Mensch-Sein Selbsthilfe - Übungen

Schuld – Entrümpelung

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Wie wir uns von einer erdrückenden Last befreien
Roland Rottenfußer

Schuldgefühl macht uns müde, traurig und ängstlich, womit auch schon drei „Volkskrankheiten“ benannt sind, deren Besorgnis erregende Zunahme in den letzten Jahren oft durch die Presse gegangen ist: Burnout, Depression und Angststörungen. Ein viertes kommt hinzu: Schuldgefühl macht uns klein. Es lässt uns zutiefst an unserem Wert zweifeln. In der Folge laufen viele von uns als Schatten dessen herum, was sie eigentlich sein könnten. Schuldgefühle haben eine ähnliche Wirkung wie die gespenstischen „Dementoren“, die in den Harry-Potter-Büchern als Gefängniswärter fungieren: Ihre Gegenwart laugt aus, sie raubt den Eingesperrten alle Kraft und allen Lebensmut. Dies ist umso schlimmer als ein Großteil der Schuldgefühle, mit denen wir uns herumschlagen, völlig unnötig sind. Höchste Zeit, aufzuräumen und zu entrümpeln!

Das unausgesprochene Motto einiger Menschen, die mit einem empfindlichen Gewissen ausgestattet sind, lautet: „Je schlechter es mir geht, desto besser für die moralische Ordnung im Ganzen.“ Einen Ast, den wir unabsichtlich geknickt haben, können wir nicht wieder ankleben. Das Gefühl, dass etwas irreparabel ist, verleitet uns zu der Annahme, dass wir auch unsere Schuld nicht loslassen dürften: nie mehr. Die „Kunst“ liegt nun darin, sich nicht zum Gefangenen der eigenen Vergangenheit zu machen. Die Frage sollte nicht sein: Was verdient jemand aufgrund früherer Verfehlungen, sondern: was kann aus ihm werden, wenn er es schafft, Schuld zu bewältigen. Im einen Fall richten wir unseren Blick in die Vergangenheit, im anderen in die Zukunft.

Die Energie, die wir für Selbstbestrafungsaktivitäten einsetzen, fehlt uns beim Aufbau einer gerechteren und liebevolleren Welt. Der völlig von seinem Schuldgefühl Gelähmte entzieht sich der Welt als ein schöpferisch tätiger, Liebe gebender und empfangender Mensch. Er fügt seinem ursprünglichen Fehler also noch einen zweiten hinzu, indem er sich nicht zugesteht, auf die ihm eigene Weise zu leuchten. Wenn es dir derzeit noch schwerfällt, das Nötige zu tun, damit sich dein Herz leichter und freier anfühlt – vielleicht hilft es, zu wissen, dass du es auch im Interesse deiner Mitmenschen tust.

Für das bewegende Hollywood-Drama „Good Will Hunting“ (1997) schrieben die beiden damals jungen Schauspieler Matt Damon und Ben Affleck das Drehbuch. Sie beschrieben den Weg eines genialen jungen Mathematikers (Damon), der sich durch plötzlich ausbrechende Gewalttätigkeit in seinem Leben immer wieder selbst ein Bein stellte. Will Hunting stünde der Weg zu einer großen Karriere offen, aber er muss zunächst seelischen Ballast beiseite räumen. Dazu konsultiert er auf Anraten seines Professors einen warmherzigen Psychotherapeuten (Robin Williams). Der führt ihn Schritt für Schritt an ein Kindheitstrauma heran – er wuchs in Pflegefamilien auf und wurde schwer misshandelt. Will sperrt sich gegen die Erkenntnis, gibt sich – wie viele Jugendliche heute – „cool“ und widerborstig. Bis der Therapeut den Schlüssel zu seiner hinter Mauern verbarrikadierten verletzten Seele findet. Der heilende Satz lautet „Du kannst nichts dafür“. Da bricht es aus Will heraus, Tränen der Erleichterung dürfen fließen und all den angestauten Schmerz wegschwemmen. Erkenntnis in die Wahrheit der eigenen Unschuld bedeutet Heilung.

Für die notwendigen Schritte raus aus der Schuldfalle habe ich die Formulierung „Schuldentrümpelung“ gewählt, weil es in den letzten Jahren populär geworden ist, sich von unnötigem Ballast zu trennen, von Gerümpel, das unseren Keller oder Speicher verstopft. Ein Großreinemachen bedeutet da Erleichterung – auch auf der seelischen Ebene. Beim Thema „Schuld“ erscheint eine solche Vorstellung allerdings ungewohnt. Sind Schuldgefühle wirklich nur „Gerümpel“, das man einfach wegwerfen kann? Nicht alle, aber viele. Entrümpelung bedeutet zuallererst: Brauchbares von Unbrauchbarem unterscheiden. Der Prozess, um unnötige Schuldgefühle loszulassen, ist nicht einfach und braucht Zeit.

Einen ersten Denkanstoß bekommst du, wenn du folgende Übung durchführst:
– Schreibe in eine leere Datei den Ausgangssatz: „Ich fühle mich schuldig, weil…“ und ergänze diesen Satz aufgrund deiner eigenen persönlichen Schulderfahrung.
Z.B. „… weil mein Vater, als ich noch klein war, unsere Familie verlassen hat.“

– Stelle dir zum betreffenden „Fall“ dann folgende Fragen und notiere die Antworten:
1. Vom wem kommt der Schuldvorwurf – von mir selbst oder von anderen?
2. Wenn der Schuldvorwurf von anderen kommt, sind die Betreffenden qualifiziert, über mich zu urteilen?
3. Gibt es bei meiner „Tat“ überhaupt eine Geschädigte/einen Geschädigten?
4. Kann ich sicher sein, dass ich die Ursache für ihr/sein Leiden bin?
5. Hast das „Opfer“ auch einen Vorteil davon, dass ich mich schuldig fühle?
6. Gibt es für meine Tat mildernde Umstände?
7. Wird meine schuldhafte Tat vielleicht durch positive Taten aufgewogen?

Lass dir diese Fragen durch den Kopf gehen. Wenn du zu der Überzeugung gelangst, dass du dich mit Schuldgefühlen unnötig herumgequält hast, veranstalte einfach ein kleines Schuldbefreiungsritual. Beschreibe z.B. einen großen Stein mit einem schwarzen Filzstift („Ich fühle mich schuldig, weil…“) und wirf diesen in einem rituellen Akt in den Fluss. Fühlt es sich schon leichter an? Genauere Beschreibungen für Schuldentrümpelung und befreiende Rituale sind in unserem Buch zu finden, das am 19. Dezember erscheint.

Cover-schuld-entruempelungMonika Herz, Roland Rottenfußer:
Schuldentrümpelung
Wie wir uns von einer erdrückenden Last befreien.
Goldmann Verlag, 256 Seiten, 9,99 €

 

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