Alternative Heilmethoden

Transpersonale Psychologie und Holotropes Atmen – Teil 2

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Transpersonale Psychologie und Holotropes Atmen
Teil 2 

Zu Teil 1

Es baut sich allmählich ein dynamisches Atemfeld auf, ein gemeinsamer Erfahrungsraum, aus dem heraus individuell ganz unterschiedliche Eindrücke verarbeitet werden. Der eine atmet laut, schreit oder führt starke Bewegungen aus, ein anderer geht tief nach innen und wirkt von außen ganz „weit weg“. Im holotropen Bewusstseinszustand verlagert sich die Regie von der kognitiven Vorherrschaft auf die Instanz einer „inneren Weisheit“. Die Person, das Ich nimmt mehr die Position des Zeugen der Erfahrung ein und überlässt das aktive Handeln dem inneren Geschehen. Die Zensur und Kontrolle sind stark gelockert („innere Zensurschwäche“), sodass flüssig, assoziativ und spontan fluktuierendes Material aus tieferen Schichten der Seele ins Bewusstsein strömt. Es ist eine Trance, vergleichbar mit kraftvollen Traumsequenzen, in der sich kaleidoskopartig Assoziationen verdichten, Bilder ablaufen und zugehörige Körperresonanzen einstellen. Tiefsitzende Spannungen und konfliktbehaftete Anteile der Psyche werden durch das Holotrope Atmen so heftig aufgeladen, dass sie von der Peripherie des Unbewussten in das Bewusstsein drängen. Dabei kann es auch zu äußerst authentischen Regressionen kommen, die bis weit hinter die lebensgeschichtlichen Wurzeln zurückreichen. Früher dachte man, dass die Erinnerungsspuren von Erwachsenen maximal bis ins dritte, u.U. auch ins zweite Lebensjahr zurückreichen. Auch die empirische Gedächtnisforschung geht heutzutage sogar von vorgeburtlichen Erinnerungsspuren aus, lockere neuronale Verknüpfungen im limbischen System, auf die wir normalerweise keinen Zugriff haben. Sie spricht von einem impliziten oder unbewussten Gedächtnis. Rupert Sheldrake (vgl. 1991) meint, dass die Erfahrungsinhalte in morphogenetischen Feldern gespeichert sind und die Gehirnstrukturen, die Hardware, eigentlich nur für die Übertragung derselben zuständig sind.
Morphogenetische Felder sind immaterielle und unsichtbare Felder, die über Raum und Zeit hinweg existieren und Informationen über die Entstehung artspezifischer Formen beinhalten.
Sheldrake, ein Biologe, erläuterte dies an einem Tierexperiment von McDougall. Er brachte Ratten bei, aus einem Wasserlabyrinth zu entkommen, und die erste Generation lernte sehr langsam. Die nächsten Generationen lernten signifikant schneller. Aber nicht nur in Amerika, sondern auch in Australien und in Europa, obwohl sie es dort nicht trainiert hatten.
Über dieses kollektive Gedächtnis – vergleichbar mit C.G. Jung´s „kollektiven Unbewussten“ – sind wir sozusagen immer an den gesamten Informationspool der Menschheitsgeschichte angeschlossen.

Nun wieder zurück zu unserer Atemsitzung.

Das Zeitbewusstsein der Erfahrenden ist verändert, die Denkprozesse sind bildhafter und ganzheitlicher, weniger zerlegend und die Emotionen sind fließender, sinnhafter und runder, weniger blockiert. Die körperlichen Empfindungen sind direkter und lösen schneller die dazu passenden Vorstellungen und Bilder aus.
Es kann vorkommen, dass wir uns in Zuständen veränderten Bewusstseins plötzlich außerhalb unseres Körpers erfahren, zukünftige Ereignisse vorhersehen, Begegnungen mit verstorbenen Angehörigen haben, in den Bereich der kollektiven Mythen eintauchen, Erfahrungen in anderen Zeit- und Kulturräumen machen oder uns sogar mit Tieren identifizieren. Unter Umständen erfahren wir uns dabei auch nicht mehr als vereinzelt und abgegrenzt, sondern vielmehr durchlässig und transparent, verbunden mit allem, was uns umgibt. Auch wenn sich die Erfahrungen äußerst fremdartig oder dramatisch anmuten mögen, muss doch immer wieder betont werden: Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir uns selbst begegnen, wenn wir uns auf die Matte legen und dem Motto folgen: Lass los, lass Dich ein und lass einfach zu, was kommt. Grof’s Hinweis, dass nicht das wirklich Probleme macht, was wir erleben, sondern eher das, was wir nicht erleben, ist in diesem Sinne zu verstehen.
Nach unseren Erfahrungen, insbesondere mit Teilnehmern des Kompaktcurriculums, die über viele Jahre diesen Prozess mitgemacht haben, wirkt sich das Holotrope Atmen auf mehreren Ebenen aus:
– Selbstheilungskräfte werden mobilisiert.
– Tief verborgene, abgespaltene und verdrängte Inhalte der Seele lassen sich – weit über die Biographie hinaus – intensiv erleben. Damit wird die Lösung hartnäckiger emotionaler Probleme erleichtert.
– Reste missglückter Drogenerfahrungen, spiritueller Krisen und spontaner Zustände veränderten Bewusstseins können nutzbringend integriert werden.
– Sinnfragen werden beantwortet und der Spielraum bei existenziellen Entscheidungen nimmt zu.
– Das Vertrauen in die eigene Entwicklung wächst
– Mystische und spirituelle Dimensionen rücken näher.
– Therapeuten, die selbst durch diesen Erfahrungsprozess gegangen sind, erleben sich angstfreier und kompetenter in der Begleitung intensiver psychodynamischer Prozesse.

Was ist nun die Rolle der Gruppenleiter, die – das soll von vorneherein betont werden – therapeutisch erfahren und umfassend für diese Arbeit ausgebildet sein sollen? Sie gehen aufmerksam durch den Raum und unterstützen zunächst durch ihre innere Haltung die Gesamtatmosphäre, indem sie sich als Teil einer größeren Einheit verstehen, sozusagen als Assistenten der Inneren Weisheit.
Therapie kommt von therapeia und das heißt in der eigentlichen Bedeutung „dienen und heilen“ oder „den Dienst der Götter tun“.
Der Gruppenleiter übernimmt einerseits eine steuernde und schützende Funktion in der äußeren Realität, andererseits wirkt er durch Zentrierung, Resonanz, Intuition und Spontaneität.
Gemäß Stan Grof (1993, S. 284) orientiert sich der Gruppenleiter vor allem an dem, was sich zeigt. Dabei relativiert er seine eigenen Heilungskonzepte am Wirken der selbstregulatorischen Kräfte. Er führt aus:
„Der Therapeut ist kein aktiv Handelnder, der die Veränderungen im Klienten durch bestimmte Interventionen verursacht, sondern jemand, der intelligent mit den inneren Heilungskräften des Klienten kooperiert.“
Der Gruppenleiter wird dann aktiv, wenn etwa der zu Begleitende den Therapeuten ruft, bei Aggressionsausdruck Widerstand erforderlich ist oder nährende Unterstützung gesucht wird. Die Körperarbeit führt den inneren Prozess über Blockierungen hinweg, fokussiert das Erleben und ermöglicht dadurch den Ausdruck zurückgenommener Impulse. Chronifizierte Spannungen, die häufig zu Stagnationen und einem Gefühl des Feststeckens im Leben führen, lassen sich damit auflösen und integrieren.
Eine Atemsitzung dauert in der Regel zwischen zwei und vier Stunden. Am Ende, wenn der Erfahrende zurückkommt und sich in Ordnung fühlt, verarbeitet er seine Erfahrungen noch mit Hilfe des „intuitiven Malens“, das einerseits die inneren Bilder widerspiegelt, aber auch auf einer symbolischen Ebene zu einer weiteren Integration des Erlebten beiträgt.
Die Erfahrenden verlassen dann einzeln den Raum, wenn für sie der Prozess wirklich abgeschlossen ist. Das heißt in der Konsequenz, und darauf legte Grof allergrößten Wert, dass es keine festgelegten Zeiten gibt, wann eine Atemsitzung fertig ist. Der Erfahrende kann sogar Schaden davontragen, wenn er durch den Gruppenleiter zu früh aus dem Prozess herausgeholt wird. Denn was begonnen wurde, soll auch sein organisches Ende finden können. 

Die Erfahrungen aus den Atemsitzungen werden später in der Gruppe besprochen, sodass das Erlebte sinnvoll auf den Alltag bezogen werden kann. Die Aufarbeitung, Integration und Vertiefung ist für uns sehr wichtig. Im Vordergrund steht dabei das intuitive Sinnverstehen, weniger das Erklären oder Interpretieren. Was sagt mir die Erfahrung im Augenblick? Mit welchen gelebten oder ungelebten Aspekten könnte sie im Zusammenhang stehen? Wie ist die Einstellung zu meiner Erfahrung? Welche Symbole auf dem Bild sprechen mich an und welche stoßen mich vielleicht ab? Was könnten Sie für mich bedeuten usw.? Der Sinn der Erfahrung kann im Laufe der Zeit durch Erlebnisse, Träume, äußere Ereignisse und Gespräche noch klarer hervortreten. Hilfreich ist in der Aufarbeitung auch der Einsatz von therapeutischen Interventionstechniken, wie wir sie aus dem Umfeld humanistischer Psychotherapien kennen. Es ist besonders wichtig, Geduld aufzubringen, wenn Unklares und Unverstandenes zurückbleibt, denn es kann oft Monate dauern, bis sich eine Erfahrung vollständig enthüllt. Die Auslegung und Aufarbeitung der Erfahrung ist wie ein gemeinsames „kreatives Puzzlespiel“, in dem sich vielfältige Sinnhorizonte eröffnen und eine tiefgreifende Bewusstwerdung dessen, was Leben ist, deutlicher wird.
Durch regelmäßige Meditationen und Rituale wird die Prozessarbeit weiter abgerundet und verdichtet.
Sie können vielleicht schon erahnen, dass das Holotrope Atmen ohne ein tiefes Vertrauen in das, was geschieht, also in die grundsätzliche Sinnhaftigkeit des Inneren Prozesses, nicht auskommen kann. Wir kommen nur so weit, wie unsere Hingabe und unser Mut, auf die Innere Weisheit zu hören, reichen.

Die Innere Weisheit

Die Idee von der Inneren Weisheit ist also im holotropen Atmen von zentraler Bedeutung. Im Folgenden möchte ich deshalb kurz das dahinterstehende Selbstkonzept, in dem ich versuche, personale und transpersonale Ansätze zu verbinden, klarlegen. Eine umfassende Selbst- sowie Ich und Ego Konzeption habe ich in meinem Buch (vgl. Walch, 2002 u. 2007) vorgelegt, weil es in dieser Diskussion häufig zu Missverständnissen kommt.
Für die personale Psychologie bezieht sich das Selbst einerseits auf den Gesamtumfang der Person, also alles was ich zu mir gehörig wahrnehme, fachlich ausgedrückt, die Summe der Selbstrepräsentanzen, und andererseits auf den wesenhaften Kern, also das, was den Menschen im Innersten zusammenhält. Es stellt eine zentrale innere Instanz des Individuums dar, die durch ihre beständigen Integrationsleistungen das Gefühl einer erlebten Einheit, also die Gewissheit vermittelt, durch alle Veränderungen hindurch, gestern, heute, morgen, mit sich identisch und ein zusammengehöriges Ganzes zu sein. Jacobson (1992, S. 34) sieht das Selbst als 
„…eine differenzierte und organische Ganzheit, welche getrennt und unterschieden ist von der Umgebung, eine Ganzheit, welche Kontinuität und Richtung hat, sowie die Fähigkeit, inmitten von Wandlungen gleich zu bleiben.“
Für Horney (1975, S.176) sorgt das „wahre Selbst“„für d as pulsende innere Leben; es bewirkt die Spontaneität aller Gefühle, sei es Freude, Sehnsucht, Liebe, Ärger, Furcht oder Verzweiflung. Es ist außerdem die Quelle spontaner Interessen und Energien,…, die Fähigkeit zu wünschen und zu wollen, es ist jener Teil in uns, der sich ausdehnen, wachsen und selbst erfüllen will.“ Für sie ist es die „ursprüngliche Kraft, die uns zur persönlichen Entwicklung drängt und mit der wir wieder eine volle Identifikation erlangen können.“
Andererseits wissen wir aus der Psychotherapieforschung, dass psychische Störungen oft auf ein verletztes oder deformiertes Selbst zurückgehen. In einer grundlegenden Beeinträchtigung des Selbst durch frühe traumatische Erfahrungen, fundamentale Defizite von Geborgenheit und chronische Konflikte, die nicht mehr durch die gewohnten Bewältigungsstrategien kompensiert werden können, kommt die lebensnotwendige Kraft zur Integration häufig zum Erliegen. Ein beschädigtes Selbst gibt uns keinen Halt mehr, die innere Orientierung geht verloren, der emotionale Boden wird brüchig, Spielräume des Denkens und Handelns engen sich ein und die Zukunftsperspektiven verdunkeln sich. Die Heilung der personalen Schicht des Selbst vollzieht sich, wie wir wissen, nur in kleinen Schritten.

Teil 3 folgt in Kürze

sylvester-walchAdresse:
Dr. Sylvester Walch
Bachstr. 3
87561 Oberstdorf
Tel.: 0049(0)83226611
Mail: sylvester@walchnet.de
Page: www.walchnet.de

Dr. Sylvester Walch: SEMINARE – AUS&WEITERBILDUNGEN – VORTRÄGE:
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