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Rezension ~ In den Armen des Lebens

Cover_verkuerzt_hoch_GrimmIn den Armen des Lebens ~ Rezension

Aufbau und Inhalt

Im Mai 2012 erschien schließlich jenes Buch, das hier rezensiert werden soll. Der Rezensent gibt gerne zu, dass er den Autor mehrmals gehört hat, als er zu Themen der Wirtschaftsethik referiert hat und in einer sehr gesammelten Art aus dem abendländischen Fundus schöpfend, die alte Tugendlehre (Aristoteles und Thomas von Aquin), aber auch neuere philosophische Konzepte mit den heutigen Herausforderungen unseres Lebens scharfsinnig und feinfühlig verknüpft hat. Und diese originelle Verbindung kehrt hier wieder zurück, wobei die Themen des Buches breiter angelegt sind. Außerdem spürt man [jedenfalls spüre ich], wie die Liebe zu seiner Frau – und die mit ihr, in einer langen Ehe gemachten Erfahrungen – den Autor bei der Ausformulierung seiner Gedanken und Empfindungen inspirieren

Man kann es nicht ohne Berührung lesen, dass der Autor dieses Buch indirekt, aber auch direkt seiner Frau Kaja Grimm-Twardzik widmet, mit der er 33 Jahre verheiratet war und die im Juni 2010 „ins Ewige Licht übergegangen ist“, wie der Autor dem Rezensenten geschrieben hat. Es handelt sich um philosophische (aber nicht abstrakte, sondern sehr konkrete und existenzielle) Reflexionen zum Menschsein. Nach dem Tode seiner Frau, schreibt der Autor, „setze ich mich auf die Terrasse und träume von einem Mädchen, das vorbei kommt und mich fragt: Alter Mann, wozu hast du gelebt?“ (S. 8).

Entlang dieser Frage des in der Vorstellung vorbeikommenden Mädchens entfaltet Bernhard A. Grimm seine Antworten. Existenzerhellung und Daseinsbewältigung seien basale Taten seines Lebens. Das imaginäre Mädchen [und damit auch der Leser] müsste nach der Lektüre des Buches die Einsicht gewonnen haben: Nein, es war nicht umsonst, dass dieser Mann Bernhard A. Grimm gelebt hat. Nach der Wende von der ehelosen Lebensform eines katholischen Priesters zur Lebensform einer ehelichen Gemeinschaft mit seiner Frau, hat der Autor existenziell erfahren, was er zuvor nur aus den Büchern wusste, nämlich, (Zitat): „Ein Mensch allein ist noch kein Mensch – der Mensch braucht das DU, um zu seinem ICH zu finden – er will beantwortet werden. Ein fürwahr herrliches und mustergültiges Bild bietet sich mir an, wenn ich den Weg andeuten will, wie aus dem DU und ICH ein WIR zu entstehen vermag, nämlich das der BRÜCKE. Die Brücke verbindet und eint – sie spannt sich von einem Pol zum anderen, sie überwindet die Distanz von ursprünglich Fremdem, das bislang noch kontaktlos vor sich hin existierte. Beton und Eisen überspannen Schluchten und Abgründe – LIEBE schlägt eine Brücke vom einen zum anderen, vom Ich zum Du, und dies all überall dort, wo sich Menschen nicht gleichgültig sind, sondern in Ehe oder Freundschaft aufeinander zubewegen wollen, um die Ich-Einsamkeit aufzulösen und Gemeinsamkeit, ein WIR, zu gestalten“ (S. 397). Diese Sätze [um es poetisch zu sagen] erklingen im Finale des Buches, – für die Empfindung erklingen sie in Es-Dur, wie die Tonart der Zauberflöte von Mozart, – wobei schon der Anfang dieses Lebens-Hilfe-Buches die genannte Tonart anschlägt, um wiederum bildhaft das Gemeinte auszudrücken.

In der Einleitung (S. 11 – 17) skizziert der Autor Grundlinien vom WIR zum ICH, verbindet das Sein des Menschen mit dem Können und dem Sollen, um dann, im Geiste von Viktor Frankl, die Verantwortung als Grundfähigkeit des »homo humanus« hervorzuheben. „Als der Mensch, der ich in meiner Einzigartigkeit und Einmaligkeit, in meiner Unvertretbarkeit und Unaustauschbarkeit bin, habe ich nicht nur zu reagieren, sondern verschiedenste Situationsgegebenheiten zu verantworten“ (S. 17), und dabei muss der Mensch Spielregeln beachten, damit er und die Mitmenschen in Freiheit, in Frieden und in Würde das Spiel des Lebens miteinander gestalten.

Im Ersten Kapitel (S. 18 – 99) wird unser Leben als ein buntfarbenes Mosaik charakterisiert, als Gefragtsein, als Zeichnen ohne Radiergummi. Bernhard A. Grimm schreibt: „Immer schon hat mich die Geschichte um das Schiff »Leviathan« fasziniert, das mit einem zu lebenslänglicher Haft verurteilten Farbigen an Bord zu den Teufelsinseln unterwegs war. Ein Brand brach aus, und in der Not der Situation wurde der Farbige von seinen Hand- und Fußfesseln befreit – er beteiligte sich an den Rettungsarbeiten und rettete zehn Menschenleben, woraufhin er später begnadigt wurde“ (S. 19). Wir wissen zwar nicht, was auf uns noch wartet, aber dass das Leben etwas von uns erwartet, das ahnen wir sehr wohl, gerade in der Krise. In Anlehnung an Viktor Frankl, den der Autor öfters zitiert, [wie er auch auf die Bücher von Elisabeth Lukas mehrmals Bezug nimmt], hält er fest: Leben heißt, nach dem Prinzip des Antwortens zu agieren. Respondeo ergo sum = ich antworte, also bin ich; oder besser: ich bin, insoweit ich antworte. Der Mensch als antwortendes Tier? (S. 21) Ja, wenn man hinzufügt: Wenn das Tier antwortet, ist es kein Tier mehr, sondern ein Mensch, der als ein „in Resonanz stehendes Wesen“, verantwortlich wird für seine Taten (vgl. S. 27). Das Bild des Menschen glänzt in der Selbsttranszendenz auf ein »Du«, auf die Mit- und Umwelt und Persönlichkeiten wie Albert Schweitzer, Martin Buber, Karl Jaspers und Viktor Frankl dürfen als leuchtende Vorbilder gelten. Die Genannten haben in ihrem Menschenbild der Selbsttranszendenz eine zentrale Position eingeräumt, so der Autor. Gegenüber dem missverstandenen Konzept der Selbstverwirklichung deutet er an, auch der Lustmörder und Tierquäler würden [von Fall zu Fall] mit der Freiheit zur Selbstverwirklichung argumentieren. Übersteigerte Betonung von Eigeninteressen, das Streben von vermeintlicher Selbstverwirklichung in Familien sowie bestimmte Aspekte einer exzessiven Emanzipationsbewegung sind nur einige Beispiele dafür, dass das humane Leben der „Ego-zentrik“ entgegen laufende Bewegung, nämlich eine selbsttranszendente Bewegung ist (vgl. S. 35f.). Fazit des Autors: „Ich halte die Selbsttranszendenz fürwahr für das humanste und edelste Charakteristikum des Menschengeschlechtes überhaupt, ganz abgesehen davon, dass sie auch therapeutisch sehr ergiebig ist, und dies empirisch nachweisbar“ (S. 39). Und ebendort fügt der Autor hinzu: Es sei direkt Bosheit, Blasphemie und Hohn, wenn jüngst ein Kollege [ein Referent] vor versammeltem Publikum auf einer Tagung mit makabrem Wortspiel sagte: „Wer selbst-los ist, ist sein Selbst auch bald los.“ Zwar mag dies bombastisch gut klingen, aber: „Man kann diesem Menschen nur wünschen, er möge nie in eine Lebenssituation geraten, in der er den Beistand von jemandem braucht, der selbst-los genug ist, ihm diesen Beistand zu gewähren“ (S. 39). In Form einer Zwischenbemerkung kann man sagen: Gerne und oft wird der Satz „der Weg ist mein Ziel“ von gar nicht so wenigen Zeitgenossen wiederholt, doch auch hier ist der bombastisch gute Klang trügerisch. Denn, wer sucht, der soll irgendwann finden, und wer einen Weg geht [erwandert], soll irgendwann zum Ziel kommen. Der Weg ist eben nicht das Ziel.

Im Zweiten Kapitel (S. 99 – 168) begegnet uns der Mensch als ein zeitliches Wesen und damit eine Philosophie der Zeit, wobei der Kernsatz hier der folgende sein dürfte: Die Zeit ist unumkehrbar, sie drängt unabänderlich in eine Richtung, und das bedeutet, dass wir ständig altern und nie wieder jung werden. Diesem sinngemäß zitierten Satz folgt ein weiterer, mit dem der Rezensent ein wenig in eine kleine Diskussion eintreten möchte. Bernhard A. Grimm schreibt: „Die menschliche Existenz selbst ist zeitlich verfasst und das bedeutet, dass sie ausgespannt ist zwischen Geburt und Tod, zwischen Sein und Nicht-Sein“ (S. 102). Zwar stimmt der Satz in seiner grundsätzlichen Aussageabsicht, und doch, so meint der Rezensent, müsste und sollte der Satz so formuliert werden: … und das bedeutet, dass die menschliche Existenz ausgespannt ist zwischen Geburt und Tod, zwischen Sein und »Nicht mehr in der Zeit sein«. Nicht nur im Lichte einer höheren Offenbarung [sofern man daran glauben kann], sondern auch von der Philosophie von Sören Kierkegaard her ist [des Menschen] »Existenz« auf die »Transzendenz« ausgerichtet und nur von der Transzendenz her nachvollziehbar, während der Begriff »Dasein«, in der Tat, das zeitlich verfasste Leben in dieser physisch-sinnlichen Welt zur Sprache bringt. Darüber hinaus sind die vom Autor prägnant formulierte Impulse zur Lebenshilfe sehr wertvoll. Seneca, Hegel und Albert Einstein werden zitiert, die Bedeutung des JETZT wird herausgearbeitet und therapeutische wie spirituelle Übungen werden dargelegt, die ein Ziel haben: lernen, die unsagbare Kostbarkeit der Zeit zu schätzen. Dazu gehört, u.a., dass der Mensch während seiner irdischen Lebenszeit die Dankbarkeit und das Verzeihen lernen soll. Gewiss ist Verzeihen mitunter sehr schwer, und es kann letztlich nur als ein „Tun der Liebe“ (Kierkegaard) gelingen (vgl. S. 114). Der Gedanke vom „Optimismus der Vergangenheit“ (Viktor Frankl) wird ins Spiel gebracht und damit die Idee der Nichtvergänglichkeit unseres Tuns, die, wie der Autor zeigt, schon bei dem römischen Satiriker Titus Petronius [der ein Zeitgenosse von Seneca war] zu finden ist, der geschrieben hat:

„Pervixi – neque enim fortuna malignior umquam / eripiet nobis quod prior hora dedit”, das heißt (in der freien Übersetzung von Bernhard A. Grimm): „Ich habe mein Leben zur Gänze gelebt – und kein noch so schlimmes Schicksal kann entreißen, was eine frühere Stunde uns gab“ (S. 167).

Im Dritten Kapitel (S. 169 – 284) stehen die Begriffe SINN, WERT und WANDEL im Mittelpunkt der Erörterung. Nicht nur Frankl, sondern auch Heraklit und Nikolaus Cusanus werden zitiert. Wer sich in diesem Kapitel vertieft, wird sich bereichert fühlen sowohl durch tiefen Einsichten der Philosophie wie der praktischen Lebensgestaltung. Für Menschen, die immer nur Harmonie suchen, mehr oder weniger „harmoniesüchtig“ sind, gibt der Autor zu bedenken: „Die Harmonie ist nicht das Aufhören des Gegensatzes, sie ist eine Spannung, bei der keines der beiden Elemente endgültig den Sieg davonträgt, sondern beide notwendigerweise in Wirksamkeit bleiben“ (S. 180). Auch eine dichte Lehre der Polarität, der bipolaren Verfasstheit der Wirklichkeit kann man hier lesen. Theologisches, Philosophisches und Psychologisches fließen zusammen, und für die Willensfreiheit und Sinnorientiertheit des Menschen wird leidenschaftlich und dennoch sehr klar Stellung bezogen. Der Mensch als „homo viator“, als ein auf einem Weg wanderndes Wesen lebt aus der Hoffnung und mit Bezug auf den Sinn des Augenblicks, wohl wissend [oder zumindest ahnend], dass sein Weg eine Richtung hat (vgl. S. 190).

Im Vierten Kapitel (S. 285 – 396) geht es um Sterben und Tod, um Leben als Abschiednehmen, um Unsterblichkeit und Nahtoderfahrungen, aber auch um sehr persönliche Erlebnisse des Autors, die ihm „geschenkt“ wurden, als er seine kranke Frau einige Monate lang begleiten durfte aus dem Leben im Diesseits bis zur Grenze zum Jenseits. Für den Rezensenten entfalten sich auf diesen Seiten des Buches Geistesblitze sowie Lebens- und Seelenerfahrungen eines Menschen, der von sich sagen kann: „Hinsichtlich meiner eigenen Unsterblichkeit als fundamental geistigem Wesen bin ich frei von jeglicher Skepsis, Gottlob (!), und das freut mich sehr, auch schon deshalb, weil ich meine Frau dort [im Jenseits, im Reich des Ewigen Lichtes] ‚wissen’ darf. Jedenfalls ist für mich der permanente rationale und emotionale Umgang und die stete gedankliche Konfrontation mit Sterben und Tod ein ganz, ganz wichtiger Faktor für die Spiritualität im Alltag“ (S. 306). So kann Bernhard A. Grimm auch dem Spruch von Stefan Zweig aus Herzen zustimmen, der da lautet: „Niemand ist fort, den man liebt. Liebe ist ewige Gegenwart“ (S. 307). Neben der aktuellen Literatur zum Thema „Nahtoderfahrungen“, die der Autor zitiert, [wobei hier nach Ansicht des Rezensenten ebenso das herausragende Werk von Bô Yin Râ: „Das Buch vom Jenseits“, Bern: Kober Verlag sehr gut gepasst hätte], findet man einige Sätze auch von Immanuel Kant, die wahrhaftig erstaunlich sind. Kant schreibt:

„Der Anfang des Lebens ist die Geburt; dieses ist aber nicht der Anfang der Seele, sondern des Menschen. – Das Ende des Lebens ist der Tod; dieses ist aber nicht das Ende des Lebens der Seele, sondern des Menschen“ (S. 305). Und Bernhard A. Grimm fügt hinzu: „Geburt, Leben und Tod sind also nur Zustände der Seele“ (S. 305). Dass Menschen den Tod „feiern“ können, bezeugt der Autor auf den Seiten seines Buches (S. 309 – 323), welche den Abschied von seiner geliebten Frau Kaja eindrucksvoll schildern. Er selbst hielt die Abschiedsrede am Grab, – eine Rede voller Hoffnung, Trauer und auch Dankbarkeit. Letztere war sehr wichtig, denn Kaja sei ein „sehr kostbarer Juwel“ gewesen (S. 315), eine mit den Anderen mitfühlende Persönlichkeit, die trotz Krankheiten und Leid, ihr Leben „mit bewundernswerter Disziplin und Selbstbestimmtheit gemeistert“ habe (S. 314). Liest man diesen Teil des Buches in Stille und mit Seelenempfindung, erfühlt man plötzlich, dass der Tod „Lehrer des Lebens“ ist; dass eine gelebte Liebe zu einem Menschen nicht aufhört, wenn der Geliebte diese Sichtbarkeit verlässt, denn, wenn „der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Lichte stehen [werden], von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist“ (Arthur Schopenhauer, zitiert auf S. 337). Ja, der Mensch, der einen Körper hat, »ist« in seinem letzten Wesenskern Geist, und Geist ist „das Ewige im Menschen“, sagt der Autor mit dem Wertphilosophen Max Scheler (S. 374).

Fazit

Jedes Kapitel dieses Buches lässt Geistiges, Wert- und Sinnvolles, aber auch Pädagogisches und Psychologisches, Logotherapeutisches und Philosophisches „sehen“, wenn der Leser sehen und erfühlen will mit den Kräften des Herzens. Vollblutskeptikern ist dieses glänzende Buch nicht zu empfehlen, aber alle, die ehrlichen Herzens suchen, werden es mit hohem Gewinn lesen, denn es ist – dem Inhalt nach – breit und tief, differenziert und reich an klaren Gedanken, kohärenten Argumenten und durchfühlten Seelenempfindungen. Bernhard A. Grimm, dem der Rezensent jetzt schon zu seinem 70. Geburtstag [am 07.06.2012] herzlich gratuliert (Ad multos annos!), ist zweifelsohne ein herausragender, ein bedeutsamer Autor, auch wenn sein Name in breiten Kreisen nicht so bekannt ist wie, sagen wir, Günter Grass. Was besagt, das „berühmt bzw. bekannt“ sein und „bedeutsam“ sein Zweierlei sind.

Rezensent:

Dr. Otto Zsok, Fürstenfeldbruck

E-Mail: zsok@logotherapie.de

Zitiervorschlag

Dr. Otto Zsok, Rezension vom 27.05.2012 zu Bernhard A. Grimm, In den Armen des Lebens.

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