Zeitlose Weisheit - Die Rosenkreuzer

Spirituelle Alchymie

alchemySpirituelle Alchymie

Alchymie ist die Verwandlung des Niederen in das Höhere. Für die Veredelung gilt, dass es Stufen der Verwandlung gibt und die gewünschte Veränderung nicht in einem einzigen Schritt zu erreichen ist. Die Alten betrachteten daher die Alchymie als Ausdruck eines Prozesses oder einer Serie von Prozessen, die sowohl im Menschen als auch in der Natur stattfinden. Betrachten wir die Welt als Spiegel, um noch nicht als in uns liegend erkannte Anteile unserer Persönlichkeit anzunehmen und zu integrieren. Die scheinbaren Widerstände verhelfen uns zu unserer Stärke und unterstützen die Erneuerung, wie auch Unreines verwandelt wird, um den Prozess im alchymistischen Schmelzofen am Laufen zu halten.

Spirituelle Alchymie ist für Mystiker im Allgemeinen und für Rosenkreuzer im Besonderen von großer Wichtigkeit. Diese Form der Alchymie stellt eine grundlegende Philosophie dar und ebnet den Weg, dem wir folgen müssen, um unsere innere Entwicklung voranzutreiben. Darin nämlich besteht das große Werk, das jeder Mensch vollenden muss, um den in seinem tiefsten Inneren verborgenen „Stein der Weisen“ zu entdecken und sich selbst zu verwirklichen.

Umwandlung und Vervollkommnung

Materielle Alchymie, die man auch „operative Alchymie“ nennt, hat Wissenschaftler und Mystiker Jahrhunderte lang fasziniert. Ihre Grundlagen müssen auch für uns wegweisend bleiben, nämlich die Umwandlung und Vervollkommnung und damit die Entfaltung unseres Inneren Selbst. Während die operative Alchymie die niederen Metalle in Gold verwandelt, transformiert die spirituelle Alchymie unsere Seele.

Die Umwandlung von Blei in Gold

Das Ziel materieller Alchymie war im Prinzip, einfache Metalle, gewöhnlich Blei oder Zinn, in Gold zu verwandeln. Allerdings wurde diese Umwandlung nicht auf direktem Wege mit dem betreffenden Metall durchgeführt, sondern auf dem Umweg über eine „Materia prima“, d.h. man benutzte ein Rohmaterial, das in einigen alchymistischen Schriften auch als „Steinmaterial“ bezeichnet wird. Eine genaue Erklärung dieser Materia prima ist schwierig, weil die Beschreibungen verwirrend sind und von Autor zu Autor variieren. Nach manchen Quellen bestand sie aus natürlich vorkommenden Mineralien, die sich hauptsächlich aus Schwefel, Salz und Quecksilber in bestimmten Mengenverhältnissen zusammensetzten. Es sieht so aus, als ob dieses Mineral selten war, und nur die Alchymisten die geheimen Fundstellen kannten.

Das philosophische Ei

Wenn ein Alchymist die Materia prima beschafft hatte, gab er sie in ein Gefäß, das wegen seiner ovalen Form „philosophisches Ei“ genannt wurde. Diese Bezeichnung weist darauf hin, dass die Alchymisten glaubten, die ganze Schöpfung sei aus einem universellen Ei entstanden, in welchem sie als latente Saat enthalten war. Anschließend wurde die Materia prima durch mehrere aufeinander folgende Schritte bearbeitet. 

Stufen der Verwandlung

Im Verlauf der Prozeduren nahm die Materia prima verschiedene Farbschattierungen an, bis sie sich in ein rotes „Magma“ verwandelte. Wenn die Masse abkühlte, entstand ein großer Stein gleicher Farbe, der Stein der Weisen. Nach diesem Stein wurde die Versuchsreihe mit dem Ziel, Gold zu gewinnen, das „Rote Werk“ genannt. Ein ähnlicher Prozess, der auch aus mehreren Schritten bestand und darauf aus war, Silber, gewöhnlich aus Eisen, herzustellen, wurde mit der Bezeichnung „Weißes Werk“ beschrieben. Der letzte Schritt des großen Werkes bestand darin, den Stein der Weisen in ein vollkommen homogenes Pulver zu verwandeln. Der Alchymist gab dieses Pulver dann in eine Form mit dem zuvor geschmolzenen Metall, und wenn diese zwei Stoffe einander berührten, entstand Gold.

In Resonanz mit dem Kosmos

Wir wissen, dass Alchymisten bei ihrer mystischen Suche in besonderen Laboratorien arbeiteten, die nur für diesen einen Zweck benutzt wurden, die allerdings stets auch einen Raum aufwiesen, der ausschließlich zum Gebet, zur Meditation und für das Studium göttlicher Gesetze bestimmt war. Diese Labors befanden sich meist in Kellern oder auf Dachböden, jedenfalls in Gebäuden, die nur wenig erleuchtet waren, denn die meisten notwendigen Versuchsschritte konnten nicht bei Tageslicht durchgeführt werden. Neben Retorten und Destillen, Öfen und Schmelzgefäßen waren auch eine Menge anderer Geräte in Gebrauch, wie Waagen, verschiedenste Pinzetten, Mörser und Stößel und Blasebalge verschiedener Größen, ja, sogar Musikinstrumente.

Vielleicht wundern Sie sich, warum Alchymisten für ihre Arbeit Musikinstrumente benutzten. Sie erzeugten damit Schwingungen, indem sie bestimmte Noten oder Notenfolgen spielten; diese hatten besondere Wirkungen auf die eine oder andere Phase des großen Werkes. Nach dem, was wir wissen, benutzten sie meistens Saiteninstrumente, wie Geigen oder Gitarren, manchmal allerdings auch Blasinstrumente wie Trompeten oder eine kleine Orgel. Es ist sogar wahrscheinlich, dass sie Vokal-Intonationen vornahmen, obwohl wir das nicht beweisen können. Gesichert ist es immerhin für die Rosenkreuzer unter den Alchymisten. Der Grund war, entsprechende Schwingungen hervorzurufen, die dem einen oder andern Schritt des Versuchs dienten. Wir nehmen an, dass Intonationen auch dazu benutzt wurden, einen Bewusstseinszustand hervorzurufen, der für die Arbeit notwendig war.

Je nachdem, welcher Schritt des Prozesses gerade fällig war, erfolgte die Arbeit während des Tages oder der Nacht. Bestimmte Arbeitsschritte wurden nach der Position der Sonne am Himmel oder den Mondphasen ausgerichtet, ebenso wie die Ekliptik Beachtung fand. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Alchymie mit Astronomie und Astrologie in einem Zusammenhang stand. So ist die Überzeugung der Alchymisten, dass zwischen den Metallen und den Planeten unseres Sonnensystems präzise Korrelationen bestehen, sicher kein Zufall.

Wir mögen uns nun fragen, ob es Alchymisten wirklich gelungen ist, Gold zu machen. Nach den Aufzeichnungen, die sie uns hinterlassen haben, gibt es darüber keinen Zweifel. Viele Autoren behaupten, dass es dieses Gold war, das den Reichtum einiger Personen begründete, wie z.B. bei Jacques Coeur, Jean Bourré, Nicolas Flamel und Cagliostro, um nur die bekanntesten zu nennen. Wenn wir annehmen, dass dies wahr ist, muss man auch erwähnen, dass gerade diese Persönlichkeiten für ihre Großzügigkeit und für ihren Altruismus berühmt waren. Ihr Verhalten legt nahe, dass sie ihre Kunst ausübten, um den Ärmsten der Gesellschaft zu helfen, und um Projekte von allgemeinem Interesse finanzieren zu können, Krankenhäuser, Straßen, Brücken usw. Allerdings haben wir, abgesehen von diesen Zeugenaussagen, keinen wirklichen Beweis dafür, dass die Adepten des großen Werkes wirklich ihr Ziel erreicht haben oder dadurch reich geworden sind.

Die Veredelung des Geistes…

Im Grunde ist es nicht so wichtig zu wissen, ob die Alchymisten der Vergangenheit tatsächlich einfache Metalle in Gold verwandeln konnten. Die materielle Alchymie war nur der äußere Ausdruck einer weitaus höher stehenden Verwandlung, nämlich diejenige/derjenigen der Seele. Dieser mystische Prozess besteht für Menschen darin, ihre Fehler mit Hilfe der Lebensumstände abzuändern, wie es das göttliche Feuer in ihrem Inneren verlangt. Wir sind alle unvollkommen, aber das Ziel unserer Entwicklung ist, einen Stand der Vollkommenheit zu erlangen, den die Rosenkreuzer als „Zustand des Rosae Crucis“ bezeichnen. Diesen Zustand erreichen wir aber nur, wenn wir unsere Persönlichkeit von negativen Unzulänglichkeiten gereinigt haben, so dass die Tugenden der göttlichen Seele durch uns zum Ausdruck kommen.

Wir Menschen haben Fehler wie Stolz, Selbstsucht, Eifersucht, Intoleranz, usw. Diese Fehler schaden uns selbst, denn sie bewirken ein negatives Karma, das sich in Form von Prüfungen aller Art im Leben bemerkbar macht. Wir haben also mindestens zwei gute Gründe dafür, an uns selbst zu arbeiten: Erstens verlangt es unsere Entwicklung, vor der wir uns nicht drücken können, und deren letztes Ziel es ist, Vollkommenheit zu erreichen, so weit wir das als menschliche Wesen können. Und zweitens wird uns erlaubt, unser Verhalten positiv auszurichten und dadurch positives Karma für uns zu bewirken. Dieses zeigt sich in unserem Leben in den verschiedensten Formen von Freude und führt zu dem Glück, das wir suchen. Ist es schließlich nicht unser Ideal, uns so glücklich wie irgend möglich zu fühlen und unser Leben zu meistern?

Genau wie bei der materiellen Alchymie gilt es auch bei der spirituellen Alchymie, verschiedene Stadien zu durchleben, um das gesuchte Ziel zu erreichen. Der erste Schritt besteht darin, zu akzeptieren, dass wir nicht vollkommen sind und dass wir Fehler haben, die zu korrigieren sind. Wir müssen uns also selbst im Spiegel unserer Seele so sehen, wie wir sind, und gleichzeitig auf das Bild von uns achten, das andere widerspiegeln. Um eine innere Wandlung zu erreichen, reicht es aber nicht aus, seine Fehler zuzugeben. Wir müssen sie auch korrigieren wollen, und dies ist ein ganz wichtiger Schritt bei der spirituellen Alchymie. Anders ausgedrückt, wir müssen entschlossen sein, bessere Menschen zu werden und beginnen, uns entsprechend ausrichten.

Ziel und Voraussetzung zugleich

Wenn man sich schließlich dazu entschlossen hat, vollkommener zu werden, tritt man in ein weiteres Stadium der spirituellen Alchymie ein. Dieser Wunsch muss nun konkreter werden, indem man Fehler wirklich verwandelt. Aber um dies zu erreichen, dürfen wir sie auf keinen Fall bekämpfen, was man leider gerne tut. Indem man sie bekämpft, betont man sie sogar noch, denn unser Ego benutzt die Situation, um unser Verhalten in seinem Sinne noch stärker zu beeinflussen. Wir sollten besser von dem betreffenden Fehler Abstand nehmen und versuchen, uns auf sein genaues Gegenteil zu konzentrieren! Zum Beispiel, wenn jemand ganz besonders eingebildet ist, und er weiß es, dann sollte er nicht versuchen, seine Selbstgefälligkeit zu bekämpfen, denn wenn es tut, wird sie nur schlimmer und immer gefährlicher. Er sollte vielmehr danach trachten, die entgegengesetzte Eigenschaft zu erwerben, in diesem Fall Demut. Das bedeutet, etwas sehr Göttliches in seinem Wesen anzurufen.

Aber auf welche Weise gewinnen wir die entgegengesetzte Eigenschaft eines Fehlers, dessen wir uns bewusst sind? Am besten erscheint es, zunächst einmal festzustellen, wie sich der Fehler im normalen Leben bemerkbar macht. Ist dies geschehen, sollten wir uns jedes Mal, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt, die neue Verhaltensweise angewöhnen, bis sie zu einem festen Bestandteil unseres Wesens geworden ist und ganz natürlich wirkt. Wir wollen zu dem Beispiel der Selbstgefälligkeit zurückkehren. Jeder, der diesen Fehler loswerden möchte, muss sich an Demut gewöhnen, aber wie? Indem er sich abgewöhnt, seine Verdienste zu betonen, seine intellektuelle oder irgendeine andere Überlegenheit zu zeigen, oder Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er muss sich angewöhnen, ganz unpersönlich auf das Gute hin zu arbeiten usw. Mit der Zeit wird diese Anstrengung, bescheiden zu sein, zu einer Gewohnheit werden, mit anderen Worten, es wird für das Unterbewusstsein zu einer Regel. Dann ist der Stolz verwandelt. Dies ist das grundlegende Prinzip für spirituelle Alchymie, das wir bei der Verwandlung aller unserer Fehler anwenden sollten.

Die Rose beginnt zu erblühen

Ein Mystiker, dem es gelungen ist, alle seine, oder alle ihre, Fehler in die entgegengesetzten Qualitäten zu verwandeln, erlebt das höchste Stadium spiritueller Alchymie, die Erleuchtung. Wenn vielleicht auch nicht vollkommen, so ist er, oder sie, doch zumindest sehr nahe am Zustand der Vollkommenheit angekommen, jedenfalls bis zu dem Grad, den menschliche Wesen auf Erden erreichen können. Die Materia prima seines Wesens, seine Seele, ist dann rein und vollkommen. Die Alchymisten unter den Rosenkreuzern haben nicht zufällig das große Werk mit einer roten Rose symbolisiert, oft hat sie eine goldene Aura. Gewiss hat jeder, der dieses Stadium erreicht hat, die so genannte „Chymische Hochzeit“ gefeiert. Anders gesagt, er hat die Vereinigung seines menschlichen Selbst mit dem göttlichen Selbst erreicht. Dies wird in der Sprache der Alchymie als Hochzeit des Königs mit der Königin beschrieben, und als die Vereinigung von Schwefel und Quecksilber. Von diesem Moment an besitzt der Mensch das Lebens-Elixier, denn er ist zu einem reinen göttlichen Instrument geworden.

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