Gesellschaft

Mitgefühl ~ Raus aus dem „Kampfmodus“!

Känguruhs im KampfMitgefühl ~ Mitgefühl im Straßenverkehr

Heute wurde ich von einem Müllabfuhrfahrer beschimpft, weil ich beim Kinder in die Schule bringen, in einer LKW Ladezone geparkt habe. Der erste Impuls in so einer Situation ist meist sich rechtzufertigen oder zurückzuschimpfen. Im Recht zu sein fühlt sich gut an. Und natürlich ist man immer im Recht. Und dieser Konflikt ist kein Einzelfall – ich werde immer wieder mal angehupt, angeschrien oder (lebensgefährlich) scharf geschnitten. Besonders oft passieren solche „Zusammenstöße“, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Aber auch am Moped oder im Auto sind Konflikte an der Tagesordnung.

Ein gemeinsames Ziel

Das Fahren auf der Straße scheint uns dazu einzuladen, gegenüber anderen ungehalten zu werden. Wir sollten uns vor Augen halten, dass wir uns die Straße teilen und alle ein gemeinsames Ziel haben – nämlich effektiv und sicher von A nach B zu kommen. Das scheinen wir aber oft in der Hitze des Gefechts zu vergessen. Gerade deswegen finde ich, dass die Straße ein wundervoller Platz ist, um uns in Verständnis und Mitgefühl zu üben – und zu lernen, unsere Zunge im Zaum zu halten.

Aggression und Rechtfertigung tut nicht gut

Anzugreifen oder uns zu verteidigen, ist unsere Standardreaktion auf gewisse Situationen, aber das heißt nicht, dass es uns gut tut. Ich sehe für mich, dass ich mich nicht gut fühle, wenn ich fluche, schimpfe oder mich rechtfertige. Ich möchte diese Art von Geisteszustand nicht kultivieren, was auch immer die Situation ist, und wie sehr ich auch glaube im Recht zu sein.

Raus aus dem „Kampfmodus“!

Wenn ich im „Kampfmodus“ bin, spüre ich, wie ich mich innerlich zusammenziehe. Wenn ich innen klein bin, werde ich auch außen kleinlich und defensiv. Gleichzeitig spüre ich auch eine generelle Irritation in mir und ein ungutes „Brodeln“ im Bauch: die Aggression. Objektivität wird in diesem Zustand ziemlich schnell über Bord geworfen. Das ist ja auch irgendwie verständlich: unser Körper vermittelt uns, dass wir um unser Leben kämpfen müssen – da ist Objektivität wirklich nicht so wichtig.

Aber wenn man einen kühlen Kopf bewahrt, kann man schnell erkennen, dass es sich eigentlich nicht um eine lebensgefährliche Situation handelt. Und selbst wenn es wirklich gefährlich war (was beispielsweise am Fahrrad immer mal wieder vorkommt), ist die Situation schon wieder vorbei, wenn wir Zeit und Muße haben, uns mit unseren Gegnern ein Wortgefecht zu liefern. Nein – soweit ich es sehen kann, bringt es uns überhaupt nichts, in diesem Geisteszustand zu verharren. Wir sollten lieber schauen, so schnell als möglich rauszukommen, indem wir innerlich loslassen und in uns wieder Raum für Frieden und Glück schaffen.

Doch die Situation mit einem klaren Kopf zu betrachten und die Notwendigkeit für ein anderes Verhalten zu sehen, reicht meist nicht aus, denn wir haben uns ganz schnell emotional und geistig verheddert. Gefühle und Gedanken lassen sich dann meist nicht so einfach ausschalten. Also braucht es einen Trick. Folgende Technik stammt aus dem tibetanischen Buddhismus und kann für alle möglichen Situationen angewandt werden. Ich möchte Dir zeigen, wie ich sie im Straßenverkehr anwende…

Dem „Gegner“ Glück wünschen…

Wenn ich mich über jemanden ärgere, dann versuche ich sofort aus meiner Opferrolle auszusteigen und, anstatt zu fluchen und Rechtfertigungen in meinem Kopf aufzulisten, meinem Gegenüber (a.k.a. „Gegner“) inneren Frieden und Glückseeligkeit zu wünschen. Das funktioniert besonders gut, wenn man einen Satz parat hat, den man sofort im Kopf aufsagt, sobald man den aggressiven Geisteszustand wahrnimmt. Wenn man schnell genug auf diese Weise reagiert, kann man das aufgewühlte Gefühl sofort entschärfen und sich in Liebe öffnen, anstatt sich zu verschließen und grantig zu werden.

Der Satz kann zum Beispiel lauten:

„Ich wünsche Dir Glück und Zufriedenheit.“

Oder man nimmt sich gleich folgendes Gebet1 her, das in der tibetisch-buddhistischen Tradition oft nach als Abschluß der Meditation verwendet wird.

„Mögest Du Glück erfahren, sowie die Ursachen von Glück.
Mögest Du frei sein von Leid, sowie den Ursachen von Leid. Mögest Du niemals getrennt sein von der großen Glückseligkeit, die frei ist von Leid. Und mögest Du im großen Gleichmut verweilen – frei von Anhaftung und Abneigung.“

Seine Satz übt man oft genug ein, damit man ihn dann im rechten Moment sofort parat hat und um ihn als geistige Medizin einzunehmen.

Damit der Satz nicht nur aus leeren Worthülsen besteht, hilft es mir, gleichzeitig zu erkennen, dass sich mein „Angreifer“ in seinem gegenwärtigen Geisteszustand offensichtlich nicht wohl fühlen kann, genau wie ich mich nicht wohl fühle, wenn ich mich verteidige. Dadurch gilt der Satz gleichzeitig für mein Gegenüber und auch ein wenig für mich.

Für mich funktioniert diese Praxis überraschend gut. Ich muss manchmal etwas dran bleiben, weil mein Geist nach Lücken sucht, um mit neuen Rechtfertigungen und Verteidigungen dazwischen zu pfuschen, aber nach ein paar Minuten habe ich meine innere Lage meist entschärft und meinen Geist und meine Gefühle transformiert.

Also… Ich wünsche Dir Glück und die Ursachen von Glück, und den klaren Kopf und die Erinnerung, um im rechten Moment anderen dasselbe zu wünschen.

Sean.

Autorenseite: www.gruenboeck.at


  1. Nach der Meditation wird für „Alle Wesen“ gebetet. Für diesen Einsatz, ersetze ich „Alle Wesen“ durch „Du“. ↩

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