Bewusst-Sein

Selbst – Transzendenz -Teil 1

Wolkenformation Selbst – Transzendenz, Selbstverwirklichung, Altruismus und Egozentrik   Teil I

© Dr. phil. Bernhard A. Grimm, Scheyern

 Liebe Freunde,

in der ihm eigenen Art gelegentlich maß.loser Übertreibung hatte Friedrich Nietzsche Menschen.liebe und Altruismus als einen Ausdruck von Schwäche und Selbst.verneinung bezeichnet und gesagt, sie seien typisch für Sklaven.naturen und – gemessen am „starken“ Menschen – Degenerations.erscheinungen.

Er hätte daher auch kein Verständnis gehabt für die nachfolgend zitierten „Edelsteine“ der Poesie, Glanzlichter eines Menschen.bildes, dessen wesent.lichste Komponente der selbst.transzendierende Du-Bezug auf Welt, auf Mit. und Um.welt, ist und nicht das „monadische“ Gefängnis, gefügt aus Mauern von solipsistischer Selbst.sucht, Eigen.liebe und Eigen.dünkel, arrogantem Wohlgefallen an sich selbst und narzisstischer Ego.zentrik:

„Es gibt keinen schöneren, aber auch keinen schicklicheren Rahmen um einen großen Schmerz als eine Kette von kleinen Freuden, die man anderen bereitet“ (Friedrich Schleiermacher).

„Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns Halt“ (Maria von Ebner-Eschenbach).

Ich weiß sehr wohl, man müsste – um die eigentlichen ego.manischen Tendenzen im Menschen aufzuspüren – sehr akribisch zwischen Selbst.sucht, Selbst.liebe und Selbst.interesse, dann wiederum zwischen Egoismus, Ego.zentrik und Narzissmus differenzieren, wie dies Erich Fromm in seinem Buch „Psychoanalyse und Ethik“ recht angemessen tut; ich will mir dies ersparen und verweise einfach auf (m)ein „Menschenbild“, aus dem deutlich wird, dass der Mensch aufgrund seiner noetisch.GEISTigen Dimension grundsätzlich fähig ist, sich und all die vorgenannten Ismen zu „über.steigen“, zu trans.zendieren auf etwas oder auf jemanden hin, das/der hinwiederum nicht wieder es/er selbst ist. Das „Gegenteil“ hiervon will ich mit einem Gleichnis aus einer indischen Sage veranschaulichen:

Man hat einst einen Hund in ein Spiegelkabinett gebracht, das rundum an den Wänden ebenso wie am Boden und an der Decke mit nichts als nur mit Spiegeln ausgestattet war.

Nachdem sich der Hund in die Mitte gesetzt, rings um sich geschaut und, wohin er auch blickte, nur sich selbst, also eben einen Hund, gesehen hatte, irritierten ihn diese vielen Hunde sehr – er fletschte die Zähne, begann zu knurren und musste bemerken, dass auch alle anderen Hunde, links und rechts von ihm, vorne und hinten und oben, dies taten. Es sträubten sich ihm die Haare, er bekam Angst und er bellte den nächstbesten Hund an, doch der bellte unverzüglich zurück und dies taten gleichzeitig alle anderen Hunde.

So sehr in seine Angst eingefangen, konnte er gar nicht „erkennen“, dass ja außer dem eigenen gar kein fremdes Bellen zu hören war, aber er sah nur die wütenden Gesichter, die offenen Mäuler mit den blanken Zähnen rundum und allüberall. Da begann er zu laufen, langsam erst – doch die anderen Hunde liefen auch; er beschleunigte, lief schneller und schneller – doch die ganze Meute der Hunde lief ebenfalls schneller und blieb ihm stets auf den Fersen – nicht um alles in der Welt konnte er sie abschütteln. Riesiges Entsetzen, panische Angst packte den Hund, er rannte und rannte, setzte zu gewaltigen Sprüngen an, doch die keuchende Meute blieb dicht hinter ihm.

So jagte er Stunden um Stunden im Kreis herum und stürzte schlussendlich tot im Raum zusammen, von niemandem anderen gehetzt als nur von sich selbst, von seinem eigenen Spiegel.bild.

Manch ego.zentrierter Mensch – nur sich selbst sehend und wie der Hund aus der Fabel in ähnlicher Weise in sich selbst gefangen und nur sich selbst ausgeliefert – möge den Mut haben, den Spiegel zu zerbrechen! Solche Scherben würden fürwahr (ihm und anderen) Glück bringen!

Albert Schweitzer hat einmal gemeint, die einzig wirklich glück.lichen Menschen, die er jemals getroffen habe, seien jene gewesen, die im Dienst an einer Sache aufgegangen seien – eine denk.würdige, nachdenkens.werte Beobachtung und Feststellung, die ich voll

unterschreiben kann. Sie führt mich – abseits von Ego.Trip und Tanz um das goldene Selbst, jenseits der gegenwärtigen Narzissmus.kultur, in der viele Menschen so un.glücklich und so seelisch krank sind wie kaum je in unserer so fortschrittlichen „ersten Welt“ – zu einem Begriff und zu einer Wirklichkeit, deren Inhaltlichkeit ich für die wesent.lichste, für die wichtigste und auch schönste, für die ethisch und sozial wert.vollste Fähigkeit des Menschen überhaupt halte, nämlich die der Selbst.transzendenz.

Der Begriff hat mit dem, was man primär und spontan unter Trans.zendenz verstehen möchte – also Über.natürlich.keit oder Göttlich.keit -, nichts zu tun; es handelt sich nicht einen theologischen, sondern um einen anthropologischen Begriff und er deutetmensch.liche Existenz als ein Aus.sich.selbst.Heraustreten und ein Über.sich.selbst. hinaus.sein.Können, als Offen.heit und Öffnung auf eine Sache, auf einen Dienst, auf eine Idee, auf eine Aufgabe oder (und wesentlich!) auf einen Menschen hin.

Eine handliche und leicht merkbare Definition würde Selbst.transzendenz – etwas vereinfacht – umschreiben wollen als: Über.schreitung des eigenen Ichs, der Grenzen des eigenen Ichs.

Ich zitiere hierzu gerne den Philosophen Karl Jaspers:

„Was der Mensch ist, das ist er durch die Sache, die er zur seinen macht.“

Unvergleichlich schön und knapp drückt dies – auf mensch.liche Kommunikation bezogen – der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber aus:

„Der Mensch wird am Du zum Ich.“

Dieser Blick über sich selbst hinaus als die wesent.liche und fundamental zum Mensch.sein gehörige Fähigkeit zur Selbst.transzendenz, dieses Sich.selbst.Zurückstellen,

An.etwas.anderes. und An.jemand.anderen.Denken,

dieses Sich.Verlieren, Sich.selbst.Vergessen und

Von.sich.selbst.abrücken.Können

ist, wie bereits gesagt, die ethisch und sozial wert.vollste Fähigkeit des Menschen überhaupt und lässt sich am besten und recht schön und anschaulich an Hand der Analogie mit dem mensch.lichen Auge erläutern:

„Nicht jedem ist bislang die Paradoxie aufgefallen, dass die Fähig.keit des Auges, zu sehen und die Welt wahrzunehmen, abhängig ist von seiner Un.fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen.

Wann sieht das Auge sich selbst oder etwas von sich selbst? Eigentlich nur, wenn es erkrankt ist. Leide ich an einem grauen Star, dann nehme ich ihn in Form eines „Nebels“ wahr, den ich sehe; wenn ich rings um die Lichtquellen einen Hof von Regenbogenfarben sehe, dann bin ich an einem grünen Star erkrankt.

Das heißt: In dem Maße, in dem das Auge „sich“ oder etwas von sich selbst sieht, ist das Sehen auch schon gestört, ist das Auge krank.

Das Auge muss – um seiner Funktion entsprechend gut und richtig sehen zu können – sich selbst „übersehen“ können, und das normale Auge sieht sich auch selbst nicht“ (Viktor E. Frankl).

Im Analogieschluss darf man nun sagen:

6Blumen_verfremdet_HSC Genauso verhält es sich mit dem Menschen, denn

* je mehr er sich selbst über.sieht und

* je mehr er sich selbst vergisst, indem er sich hingibt an eine Sache, an eine Idee, an eine Aufgabe oder an einen Sinn, an andere Menschen,

* desto mehr ist er Mensch und desto mehr verwirklicht er sich selbst, desto identischer ist er mit sich selbst.

Aufgrund dieser Selbst.transzendenz – mittels deren er in seinem Denken, Fühlen und Handeln über sich selbst hinaus in seine Um.welt, zu seinen Mit.menschen und in das viel.fältige Reich der Möglich.keiten hinein zu greifen imstande ist – ist der Mensch erst das Wesen auf der Suche nach Sinn und wird im Grunde „beherrscht“ (in seiner Ausrichtung auf Werte) von einem Willen zu Sinn. Es ist in ihm tief verwurzelt und angeboren dieser Durst nach Sinn, der, wenn er frustriert wird, zur Verzweiflung führen kann trotz aller sonstigen Gesund.heit und vieler Reichtümer.

Ich wehre mich hartnäckig gegen ein so genanntes reduktionistisches Menschen.bild, das den Menschen sehen will als ein Wesen, das (nach der Lern.theorie) ständig auf innere und äußere Reize reagiert und von diesen Reizen abhängig ist, oder als ein Wesen, das (nach der Tiefen.psychologie) stets seine in ihm aufgestauten Triebe und Bedürfnisse ab.reagieren möchte und mehr oder minder hilf.los alledem ausgeliefert ist.

Dem gegenüber bemühe ich mich stets, einen Menschen zu zeichnen als ein in die Welt hinein agierendes Wesen, das weder vollkommen abhängig ist von der inneren oder äußeren Reiz.welt noch von seinen Trieben und Bedürfnissen, sondern diesen Kräften zu trotzen imstande ist und in geistiger Freiheit aktiv und kreativ an der Gestaltung seines Lebens mitwirken kann, und dies auch tut – er ist nicht in sich selbst eingekerkert nach narzisstischen Mustern:

Der Narzissmus als aufgeblähte Selbst.bezogenheit (als übertriebene Selbst.sucht, Selbst.besetzung, Selbst.gefälligkeit, Selbst.bewunderung) hat viele Gesichter und ist die Krankheit von heute – er kommt gerade im Bereich der religiösen Heils.suche und der Suche nach dem je persönlichen Seelen.heil sehr häufig vor und wird manifest im über.betonten Rückzug auf die Innerlich.keit, in der Rede von der Selbst.findungs.suche, im stolzen (lauten) Bekenntnis aus.schließlicher (und gar bedingungs.loser) Liebes.fähigkeit, letztendlich in einem penetranten Subjektivismus. Oftmals kommt es zu einer Über.betonung des Affektiven, quasi zu einer neuen Sentimentalität, d.h. es zählt dann nur noch, was ich fühle oder erlebe oder wie es mir geht und was ich jetzt spüre. Die Psychologie selbst hat indes lange Zeit angenommen und glauben machen wollen, all dies sei normal und dem Menschen gehe es tatsächlich aus.schließlich um sein ICH, um sein SELBST – ich glaube das nicht.

Im Wesent.lichen, in seinem Wesens.kern ist der Mensch nämlich an etwa außerhalb seiner selbst Liegendem interessiert, das er jeweils als seinen gegenwärtigen Sinn betrachtet.

Aber nur, wenn man diese Selbst.transzendenz ernst nimmt und wenn man ihr – mit ihrem Streben, Anteil zu nehmen an der Welt und sich ihr zu verantworten in der offenen Bereit.willig.keit, sich etwas Wert.vollem, eben dem Sinn zu widmen – die fundamentale und zentrale Position im Menschen.bild einräumt, nur dann kann man auch solchen so sehr irre.führenden Schlagworten wie dem Ruf nach Selbst.verwirklichung kritisch entgegentreten und sie in ihren Fehl.interpretationen und Auswüchsen als Plädoyer für (un.gezügelten) Egoismus (geißeln und) ablehnen.

Dieses Selbst.verwirklichungs. und Selbst.findungs.konzept ist streckenweise recht frag.würdig geworden.

Wo soll „etwas“ verwirklicht werden, was gar nicht da ist, oder wo „etwas“ finden, wo nichts vorhanden ist – so könnte man ironisierend fragen und müsste in der Antwort.gebung weit in die Persönlichkeits.bildung ausgreifen.

• Es sagte mir einmal eine gebildete Frau: „Seit 20 Jahren such ich mich selbst und finde nichts“,

• und eine andere Dame schrieb mir: „Als ich aufhörte, mich zu suchen, begann ich, mich zu finden.“

Dies war Selbst.findung nicht auf der Diritissima, nicht über den direkten Weg der Selbst.suche, sondern über den heilenden Weg der Sinn.suche.

Wenn also, so möchte man fragen, die Selbst.findung – die Identität mit sich selbst – so kompliziert ist, wie steht es dann mit der so genannten Verwirklichung meiner selbst?

Wer sich auf diesen Weg begibt, weiß er überhaupt, was dieses Selbst ist, das es zu verwirklichen gilt, und ist er sich klar darüber, zu was hin, zu welchem Grad, zu welcher Höhe, wohin überhaupt es zu verwirklichen ist?

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