es nicht wissen

Wie_oben_so_unten_1Unser Ich und unsere Gemeinschaften basieren darauf, gewisse Tatsachen nicht wahrhaben zu wollen

Wenn ich von etwas weiß dass es wahr ist, will es aber nicht wahrhaben, dann ist das eine Verleugnung. Ist das Verleugnete nicht nur aus dem Fokus des aktuellen Bewusstseins verschwunden, sondern kaum mehr erinnerbar, dann ist es verdrängt (Sigmund Freud prägte diesen Begriff). Das Verleugnete, Negierte ist dann ausgeblendet, der Lichtkegel des Bewusstseins führt nun nicht mehr dort hin. Dauerhaft ausgeblendete, verdrängte Bereiche von einem selbst nennt man blinde Flecken. Über diese Lücken in meinem Bewusstsein wissen andere mehr, ich will es nicht wissen. Dieser Wille kann mich schützen vor etwas psychisch Unerträglichem, er kann aber auch seelische Entwicklung verhindern. Ziel der spirituellen Entwicklung, der Reifung des Menschen ist immer, sich auch die ausblendeten Seiten ansehen zu können, sie zu integrieren und so ganz zu werden.

Etwas wahrhaben oder nicht wahrhaben zu wollen, setzt voraus, dass man weiß was wahr ist. Dann erst kann man jemand bezichtigen, etwas nicht wahrhabenzu wollen, etwas zu verleugnen, zu verdrängen oder an einer bestimmten Stelle einen blinden Fleck zu haben.

Der heutzutage so populäre Subjektivismus sagt: Wir erschaffen uns je unsere eigene Welt. Wenn du etwas anderes wahrnimmst (für Wahrheit hältst) als ich, heißt das einfach, du bist ein anderer Mensch als ich und lebst folglich in einer anderen, eben der von dir wahrgenommenen Welt. Wir sind ja nicht gleich, wir sind nicht dieselben. Wir sind sehr verschiedene Menschen und nehmen deshalb auch ganz unterschiedliche Welten wahr.

Hat es den Gulag gegeben?
Den Holocaust?
Alles nur eine Folge davon,
wer gerade hinschaut?

Ein Leben ganz ohne Außenwelt, jeder in seiner Taucherglocke des jeweils individuell ganz anders Wahrgenommenen, damit kann ich mich jedoch nicht abfinden. Hat es den Gulag gegeben? Den Holocaust? Alles nur eine Folge davon, wer gerade hinschaut? Das kann es wohl nicht sein. Solchem Subjektivismus jedenfalls hänge ich nicht an. Ich weiß dass jeder von uns die Welt sehr verschieden wahrnimmt, weil wir Menschen sehr verschieden sind, mit sehr verschiedenen Biografien, Prioritäten des zu Beachtenden, mit sehr verschiedenen Filtern der Wahrnehmung und Erinnerungen und sehr verschiedenen Brillen, durch die wir die Welt betrachten. Aber wir sind keine Inseln, keine Autisten, keine Monaden im Universum, und wir leben nicht in verschiedenen Taucherglocken ohne Funkkontakt untereinander im Ozean eines unergründlichen Ganzen.

Zusammenhalt durch gemeinsame Illusionen

Die Wahrheit, das ist die als objektiv vorhanden postulierte Außenwelt, deren objektiver Tatsächlichkeit wir uns annähern können. Wir nehmen sie anders wahr, jeder von uns, aber nicht völlig anders. Wir sind subjektiv und dürfen das auch sein, aber die Annäherung an eine Einigung über eine Außenwelt, die du so wahrnimmst wie ich, die sogar meine Feinde so ähnlich wahrnehmen wie meine Freunde, das bleibt für mich ein hohes Ziel jeder Kommunikation, Ethik und Politik. Ob ein Sathya Sai Baba Gegenstände materialisiert oder dies nur vortäuscht (siehe die Schilderung von Conny Larsson auf den Seiten 26–29), bleibt für mich ein relevanter Unterschied, den bloß auf verschiedene Blickwinkel und subjektiv hinaus projezierte Welten zurückzuführen mir nicht genügt. Ob jemand mich belogen hat oder selbst getäuscht wurde, macht für mich einen großen Unterschied aus. Ob jemand vom Holocaust wusste und diesen leugnete oder tatsächlich nichts davon wusste, macht für mich einen großen Unterschied aus, und auch all die feinen Unterschiede zwischen gar nichts wissen, nichts weiteres wissen wollen, etwas wissen, es aber nicht sagen, es wissen und etwas Falsches sagen, also lügen, alles das sind bedeutsame Unterschiede. Dem populären, dies alles verwischenden Subjektivismus kann ich mich nicht anschließen.

Dennoch ist mir bewusst, dass Gesellschaften, Kulturen, Subkulturen, Szenen, Zirkel und Sekten Kollektive sind, die innerhalb des Kollektivs ähnliches verleugnen und für wahr halten, ähnliche blinde Flecken haben und ähnliche Wahrnehmungsfilter. Das bindet sie, das schafft Harmonie nach innen und Verteidigungsbereitschaft nach außen, das gibt ihnen Identität. Das ermöglicht überhaupt erst eine verständnisvolle, innige Kommunikation innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft oder Sozietät. Ohne ein Mindestmaß an Ähnlichkeit der Wahrnehmungsfilter kann kein Kollektiv bestehen.

Meditation_1a_A_Sommer_2010Wunder der Kommunikation

Das kleinste Kollektiv ist das Paar. Wie kann sich ein Paar untereinander verstehen? Wo doch die Frauen von der Venus und die Männer vom Mars stammen und je zwei Menschen so verschiedene Biografien haben, so verschiedene Eltern und Prägungen in ihrer Kindheit! Es ist ein Rätsel und ein Wunder. Nach all den Erfahrungen über gescheiterte Kommunikation in der Politik, in der Wirtschaft, in der Gemeinschaft, der Familie und der Paarbeziehung, habe ich meine Einstellung geändert und sage mir nun: Es ist ein Wunder, wenn Kommunikation gelingt! Seien wir glücklich über diese Wunder; immer mal wieder geschehen sie, inmitten all der Möglichkeiten, sich auch misszuverstehen.

Ja, manchmal gelingt Kommunikation. Oder ist das nur eine Täuschung? Eine Kommunikation halten wir doch erst dann für gelungen, wenn weitere Kommunikationsvorgänge uns bestätigen, dass der erste eine Verständigung war, kein Missverständnis. Also ist auch das mögicherweise ein sich selbst bestätigendes System, eine Wolke der Illusion, der wir nur immer weitere, bestätigende Nebelschwaden hinzufügen? Kann sein.

Der Optimist in mir aber hofft und glaubt, dass es nicht so ist. Mit all meinem Zweifel und meiner Skepsis sage ich mir: Wenn mit all diesen Zweifeln an der menschlichen Fähigkeit von der Welt etwas wahrzunehmen, es mir immer noch so scheint, als gäbe es eine Sonne und eine Erde, Mitmenschen, Tiere und Pflanzen, den Boden unter meinen Füßen und jedes Jahr wieder einen Frühling, dann muss da doch auch etwas dran sein! Ich glaube, dass es das alles gibt! So lange, bis mir diese Theorie von einer gemeinsamen, tatsächlich vorhandenen Wirklichkeit, widerlegt wird. Erst wenn es in einem März in Deutschland mal keine Anzeichen eines Frühlings mehr gibt oder die Gravitation mich mal nicht mehr auf dem Boden hält, wird dieser Glaube erschüttert sein, und ich werde wissen, dass ich mich hierin getäuscht habe.

Paargeschichten

Sie hat eine andere Geschichte in Erinnerung über unseren gemeinsamen Urlaub als ich.
Aber wir waren dort doch zusammen!

Zurück zum Paar. Sie hat eine andere Geschichte in Erinnerung über unseren gemeinsamen Urlaub als ich. Aber wir waren dort doch zusammen! Ja, jeder mit seinen Augen. Paargeschichten und die Unterschiede in der Darstellung des Erlebten sind exzellente Beispiele für die Interaktion verschiedener Selbst-, Fremd- und Weltbilder. Sogar einander Liebende erzählen verschiedene Geschichten von einem gemeinsam erlebten Ereignis. Wie viel größer müssen die Unterschiede sein zwischen Völkern, die einander begegnet sind, ohne einander zu lieben! Diese riesigen Kollektive, die sich oft nicht einmal freundlich gesonnen sind. Die Griechen und die Türken auf den beiden Seiten der Ägäis; oder auch die Geschichte Ostasiens im 20. Jhd. aus japanischer und aus chinesischer Sicht, das sind jeweils zwei sehr verschiedene Geschichten. Leugnen die Japaner die Barbarei ihrer Besatzerzeit in China? Offenbar ja. Aber auch dieses anscheinend Offenbare setzt eine Einigung voraus über das, was wirklich geschehen ist. Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben, den jeweils Neuen an der Macht. So wird es immer neue Feststellungen geben über das, was verleugnet wurde, je nachdem, wer gerade an der Macht ist, das ist in der Politik nicht anders als im Privaten.

Die Macht des Schnitts

Der Film wird im Schnitt gemacht, sagen die Cutter,
aber auch die Schauspieler und Regisseure wissen es:
Im Schnitt stirbt jeder!

Nehmen wir die Geschichte einer Beziehung: Sie hat einen neuen Partner und stellt das mit ihrem Ex Erlebte nun ganz anders dar als damals, als die Beziehung noch Gegenwart war. Einige Ereignisse verschwinden völlig aus der Darstellung, vielleicht auch aus dem Bewusstsein, andere erreichen Prominenz und werden als typisch erklärt. Man legt sich eine neues Selbstbild zu, eine neue Biografie, die besser zu den aktuellen Bedürfnissen passt. Vielleicht muss man dazu nicht einmal lügen, die Auswahl allein genügt meist schon. Der Film wird im Schnitt gemacht, sagen nicht nur die Cutter, auch die Schauspieler und Regisseure wissen es und sagen deshalb, mit dem ihnen eigenen Zynismus: Im Schnitt stirbt jeder! Ist eine Beziehung zuende, wird ein neuer Schnitt des gespeicherten Materials hergestellt. Was nicht schwer ist, denn hier hat man ja nicht nur die fünf- oder zehnfache Menge an aufgenommenem Material gegenüber der vorgesehenen Sendezeit (man publiziert ja sein Selbstbild in den je eigenen Kreisen), sondern die millionenfache. Umso mächtiger ist hier die zensierende, wirklichkeitsgestaltende Macht des Schnitts.

Verleugnet er nun das Glück, das er mit seiner Ex erlebte, weil er sich mit der Neuen gut fühlen will? Oder verleugnet er das Unglück, das er mit seiner jetzigen Gefährtin schon erlebt hat, um es weiter mit ihr aushalten zu können, weil er weiter mit ihr zusammen bleiben will? Wir gestalten unsere Identität, unsere Selbst-, Fremd- und Weltbilder durch die Schnitte in unserer Erinnerung und unserem Bewusstsein. Dieses Cutting, diese Schnitttätigkeit hat sehr viel mit unseren Bedürfnissen zu tun und oft sehr wenig mit dem, was tatsächlich war. War etwas selten, oft oder nie? War es (ist es) typisch oder untypisch? Alles das bestimmt der Schnitt.

Wie viel Wahrheit kann ich zulassen?

Das Ego ist eine wandelnde Schuldzuweisung, sagte ich mir einmal nach einem besonders frustrierenden Konflikt. Ein Mensch sagt ich – der oder die bin ich und Das habe ich gemacht, je nachdem wofür er oder sie Verantwortung übernehmen will. Normal ist es, für das Unglück im eigenen Leben die Ursache außerhalb des Ich zu sehen (die Wirtschaft, der Partner, das Wetter, der Straßenverkehr…) für das Glück jedoch innerhalb: Das ist mir passiert, weil ich so gut, so intelligent, so aufmerksam, treu oder sonstwie tugendhaft bin. Tut gut, das so zu sehen. Ist vielleicht sogar nötig, das immerhin ein bisschen so zu sehen, sonst rutscht man ab in die Depression. An allem erfahrenen Unglück sich immer nur selbst die Schuld zu geben, wer hält das schon aus? Dazu müsste man schon ein spiritueller Musterschüler sein, der ohne Ego leben und die Erleuchtung erlangen will. Die Psychologie jedenfalls sagt: Ein robustes Ego ist eine gute Überlebenshilfe. Immer nur so viel an Wahrheit zulassen, wie man auch psychisch verkraften kann; nicht zu viele blinde Flecken auf einmal beseitigen wollen, das ist gewiss keine schlechte Devise.

Lücke im Weltbild

Tröstlich finde ich, dass die Biologie das alles erklären kann. Die Netzhaut des Auges bildet ab, was wir von der Welt sehen. Jedes der Zäpfchen und Stäbchen dort leitet einen winzigen Teil des Wahrgenommenen in einem Nervenstrang weiter ans Gehirn. Nur dort, wo diese Stränge alle zusammenlaufen, kann kein Bild ans Gehirn weitergegeben werden, denn dort sind keine Rezeptoren, nur Nervenstränge. Ergibt das eine Lücke in unserem Weltbild? Zunächst ja, aber das Gehirn füllt diese Lücke umgehend mit den Farben und Formen, die es in der Umgebung der Lücke wahrgenommen hat. Das geht so schnell, dass wir einer Lücke gar nicht gewahr werden.

Ein Menschlein in der Menge, in der Fußgängerzone einer Großstadt, ein Ich. Es nimmt alle anderen um sich herum wahr, aber sich selbst nicht. Keiner kann sich selbst sehen; es kann ja auch keine Kamera ein Bild von sich selbst machen (auch mit einem Spiegel nimmt man nur das Spiegelbild wahr). Dieses Menschlein hat also eine Lücke in seinem Weltbild, genau dort, wo es selbst ist. Mit einer Lücke aber wollen wir, können wir nicht leben (die Lateiner nannten es den horror vacui), wir füllen diese Lücke also durch das, was um uns herum ist: Da sind andere Menschlein um mich herum; dann bin wohl auch ich so einer, und die Lücke ist gefüllt.

Du bist grün!

Es gibt noch andere Arten, diese Lücke zu füllen. Wenn ich nicht weiß wer ich bin (Wer weiß das schon?) und jemand sagt mir Du bist grün!, dann halte ich mich erstmal für grün. Vor allem dann, wenn alle zu mir sagen Du bist grün! Viele deutsche Juden in den 30er Jahren wussten gar nicht, dass sie Juden waren. Sie waren Deutsche und fühlten sich so. Sie waren nicht religiös, feierten Weihnachten wie alle anderen Deutschen auch und sahen aus wie Deutsche. Erst der Rassismus der Nazis hat sie zu Juden gemacht.

Solche ausgrenzenden Definitionen müssen jedoch keine negativen sein. Den Dalai Lama hat die tibetische Tradition zum Dalai Lama gemacht durch eine ganz spezifische Auswahl und die darauf folgende Erziehung. Ein indischer Brahmane oder ein europäischer Adeliger sind Ausgrenzungen, die den so Auserwählten eine Menge Vorteile bringen.

Die Heiligen

In den katholischen Ländern wird die Jungfrau Maria als Mutter Gottes verehrt und prägt ein Ideal von Weiblichkeit. Sie ist doch eine Frau, hat sie ihre Tage? Unvorstellbar. Sie hat auch keine Klitoris und gewiss kein Arschloch (Was macht sie nur mit dem, was sie gegessen hat und nicht verdauen kann?). Sie ist eine irreale Figur, ein Mythos, ebenso wie Padre Pio, der heute populärste Heilige Italiens, der den Wundmalen Christi, die seine Fans so sehr begeisterten, mit Phenol nachgeholfen haben soll (berichtete die FAZ vom 26.10.2007).

Sathya Sai Baba als Inkarnation Gottes ist in ähnlicher Weise ein Mythos, aber in diesem Falle einer, mit dem ein lebender Mensch zu spielen und ihn für sich zu nutzen weiß. Er nutzt den Mythos für seine pädophilen Bedürfnisse. Ein ganzes Kollektiv, eine ganz eigene Gesellschaft um ihn herum (die SSO, Satya Sai Organisation) ist eng verflochten mit der indischen Gesellschaft und hat weltweit Filialen, sie macht diesen Schwindel mit und unterstützt ihn.

Schwindel?

Die SSO ist doch eine Sekte! Machtmissbrauch, sexueller Missbrauch, Korruption und Lügen, das kennt man doch von den Sekten! Wer so denkt, sitzt in der Regel selbst in einem Glashaus und wirft mit Steinen. Das gilt vor allem für die Kirchen, denen die Themen sexueller Missbrauch unter dem Mäntelchen eines Heiligen Amtes, Korruption und Lügen nicht fremd sind. Aber auch nationale Regierungen, Staaten und wirtschaftliche Organisationen haben ein Selbst- und Weltbild, das in der Regel mehr oder weniger auf Verleugnung basiert. Die Unterschiede sind nur quantitatv: Die einen verleugnen mehr, die anderen weniger. Eine Organisation oder einen Menschen ohne Weltbild gibt es nicht, und da kein Weltbild die ganze Welt in ihrer Fülle und Komplexität erfassen kann – man kann ja nicht mal einen einzigen Menschen in seiner Fülle und Komplexität ganz erfassen – blendet jedes Welt-, Fremd- und Selbstbild etwas aus. Die Frage ist jeweils nur: Wie viel wird ausgeblendet, und wie wesentlich ist das Ausgeblendete.

1_Diverses_15102011Die Persistenz des Tunnelblicks

Diese Beobachtung will jedoch keine Übeltaten relativieren, sondern ich will damit den allgemein menschlichen, psychischen Vorgang der Verleugnung erhellen. Unsere Aufmerksamkeit ist lenkbar. Wir lenken sie immer auf das, was wir gerade für am Wichtigsten halten: Wir konzentrieren uns. Diese Fähigkeit wird überwiegend als positiv eingeschätzt. Sie kann allerdings zur Persistenz des Tunnelblicks führen: Links und rechts des Fokus nehmen wir dann nichts mehr wahr. Wenn Sai Baba vor unseren Augen Uhren materialisiert sind wir so gebannt von seiner Aura, dass wir das so wenig sehen, wie wenn uns ein Zauberkünstler hinters Licht führt, nur: Sai Baba maßt sich an, er könne das, weil er Gott ist (und du nicht!); der Zauberkünstler hingegen leugnet nicht, dass er Tricks anwendet. Und auch die Kundalini-Erweckung eines Sai Baba ist niederträchtig: Sie trachtet (jedenfalls im Sinne der indischen höher/niedriger-Philosophie, die übrigens nicht die meine ist) nach dem Niederen: Sex. Der Guru will Sex, er masturbiert die Jungs, aber er tut so, als sei es das Höchste, das Heilige, eine Berührung von Gott selbst.

Bittere Erkenntnis

Ein halbes Leben lang für den Kommunismus
zu kämpfen und zu dann zu entdecken,
dass Stalin nicht etwa der kommunistischen
Gesellschaft den Weg bereitet hat, das ist bitter

Sein Leben in Hingabe an Sai Baba zu verbringen und dann zu entdecken, dass er ein Betrüger ist, so wie Conny Larsson das erlebte, das ist bitter. Dem schönen Schein eines Gurus aufgesessen zu sein, ist aber keineswegs die einzige Art der Lebenslüge: Vierzig Jahre lang Priester sein, sich mit dem Zölibat herumquälen, sich ständig vom Teufel versucht fühlen und dann entdecken, dass Gott das nicht so gemeint hat, auch das kann bitter sein. Oder ein halbes Leben lang für den Kommunismus zu kämpfen und dann zu entdecken, dass Stalin nicht etwa der kommunistischen Gesellschaft den Weg bereitet hat, sondern nur sein eigenes Terrorregime aufgebaut hat, mit mehr als zwanzig Millionen Opfern, das ist bitter. Für etliche italienische, französische und deutsche Kommunisten hat das Erwachen aus dieser Verdrängung der Schattenseiten des Sozialismus qualvolle lange Jahre gedauert. Nun zu wissen: Ich habe so viele Jahre meines Lebens vergeudet für ein falsches Ziel, das ist bitter. Aber wir lernen, das ist der Trost. Und hoffentlich dauert es das nächste Mal nicht so lange!

Das positive Denken

Auch das positive Denken hat mit Verleugnung zu tun, sagen seine Kritiker. Setze die rosarote Brille auf, und du siehst: Die Welt ist schön! Kein Leiden mehr und kein Elend, denn Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters; wenn du nur schön genug hinaus blickst, ist auch das Angesehene schön. Wie so oft, spielt wohl auch hier das richtige Ausmaß die entscheidende Rolle, die Dosierung, die zwischen Gift und Heilmittel den Unterschied ausmacht. Nur das Elend in der Welt zu sehen, die Probleme da draußen und auch hier drinnen, bei mir, macht pessimistisch und unglücklich. Das kann so weit gehen, dass ein solcher Mensch mit seinem düsteren Blick keinem mehr helfen kann, auch wenn doch gerade er das können müsste, er, der die Probleme sieht! Wer nur Positives sieht, kann natürlich ebenso wenig helfen, für ihn gibt es ja gar kein Elend.

LiebesschloesserGlückbringende Lebenslügen

Lebenslügen können auch glücklich machen, ohne irgend jemandem zu schaden. Nehmen wir einmal an, du, meine Lebenspartnerin, und ich, wir halten uns für das verkannte Prinzenpaar des Universums, die Reinkarnation von Inanna und Dumuzi oder Echnaton und Nofretete. Wir wissen, dass wir dies noch geheim halten müssen, weil die Welt noch nicht reif dafür ist, sie ist in ihrer Bewusstseinsentwicklung einfach noch nicht so weit, in diesen wirren Zeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Das glauben wir bis zu unserem Tod (denn die Zeiten, die werden einfach nicht reif), und wir sind glücklich damit, denn wir sind ja was ganz Besonderes! Das wäre ein Beispiel für eine objektive Lebenslüge, die funktioniert, und gegen die ethisch nichts einzuwenden ist.

Es gibt noch viele andere Lebenslügen, die ziemlich gut funktionieren. Zum Beispiel halten mehr als eine Milliarde Menschen Mohammed für den letzten Propheten Gottes. Das ist ein etwas größeres Kollektiv als das eben genannte Paar, aber es funktioniert im Prinzip genauso. So lange keiner in dieser Gemeinschaft (der Umma des Islam) an den diese Gemeinschaft konstituierenden Thesen (von außen gesehen sind es Lebenslügen) zweifelt, gibt es innerhalb dieser Gemeinschaft hierber keine Konflikte. Konflikte gibt es erst, wenn einer etwa sagt: Es gibt auch nach Mohammed noch weitere Propheten Gottes; ich zum Beispiel bin ein solcher!

Spekulation auf steigende Werte

Zur Zeit kollabieren weltweit die Banken, die sich verspekuliert haben. Wenn es schlimm kommt, reißen sie die ganze Weltwirtschaft mit hinein in ihre Krise, mit Verteilungskämpfen um Wasser, Öl, Nahrungsmittel und andere Rohstoffe. Jede Verspekulierung ist auch eine Verdrängung oder Verleugnung von Schwächen und Risiken: Ein Kreditnehmer kann pleite gehen; Aktienwerte können abstürzen; Rohstoffe, auf die man gesetzt hat, können im Preis fallen.

Solche Ausblendungen von Risiken in der Wertentwicklung kann man auch bei der Entwicklung der Kunstwerte beobachten. In den vergangen Jahren sind die bei Auktionen erzielten Preise für Kunstobjekte in Höhen gestiegen, die man vorher kaum für möglich hielt (ein extremes Beispiel dafür ist Damien Hirst). Das sind keine realen Werte, denn mit diesen Kunstobjekten kann sich keiner sattessen; man kann damit auch nicht heizen oder sich kleiden und mit ihnen auch sonst kaum einen direkten wirtschaftlichen Nutzen erzielen. Nicht einmal, weil sie etwa schön wären, sind sie teuer, sondern nur, weil man vermutet, dass sie bald noch teurer werden.

Weltwirtschaft in Trance

Auch unsere Weltwirtschaft als Ganzes lebt von der Verleugnung. Jeder weiss, dass diese Wirtschaft unseren Biotop ruiniert: die Überfischung der Meere, die Abholzung der Regenwälder, der CO2-Ausstoß unserer Transportmittel, die Ökobilanz unserer Fleischwirtschaft, alles das ist hinreichend bekannt. Dennoch fließt dieses Wissen nur minimal in das Handeln der diese Wirtschaft bestimmenden Akteure ein. Sie sind wie in Trance, sie machen einfach weiter, wie ein Junkie, der um die Wirkung seiner Droge weiss und sich dennoch täglich wieder eine Ladung davon gibt. Die Endlichkeit der Ressourcen, der Verfall des Biotops, die Vermüllung der Ozeane und Landflächen, die Verwüstung der Trockengebiete, die Verknappung von Trinkwasser, es wird ausgeblendet, man will es nicht wissen. Al Gore konnte durch seine gewaltige, weltumspannende, jahrelange PR-Arbeit (An inconvenient truth) eine einzige dieser Wahrheit, den Treibhauseffekt, aus der Verdrängung holen. Nun spricht man überall vom Abschmelzen der Pole und Ansteigen des Meeresspiegels, die anderen Wahrheiten (Übervölkerung, Überfischung, Atommülllagerung usw.) bleiben weiterhin in der Verdrängung: Wir wollen es nicht wissen, sonst müssten wir ja unser Leben ändern, und das ist dann doch ein bisschen zu viel verlangt.

Das erste Opfer ist die Wahrheit

Kulturen und Gesellschaften sind,
insofern sie nicht nur wirtschaftliche,
sondern auch geistige Gebilde sind, im Wesentlichen Fürwahrhaltungsgemeinschaften

Das erste Opfer in einem Krieg ist immer die Wahrheit, sagt man, denn sobald die Parteien beginnen zu kämpfen, belügen sie die Welt mit ihrer selbstgerechten Darstellung der Ereignisse. Man sagt aber auch (mit Heraklit): Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Dann kann es in Wahrheit keine Dinge geben, denn die Wahrheit ist ja bei der Zeugung geopfert worden! Weniger überspitzt gesagt: Bei Konflikten und Trennungen gibt es immer sehr verschiedene Weltbilder, noch viel mehr als sonst, und die Gegenseiten werfen einander Verleugnung vor.

Kulturen und Gesellschaften sind, insofern sie nicht nur wirtschaftliche, sondern auch geistige Gebilde sind, im Wesentlichen Fürwahrhaltungsgemeinschaften. Das heißt: Sie halten dieselben Behauptungen für wahr und verleugnen dieselben Wahrheiten. Ob religiös oder nicht, sie sind Glaubensgemeinschaften. Ihr gemeinsamer Glaube macht ihren Zusammenhalt aus. Das gilt auch für die Weltwirtschaftsgemeinschaft und ihren Glauben an das Geld (der gerade in eine schwere Krise geraten ist).

Erst in der Meditation, im Eintauchen in die mystische Wahrnehmung werden diese Glaubenstrancen verlassen. Erst der Meditierende, der unvoreingenommen Wahrnehmende erkennt, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Das Ich hängt mit dem Ganzen zusammen und alles untereinander. Kein Ding, kein Mensch, kein Ich ist eine Insel.

Aus dem Heft connection spirit November 2008
(c) Wolf Schneider

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