Gesellschaft

Arbeiten, um zu leben

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Arbeiten Sie, um zu leben, oder leben Sie, um zu arbeiten? Was halten Sie von der biblischen Aussage, dass das Leben, „wenn es köstlich gewesen ist, Mühe und Arbeit gewesen“ sei? Finden Sie sich im geflügelten Wort „Arbeit ist das halbe Leben – und die andere Hälfte auch“? – Warum arbeiten Sie überhaupt? –
So wie im Allgemeinen das Leben eingerichtet ist, arbeiten nahezu alle, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie unterliegen dem Zwang, Geld verdienen zu müssen, um existieren zu können. Darüber hinaus gibt es aber auch viele, die kein Ende finden in der Arbeit, weil sie es als höchstes Gut betrachten, finanziell unabhängig zu sein und sich mehr von der Welt kaufen zu können, als nur genug zum bescheidenen Wohnen, Essen und Trinken zu haben.
Wo ist das Mittelmaß? – In unserer Gesellschaft gibt es viele, die gar keine Arbeit haben. Sie sind vielfach unglücklich, ohne Beschäftigung zu sein. Der Zustand lastet auf Ihrem Gemüt. Sie werden depressiv und kommen ohne Psychopharmaka nicht mehr aus. Parallel dazu gibt es Männer wie Frauen, die in ihrer Arbeit so „aufgehen“, dass sie keinen Ausgleich im Privatleben mehr finden oder suchen – und schließlich in einem Burnout untergehen.
Wie viele unter uns gehen einer Beschäftigung nach, in der sie ihre wahren Talente und Fähigkeiten nicht ausleben können? Wie viel Lustlosigkeit, Frust, Aggression, Verzweiflung und nachfolgende Krankheiten erzeugt die Tatsache, dass sich über das Maß der sozialen Anerkennung am bezahlten Arbeitsplatz das Glück oder Unglück eines Menschen definiert?
Wer macht sich überhaupt noch die Mühe, darüber nachzudenken, ob der Stellenwert, wie er dem Faktor Arbeit zugesprochen wird, gerechtfertigt ist? Es scheint klar, dass man arbeiten muss, wenn man nicht zu den Verlierern, den Ausgestoßenen der Gesellschaft, den Asozialen gehören will.
Der Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbürgt ein Recht auf Arbeit. Es ist aber in unserer Ländergesetzgebung nicht so umgesetzt. Da heißt es: explizites Recht auf Arbeit ist nur das Recht, arbeiten zu dürfen. Das Recht auf eine Wunscharbeit oder arbeiten im erlernten Beruf ist nicht eingeschlossen. – Extrem formuliert impliziert es eine Pflicht zur Arbeit.
Es gehört aber auch zum politischen Alltag, berechtigt festzustellen, dass die Arbeit im Verhältnis zum Kapital mehr und mehr an Wertschöpfung verliert und dass es zusehends mühevoller wird, die davon betroffenen Arbeiter ruhig zu stellen und gewaltsame Proteste zu unterdrücken. Man versucht sogar, die bis jetzt noch gesetzlich erlaubten Streiks mehr und mehr einzuschränken.
Man streitet um ein Grundeinkommen für jedermann. Und parallel dazu gibt es ernst zu nehmende Kräfte, die über die Grundsicherung hinaus jedem ein Einkommen zukommen lassen wollen, das ohne zusätzlichen Verdienst über Arbeit zum Leben reichen würde. Man geht davon aus, dass dann, wenn niemand mehr arbeiten muss, jeder freiwillig jenen Arbeitsplatz suchen und finden würde, der ihn von innen heraus erfüllt, den er gerne einnimmt und ausfüllt.
Das klingt so verrückt, dass im Moment wohl nur Verrückte für einen solchen Umsturz der gegebenen Verhältnisse ernsthaft eintreten, doch die Maßstäbe zum Thema Arbeit müssen sich ändern, wenn wir demnächst nicht das Chaos auf Europas Straßen erleben wollen. Die Arbeiter sollen in der Finanzkrise die Zeche für die im System begünstigten Kapitalisten zahlen. Die Parteien bzw. die Flügel in Parteien, die diese Ungerechtigkeit anprangern, werden diffamiert.

Lassen Sie uns aus diesem Irrgarten heraus kommen!

Was steckt dahinter, wenn ein Zen-Meister zu seinen Schülern sagt: „Keine Arbeit, kein Essen!“? – Es geht darum, dass jeder seine mitgebrachten individuellen Fähigkeiten – gleichsam Schätzen – in die Welt, in die Gesellschaft einbringt, sie zum Wohle des Ganzen (seiner Familie, seinem Land, der Menschheit an sich) einsetzt: unermüdlich und freiwillig. Tut er das nicht, hat er keinen Anspruch, genährt zu werden. – Gehen wir einen Schritt weiter und übertragen die Frage „Welche Arbeit passt zu mir?“ auf die Frage „Wer passt zu mir?“ sind wir uns in unseren Breiten einig, dass jeder den- oder diejenige aussuchen sollte, der/die Eigenschaften und Fähigkeiten mitbringt, die zu mir bzw. zu Dir passen – und dass nicht wider Willen (sozusagen von höherer Warte bestimmt) verfügt werden sollte, wer mit wem zusammenkommt.
Das bedeutet, dass Arbeiten, die nicht zu mir passen, in unserem Werteverständnis unzumutbar sind, wenn es um das Wohl einer ethisch orientierten Gesellschaft geht, in der Freiheit und Freizügigkeit wirklich gelebt werden. Lediglich dort, wo man um des Geldes Willen arbeitet und alle Werte auf Materielles beschränkt, zwingt man die Individuen, sich dem Diktat der unbelehrbaren Fortschrittsgläubigen im Funktionalen unterzuordnen. Die Seele des Einzelnen, die sich aus Gefühlen, Hingabe an das Geistige, Sehnsucht nach Befriedigung und Ausdehnung im Kreis von Gleichgesinnten nährt, wird in ein Korsett gesteckt, das einem ursprünglich demokratischen Verständnis absolut widerspricht.
Nun ist es aber eine Tatsache, dass jeder von uns einen anderen Schatz einzubringen hat. Wenn wir nur in einer groben Einteilung feststellen, dass wir unterschiedliche Temperamente mitbringen, können wir begreifen, dass ein wässriger Typ etwas Anderes der Gesellschaft zu geben hat als der feurige Typ. Wenn wir dies mit passiv und aktiv gleichsetzen, gibt es jene, die sich absetzen dürfen, ggf. faul sein dürfen (die „stillen Wasser“), und jene, die nie still stehen (die „Feuerteufel“). Ihre Arbeitsauffassung, ihre Arbeitsleistung, ihre Beiträge für die Gesellschaft werden und müssen unterschiedlich sein. Diese in einer „Sozialgesetzgebung“ über einen Leisten zu schlagen, ihnen ohne Unterscheidung Arbeiten einfach zuzuteilen, ist Mord auf Raten.

Wilhelm von Humboldt sagte: „Nie ist das menschliche Gemüt heiterer gestimmt, als wenn es seine richtige Arbeit gefunden hat.“ Die „richtige Arbeit“ ist die, die Spaß macht; die so viel Spaß macht, dass ich mich als Individuum gerne und voller Vertrauen für meinen Chef, meine Firma, meinen Verein einsetze, ihnen diene, weil ich davon überzeugt bin, dass es ein wichtiger Dienst für mich und die Allgemeinheit ist. Nachdem ich mich dafür freiwillig täglich auslebe, entwickle ich das natürliche Bedürfnis zum Innenleben: Ich suche die Geborgenheit, die Intimität des kleinen Kreises, in dem ich regeneriere, reflektiere und so viel Wärme auftanke, dass ich so seelisch genährt am nächsten Tag wieder frohen Herzens davon abgeben kann.
Das ist mit Geld nicht zu bezahlen! – Was meinen Sie?

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Herzlichst,
Wolfgang Maiworm
Herausgeber und Autor

www.medizinundbewusstsein.de
www.lebens-t-raeume.de

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