Mensch-Sein

Innere Anteile

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Liebe Leser,
gestern fuhr ich durch den morgendlichen Sonnenschein zu einem Seminar, auf das ich mich wirklich freute. Ich hatte genügend Anmeldungen, alles eingekauft, ich lag gut in der Zeit, das Leben war wunderbar. Und doch, irgendetwas nagte an mir. Ich tastete nach meinen unangenehmen Gefühlen wie man mit der Zunge ein Loch im Zahn erspürt und da fand ich es:
Ich hatte mich morgens auf die Waage gestellt. Und die Zahl hatte mir nicht gefallen.
Nun, ich kenne mich ganz gut mit mir selbst aus. Es bringt mir nichts, „in Frieden mit meinem Gewicht zu kommen“ oder „mich dennoch zu lieben“.

Ich liebe mich ja. Aber es fühlt sich einfach nicht gut an, zuviel Fett mit mir herumzuschleppen, zumal „Esssucht“ sowieso ein wichtiges Thema für mich ist. Ich spürte gestern deutlich wie nur sehr selten, was wirklich in mir passiert, wenn ich zuviel esse und wie sehr mein Essverhalten und mein daraus resultierendes Übergewicht meine Lebensfreude stören. Während ich zu meinem Seminar fuhr, tauchte plötzlich eine Gestalt in mir auf, die für mein Unglück verantwortlich zu sein scheint: eine dicke, sehr bedürftige und sich sehr schämende junge Frau. Ich kenne sie schon. Ich fand sie lange Zeit furchtbar und habe vieles versucht, um sie zu erlösen. Sie ist so unglücklich und schämt sich so sehr. Sie ist wirklich dick, sie hat richtige Fettrollen am Rücken und sie schämt sich zu Tode dafür. Sie fühlt sich beim Umarmen irgendwie schwammig an und das findet sie unerträglich. Und doch ist sie so bedürftig und sehnt sich so sehr nach einer festen Umarmung, am liebsten von einem Mann. Ihre einzige Antwort auf jedes Problem ist Essen. Sie isst sogar dann, wenn sie sich aufgrund ihres Überessens schlecht fühlt. Was habe ich nicht alles veranstaltet, um diese innere Frau zu erlösen! Wie viele Männer habe ich gebeten, sie zu umarmen, das taten sie auch liebevoll. Wie oft habe ich sie sonst wo hin geschickt, ins Licht, in Sicherheit und was weiß ich noch alles oder in die Arme genommen. Und nun ist sie immer noch da, dachte ich, das gibt’s doch nicht. Was soll ich denn nur machen? Ich gehe zu Suchtselbsthilfegruppen, ich habe Hypnose ausprobiert, Rückführungen, ach. Nenne mir eine Therapieform und ich sage dir das Datum meiner Behandlung.

Doch auf einmal veränderte sich etwas. Ich konnte innerlich zu der Frau hingehen und sie in den Arm nehmen, einfach so. Nicht, um sie zu heilen, sondern zum ersten Mal musste ich gar nichts mit ihr machen. Ich würde ihr aber nicht mehr erlauben, oder besser: ich würde ihr nicht mehr zumuten, sie agieren zu lassen. Ich sagte ihr:
„Ich liebe dich, ich sehe, wie es dir geht. Ich sehe den Schmerz und die Scham. Du kannst sein, wie du willst. Ich bin da und ich höre dich. Aber, und das ist neu: Ich werde dir nicht mehr erlauben, im Außen zu agieren. Du darfst da sein, gerade so, wie du bist. Aber wenn ich dir erlaube, zu handeln, dann schadest du uns allen.“ Mit „uns allen“ meine ich meine vielen verschiedenen Anteile. Auf der Stelle atmete sie erleichtert auf. Sie weiß, dass sie schadet und kann es nicht ändern. Es ist meine Verantwortung, diesen inneren Anteil nicht handeln zu lassen, so einfach ist das. Ich übernehme die Verantwortung für sie, indem ich sie als das anerkenne, was sie und ihr den Platz in mir zuweise, an dem sie sicher ist. Und das ist nicht der vorne auf der Bühne, nicht da, wo ich mit dem Außen interagiere und Ursachen setze. Indem ich ihre Verletzungen und die Scham anerkenne und einfach so sein lasse, übernehme ich endlich die Fürsorge für sie und achte darauf, wer in mir „an die Tür geht“.
Denn auf einmal erlebte ich deutlich wie nie: Es gibt immer nur einen (durchaus sehr vielschichtigen) Aspekt in mir, dem ich die Erlaubnis zur Handlung geben kann. Die Handlung ist das, was nach Außen wirkt und die Handlung ist es, die eine Konsequenz nach sich zieht. Ich darf und ich muss sehr sorgfältig und verantwortungsvoll auswählen, wem ich in mir das Zepter der Handlung in die Hand gebe, wen ich agieren lasse. Lasse ich die dicke, beschämte Frau in mir ans Steuer, dann isst sie zuviel und ihre Gefühle, die Scham und die Selbstabwertung, sind aktiv und wirken nach außen. Etwas anderes kennt sie nicht. Erlaube ich ihr, da zu sein, spüre ich sie, höre ihr zu, gestatte ihr aber nicht, nach außen hin wirksam zu werden, dann ist alles gut. So einfach ist das. Verdränge ich sie dadurch nicht? Nein. Mir ist gestern wirklich absolut klar geworden: der Handlungsimpuls ist eine äußerst wertvolle Kraft. Der, dem ich sie anvertraue, der bestimmt in diesem Moment mein emotionales Erleben. Nicht nur als Folge, sondern weil jeder innere Aspekt mit bestimmten emotionalen Qualitäten daherkommt. Erlaube ich der esssüchtigen Frau in mir, zu handeln, dann sind auch all ihre Gefühle und die Art, wie sie sich selbst und die Welt sieht, wirksam und aktiv.
Kommt das so dringlich bei dir an, lieber Leser, wie ich es fühle?
Ich habe in jeder Situation nur eine einzige Chance zu handeln, in jeder Sekunde, ich kann nur eine Handlung ausführen. Diese Handlung setzt eine Kausalkette in Gang, das ist hier auf der Erde so. Gebe ich meiner inneren süchtigen, schamerfüllten Frau Handlungsbefugnis, dann setzt sie Ursachen, die ich und sie selbst! absolut nicht haben wollen. Sie ist mit all ihrer Scham fühlbar und nach Außen hin wirksam präsent.
Sie kann nicht anders, sie ist einfach so. Muss ich sie heilen, kann sie heilen? Ich weiß es nicht. Es ist aber auch nicht mehr wichtig. Ich ging zu ihr und sagte: „Weil ich dich liebe, werde ich dir Grenzen setzen, denn ich weiß, du willst nicht schaden. Du tust es aber, wenn ich es dir erlaube. Also darfst du da sein, doch mein Leben bestimmen andere Aspekte. Gerade weil ich dich liebe, wie du bist, übernehme ich die volle Verantwortung dafür, dass du keinen Schaden mehr in meinem Leben anrichtest.“
Das ist, als hätte ich eine Meute Schlittenhunde, die mich auf meinem Schlitten durch mein Leben ziehen. Der Leithund bestimmt nach meiner Anweisung Tempo und Richtung, er ist mein Vertrauter. Mit ihm muss ich gut kommunizieren können und er muss mir gehorchen. Alle Schlittenhunde sind wertvoll. Doch nicht jeder ist an jedem Platz gleichermaßen hilfreich. Und so werde ich die sich schämende, dicke Frau mir nicht mehr zum Leithund machen, weil das für eine Zumutung für sie ist. Sie hört nicht auf mich, sie kann nicht. Und doch geschah es oft genug, weil ich einfach nicht darauf geachtet habe, wie sie sich unbemerkt nach vorne drängelte… Warum tut sie das? Weil sie viele Jahre lang den Karren alleine aus dem Dreck ziehen musste, es war sonst keiner da. Es ist für sie immer noch nicht ganz greifbar, dass sehr viele andere Schlittenhunde dazugekommen sind, kraftvolle, welche, die wirklich gut führen können und sich von mir führen lassen und die viel leichter als sie das Ganze ziehen. Außerdem weiß ich nun viel besser, die ich auf dem Schlitten sitze, wie ich pfleglich mit diesen Schlittenhunden umgehe, was sie brauchen und was ich ihnen zutrauen kann und was noch geübt werden darf. Wir steuern den Karren, den Schlitten, nicht mehr so unbedacht in den Dreck, die Hunde nicht und ich auch nicht. Ich, das ist mein Bewusstsein. Die Hunde, das sind die verschiedenen inneren Anteile, die sich sehr unterschiedlich anfühlen und es auch sind. Das innere Kind sollte möglichst auch nicht vorne ziehen, sondern fröhlich neben dem Schlitten herhüpfen, es ist wie ein kleines Hündchen, das mal zusammengerollt auf dem Schlitten schläft, mal durch den Schnee tollt. Müssen wir durch unwegsames Gelände, dann nehme ich das kleine Hündchen mit auf den Schlitten, auch wenn es gerne spielen möchte, auch ihm setze ich Grenzen.

Und jetzt? Mir geht es sehr gut. Ich weiß, ich könnte der süchtigen, schamerfüllten Frau in mir äußeren Raum geben, sie ist da, das ist sie immer. Sie wäre ruckzuck am Süßigkeitenschrank, mit tausend Ausreden. Aber ich lasse sie nicht. Sie kann in mir sein, sich fühlen wie sie will, ich sehe sie, höre sie, bin für sie da. Aber ich werde ihre Scham und ihr Unglück nicht vergrößern und bestärken, indem ich sie es ausagieren lasse. Das bin ich ihr schuldig.

Susanne Hühn

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2 Kommentar(e)

  • Liebe Susanne! Ich danke dir so sehr für diesen Artikel! Seit 2 Tagen will in mir das junge Mädchen agieren, das nicht essen will. Auch wenn es gegensätzlich scheint, kann ich das Geschriebene von dir auf mich übertragen. Wenn es so einfach wäre, würde ich jetzt sagen: Komm, gib mir deinen Hunger! Ich brauche den Appetit! Ob wir dann geheilt wären? Es macht mir Mut, dass du dich damit zeigst und gleichzeitig eine Lösung hast.

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