Bewusst-Sein

Ist Karma Schicksal?

Ketten vor GesichtIst Karma Schicksal?

Neulich hatte ich ein interessantes Gespräch mit dem Religionslehrer unserer Schule, in dem wir auf das Thema Karma zu sprechen kamen. In seinen Augen ist es so, dass das Glauben an Karma zu Lethargie führen kann, also dazu beitragen kann, dass man in unangenehmen Situationen verharrt und es nicht schafft, die Energie aufzubringen, die es für positive Veränderung braucht. Dieser Gedanke war mir nicht neu. Oft wird bei der Propagation dieser Idee auch darauf hingewiesen, dass in den Ländern, deren Religionen Karma und Wiedergeburt als Grundlagen haben, Armut herrscht, wohingegen wir im fortschrittlichen (und christlichen) Westen, durch den Glauben an Himmel und Hölle mehr Ansporn haben, in diesem Leben aktiv Veränderung herbei zu führen.

Diese Sichtweise beruht aber auf einer Fehlinterpretation von Karma und Wiedergeburt. Und vielleicht überschätzen wir im Westen auch den Wert von Fortschritt und äußerer Veränderung, aber das ist eine andere Geschichte. Heute möchte ich kurz erörtern, was ich unter Karma verstehe, wie es mit Wiedergeburt zusammenspielt und wie wir diese Glaubensansätze nutzen können.

Karma ist nicht Schicksal!

Wenn man nicht genauer über Karma Bescheid weiß, kann man leicht in die Falle tappen und es mit Schicksal gleichsetzen. Natürlich haben beide Konzepte einige Ähnlichkeiten – Karma geht aber von einer ganz anderen Prämisse aus.

Was heisst also Schicksal?

Schicksal ist der Ablauf von Ereignissen im Leben des Menschen, die als von göttlichen Mächten vorherbestimmt (geschickt) oder von Zufällen bewirkt empfunden werden, mithin also der Entscheidungsfreiheit des Menschen entzogen sind. 1

Und was ist Karma?

Karma bezeichnet ein spirituelles Konzept, nach dem jede Handlung – physisch wie geistig – unweigerlich eine Folge hat. Diese Folge muss nicht unbedingt im gegenwärtigen Leben wirksam werden, sondern sie kann sich möglicherweise erst in einem zukünftigen Leben manifestieren. 2

Der Grund, warum Karma leicht als Schicksal missinterpretiert werden kann ist, dass wir meist nicht sehen können, welche Ursachen zu unserer gegenwärtigen Situation geführt haben und welche Resultate auf unser gegenwärtiges Wirken folgen werden. Wenn man das Gesetz von Ursache und Wirkung nicht erkennt oder versteht, kann das im Extremfall zu einer Weltsicht führen, in der nur man selbst und seine unmittelbare Zufriedenstellung zählen…

Hier sieht man auch, warum Karma und Wiedergeburt so eng zusammengehören. Wenn man nur an ein einziges Leben glaubt, hat man im Grunde einen Freibrief, jegliche Verantwortung für seine gegenwärtige Situation abzuschieben und man muss auch nicht übermäßig auf Konsequenzen in der Zukunft achten, denn spätestens wenn man stirbt, hört es sich mit den Konsequenzen auf… Um diesem Effekt entgegenzuwirken gab es im Christentum zunächst den Glauben an die Apokalypse bzw. das Gottesgericht. Doch nachdem die Apokalypse nicht, wie hervorgesagt, zu Lebzeiten der Evangelisten eingetreten ist, wurde dann vermehrt auf das Totengericht3 gesetzt – also eine Beurteilung nach dem Sterben, auf Basis derer man entweder in den Himmel oder in die Hölle kommt.

Das Problem am christlichen und auch am atheistischen Ansatz ist, dass das Leben eine gewisse Willkürlichkeit hat. Die Bereiche des Lebens, auf die man keinen Einfluss hat, sind dann entweder von Gott gelenkt oder dem Zufall überlassen. Und wenn die Dinge mal nicht so laufen, wie man es sich wünscht (was ja sehr oft der Fall ist), wird man entweder wütend auf seinen Gott, oder man suhlt sich in Selbstmitleid – denn warum muss es immer einen selber treffen?

Karma to the Rescue!

Mit dieser suboptimalen Situation räumt Karma auf. Wenn man das Konzept mal richtig einsinken lässt wird man sehen, dass jegliche Erscheinung in unserem Leben auf eine Ursache in der Vergangenheit zurückgeht und jede Aktion wiederum eine entsprechende Reaktion in der Zukunft hervorrufen wird. Wenn diese Erkenntnis mit einem Glaube an Wiedergeburt gepaart wird, dann erweitert sich der Spielraum von Aktion und Reaktion, das Gesetz des Karma wird allumfassend und es gibt nichts mehr, gegen das wir uns auflehnen können, denn wir tragen immer eine gewisse Mitschuld. Wobei die „Schuld“ dabei nichts Negatives hat, sondern nur dazu führen soll, dass wir mehr Verantwortung übernehmen. So kann uns Karma helfen, unsere Lebensumstände zu akzeptieren und gleichzeitig zu sehen, dass wir nur durch positives Handeln und Denken positive Umstände in der Zukunft hervorrufen können.

Du siehst also, es geht beim Karma keineswegs darum, passiv zu werden, sondern darum, das Spiel des Lebens und unsere Position darin besser zu verstehen und harmonisch mitzuspielen. Und es geht darum, Umstände besser akzeptieren zu können, selbst wenn wir nicht sehen können, wie und warum es zu ihnen kam. Denn im Endeffekt geht es darum, das Hier und Jetzt voll zu akzeptieren und für positiven Wandel in sich selbst (und dadurch auch in der Welt) zu sorgen. Wenn das gegeben ist, dann wäre es auch egal, ob es Karma und Wiedergeburt gibt. Aber die beiden spirituellen Konzepte können uns unterstützen, dieses Ziel zu erreichen. Damit sie uns aber möglichst gut helfen können, müssen wir sie wirklich tief in uns hinein lassen und sollten versuchen, sie als Realität zu erkennen und zu akzeptieren, auch wenn es nicht immer nachgewiesen werden kann und unser analytischer Geist oftmals gegenteiliger Ansicht sein könnte…

Sean. 

  1. Schicksal Artikel auf Wikipedia.de

  2. Karma Artikel auf Wikipedia.de

  3. Der Wikipedia.de Artikel zum Thema Totengericht in den verschiedenen Religionen ist sehr umfassend, aber auch sehr empfehlenswert.

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