Bewusst-Sein

Selbst – Transzendenz – Teil 2

400_2_neu_Licht Selbst -Transzendenz und Selbstverwirklichung, Altruismus, Egozentrik Teil 2

Das Prinzip der Selbst.verwirklichung hat anderen Prinzipien (wie dem der Emanzipation oder Gleichberechtigung) voraus, dass es sich als Ziel nicht die Beseitigung eines schlechten Zustands, sondern etwas Positives und Großartiges, die Verwirklichung des eigenen Selbst, setzt. Es scheint aber ein rein formales Prinzip zu sein, und das heißt dann: Worin auch immer das Selbst bestehen mag, seine Verwirklichung scheint gut, erstrebens.wert zu sein – so die übliche Meinung.

Das kann mitunter gefährlich sein, wenn beispielsweise das Recht auf Selbst.verwirklichung der Frau auch den Anspruch darauf enthält, sich selbst un.gestört von un.gewollten Schwangerschaften zu verwirklichen, also unter diesem Aspekt bedenken.los abzutreiben.

Sollen der Lust.mörder und Tier.quäler ihr Selbst doch besser nicht verwirklichen?!

Oder der Trompeter, der sich darauf beruht, er möchte doch sein Selbst verwirklichen, wenn er in der Frühe um vier Uhr in einem Häuserblock den Wild-Cat-Blues zu schmettern anhebt?

Endet die eigene Selbst.verwirklichung dort, wo die eines anderen anfängt, oder darf sie überhaupt nur innerhalb eines rechts.staatlichen Gesetzes.rahmen zugelassen werden, der den Waffensammler bremst und zurückpfeift, dem zu seinem Glück nur noch die Wasserstoffbombe in seinem Vorgarten abgeht? Ich will nicht bewusst polemisieren, aber

vielleicht vermögen die Fragen doch etwas das Problem.bewusstsein zu schärfen!

Der Begriff der Selbst.verwirklichung ist in den 30er Jahren von Kurt Goldstein geprägt, in den 50er Jahren als Selbst.aktualisierung von Abraham Maslow zur Beschreibung der höchst.möglichen Erfüllung mensch.lichen Daseins verwendet und anschließend populär wissenschaftlich stark verwässert und entstellt worden.

Ich weiß sehr wohl, dass die Aufforderung zur Selbst.aktualisierung (als Streben nach Wachstum, Un.abhängigkeit, Freiheit, Selbst.verantwortlich.keit und Entfaltung vorhandener kognitiver oder verhaltens.dispositioneller Potentiale), dass Erich Fromms Appell zur Selbst.verwirklichung oder Charlotte Bühlers Kern.tendenz der schöpferischen Persönlichkeit nach Selbst.erfüllung keineswegs als Plädoyer für un.gezügelten Egoismus miss.verstanden werden dürfen, aber eben genau so wurden diese Modelle – und daher meine etwas abwertend ironisierende Skepsis – in Tausenden von (Persönlichkeits.) Seminaren und Abertausenden von Taschenbuchausgaben mit fertigen Rezepten und Anleitungen zum Sich.selbst.Behaupten und zur Durchsetzung der eigenen Bedürfnis. skala wie Evangelien mit „göttlichem“ Wahrheits.anspruch verkauft.

Jede Beratungsstelle wird die Rechnung aufmachen können, wie viel Streben nach vermeintlicher Selbst.verwirklichung vor dem Scheidungsrichter endete, wie viel übertriebene und krampf.haft übersteigerte Betonung von Eigen.interessen zur Liebes.un.fähigkeit geführt hat, wie viele Familien.zusammenbrüche auf das Konto einer (pseudo.)psychologisch untermauerten und exzessiven Emanzipations.bewegung gingen und – last but not least – wie viele Kinder unter dem un.reifen Egoismus ihrer Eltern oderanderer wichtiger Bezugs.personen gelitten haben.

Die von der psychologischen Wissenschaft initiierten Wachtums.motivationen sollten den Menschen über sich hinaus zu umfassenderen Werten führen und ihn auf wichtige Lebens.aufgaben ausrichten – es sollte um Allo. und Altero.Zentrik (vom griech. állos und lat. alius, alterius = der andere) gehen, nicht um bloße Ego. und Auto.Zentrik (vom griech. autós = selbst, eigen), um das, was ich fühle und spüre, was (nur) mir gut und wohl tut (was alles recht nahe beim Narzissmus angesiedelt ist)!

Zu jedem Zeitpunkt mag gelten:

Solange Selbst.verwirklichung als reines Bedürfnis angesehen wird, das auszureagieren und zu stillen wir ein Recht und einen Anspruch hätten (generell!) und das nachgerade einklag.bar wäre gegenüber unserer Um. und Mit.welt mit ihren Nötigungen und

Zwängen, so lange befinden wir uns auf einem Weg, der überall sonst hinführt, nur nicht dorthin, wohin wir eigentlich gelangen möchten, oder gar sollten.

Aber das ist wiederum eine Frage des Menschen.bildes, die Frage also nach der zwangs.läufigen Reaktion auf Reize, nach der notwendigen Ab.reaktion aufgestauter Trieb.bedürfnisse, dem Ausgeliefert.sein an diese Trieb. und Bedürfnis.potentiale oder aber

die Frage nach dem Bild vom Menschen als einem in die Welt hinein agierendem Wesen, das, weil nicht vollkommen abhängig von äußeren Reizen und inneren Trieben und Bedürfnissen, nicht wie eine Marionette an den Schicksals.fäden aus Um.welt und Erb.gut zappelt, sondern kraft seiner geistig.noetischen Dimension, der Trotz.macht des Geistes, „nein“ zu alledem sagen kann, sich von sich selbst nicht alles gefallen zu lassen braucht und immer neu – stündlich und augenblicklich – entscheidet, was und wer er ist und wird, indem er nach Sinn auslangt, also Werte verwirklicht.

Die richtig verstandene Selbst.verwirklichung ist,

so meine ich,

nur zu erreichen über eine Wert.verwirklichung:

Die sinn.vollen Aufgaben, die ein Mensch zu den seinen macht, sie sind es, die ihn zu seinem wahren Selbst finden lassen. Das ist Werte.verwirklichung, im Zuge derer sich die Selbst.verwirklichung als eher un.beachtetes „Neben.produkt“ von ganz alleine einstellt – so auch abzulesen an den wirklich großen Persönlichkeiten der Geschichte, vielleicht auch der Gegenwart oder unserer un.mittelbaren Umgebung.

Solche Menschen sind für mich ein Denkmal dafür, dass mensch.liches Leben dann gelingt und „glückt“ (Glück auch als „Nebenprodukt“ einer anders motivierten Aktivität, als Ergebnis und nicht direkt erstrebtes Gut!), wenn der Mensch Sinn.volles realisiert, indem er Wert.volles verwirklicht.

In diesem Sinne schrieb auch der Philosoph Reinhard Löw:

„Von daher wird dann auch klar, dass in einer recht verstandenen Selbst.verwirklichung erst einmal anspruchs.volle Ziele, Werte zu verwirklichen sind, also etwas anderes als das Selbst, und dass erst aus einer gewissen Distanz heraus die Rede davon sein kann, dass damit außerdem auch ein Selbst verwirklicht wurde.“

Selbst.verwirklichung ist demnach nur zu haben

um den Preis der Selbst.transzendenz,

was eigentlich auch für die heute so viel strapazierte Identität (und Authentizität) gelten mag:

In der Hin.gabe an eine Auf.gabe, im Dienst an einer Sache oder einer Person, weiß ich und spüre ich, wer ich zuinnerst bin.

In dieser Aufgaben., Sach. und Personen.orientierung (= Wert.orientierung) fällt mir die Identität in den Schoß, die „Suche“ nach ihr gerät mir zumindest nicht zum Problem.

5_neu_Licht Der Weg zu seelischer Gesund.heit, zu Ausgeglichen.heit und innerer Balance, der Weg auch zu Glück und Zufrieden.heit führt meines Erachtens nur über die Selbst.transzendenz als der (manchmal sehr notwendigen) Abkehr des Menschen von sich selbst und beherzt.couragierten Hin.wendung zu Auf.gaben, die zu erfüllen sind und deren Erfüllung gerade auf uns wartet.

Hier wächst der Mensch über sich selbst und über seine Un.zulänglich.keiten hinaus, hier braucht er keine Zipperlein und Wehwehchen als entschuld(ig)ende Alibis, hier konzentriert er sich mit ganzer Kraft auf etwas außerhalb seiner selbst Liegendem und wird fähig, jemandem oder einer Idee zu.liebe (nachgerade ein Fremdwort für viele!) einen Verzicht zu leisten.

Er fühlt sich imstande, in die Um.welt und zu den Mit.menschen, in das tausend.fältige Reich der Möglich.keiten hineinzugreifen, um einige wenige zu realisieren.

hinein, weil er auch fähig ist, Abstand zu haben oder zu schaffen zu sich selbst und zu den eigenen Gefühlen.Hier klebt der Mensch nicht am eigenen Empfinden, an der eigenen Lust.befriedigung,an der (über.mäßigen) Beobachtung körper.licher oder seelischer Zuständlichkeiten. Er schafft sich auf der geistigen Ebene Abstand zur eigenen Verzagt.heit und Ängstlich.keit. Er kann auch lernen, über sich und seine Schwachstellen, über seine Probleme und sogar Leiden zu lächeln, sie zu ironisieren bis in die Selbst.persiflage.

Er hat weder ein „Brett“ noch den Spiegel (seiner selbst) vor dem Kopf oder direkt vor der Nase, sondern bedient sich eines Fernrohres, geeignet, (s)eine vielleicht durch über.mäßige Selbst.beobachtung gänzlich aus den Augen verlorene Innen. und Außen.welt wieder ins Visier zu bekommen.

Selbst ein Schwer(st)kranker ist zur Selbst.transzendenz insofern noch fähig, als es ihm möglich ist, die Gedanken von seinem bevorstehenden Ende weg. und hin.zu.lenken beispielsweise auf die grandiose Sinn.fülle seines vergangenen Lebens und damit auf die Un.auslöschlich.keit all dessen, was er in diesem seinem Leben gewollt, geliebt, getan und erreicht hat.

Ich denke in diesem Zusammenhang an jenen 60jährigen Mann, der mit der Diagnose „un.heilbarer Krebs, Lebensfrist noch wenige Monate“ ins Krankenhaus eingeliefert wurde und nach dem ersten Schock sagte, er wolle seine letzten Monate nicht mit Jammern und Selbst.mitleid vergeuden.

So begab er sich denn auf die onkologische Station und ging in der Abteilung für un.heilbar Krebskranke von Bett zu Bett, spendete durch seine verständnis.vollen und in die Tiefe gehenden Gespräche Trost und gab die Hilfe, die nur ein Blinder anderen Blinden, ein Rollstuhlfahrer nur seinesgleichen, ein Krebskranker anderen Schicksalsgenossen zu geben vermag.

„Das Leben“, so sagte er einmal, „hat nicht aufgehört, einen Sinn zu haben, nur weil wir wissen, was andere Menschen nicht wissen: wie lange es nämlich noch mit uns dauern wird.“

An diesem Manne zeigt sich, was Selbst.transzendenz ist, und auch, wie hier in der Realisierung von Einstellungs.werten eine „Niederlage“ in einen Sieg, eine Tragödie in einen mensch.lichen Triumph umgeformt wird.

Ich halte die Selbst.transzendenz fürwahr für das humanste und edelste Charakteristikum des Menschen.geschlechtes überhaupt, ganz abgesehen davon, dass sie auch therapeutisch sehr ergiebig ist, und dies empirisch nachweisbar.

Man braucht nicht nur an den krebskranken Mann zu denken, generell erfahren auch wir das allmähliche Un.wichtig.Werden der eigenen Problematik in dem Maße, in dem etwas außerhalb des Selbst Liegendes an Wichtigkeit gewinnt.

Da ist es direkt Bosheit, Blasphemie und Hohn, wenn jüngst ein Kollege vor versammeltem Publikum auf einer Tagung mit makabrem Wortspiel sagte: „Wer selbst.los ist, ist sein Selbst auch bald los“. Man kann diesem Menschen nur wünschen, er möge nie in eine

Lebens.situation geraten, in der er den Beistand von jemandem braucht, der selbst.los genug ist, ihm diesen Beistand zu gewähren.

Wenn in meinem Beitrag hier mehr oder minder emphatisch und eindringlich bislang von Selbst.transzendenz die Rede war und wenn ich am liebsten mit Fanfarenklängen zur Erziehung zur Selbst.transzendenz aufrufen möchte, dann meine ich durchaus nicht,man müsse die Selbst.interessen verneinen und dürfe sich selbst nicht mögen.

Aber solche Erziehung wäre die beste aller guten Erziehungen, sie wäre Lebens.hilfe schlechthin.

Zahlreiche Testreihen, auch klinische, beweisen, dass innere Gesund.heit und Stabilität eines Menschen damit stehen und fallen, wie sinn.erfüllt sein Leben für ihn ist. Aber nur ein Leben, in dem viele Werte verwirklicht werden, indem viel und oft und nahezu permanent trans.zendiert wird auf Sinn.verwirklichungs.möglichkeiten hin im Anruf der Welt und der Situationen, nur ein solches Leben ist durchgängig ein sinn.erfülltes Leben, und: Nur ein sinn.erfülltes Leben lohnt zu leben!

Freilich, eines ist notwendig, nämlich: dass wir uns (wenigstens!) auf den Weg machen, den Sinn zu suchen – er fällt uns nicht einfach zu.

Man kommt an kein Ziel, ohne den Weg zu gehen, und man ändert sich erst, wenn ein neues Ziel wichtiger wird als das bisherige.

Für manchen Menschen mag der Sinn seines Lebens darin liegen, immer erneut nach diesem Sinn zu suchen – das kann ein schmerzhafter Prozess sein, aber solches Leben ist erfüllt von überbordender Dynamik, es ist Abenteuer.

Das Suchen zeugt immer davon, dass hier ein Mensch noch lebendig und nicht in der Gewöhnung ver.krustet ist, dass er sich nicht aufgegeben hat.

Wenn wir uns das Suchen vorstellen wie eine Reihe konzentrischer Kreise und uns bemühen, zum Kern (unseres Lebens) vorzudringen, dann kann es uns durchaus (immer wieder) passieren, dass wir dort suchen, wo der Kern gar nicht zu finden ist – wenn wir dies einsehen, ist dieser Irr.weg oder Um.weg oder diese Sack.gasse vielleicht sogar hilf.reich: was uns nicht weiter.bringt, können wir los.lassen:

Wie der einzige Weg aus einer Sack.gasse die Um.kehr ist,

so muss man, um etwas „anderes“ zu finden, immer erst etwas los.lassen,

wie der Trapezkünstler im Zirkus, der sein Trapez rechtzeitig loslassen muss,

um das andere fassen zu können.

Homo viator – der Mensch unterwegs, und dies immer auch mit der Frage nach einem Sinn, sowohl in den Ver.irrungen und Um.wegen als auch in den langweiligen breiten Straßen unseres Alltags und in den Sack.gassen unseres Lebens; unterwegs, ohne zu vergessen, für welche Ideale es sich lohnt zu leben – unterwegs, ohne die großen Träume zu vergessen, die wir von unserem Leben haben:

„Wage zu träumen von dir und dem, was du nicht bist – Wage zu träumen von dir und dem, was du nicht hast – Wage zu träumen von dir, wie du wirklich bist – Wage zu träumen von dir – und nach dem Erwachen verwasche nicht dein traum.haft wahres Gesicht“ (Margot Bichel).

Zum Schluss noch:

Selbst.transzendenz kann und will Selbst.bezogenheit durchbrechen, und wenn sie auch zur LIEBE befähigt, ist diese weder Selbst.verlust noch Selbst.besetzung, weder Abhängig.keit und Unter.ordnung noch Sich.verdankt.Wissen. Sie wird im eigenen Geben, Teilen und Mitteilen erfahren, meint gerade nicht die Erwartung des Geliebt.werdens und wurzelt im Erleben von Fülle‚ die überfließen und sich mitteilen will. Ich halte sie für die Fähig.keit, sich mit all seinen geistigen, emotionalen und körperlichen Kräften eins zu wissen und sich in diesem positiven Bezug zu sich selbst – in dieser „Selbst.liebe“ – zugleich eins zu wissen mit den anderen

Menschen und der Natur, ohne dabei sich selbst ganz aufzugeben oder den anderen zur Aufgabe seines Anders.seins zu bewegen. Selbst.transzendenz und Liebe haben die Eigenart, dass sie keine Energie verbrauchen, sondern eine Energiequelle darstellen und in dem Maße wachsen, als sie gebraucht werden…

Ich wünsche alles erdenklich und verfüg.bare Liebe und Gute.

Dein/Euer/ Ihr Bernhard (A. Grimm)