Wissenschaft & Spiritualität

Kraftlinien

Kraftlinien mehr als ein Mythos?

Wer war nicht schon an einem der sich als außergewöhnlich bezeichnen ließe? Ein Ort der vielleicht Gänsehaut verursacht? 

Bizarr geformte Berge, versteckt gelegene Grotten, Höhlen und Quellen, abgeschiedene Täler, uralte Kirchen, Tempel und Kathedralen: Viele Orte auf unserer Erde scheinen längst vergessenes Wissen vergangener Generationen in die Gegenwart durchscheinen zu lassen. Magisch, mystisch, Gänsehaut pur erlebt so mancher diese Berührung mit dem unsichtbaren dieser Orte. Es sind Orte der Stille. Orte wo die Zeit still zu stehen scheint. Orte an denen unzählige, längst vergessene Menschen vielleicht in meditativer Versenkung zu ihrem Gott gebetet haben. Es ist dieser besondere Hauch der Vergangenheit der unser Unbewusstes durchdring und den wir klar ohne es einordnen zu können wahrnehmen. Für manche ist dies ein heiliger Moment.

Nicht wenige Orte auf dieser Welt beschwören diesen seelischen und geistigen Ausnahmezustand geradezu herauf: Kraftorte heißen sie deshalb, oder auch: Orte des Lichts, Orte der Seele, heilige Orte. Von solchen Plätzen scheint eine nur schwer zu definierende Energie auszugehen, die Menschen seit Jahrhunderten anzieht. Doch warum erleben Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und Zeiten eine so ähnliche Wirkung? Wie lässt sich diese besondere Ausstrahlung der so genannten magischen Orte erklären?

Wo kann man diese magischen Orte finden?

Oft handelt es sich dabei um beeindruckende Naturschönheiten – Berge wie der Kailash im Himalaja, für Buddhisten der heiligste Ort der Welt. Oder der Ayers Rock, seit Jahrtausenden verehren die Aborigines den berühmten roten Sandsteinfelsen im australischen Outback. Sie nennen ihn „Uluru“ und glauben, dass dort übermenschliche Wesen wohnen. In Deutschland verursacht ein Besuch der Extern Steine bei Detmold geradezu ehrfürchtige Schauer. Diese sollen übrigens auf eine geheimnisvolle Art ( Ley Linien) mit Stonehenge verbunden sein.

Auch Quellen, Haine und Brunnen haben eine Ausstrahlung, welche die Menschen seit jeher fasziniert: Unzählige Sagen und Legenden ranken sich bis heute um solche Plätze, erzählen sicher nicht zufällig vom Wirken geheimnisvoller Geister und Fabelwesen. Ebenso verraten alte Ortsnamen viel darüber, was es mit dem jeweiligen Fleckchen Erde auf sich hat: Heiligenberg, Odinshain, Druidenstein – der britische Archäologe Paul Devereux, der seit Jahrzehnten heilige Orte auf der ganzen Welt erforscht, bezeichnet diese überlieferten Namen als leises Echo untergegangener Kulturen und alten Wissens.

Viele besondere Kraftorte werden schon seit Jahrtausenden als Kultplatz genutzt: Auf heidnischen Tempeln und Opferstellen wurden später christliche Gebäude errichtet, die heute noch vom „genius loci“ – so nannten die Römer den „Geist des Ortes“ – zehren. „Bestimmte heilige Orte konnten ihre sakrale Aura bis heute bewahren, und zwar schlicht deswegen, weil unsere Sinne auf sie genauso reagieren wie die unserer Ahnen“, erklärt Devereux.

Woher rührt die Kraft der Kraftorte?

Die Naturwissenschaft liefert keine Erklärung für die Wirkung von Kraftorten, und sie kann und will es auch gar nicht, denn: Mit dieser Thematik stößt man in eine Dimension vor, die sich mit naturwissenschaftlichen Methoden weder berechnen noch nachweisen lässt. Erfolg versprechender ist es da, sich einer alten Geheimwissenschaft zuzuwenden: der Geomantie (lat.: Deutung aus der Erde). Diese parawissenschaftliche Lehre liefert ein komplexes Weltbild, das die Erde als lebendigen Organismus begreift. Danach ist unser Planet von einem Gitter aus Energiebahnen überzogen, die eine ähnliche Funktion haben wie die Meridiane mit ihren Akupunkturpunkten im menschlichen Körper. Diese einzelnen Energielinien sollen durchschnittlich bis zu 30 Zentimeter breit und im Wechsel positiv und negativ gepolt sein. Kreuzen sich zwei gleichgepolte Linien, so bildet sich ein besonderes Kraftfeld.

Laut Geomantie ist das Geheimnis der Kraftorte aber vielschichtig, setzt sich aus vielen einzelnen Parametern zusammen. Um die Qualität eines bestimmten Platzes umfassend zu beschreiben, berücksichtigen Geomanten auch die Strahlung aus dem Erdreich, Energien, die aus dem Universum punktuell die Erde erreichen, Eingriffe durch Menschenhand und Kulthandlungen, die im Lauf der Jahrtausende oder Jahrhunderte angeblich ihren geistigen Fußabdruck in der Materie vor Ort hinterlassen.

Seit wann wissen Menschen um die Wirkung der magischen Orte?

In alten Kulturen wie bei den Kelten oder Römern war es selbstverständlich, dass Kultplätze und Gräber, aber auch neue Siedlungen nur an ausgewählten Plätzen stehen durften. Anders als moderne Architekten mussten sie zwar keinen Baurichtlinien oder Grundstücksgrößen gerecht werden, wohl aber dem Geist des Ortes. Das speziell dafür nötige geomantische Wissen hüteten Schamanen, Druiden und Priester – sie wurden vor jedem Bauvorhaben befragt. Versierte Baumeister waren mithilfe geomantischer „Kniffe“ sogar in der Lage, die Kraft eines Orts zu steigern, ihn „aufzuladen“ – etwa durch wohlüberlegte Grundrisse, Himmelsausrichtungen, Energie leitende Mauern und Treppen.

Auch im Christentum gab es wahrscheinlich eine Tradition der Geomantie. Nicht zufällig wurden die meisten alten Kirchen auf älteren heidnischen Kultstätten erbaut. Dabei ging es den Vertretern der neuen Religion vermutlich weniger darum, die alten Götter zu „überbauen“ und damit symbolisch auszulöschen, sondern man profitierte von der bereits geleisteten geomantischen Vorarbeit: „Wenn man in so ein Anregungsfeld eine Kirche setzt, dann hat man schon halb gewonnen!“ stellt der Architekturprofessor Eike Hensch fest.

Paradoxerweise ist vielen, die noch nie etwas von Geomantie gehört haben, die fernöstliche Variante dieser Erfahrungswissenschaft durchaus ein Begriff: Auch das chinesische „Feng Shui“ („Wind und Wasser“) versteht sich als Lehre vom Leben im harmonischen Einklang mit den natürlichen Energieflüssen der Umgebung. Was wir als Mode-Erscheinung seit den 1980er- Jahren kennen, blickt ebenfalls auf eine jahrtausendealte Tradition zurück.

Welche Energien und Energieflüsse wirken da eigentlich?

Mit physikalischen Messmethoden kommt man der von Geomanten beschriebenen so genannten Energie von Kraftorten nicht auf die Spur. Denn dabei soll es sich um eine „feinstoffliche“ Energie handeln. Der Begriff ist in der Naturwissenschaft zwar unbekannt, gehört aber seit Jahrtausenden zum traditionellen Wissen der Menschheit. Die unterschiedlichsten Bezeichnungen sind dafür entstanden: Prana, Chi, Od, Aura, Orgon, Nullpunkt-Energie. In vielen Kulturen gilt diese Energie als das eigentliche Lebenselixier aller Lebewesen und des gesamten Planeten. Sie spielt zum Beispiel in der fernöstlichen Medizin eine herausragende Rolle – Krankheit wird dort als eine Blockade der feinstofflichen Energieflüsse im Körper verstanden. Auch in der fernöstlichen Form der Geomantie – im Feng Shui – geht es immer wieder darum, eine möglichst ungestörte Zirkulation des „Chi“ an einem Ort aufrecht zu erhalten.

Wie mächtig sind die Ley-Linien?

Im Gedankengebäude der Geomantie spielen bestimmte Kraftlinien beim Entstehen eines magischen Orts eine ganz besondere Rolle. Denn nicht überall auf der Erde entwickelt die feinstoffliche Energie dasselbe Potenzial. In besonders hohem Maß bringen angeblich die Ley-Linien (Ley Lines) ihre Kraft zur Geltung. Die Ley-Linie ist, salopp gesagt, der Laser unter den irdischen Energiebahnen: gleißend, kraftvoll und gerade. Der knapp 50 Zentimeter breite Strahl verbindet oft mehrere Kraftorte miteinander und wird deshalb gern mit einer feinstofflichen „Telefonleitung“ verglichen, die einen Energie- und Informationsaustausch ermöglicht. Andere bezeichnen sie als „Reisewege der Götter“.

Besonders mächtige Ley-Linien durchziehen angeblich die Gegend um die englische Stadt Glastonbury und die Stadt Karlsruhe. Auch Kassel soll, durch eine von der so genannten Wilhelmshöhe ausgehenden Kraftachse, auf einer Art „energetischer Wirbelsäule“ ruhen.
Die Ursprünge der Kenntnisse über die Ley-Linien verlieren sich im Dunkel der frühesten Zivilisationen. Spekuliert wird, dass diese besonderen Kraftlinien, im Unterschied zu anderen natürlichen Energiebahnen, oft sehr bewusst von frühen Geomanten hergestellt oder zumindest verstärkt wurden – vor allem durch das Aufstellen von Steinen an bestimmten Punkten oder in einer vorgegebenen Reihenfolge.

Tatsächlich fasziniert uns die Kraft, die von den Steinreihen und -gruppierungen der alten megalithischen Kulturen ausgeht, noch heute. Es ist Jahrtausende her, dass all diese Steine, etwa im englischen Stonehenge oder im französischen Carnac, in strategisch günstige Position gebracht und in Form gehämmert wurden, doch der Effekt hält bis heute an. Häufig vertretene Erklärung für die besondere Ausstrahlung dieser Orte: Die Energie werde von Stein zu Stein weitergeleitet, es entstehe eine energetisch aufgeladene Linie. Manche bezeichnen die Steinsetzung auch als „Akupunktur der Erde“. In Europa kennt man ungefähr 40.000 Plätze mit Steinaufstellungen. Selbst in Afrika, Kanada und Asien lassen sich megalithische Steinaufstellungen finden. Schätzungen besagen das ca. 100.000 Plätze dieser Art weltweit zu finden seien.

Eine weitere Besonderheit der Ley-Linien ist, dass sie – ähnlich wie bestimmte Plätze im Feng Shui – mit Bedeutung aufgeladen sind. So gibt es zum Beispiel die „Linien der Beredsamkeit“, auf denen bewusst die Kanzeln in christlichen Kirchen platziert wurden.

Kann ein Kraftort seine Energie verlieren?

Die australischen Ureinwohner hegen und pflegen ihre heiligen Stätten: Sie räumen Geröll beiseite, polieren die Felsen und vollziehen bestimmte Rituale. Ihr oberstes Heiligtum, der Ayers Rock, darf nur auf einem vorgezeichneten Pfad begangen werden. Für sie ist der verehrte Ort ein Stück Leben, um das man sich kümmern muss, damit er seine Kraft nicht verliert. Diese Vorsicht im Umgang mit der Natur und mit Kraftorten haben wir modernen Mensch verlernt: Natürliche Ressourcen werden häufig für selbstverständlich gehalten und der boomende „Kraftort-Tourismus“ zeigt, dass auch feinstoffliche Energiequellen da keine Ausnahme bilden.

Doch auch ein Kraftort ist wohl kein Fass ohne Boden, aus dem die wohltuende Energie ohne Unterlass und auf ewig herausquillt: Viele Geomanten bemängeln, Kraftorte würden sich abnutzen, wenn sie erst einmal zertrampelt und verschmutzt werden oder man ihnen keine Zeit zur Regeneration lässt. So hat zum Beispiel angeblich Stonehenge, die berühmteste Megalith-Anlage der Welt, einen Teil seiner ursprünglichen Energie eingebüßt. Tatsächlich sind Besucher des gewaltigen Steinkreises heute nicht selten ein bisschen enttäuscht: Die Findlinge wirken kleiner als erwartet, die ganze Anlage weniger machtvoll.

Doch auch eine unsachgemäße Restaurierung, welche geomantische Zusammenhänge außer Acht lässt, kann angeblich einem Kraftort sämtliche Energie entziehen.

Die berühmte Kathedrale in Santiago de Compostela etwa, das Pilgerziel des Jakobswegs, galt über Jahrhunderte als Ort für Wunderheilungen – bis man plötzlich unterirdische Wasserkanäle entdeckte, die scheinbar zu nichts nütze waren, und sie der Ordnung halber zuschüttete. Die Zeit der Wunder, schreibt David Luczyn („Magisch Reisen“), sei damit vorbei gewesen.

Können uns Kraftorte auch gefährlich werden?

Besonders sensitive Menschen reagieren angeblich mit Herzklopfen und Kreislaufbeschwerden auf mächtige Energieflüsse an Kraftorten. Doch diese Phänomene sind wohl rein subjektiv und schwer nachzuweisen. Geheimnisvoller und gefährlicher ist das Problem der so genannten „Todesstraßen“ – Streckenabschnitten, auf denen es immer wieder zu schweren Unfällen kommt, ohne ersichtlichen Grund, oft mit Todesfolge. Beispiel dafür ist die B12, die Mühldorf und München verbindet. Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Straße werde mehrfach von negativen Energielinien gekreuzt. Ähnliches gilt für die S16 im österreichischen Vorarlberg. Angesichts der unerklärlichen Unfallhäufigkeit wurden die Landesbehörden dort aktiv: Sie beauftragten einen Rutengänger. Der sollte mögliche fatale Kraftfelder aufspüren und entschärfen. Der Auftrag wurde im Jahr 2005 erledigt, indem rechts und links der Fahrbahn Hunderte von Steinen vergraben wurden. Danach gingen die schrecklichen Unfälle angeblich deutlich zurück.

Was spürt man mit einer Wünschelrute?

Bei der Suche nach energiereichen Plätzen helfen Gefühl und Intuition – das viel zitierte Bauchgefühl. Mit anderen Worten: Jeder Wohlfühl-Ort hat das Zeug zur persönlichen Kraft-Oase. Um der Intuition darüber hinaus auf die Sprünge zu helfen, wird traditionell auf ein uraltes, sehr einfaches Hilfsmittel zurückgegriffen: die Wünschelrute. Zwar will die Geologie nichts von einem Zusammenhang von Rutenausschlag und Energiestrahlen wissen. Dennoch wird die Technik des Rutengehens (Fachausdruck: Muten) seit dem Mittelalter mit Überzeugung praktiziert. Und nicht selten mit Erfolg: Mithilfe von Wünschelruten wurden schon Wasser- und Erzvorkommen entdeckt. Anders als ihre Kollegen von heute hüteten sich die alten Rutengeher, ihr Wissen um die Rutentechnik auszuplaudern – schließlich handelte es sich um ihre Geschäftsgrundlage. Daher umgab die Wünschelrutengänger lange Zeit etwas Magisches.

Der moderne Rutengänger nennt sich „Radiästhet“, was so viel heißt wie „strahlenempfindlicher Mensch“. Und heute überwiegt die Annahme, dass so gut wie jeder den Umgang mit der Rute lernen kann. Zahlreiche Seminare werden dazu angeboten. Im Zustand der Entspannung, heißt es, können wir die feinstoffliche Energie eines Orts wahrnehmen – allerdings nur auf der vegetativen Ebene, also durch feine Nervenimpulse und Muskelschwingungen, die man normalerweise kaum spürt. Mit einer Rute in der Hand, gleich welchen Materials, soll dieser Effekt durch eine Art Hebelwirkung vergrößert und sichtbar gemacht werden: Die Rute schlägt aus.

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