Mensch-Sein

Sind wir die Autoren unserer Lebensgeschichte?

BuchherzSind wir die Autoren unserer Lebensgeschichte?

1:25 in der Früh – der Film ist aus. Ein seltenes Vergnügen und eine seltene Zeit für einen dreifachen Vater. Gerade eben habe ich den Film „Now You See Me“ gesehen. Es ist eine ganz unterhaltsame Geschichte – nur hat der Drehbuchautor versucht, den Film cleverer zu machen, als er geworden ist.

Das passiert oft in von Menschenhand erfundenen Geschichten. Alle Details werden zusammengesammelt und wie auf einer Schnur aufgefädelt. Dieses Puzzlestück passt in jenes herein, die Wege der Charaktere sind miteinander verwoben, die Story hat einen Höhepunkt, einen Twist, ein anregendes Ende – vielleicht sogar mit einer Andeutung auf einen nächsten Teil? Mal passen alle diese Teile besser zusammen, mal wirkt es etwas erzwungen. Aber so scheinen wir es gerne zu mögen in unseren erfundenen Geschichten.

Im echten Leben läuft das ja meistens nicht so sauber ab. Es gibt Sackgassen, es gibt unzusammenhängende Geschehnisse, es gibt Ungerechtigkeit, und es gibt nicht immer ein Happy End. Aber um der scheinbaren Willkür des Lebens entgegenzuwirken, machen wir uns selbst zum Autor und schreiben…

Die Geschichte von mir

Du musst kein Schriftsteller zu sein, um Geschichten zu erfinden. Mindestens eine Geschichte erfindet jeder von uns Tag ein, Tag aus: Die Geschichte von mir. 1

Wir alle erleben uns selbst als Zentrum des Universums. Der Punkt, um den sich alles Andere dreht. Natürlich wissen wir, dass wir nicht das Zentrum, sondern nur einer von vielen Menschen sind, aber unsere alltägliche Sinneswahrnehmung berichtet uns etwas anderes. Und es ist tatsächlich ein Mysterium, wie es möglich ist, dass sich das eine Bewusstsein punktuell an scheinbar mehreren Orten manifestieren kann. Diesen Gedanken will ich jetzt aber nicht zu Tode schreiben, sondern es Dir frei lassen darüber zu kontemplieren2.

Lass uns nochmals zur Geschichte von mir zurückkehren.

Soweit ich es sehe, erleben wir uns gleichzeitig als Hauptdarsteller und bis zu einem gewissen Maße auch als Autor unserer Geschichte. Wir wissen zwar, dass vieles, was geschieht, nicht von uns kontrolliert werden kann, aber wir mühen uns trotzdem ab, so viel wie möglich im Griff zu haben. Oftmals gelingt es uns auch – dadurch wird in uns das Gefühl, dass wir alles in Kontrolle haben, genährt. Und für eine Zeit hält das Gefühl dann allen gegenteiligen Beweisen stand. Und wir spielen dieses Spiel nicht alleine. Die Gesellschaft, die wir aufgebaut haben, ermöglicht es uns die Illusion, dass wir alles unter Kontrolle haben, möglichst lange aufrecht zu erhalten. Wir leben in warmen Häusern, haben stets genügend zu essen. Wir treffen Karriereentscheidungen und planen unseren Urlaub. Und wenn mal was schief läuft – dann haben wir Versicherungen.

Es ist ein wundervolles Netz der Illusion, aus dem die meisten von uns erst langsam erwachen, wenn sie älter werden und der Tod immer näher kommt. In den Augen des Todes sehen wir, dass wir keine Kontrolle haben. Egal wie gut situiert man ist, egal wie sehr man sein Leben unter Kontrolle hat – der Tod ist unabwendbar. Selbst der Buddha musste sterben – es war seine letzte große Lektion an seine Schüler. In allen spirituellen Traditionen ist die Kontemplation über den Tod eine wesentliche Praxis um sich von der weltlichen Verblendung abzuwenden und am spirituellen Pfad zu bleiben oder auf den Pfad zu kommen3.

Aber selbst das könnte man leicht verneinen. Man könnte doch sagen, dass auch wenn der Tod unbezwingbar ist, wir zumindest hier, in diesem Leben, die Zügel in der Hand haben. Es deutet doch soviel darauf hin, oder nicht?

Wer schreibt die Geschichte?

Ich erlebe das Gefühl, die Kontrolle zu haben, oft in meiner Funktion als selbständiger Webdesigner, als Musiker und eben auch als Schreiberling. Ich kann Projekte planen, Lieder komponieren und meine Worte wählen. Und ich kann Worte auch wieder löschen…

Aber wenn ich es genauer betrachte, sehe ich, dass mein Einflussbereich sehr begrenzt ist. Es mag zwar vorkommen, dass meine Pläne für eine gewisse Zeit aufgehen, aber wie es langfristig aussehen wird, kann ich nicht kontrollieren. Und wie es dazu kam, dass der jetzige Moment so ist, wie er ist, liegt auch nicht in meiner Hand. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der Versuch, das Leben zu kontrollieren unweigerlich dazu führt, dass wir weniger glücklich sind.

Ja – man kann mit fester Hand und gutem Kalkül einiges in dieser Welt bewegen, aber wenn man in der Illusion verhaftet bleibt, dass es tatsächlich man selber ist, der die Fäden des Schicksals lenkt, wird man früher oder später bitter enttäuscht werden. Und ganz nebenbei wird man auch ein unleidlicher Mensch.

Im Fluss sein, nicht gegen den Strom schwimmen!

Die Fähigkeit abstrakt zu denken, sich das noch nicht vorhandene auszumalen und dann dorthin zu steuern, ist wundervoll und zeichnet uns Menschen aus. Ohne die Kraft der Vision, wären wir nicht im materiellen Wohlstand angekommen, den wir jetzt – zumindest in Teilen der Welt – haben. Aber wir müssen uns davor hüten, in unseren Gedanken und Visionen blind vor der Realität unseres Lebens, hier und jetzt, zu werden.

Ich habe das Gefühl, wir verschwenden zu viel Energie an Fantasien und Anstrengungen, die uns zu irgendeinem Ziel bringen sollen. Wir leben in der Illusion, dass wir glücklich sein werden, wenn wir unsere Ziele erreichen. Meist erreichen wir sie dann jedoch nicht, oder es sieht dort oben anders aus, als wir es erwartet hätten. Und selbst, wenn unsere Wünsche in Erfüllung gehen, empfinden wir meist nur ein kurzes Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit und hetzen dann sehr bald wieder weiter, auf der Suche nach dem nächsten Ziel.

Um dem entgegenzuwirken denke ich, sollten wir uns möglichst aus der Rolle des Autors heraushalten und in die Rolle des Ausführenden reinschlüpfen. Das heisst also, dass wir nicht passiv werden sollen, sondern, dass wir lernen müssen zu spüren, zu sehen, zu hören, was das Leben eigentlich von uns will, damit wir unseren Kurs immer wieder korrigieren können.

Ob wir auf Kurs sind, kann man – glaube ich – am besten an seinem inneren Zustand beurteilen. Ich frage mich immer:

  • Tue ich, was ich tue um Anerkennung zu ernten, oder macht es mich einfach so glücklich?
  • Arbeite ich „nur für das Geld“, oder sehe ich einen tieferen Sinn darin? Helfe ich mit meiner Arbeit anderen?
  • Schaffe ich es im Alltag, in all meinen Aktivitäten, in mir selbst zu ruhen – oder bin ich gestresst?
  • Trägt das, was ich tue zum Wohlbefinden und im Endeffekt zur Erleuchtung aller Wesen (inklusive mir) bei?
  • Und zu guter Letzt: Würde ich mich wohl und vorbereitet fühlen, wenn ich heute sterben würde?

Klar sind das teilweise hoch gesteckte Ziele. Und man kann auch nicht alles äusserlich so leicht beurteilen – vor allem nachdem die innere Motivation hinter Tätigkeiten mehr zählt, als die äußere Manifestation. Aber mir helfen solche Gedanken immer einen Gang runter zu schalten und nicht so versessen hinter meinen äußeren Zielen her zu sein.

Das Flüstern des Autors

Wenn man allzu sehr auf die schiefe Bahn gerät, wird man ja oft von Schicksalsschlägen (Karma) heimgesucht. Aber es braucht keine großen Events um herauszufinden, ob man auf Kurs ist oder nicht. Neben den offensichtlichen, äußeren Nachrichten, gibt es auch noch ein leises, inneres Flüstern des Autors4. Wir müssen auf äußere Anzeichen achten und lernen, dem inneren Flüstern zu lauschen, um in Ausrichtung mit unserem Lebenszweck zu sein.

Wobei das Wort Lebenszweck nichts grandioses sein muss. Wir müssen keine Heldentaten vollbringen und selbst wenn wir es täten – ist es in den Augen der langen, langen Zeit betrachtet ziemlich egal, was wir in unserem unendlich kurzen Leben vollbringen. Mir scheint, es geht um einen inneren Lebenszweck. Wir sind hier um zu lernen, uns zu öffnen und zu erkennen. Und um diese Erkenntnis zu teilen – im Kleinen wie im Großen.

Genug geschrieben. Ich bemühe mich, es nicht zu sehr zu korrigieren und lieber den Autor sprechen zu lassen – soweit ich in der Lage bin. Es gibt ein japanisches Sprichwort, dass uns Menschen mit Bambusrohren vergleicht. Es geht ungefähr so:

Werde hohl wie ein Bambusrohr – lasse den Wind Gottes durch Dich blasen, um seine Musik zu spielen.

Also lass es uns so tun. Lass uns eine Shakuhachi werden. (Angeblich gibt’s Shakuhachis, die so teuer sind wie Stradivari Geigen. Das wäre doch mal was!)

Sean


  1. Ich kenne den Begriff „The Story of Me“ von Barry Long und Eckhart Tolle. Soweit ich es beurteilen hat Barry Long den Begriff als erstes verwendet. 

  2. Irgendwann muss ich wohl mehr über die Praxis der Kontemplation zu schreiben… aber nicht heute. ;P 

  3. Im Christentum gibt’s den Satz: Memento Mori – Bedenke, dass Du sterblich bist! Imtibetanischen Buddhismus gibt es die 4 Gedanken, die einem helfen sollen, auf dem spirituellen Pfad zu bleiben. Der zweite Gedanke lautet: „Der Tod ist wirklich, er kommt ohne Warnung. Dieser Körper wird ein Leichnam sein.“ 

  4. Ich weiss – „Der Autor“ ist nicht ganz politisch korrekt, so männlich. Wo ist die Autorin? Ich halte mich jedoch an die verschiedenen spirituellen Traditionen, in denen das kreative Prinzip als männlich und das empfangende Prinzip als weiblich bezeichnet wird… ob das tatsächlich so ist, darüber kann man natürlich viel nachdenken und diskutieren. 

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