Alternative Heilmethoden

Transpersonale Psychologie und Holotropes Atmen – Teil 1

teil-1-holotropes-atmenTranspersonale Psychologie und Holotropes Atmen
Teil 1

Einführung in die Transpersonale Psychologie

Im „Tao Te King“ heißt es: „Wenn wir dort, wo wir sind, auch wahrhaftig anwesend sind, stiften wir Frieden.“
Vor etwa 20 Jahren hatte ich als Teilnehmer einer von Stanislav Grof geleiteten Atemsitzung ein eindrucksvolles Erlebnis. Ein Gruppenmitglied fiel in einen extremen Zustand. Sie zitterte über Stunden hinweg am ganzen Leib, stieß immer wieder furchtbare Schreie aus und wurde wie von Energiewellen geschüttelt. Gegen ein Uhr nachts, als die anderen Gruppenmitglieder längst den Gruppenraum verlassen hatten und ich alleine mit Stan noch neben ihr saß, verebbten allmählich die Bewegungen, es entspannte sich ihr Körper mehr und mehr und plötzlich kehrte tiefer Frieden ein. Stan brachte ihr eine Tasse Tee.
Sie trank ihn, lächelte und sagte: „Danke, dass ihr bei mir geblieben seid. Ich bin glücklich und voller Liebe!“
Im „Tao Te King“ heißt es: „Wenn wir dort, wo wir sind, auch wahrhaftig anwesend sind, stiften wir Frieden.“

Am nächsten Morgen als wir über Heilmechanismen diskutierten, betonte er:
„Beim Holotropen Atmen geht es darum, dass wir dem inneren Prozess – der Inneren Weisheit – vertrauen und nicht mit unseren Konzepten im Wege stehen.“
Welch eine Herausforderung für einen gründlich ausgebildeten Psychotherapeuten. Nach dem nächtlichen Erlebnis verstand ich, was er damit meinte.
Stanislav Grof, mein verehrter Lehrer, hat dem Holotropen Atmen zu einer hervorragenden Stellung innerhalb der transpersonalen Psychologie und Psychotherapie verholfen, weil es, wie kaum eine andere Methode, den transpersonalen Bewusstseinsraum für Heilung, Entwicklung und spirituelle Orientierung nützt. Er war viele Jahre Präsident der Internationalen Transpersonalen Gesellschaft.
Lassen Sie mich nun in ein paar Worten die Grundlinien der Transpersonalen Psychologie skizzieren.
Die Transpersonale Psychologie hat herausgefunden, dass Erkenntnisse von Menschen, die die Grenzen des alltäglichen Bewusstseins überschritten haben, sei es durch langjährige Meditationsschulungen, in Ritualen, in bewusst herbeigeführten außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, oder durch spontane innere Aufbrüche wie etwa Nahtodeserlebnisse, tiefgreifende Krisen, Naturerlebnisse oder Flow-Zuständen in Gipfelerlebnissen, außerordentlich bedeutsam für das Verstehen von „Sein und Werden“ sind.
Von dort ausgehend tastete sie sich wieder an die großen Fragen des Seins heran, denen die herkömmliche Psychologie in ihrem Gegenstandsbereich gewöhnlich ausweicht, um nicht als unwissenschaftlich zu gelten:

Woher kommen wir und wohin gehen wir? Existieren wir in irgendeiner Form weiter – über den Tod hinaus? Welchen Sinn haben Krisen, schwere Krankheiten oder Katastrophen? Wozu leben wir und was macht das Leben lebenswert?
Sie befasst sich also vor allem mit Bewusstsein, Entwicklung, Krankheit, Tod, Schicksal, Sinn, Spiritualität und Heilung. Dabei stützt sie sich auf traditionelle und über viele Jahrhunderte gewachsene Weisheitslehren, westliche Psychologie, Parapsychologie und moderne Bewusstseinsforschung. Ken Wilber’s „Integrale Psychologie“ ist in diesem Zusammenhang besonders herauszuheben.
Der Begriff „transpersonal, abgeleitet von transhumanistisch“ taucht zum ersten Mal 1969 in Abraham Maslow’s berühmten Artikel „Die Reichweite der menschlichen Natur“ auf. Er, der ja auch Mitbegründer der Humanistischen Psychologie ist, schreibt, „…dass der voll entfaltete Mensch dazu neigt, von Werten motiviert zu sein, die sein (persönliches) Selbst transzendieren“.
Demzufolge unterstreicht Francis Vaughan (1986, S.34), „…dass, wer und was wir sind, nicht auf die Persönlichkeit beschränkt ist und dass wir dann, wenn wir uns nur mit dem Körper, dem Ich, der Persönlichkeit oder Rollen identifizieren, eine beschränkte, zu enge Auffassung von uns haben.“
Da die umfassende Darstellung der „Transpersonalen Psychologie“ einen eigenen Vortrag erforderlich machen würde, möchte ich mich nun, für das weitere Verständnis, auf die Skizzierung einiger ihrer Leitideen beschränken:

  1. Die Quelle der Weisheit liegt im Inneren – der Weg nach innen bleibt uns nicht erspart. Das ist auch die eigentliche Bedeutung des Begriffes „Esoterik“, der vom Griechischen „esoterikos“ kommt, was soviel bedeutet wie „den Blick nach innen wenden“ oder „nur durch persönliche Erfahrung zugänglich“.
  2. Das Bewusstsein ist in der Lage, Person, Raum und Zeit zu transzendieren wie wir später im Lichte der holotropen Atemerfahrungen noch genauer betrachten werden.
  3. Im Selbst sind persönliche, kollektive und universale Strukturen eingewoben. Im nächsten Abschnitt werde ich darauf noch detaillierten eingehen.
  4. Der Mensch ist in etwas Größeres eingebunden und wächst in seiner Entwicklung über das Ego hinaus. Im Laufe der zweiten Lebenshälfte nimmt gewöhnlich die Betonung des „Ich bin, ich kann, ich habe“ zugunsten einer spirituellen Perspektive etwas ab.
  5. Durch den allmählichen Abbau des Egos wird die spirituelle Kraft der Liebe zugänglich – eine allesdurchdringende Liebe, die nicht mehr an Personen und Bedingungen gebunden ist.
  6. Spirituelles Wachstum begründet sich im alten esoterischen Gebot: „Lass los, stirb und werde“ oder „Werde, der Du bist“
  7. In jedem Teil ist auch das Ganze eingefaltet – ergänzt den gestaltpsychologischen Satz – das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile
  8. In lebenden Organismen gibt es eine formgebende und selbstaktualisierende Entwicklungskraft
  9. Alles ist mit allem verbunden

Bezogen auf diese Kernsätze, basiert das Holotrope Atmen auf der grundlegenden Einsicht, dass veränderte Bewusstseinszustände nicht generell krankhaft sind, sondern dass über sie tiefgreifende Heilungs- und Transformationsprozesse möglich werden. James (1982, S. 366) betont deshalb ausdrücklich, dass der alltägliche Wachbewusstseinszustand, das rational – empirische Bewusstsein „…nur ein besonderer Typ von Bewusstsein ist, während überall jenseits seiner, von ihm durch den dünnsten Schirm getrennt, mögliche Bewusstseinsformen sind, die ganz andersartig sind… und unser Sein tief beleben können“

Beschreibung des Holotropen Atmens

Das Holotrope Atmen (holotrop heißt auf Ganzheit ausgerichtet sein – zum Wortstamm von hol gehört auch heal – heilen) führt uns direkt jenseits dieses Schirms.
Es wird zumeist in Gruppen durchgeführt, weil sich durch die Gruppenenergie ein holotropes Gesamtfeld besser installieren lässt. Es kann aber auch im Einzelsetting angeboten werden. Im Zusammenspiel von beschleunigter Atmung (Hyperventilation), unterstützender Musik und prozessorientierter Körperarbeit werden die Grenzen des empirischen Alltagsbewusstseins geöffnet und psychische Barrieren (Widerstände) herabgesetzt, um bedeutsames seelisch-geistiges Material freizusetzen.
Also – es werden, nach Dittrich (vgl. 1996), mit psychologischen Mitteln – freiwillig induzierte veränderte Wachbewusstseinszustände hervorgerufen.
Kurz möchte ich nun – für alle, die diese Arbeit noch nicht kennen – schildern wie eine holotrope Atemsitzung in der Gruppe abläuft.
Der Gruppenraum ist abgedunkelt und Arbeitsinseln mit Matten, Kissen, Decken, etc. wurden vorbereitet. Die Gruppenmitglieder – etwa zwischen 16 -30 Personen – haben sich in Paaren zusammengefunden, jeweils ein Erfahrender und ein Begleiter. Die Rollen werden dann in der nächsten Atemsitzung gewechselt. Der Begleiter, bei uns Sitter genannt, hat die Aufgabe, darauf zu achten, dass der Erfahrende, der mit geschlossenen Augen in einem Trancezustand auf dem Rücken liegt, sich sicher fühlen kann, insbesondere bei intensiven emotionalen Regungen, heftigen Bewegungen und starken körperbetontem Ausdruck. Er gibt auch nährenden Beistand oder kraftvollen Widerstand, je nachdem, was der Erfahrende braucht. Es kann aber auch sein, dass er während der ganzen Sitzung ruhig und aufmerksam daneben sitzt. Sitter berichten immer wieder, dass im Dienen und Helfen ihr eigener Prozess sinnvoll ergänzt wird. Zu Beginn der Sitzung – die Erfahrenden liegen also mit geschlossenen Augen auf dem Rücken – wird eine Entspannungsübung durchgeführt, um sich leichter öffnen und loslassen zu können. Am Ende der 4 Entspannungsübung werden die Teilnehmer aufgefordert, einfach schneller und dynamischer zu atmen und alles zuzulassen, was sich an Körpergefühlen, Bildern, Tönen und Bewegungen einstellt.

Weshalb schneller atmen?

Die Beeinflussung des Atemrhythmus wurde seit alters her in den unterschiedlichsten Mysterienschulen praktiziert, um tiefere Selbsterkenntnis zu erlangen. In der Geschichte der Psychotherapie hat uns vor allem Wilhelm Reich darauf aufmerksam gemacht, dass sich Widerstände gegen bedrohliche psychische Inhalte über die Blockierung des Atems aufbauen. Umgekehrt kann schnelleres Atmen Widerstände öffnen und das Erleben erweitern. Das EEG zeigt in der Hyperventilation vorwiegend Theta- und Deltawellen, die nach Johannes Holler (vgl. 1991) auf die Aktivierung von Selbstheilungskräften und visionären Fähigkeiten hinweisen.
Der Prozess wird durch evokative Musik noch weiter intensiviert. Im ersten Teil der Atemsitzung eher schnellere Rhythmen, wie Trommelmusik, um das Atmen zu unterstützen, danach dramatische Stücke aus dem Bereich der ethnischen, klassischen oder Filmmusik, um Durchbrüche zu erleichtern, im letzten Drittel eher integrierende, langsame oder spirituelle Musik. Musik fördert Bewegung, Dynamik, Kreativität und Ruhe. Sie öffnet die individuellen und kollektiven Archive des Menschen, macht Spannungen deutlicher, löst inneres Chaos in dynamischer Weise auf und lässt verborgene Harmonien hervortreten. Die Musik suggeriert nicht Inhalte, sondern überwindet Widerstände und verstärkt relevantes psychisches Material.

zu Teil 2

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