Alternative Heilmethoden

Transpersonale Psychologie und Holotropes Atmen – Teil 3

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Transpersonale Psychologie und Holotropes Atmen
Teil 3 

 Zu Teil 2

Für die transpersonale Psychologie zeigt sich das Selbst jedoch nicht allein auf die Persönlichkeit bezogen, sondern auch in seiner Offenheit hin zum Überpersönlichen.
Bildlich gesprochen ist im innersten Kern unserer Persönlichkeit eine Öffnung, durch die das transpersonale Selbst hindurch scheint: Es trägt nach Leibniz den „Funken des Kosmos“ in sich und kann nach C.G. Jung (1971, S. 134f) auch als „Gott in uns“ bezeichnet werden. Er beschreibt es folgendermaßen:
„Dieses Etwas ist uns fremd und doch so nah, ganz uns selber und uns doch unerkennbar, ein virtueller Mittelpunkt von .. geheimnisvoller Konstitution,…Ich habe diesen Mittelpunkt als das Selbst bezeichnet…(Es) könnte ebenso wohl als ‘Gott in uns ‘ bezeichnet werden. Die Anfänge unseres ganzen seelischen Lebens scheinen unentwirrbar aus diesem Punkt zu entspringen, und alle höchsten und letzten Ziele scheinen auf ihn hinzulaufen.“
Wilber (2001, S. 125) sieht „…tief innerhalb des Persönlichen das Transpersonale, das einem weit über das Personale hinausträgt: immer innerhalb und zugleich darüber hinaus.“
Und Emerson (in: Schoen, Stephen, 1995) spricht von der Einfachheit und Transzendenz der tiefen Kraft, in der wir existieren.
Für Erich Neumann (In: Ludwig-Körner, 1992, S. 434) ist das transpersonale Selbst das „dirigierende Zentrum“, von dem alle Prozesse angestoßen, geleitet, kontrolliert und ausbalanciert werden und das Selbst ist sowohl für das Psychische wie das Physische transzendent.“

Im Christentum heißt es: „Das Reich Gottes ist in Dir“, im Buddhismus: „Schau nach innen, Du bist der Buddha“, im Siddha-Yoga: „Gott wohnt in Dir als Du“, im Hinduismus: „Atman (das individuelle Bewusstsein) und Brahman (das universelle Bewusstsein) sind eins“, in der islamischen Mystik: „Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn“.
Dort, inmitten unseres Wesens, will sich der evolutionäre Drang des Universums nach Optimierung seinen Weg bahnen, eine innere Lebenskraft, die zur fortschreitenden Ganzheit und zur Verwirklichung drängt. Es ist ein Hologramm, in das der Kosmos eingefaltet ist. Alles ist im Selbst enthalten und daher erwerben wir mehr Wissen über die Dinge, wenn wir das Selbst kennen. Das personale Selbst ist im transpersonalen aufgehoben, in einem doppelten Sinne, sowohl beherbergt als auch überschritten. Das transpersonale Selbst dient als Brücke zwischen dem existenziellen Selbstbewusstsein und dem transpersonalen Einheitsbewusstsein. Über diese Brücke kommuniziert das letzte Geheimnis mit uns.
Meister Eckehart sagt: „Ich will sitzen und will schweigen und will hören, was Gott in mir rede.“
Diese innere Weisheit – eine Quelle von Heilung und Inspiration – fördert und formt unser Leben.
Es gibt also einen Bereich in uns, der mehr weiß, aus dem wir mehr Informationen gewinnen können, als wir gewöhnlich zur Verfügung haben, besonders dann, wenn der Verstand etwas zurückweicht und ruhiger wird.
Der Raum der Intuition ist auch der Raum zwischen aufsteigendem und absteigendem Gedanken, der Raum zwischen Einatmen und Ausatmen, die Repräsentation der Unendlichkeit aus der heraus die Innere Weisheit uns Lebensabläufe tiefer verstehen lässt und sich dabei auf das dort zugängliche gesammelte Wissen der Menschheit stützt.

Der Inneren Weisheit nähert man sich, wenn man sich nach innen wendet, in die Stille geht und allmählich die Identifizierung mit dem, was wir sind und was wir haben, loslässt.
Dies bewirkt auch eine allmähliche Aufweichung der Egokrusten. Durch die Transformation des Egos, wiederum, entstehen neue Ich – Qualitäten. Das Ich kann dann das transpersonale Selbst erkennen und ihm dienen. Es erlebt wertfreie Liebe und heftet sich nicht an Affekte, sondern begleitet sie. Es wird quasi zum Sinnesorgan des Selbst. Es existiert in uns als Zeuge ohne Anhaftung und unterstützt uns in den täglichen Pflichten. Es zeichnet sich durch Vertrauen aus, kann prozesshaft reagieren und ist fähig, selbst produzierte Konzepte wieder loszulassen.
Je mehr wir mit der Inneren Weisheit verbunden sind, desto mehr können wir auch erkennen, dass alles, was passiert, zum Besten ist. 

Das gilt nicht nur für Atemsitzungen, sondern bezieht sich auch auf alltägliche Geschehnisse, wenn wir an sogenannte Zufälle denken.
Als sich zum Beispiel jemand in Heidelberg beim Spazierengehen verirrte, kam er plötzlich an der Stadthalle vorbei, und er sah dort die Ankündigung von einem Meditationsretreat, das noch am selben Abend begann. Kurzerhand entschloss er sich, teilzunehmen. Das war der Beginn seines spirituellen Weges. In „Zufällen“ korrespondiert subtil, also häufig ohne unser Wissen, das innere Erleben mit den äußeren Geschehnissen. C.G. Jung nennt dies Synchronizität.
Natürlich ist es dann noch nicht entschieden, ob wir solche Fingerzeige auch aufnehmen. Zur Realisation ist unser eigenes Zutun unabdingbar. Das Leben kreiert immer wieder Situationen, in denen wir wachsen können.
Auch sollten wir unangenehm scheinende äußere Ereignisse nicht einfach abwehren, denn sie bergen häufig wichtige Botschaften in sich, die es zu erschließen gilt. Einscheidende und schicksalhafte Widerfahrnisse, wie Krankheiten und existenzielle Krisen, können auch Entwicklungsdrehpunkte sein, in denen ruckartig klar werden kann, was zu tun ist. Dabei werden vertraute Bezüge aufgebrochen, oberflächliche Lebensstile konfrontiert und neue Prioritäten gesetzt. Lerne von allem – jede Situation ist ein helfender Freund – und jedes Hindernis ist ein ermutigender Lehrer. Sri Aurobindo sagt: Ich bin ein vollkommener Schüler. Ich lerne von allem.
Jean Gebser (in Müller, 1999, S. 54) führt dazu aus, „ dass wir die Einsicht gewonnen, in welchem Maße alles, was uns geschieht, gestaltend und kräftigend zu unserem Leben, nämlich zu uns selber gehört, und dass es somit durchaus abwegig ist, sich über Missgeschick und dergleichen zu beklagen…“
Es ist eine ungewohnte Sprache, die wir lernen müssen, wenn wir uns auf diese Einsichten stützen. Unser eigener Geist wird dann zum radikalen Ort der Veränderung, denn gelingt das, ändern sich auch die Umstände. Wenn wir diese Einstellung, die mit dem Satz “Alles ist zum Besten” ausgedrückt werden kann, inmitten des Alltags verwirklichen, werden Furchtlosigkeit, Gelassenheit und tiefer Frieden eine bezaubernde Atmosphäre in unser Leben bringen. Das Leben wird dann zu einem täglichen Abenteuer.

Erfahrungsspektrum im Holotropen Atmen

Kehren wir nun zu unserer Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen zurück.
Die Kontraindikationen lassen sich ganz allgemein mit dem Satz „normale körperliche und psychische Belastbarkeit“ zusammenfassen. Darüber hinaus gibt es spezielle Kontraindikationen wie Herz-Kreislauferkrankungen, Glaukom, Epilepsie, schwere Infektionen und Schwangerschaft.
Das Holotrope Atmen ist mehr als eine psychotherapeutische Methode, denn es bietet neben der intensiven Katharsis, der Bearbeitung von psychischen Problemen und der Integration von Schattenaspekten eine Basis für spirituelle Öffnungen und mystische Erfahrungen. Das mehrdimensionale Erfahrungsspektrum, auf das ich nun näher eingehen werde, zeigt auf, wie beim Holotropen Atmen Therapie und Spiritualität zueinanderfinden.
Auch wenn ich im Folgenden unterschiedliche Erfahrungsebenen herausstelle, gibt es fließende Übergänge und in einer Sitzung können auch mehrere Ebenen durcherlebt werden.
Beim Eintritt in den veränderten Bewusstseinszustand kann es, noch bevor sich inhaltliche Aspekte zeigen, zu sensorischen oder körperlichen Empfindungen wie etwa Farben- und Figurensehen, Geräusche wie das Zirpen von Grillen oder Glockenläuten sowie das Aufladen und Entladen von Spannungen kommen.

Personale und psychodynamische Erfahrungen

Diese Ebene von Erfahrungen, die uns in der personalen Psychotherapie vertraut ist, beinhaltet lebensgeschichtliche Themen und Probleme, die bis in die früheste Kindheit zurückreichen können. Im Unterschied zu einer gesprächsorientierten Therapie werden sie im Holotropen Atmen authentischer, intensiver und leibnäher wahrgenommen.
Wenn zum Beispiel jemand in früher Kindheit geschlagen wurde, erlebt er sich augenblicklich in dieser Bedrohungssituation, spürt die Angst, zittert am ganzen Leib und kann sogar blutunterlaufene Striemen zeigen. Es werden dabei jedoch nicht nur die erlebten Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Schmerz und Traurigkeit direkt spürbar, sondern es können auch die damals nicht ausgedrückten Reaktionen und Impulse wie zum Beispiel heftige Wut aufkommen und ausgelebt werden.

Dazu die Erfahrung eines Seminarteilnehmers:
„ …Ich sah meinen Vater, wie er sich über mich bückte, der ich als etwa 2-jähriger schlafend in meinem Bettchen lag, und mich wach prügelte. Ich fühlte ohnmächtige Wut und konnte auch einen Gutteil davon wüst schreiend ausagieren; wieder sehr erschöpft ruhte ich mich noch etwas aus…. Bei der Trommelmusik erlebte ich mich selbst als sehr geübten und geschickten Trommler und erfuhr mich als kraftstrotzend und energiegeladen. Irgendwie spürte ich den Zusammenhang zwischen dem Atem und der Energie, die er generiert…“
Die veränderten Bewusstseinszustände mobilisieren das Unbewusste, wodurch tiefsitzende Spannungen energetisch aufgeladen werden. Durch die folgende Entladung wird das psychische Gesamtsystem entlastet, auch wenn vielleicht die inhaltlichen Zusammenhänge noch unzureichend verstanden werden. Dabei können plötzlich Verschiebungen von einer pathologischen Dynamik zu einer heilsamen positiven Selbstorganisation stattfinden, nach Sheldrake eine Verschiebung von Krankheitsfeldern zu Ganzheitsfeldern.
Wir wissen, dass emotionales Lernen subkortikal im limbischen System stattfindet. Dieses ist etwas schwerfälliger als die assoziativen und kognitiven Bahnungen in der Großhirnrinde. Deshalb bedarf es zur Lösung der emotionalen Gebundenheit eines inneren Aufruhrs, um die unbewussten limbischen Netzwerke zu verändern. Nur das Abrufen von Kognitionen führt nicht zum Ziel, weil die unbewusste emotionale Fixierung bestehen bleibt.
Die Begleiter unterstützen das vollständige Durcherleben dieser dramatischen Situationen. Entweder durch Festhalten und Gegendruck, um die Spannung zu erhöhen, bis es zu einer vollkommenen Entladung kommt, oder durch nährende und emotional korrigierende Erfahrungen wie etwa wärmende Berührungen bis hin zu einem bergenden Ganzkörperkontakt. So können tief greifende Verletzungen heilen.
Im tiefsten Punkt der kränkenden Erfahrung ist häufig die Lösung zu finden und dort stoßen wir gleichzeitig auf heilende Kräfte des transpersonalen Selbst wie pulsierende Energien und umfassende Liebe, die durch das kosmische Bewusstsein strömen. Deshalb auch die Anweisung im Holotropen Atmen: Geh tiefer in das, was ist.
Die mögliche Kritik einer sekundären Traumatisierung trifft meines Erachtens nicht zu, da, wie erwähnt, die Gesamtsituation auf Sicherheit, Ausdruck, Integration und Heilung ausgerichtet ist. Das Holotrope Atmen öffnet zudem die Ressourcenspeicher und aktiviert die Selbstheilungskräfte, wie schon weiter vorne erwähnt wurde, sodass dissoziierte Fremdkörper der Seele als narrative Lebensskripte integriert werden können. Das heißt, dass die Ansammlung einzelner, unverbundener Sinneswahrnehmungen (Gesehenes, Gefühltes, Getanes, Gehörtes, Gerochenes), wie sie normalerweise fragmentarisch im Traumagedächtnis gespeichert wurden, zu einer zusammenhängenden Geschichte werden können. Dies ist für die Bewältigung eines Traumas außerordentlich wichtig, weil erst dadurch das schreckliche Erlebnis der Vergangenheit übergeben werden kann.
Durch das Holotrope Atmen können auch chronische Defizite von Wärme, Geborgenheit und Liebe im Sinne von Erholungsregressionen sehr gut ausgeglichen und neue innere Strukturen wie Urvertrauen, Selbstgewissheit und Daseinsgewissheit aufgebaut werden, wie das Wiedererleben einer traumatischen Krankenhauserfahrung in einer Atemsitzung zeigt:
„Ich … spüre Kälte außen, meine Haut wird eisig, ich sehe oder fühle messerklingenscharfe Hacken, Skalpell, eisiges Licht, ich bin angeschnallt, spüre enge Ledergurte und eine harte Schnalle, alleine, angestrahlt von gleißendem Licht, Kälte und Gefühllosigkeit, dumpfer Schmerz im Bauch, Bedrohung und Schmerz, der nimmt mir die Luft weg, ich könnte schreien und kann es nicht. .. Ich vertrage das Nahtmaterial nicht, mein Bauch eitert und schmerzt, es zuckt, blitzt, tut weh, der Sitter gibt mir die Hand auf den Bauch, der Widerstand tut gut, ich presse den Schmerz heraus und versuche zu schreien, mein Bauch tut weh, ich bin so alleine, sie lassen meine Mama nicht zu mir und die lässt sich das auch noch gefallen… Ich schreie, wie noch nie in meinem Leben, plötzlich überrascht mich ein tiefes haltloses Weinen, das ich nicht kontrollieren kann, ich weine über das, was ist und war, jetzt stimmt mein Gefühl, am ganzen Körper ist Traurigkeit, ich bin ganz in mir. Der Sitter hält mich und beschützt mich, endlich ist Schutz da, das Weinen ist bedrohlich, aber nicht steuerbar und heilsam zugleich… Ich bin so dankbar, dass der Sitter da ist und mich beschützt, ohne was zu verlangen, eigenartigerweise habe ich nicht das Gefühl, ihm was schuldig zu sein. Ich kann es nehmen… und es ist nicht mehr so kalt. Mein Körper fühlt sich wund an, zugleich vibriert er und ist offen.“

Teil 4 folgt in Kürze

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