Mensch-Sein

VERANTWORTUNG heißt: Dem Leben antworten-Part IV

8Blumen_ASC Dem Leben antworten –
Part IV

Verantwortung und Entscheidung

Was ist der Mensch?

Er ist das Wesen, das sich immer ent.scheidet. Und was ent.scheidet er? Was er im nächsten Augenblick wird.

Diese zwei Kurzaussagen umreißen ein sehr dynamisches Menschen.bild und spiegeln meine Philosophie wider, wonach der Mensch kein faktisches, sondern ein fakultatives Wesen ist. Und damit ist dies gemeint:

Der Mensch ist nicht etwas Un.abänderliches im Sinne von Nun-einmal-so-und-nicht-anders-sein-Müssen, sondern mensch.liches Sein ist wesent.lich ein Immer-auch-anders-werden-Können.

Das gibt der menschlichen Existenz grundsätzlich und elementar einen dynamischen Charakter und die Möglichkeit – aber auch die Ver.pflichtung! – zur Veränderung und damit bei entsprechender Richtungs.angabe zu Wachstum und Entwicklung und Reife – alt wird man von selbst, reif nur, wenn man sich permanent darum bemüht. Keiner kann die Welt aus den Angeln heben und oftmals auch die persönlichen Umstände nicht un.geschehen machen oder wenigstens ändern, ändern kann der Mensch immer nur sich selber – sich selber aber immer!

Der Mensch – das ent.scheidende Wesen.

So pauschal kann man dies sagen, denn zwischen Ja und Nein, zwischen Pro und Kontra, zwischen Handeln und Nicht.handeln ist immer zu ent.scheiden. Un.entwegt und stets aufs Neue steht der normale gesunde Mensch am Kreuzweg einer neuen Ent.scheidung, auch der Ent.scheidung über sich, d.h. über diesen Menschen, auf den hin er sich ent.wickelt oder ent.wickeln will. Minimiert oder vermeidet der Mensch Ent.scheidungen oder drückt er sich vor ihnen, huscht das Leben an ihm vorbei – er gestaltet nicht Leben, sondern er wird gelebt.

Anders gesagt:

Was der Mensch ist, ist er durch die Sache, die er zur seinigen macht, durch die Aufgabe und durch die Menschen, denen er sich hingibt und für die er sich ent.scheidet:

Im Sich.Hingeben und „Ant.worten“ schenkt sich mir die Welt, im Sich.Behalten und „Ver.stummen“ bleibe ich existentiell un.fruchtbar.

Wer sich jedoch ent.scheidet, muss los.lassen, er muss gelernt haben zu ver.zichten, denn der Akt des Wählens ist immer ein VER.ZICHT auf die nicht gewählte Alternative. Die oftmals als Ent.schuldigung vorgebrachte Ent.scheidungs.schwäche greift nicht, denn fast jedes Sich-nicht-entscheiden-Können ist eigentlich ein Nicht-verzichten-Wollen.

Jede Ent.scheidung ist Ab.scheidung, und daher ist die Ent.scheidungs.fähigkeit wirklich eng mit dem Opfer.geist verbunden, und der ist heute in einer Zeit der „Pleonexie“ als einer un.aufhaltbar eskalierenden Daseins.gier – ebenso wie grundsätzliche Verzichts.bereitschaft – eher selten.

Unsere Sprache ist weise, wenn sie sagt, ein Ver.zicht – der ja wesent.lich zur Ent.scheidung gehört – müsse „geleistet“ werden. Es handelt sich in der Tat um eine echte Leistung, die einem da abverlangt wird, denn im Ver.zicht erst – also im Nein zu der Vielfalt verschiedener Wünsche und Wollungen – wird der Mensch an die Grenzen seiner Persönlichkeit geführt, und dies beansprucht ihn körperlich und geistig ungeheuer, weshalb er das Ver.zichten – ohne gleichzeitige Ersatz.befriedigung! – durchaus als besondere Leistung empfindet.

Wer Ver.ant.wortung übernimmt, baut eine enge Beziehung zum Leben auf.

Dieses Leben, also die Situations.welt des Menschen als das vom Leben Angebotene, die Lebens.inhalte werden dem Menschen zu Identifikations.inhalten, die sein Selbst.verständnis tragen. Und mit diesen Identifikations.angeboten, die das Leben einem Menschen unterbreitet, wächst auch die Herausforderung an seine Ent.scheidungsfähigkeit – er muss wählen, muss Ent.schlüsse fassen, muss eine Haltung einnehmen, die ihn an eine bestimmte Position bindet.

Das heißt:

Wer Ent.scheidungen fällt, bekennt sich zu den Konsequenzen, die sich aus der Ent.scheidungshaltung ergeben. Damit aber übernimmt ein Mensch die Ver.ant.wortung für das, wofür oder wogegen er sich ent.schieden hat. Aber gerade da beginnt das Dilemma:

Wer sich ent.scheidet, bindet sich:

Jede Ent.scheidung bedeutet immer auch eine Bindung. Je intensiver die Angst vor Ent.scheidungen bei einem Menschen geworden ist, desto offener manifestiert sich seine Flucht.tendenz vor Bindungen.

Aus dem Ent.scheiden folgt das Binden, mehr noch: Das Bindungs.erleben erfährt eine weitere Intensität mit der Dauer des Gebunden.seins, so dass z.B. Ehepaare sich mit der Dauer ihres Zusammen.seins noch besser kennenlernen und tiefere Feinheiten in der Persönlichkeit des andern zu entdecken vermögen. Auch eine langjährige Firmenzugehörigkeit vermittelt einen gründlichen Einblick in das Interne einer Unternehmenswelt, die dem nur kurzzeitig Verweilenden vorenthalten bleibt.

Dort, wo Ent.scheiden und Binden in der menschlichen Persönlichkeit zu einer lebendigen Kontinuität verschmelzen, wächst die Souveränität eines Menschen im Umgang mit den Lebens.aufgaben, wozu der ängstliche Mensch kaum befähigt ist:

Ängstliche Menschen sind nämlich zumeist bindungs.unfähige Menschen – bindungs.unfähige Menschen aber scheuen Ent.scheidungen und damit die Ver.ant.wortung.

Zu den Konsequenzen einer Ent.scheidung könnte eine Veränderung des Bestehenden gehören. Weil aber die Angst vor Veränderung eine der tiefsten Ängste im Menschen ist, scheuen sich auch viele Menschen vor Ent.scheidungen, und damit vor Ver.ant.wortung.

Dass eine Ent.scheidung freilich nicht der Ent.scheidung wegen getroffen werden soll, versteht sich von selbst. Ich halte nichts von der Trunkenheit der Aktion als einer Flucht in die schnelle Ent.scheidung, die oft nur Schwäche und Un.geduld verrät. Eine Ent.scheidung muss sinn.voll sein:

Ob sie mit dem Stigma der Sinn.haftigkeit belegt ist, das erfahre ich erst, wenn ich die Ent.scheidung mit Hilfe des Gewissens geprüft und getroffen habe, was bedeutet, dass ich mich als Ent.scheidender nicht nur meiner Ent.scheidungs.freiheit, sondern auch meiner sittlichen Ver.ant.wortung für das zu Ent.scheidende bewusst gewesen sein muss. …

(c) Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern