Mensch-Sein

Ohne mich

maedchen-null-bockOhne mich – was passiert wenn du einfach nicht mehr mitmachst

Ich habe mal eine Frage an Dich, warum machst du eigentlich immer noch mit?
Ich weiß doch genau was du alles – mit Verlaub – Scheiße findest, also warum machst du mit?
Zum Beispiel Schule. Ich kenne kaum jemanden der damit im Reinen ist. Im Gegenteil, ich schätze pro Klasse gibt es vielleicht ein oder zwei Schüler/innen die problemlos mitlaufen, der Rest leidet, oder ist zumindest weit davon entfernt seine Fähigkeiten zu entfalten und vergeudet einfach eine Unmenge seiner wertvollen Lebenszeit. Führ dir mal vor Augen wie viele Menschen das sind! Wie viel Zeit, wie viel vergeudete Energie! Und nicht nur die Kinder, es ist die ganze Familie, die da leidet und ich behaupte mal, dass auch ein Großteil der Lehrer mit der derzeitigen Situation nicht glücklich ist.
Mittlerweile scheinen sich Lehrer medizinisch fortgebildet zu haben. Immer wieder höre ich von Eltern, dass ihre Kinder von den Lehrern zum Arzt geschickt wurden, damit sie ein Medikament gegen ADHS bekommen. Ein Kinder-und Jugendpsychiater hat mir das bestätigt. Zu ihm kommen zunehmend Kinder in die Praxis bei denen er eigentlich nur noch das Rezept ausstellen soll. Dabei dauert eine ordentliche Diagnose im Frühdiagnosezentrum der Uniklinik Würzburg sage und schreibe zwei Tage.
Die Zahl der Kinder und Jugendlichen die nur noch unter Medikamenteneinfluss funktionieren steigt, darüber ist ja ausreichend geschrieben worden. Gleichzeitig sehe ich ausgebrannte Lehrer, die ihrer Verantwortung als Pädagoge, wenn man unter Pädagogik mehr versteht als reine Informationsvermittlung, gar nicht mehr gerecht werden können.
Was ich nicht verstehe: es gibt einen großen Konsens in der Gesellschaft, dass sich etwas ändern muss. Menschen wie Gerald Hüther ( Neurobiologe an der Universität Göttingen, „Jedes Kind ist hochbegabt“) und Richard Precht („Anna, die Schule und der liebe Gott“) schreiben Bestseller und pilgern von einer Talkshow zur anderen, um zu erklären wie Kinder lernen, wie sich ein Gehirn entwickelt, wie ein Mensch sich gesund entfalten kann und wie deshalb eine Schule eigentlich sein müsste.

Und? Glaubst du wirklich, dass das in absehbarer Zeit eintreten wird? Wenn du ein Kind hast das im derzeitigen System leidet, hast du den Eindruck, dass es von diesen Ideen noch profitieren wird?
Im Netz hat sich gerade ein YouTube Video von Prince Ea viral verbreitet, 100 Millionen Klicks in weniger als einer Woche! Thema: Schule. Die Schule auf der Anklagebank. Weltweit wissen Menschen, dass nicht gut ist, was unseren Kindern da angetan wird – und trotzdem machen alle mit. Warum?
Ja, ja ich weiß, wir haben eine Schulpflicht, wir haben auch sonstige Verpflichtungen, die Kinder müssen ja auch irgendwohin, sie brauchen auch soziale Kontakte, sie wollen schließlich auch was lernen, sie müssen ja später auch im Leben zurechtkommen und und und…
Wenn ich ehrlich bin, ich möchte gar nicht, dass die Kinder im Leben „zurechtkommen“, das klingt danach sich wohl oder übel in bestehende Strukturen einzupassen. Ich möchte, dass sie in der Lage sind, sich ihr Leben so zu gestalten, wie es sie glücklich macht. Ich kann nicht sehen, dass die bestehenden Strukturen alle erhaltenswert sind, mir scheint vielmehr, dass wir Menschen uns eine Welt gebaut haben, in der der Großteil der Menschen seine Träume aufgibt, dass dadurch empfundene persönliche Leid wird zu Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Menschen, Brutalität gegenüber Tieren und Gefühllosigkeit gegenüber unserer Mutter Erde. Und darin sollen die Kinder „zurechtkommen“? Nein Danke!
Was würde passieren, wenn du einfach nicht mehr mitmachst? Ich habe kein Rezept parat wie es gehen kann, leider. Mir fällt nur auf: diejenigen, die es anders haben wollen, das sind viele! Jeder fühlt sich allein, jeder fühlt sich ausgeliefert und ohnmächtig, aber in Wahrheit sind es viele und es ergibt überhaupt keinen Sinn, dass diese vielen, die ja den Staat bilden, sich einem sogenannten staatlichen System unterordnen. Da stimmt doch was nicht. Hier stimmt an der Formulierung was nicht. Dieses System dient nicht dem Wohl der Bevölkerung. Wenn nun die entsprechenden Institutionen, oder besser die Menschen in den Institutionen, über Jahrzehnte nicht in der Lage, oder nicht willens sind es zum Wohle der Menschen zu verändern, was dann?
Manchmal frage ich mich was würde denn passieren, wenn Schüler einfach nicht mehr hingehen? Wenn Eltern sagen würden: das muten wir unseren Kindern nicht mehr zu. Was würde denn passieren, wenn die Schulen einfach leer blieben? Wie viele Polizeibeamte kann man mobilisieren, um alle von zu Hause abzuholen? Wie viele Bußgeldbescheide kann man schreiben? Und wenn keiner bereit wäre die Bußgelder zu bezahlen und die Kinder trotzdem zu Hause blieben, würde man ein ganzes Volk ins Gefängnis stecken, weil es nicht bereit ist auf diese Art und Weise beschult zu werden?
Du siehst wie absurd das ist.

du bist nicht allein!

Die Schule ist nur ein Beispiel von vielen. Wie oft haben wir den Eindruck den bestehenden Strukturen ausgeliefert zu sein und nichts dagegen unternehmen zu können, ob es nun politische Entwicklungen sind, oder das Agieren von Konzernen. Ich habe keine Anleitung parat was zu tun ist. Mir geht es erst mal darum festzustellen, dass es keinen Grund gibt sich ohnmächtig, ausgeliefert und allein zu fühlen. Manchmal muss man das erst mal feststellen.
Und noch viel wichtiger: du solltest dir klar werden was du nicht willst, oder besser was du willst. Hör doch nicht auf dir das klarzumachen, nur weil du schon vorher denkst: das geht ja sowieso nicht, was soll ich denn ausrichten? Zumindest in Gedanken kannst du doch die Situation mal durchspielen, die „Ohne mich“ Situation. Sollen die doch ihre Schule so weiter machen, aber ohne mich.

Manchmal bewegt sich dann etwas womit wir gar nicht gerechnet haben. Ich hatte vor Jahren diese Situation, als unsere Tochter eingeschult werden sollte. Sie war noch sehr klein und noch gar nicht bereit in die Schule zu gehen. Ich wusste, um sie dahin zu bewegen muss ich sie zwingen, aber es tut ihr nicht gut. Die Behörde war anderer Meinung und der von der Behörde bestellte Amtsarzt war auch dagegen noch ein Jahr zu warten, sie hätte also in die Schule gehen müssen. Ich habe mein Kind angeschaut und mir gesagt: ich gebe sie da jetzt aber nicht hin. Fertig. Was sollen sie denn machen? Wenn wir per Gericht dazu verdonnert werden, ja du meine Güte! Das weiß man doch wie lange Gerichte brauchen … darüber wird mein Kind schon schulreif.
Was soll ich sagen, es hat sich alles wie durch Zauberhand geregelt. Zufällig war der zuständige Direktor der Grundschule ganz meiner Meinung (er selbst hatte seine drei Kinder übrigens auf einer Waldorfschule, nur mal nebenbei). Zufällig hatte er das ärztliche Gutachten irgendwie nicht zur Hand und konnte es dadurch nicht zur Behörde weiterleiten, so hat er dort einfach selbst mitgeteilt, dass dieses Kind erst ein Jahr später in die Schule gehen wird.
Ich glaube das Wichtigste in diesem Prozess war meine sichere Entscheidung: sie geht erst nächstes Jahr in die Schule. Damit war bei mir Druck raus, es war mir egal ob andere das verstehen und zustimmen und dann hat das Universum noch ein bisschen mitgeholfen. Also wenn du ein Kind hast das leidet, dann triff zuerst für dich die Entscheidung, dass das beendet wird, dass ihr unter diesen Umständen nicht mehr mitmacht. Wenn du innerlich diese klare Entscheidung getroffen hast, aber ohne Hintertür !, dann können sich Möglichkeiten und Wege auftun, mit denen du vorher nicht gerechnet hast.

Leider habe ich unterwegs auf meinem Lebensweg zwischenzeitlich vergessen, dass es so funktioniert. Auch ich habe jahrelang versucht uns und unsere Kinder „passend zu machen“ und verlernt auf mein Bauchgefühl zu achten und es auch zu beherzigen. Bis irgendwann nichts mehr ging und unsere Kinder überdeutlich gezeigt haben, dass sich etwas verändern muss. Das war unser „Ohne mich“ Punkt. Wir sind aus der Situation ausgestiegen, es haben sich neue Wege gezeigt und ein ungeahnter Zustand von Freiheit hat sich eingestellt.
Inzwischen denke ich wir sollten das in viel mehr Bereichen wagen. Wenigstens mal denken. Denk dir eine Situation die für dich unerträglich ist, die du aber dennoch erträgst.
Was würde passieren wenn sie ohne dich stattfinden würde?
Oder gehörst du vielleicht zu den Menschen, die im Grunde ihr ganzes Leben unerträglich finden? Warum?
Wann hast du aufgehört deinem inneren Impuls zu folgen das zu tun was dir wichtig ist? Vielleicht auch damals als du gezwungenermaßen Tag für Tag still sitzend jemandem zuhören solltest, obwohl dich das alles überhaupt nicht interessiert hat?
Wann hast du verlernt etwas Neues zu wagen? Als du Angst bekommen hast einen Fehler zu machen? Wer hat dir beigebracht dass Fehler ein Problem sind?
Kannst du dir vorstellen welche Energien frei werden würden, wenn du damit aufhörst dich auszubremsen? Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?
Welcher Traum lebt in dir?

Christa Kandel

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