Aufstieg & Lernen

Sehnsucht nach uns selbst

bruecke-licht-bridgeSehnsucht nach uns selbst

Liebe Leser,
nun ist sie wieder da, diese Zeit, in der wir Sehnsucht nach uns selbst haben. Nach einem ganz bestimmten Gefühl, das wir aus unserer Kindheit kennen oder das uns suggeriert wird, an das wir uns aus anderen Zeiten erinnern oder von dem wir ganz tief in uns spüren, das es zu dieser Zeit gehört. Heute morgen saß ich mit meiner Katze im Schaukelstuhl und schrieb ein wenig Tagebuch. Auf einmal spürte ich, wie groß der Unterschied ist zwischen dem, was ich im Moment so gerne leben würde und dem, was tatsächlich passiert. Wir machen es uns gemütlich. Wir kaufen Geschenke. Wir zünden Kerzen an. Wir bereiten einen Raum, damit wir es schön haben. Wir backen, wir kochen, wir stellen Bäume auf, wir schmücken. Wir sind ständig in Aktion damit wir uns endlich ausruhen und mit neuer Kraft versorgen lassen können. Ist das nicht absurd? Was betreiben wir für einen Aufwand, damit wir es uns schön machen können! Ich komme vor lauter „Yang“, also „Tun“, gar nicht dazu, endlich in Yin, ins Geschehenlassen, zu schalten, die Stille, den Winter, die Ruhe, jene Kraft, die im Rückzug liegt, zu erleben und in mich aufzunehmen. Stattdessen schreibe ich noch schnell dies und das, mache noch ein Interview, gebe noch einen Workshop, damit alles noch dieses Jahr fertig wird. Wozu? Damit ich dann im Januar mal zwei Tage frei habe? Die Weihnachtsdekoration hängt noch nicht, weil ich mich noch nicht entsprechend fühle und das Dekorieren nicht als eines der Dinge abhaken will, die zu tun sind. Dazu ist es mir zu wichtig. Und doch macht es mir Druck, dass die Tanne draußen noch nicht steht und noch keine Lichterkette trägt, ich will ja, dass die inneren Kinder meiner Familie glücklich sind. Worum geht es also? Weihnachten ist ein Gefühl. Es braucht Raum, diese Gefühl. Es braucht Muße. Es braucht auch ein paar Accessoires, natürlich. Plätzchenduft, Kerzen und glänzende Kugeln helfen.
Ich habe Sehnsucht nach dieser Muße, dieser inneren Einkehr. Ich erlebe sie im Wald, wenn die Sonnenstrahlen den Raureif zum Glitzern bringen. Ich erlebe sie, wenn ich mit meiner Katze auf dem Schoß am Kamin sitze. Ich erlebe sie nicht, wenn ich mich von Menschenmassen auf Weihnachtsmärkten herumdrängen lasse. Und doch gehe ich zu Weihnachtsmärkten, weil dort viele andere Menschen Räume schaffen, Schönes und Köstliches anbieten, es ihren Besuchern gemütlich machen wollen. Natürlich wollen sie auch ihre Sachen verkaufen, doch das dürfen sie ja auch. Dafür bekommt man ein wunderhübsches, zauberhaftes Ambiente, das aufzubauen viel Kraft kostet.
Weihnachten also. So ambivalent, so sehr ersehnt und doch jedes Jahr eine so große Herausforderung. Wäre ich ein Engel und würde das Ganze von oben betrachten, so wäre ich gerade in dieser Zeit bestens unterhalten. In der Sehnsucht nach Ruhe machen sich Menschen mehr Arbeit als das ganze Jahr über, das ist doch wirklich amüsant. Aber so sind wir Menschen, wir gestalten, wir spielen mit den Möglichkeiten, wir geben unser Bestes.

Seid friedlich mit dem, was ist. Nehmt euch die Freiräume, die da sind und entspannt euch gleichzeitig in das Herumgerenne hinein. So sind wir Menschen. Wir rennen einem Gefühl hinterher und tun alles, was in unserer Macht steht, um es zu erleben – aber auch, und das macht das Ganze wieder so groß, es anderen zu ermöglichen. Oder für wen kaufst du all diese Geschenke, für wen machst du es schön und kuschelig? Für dich, hoffe ich. Aber sicher nicht nur. Komm in Frieden mit dem, was ist. Renne umher, suche das Gefühl, gestalte Räume, vermittle es anderen, indem du Geschenke besorgst und Plätzchen backst. Aber vergiss in all dem Trubel, der ja nur der Stille dienen will, nicht, in diesen glitzernden Winterwald zu gehen.

Susanne Hühn

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