Mensch-Sein

Verletzungen in zwischenmenschlichen Beziehungen

kreuz_hsc_coutoo Verletzungen in zwischenmenschlichen Beziehungen erkennen und transformieren

Eine wesentliche große Schwierigkeit, die sich wie ein roter Faden durch viele Beziehungen zieht, ist ein psychologischer Fakt, dass ich mich selbst immer so behandele, wie ich behandelt wurde (Kindheitsprägung) und zudem auch dieses verletzende Verhalten an andere Menschen weitergebe, weil ich es als normal kennen gelernt und abgespeichert habe. Das ist bei allen Menschen vom Prinzip her gleich, auch wenn es der Mehrheit nicht bewusst ist. Dennoch und auch gerade auch als verstärkende Wirkung ist zu beachten: Alles was uns nicht bewusst ist, kann auf der energetischen Ebene noch stärker wirken. Denn was wir erkennen, können wir akzeptieren und somit Frieden loslassen (eines der stärksten geistigen Gesetze, zusammen mit dem Gesetz der Anziehung). Was wir nicht erkennen, wirft die größten Schatten innerhalb unserer Gesamtpersönlichkeit – vor allem im Hinblick auf die vom Unterbewusstsein gespeicherten Virusprogramme.

Denn wenn wir uns unseren Computer vorstellen als direkten Vergleich: Ein Virusprogramm im Hintergrund richtet viel mehr Schaden an als eines, das unser Anti-Virus-Schutz aufgedeckt hat. Nach dem Entdecken, wird es entfernt. Aber entdeckt werden muss es zuerst. Unser Unterbewusstsein arbeitet synchron. Es ist wie ein riesiger Computer und speichert alles, was wir ihm zur Verfügung stellen. Es wertet und unterscheidet nicht. Unser Unterbewusstsein ist unsere menschliche Festplatte. Es kann empfangen und aussenden, aber nicht selbstständig bestimmen. Deshalb ist es den passiven Persönlichkeitsanteilen zuzuordnen, genauso wie ein realer Computer auch ein passives Element ist und auf das aktive Bearbeiten einer entsprechenden Person angewiesen.

Dieses Wissen erleichtert es uns ungemein, die Wirkweise von Verletzungen im Zwischenmenschlichen zu verstehen und somit aktiv und angemessen in unsere Bewusstseinsarbeit zu integrieren.

Es liegt auf der Hand, dass die Selbstwahrnehmung bei Menschen, die verletzt wurden, auch entsprechend eingeschränkt ist. Wenn ich schon meine Umwelt aufgrund meiner Prägungen und verletzenden Erfahrungen verzerrt wahr nehme, wie soll es mir dann gelingen, mich selbst überhaupt richtig wahr zu nehmen?

Bei einem verletzten Menschen entsteht ein „neurotisches Ich“ (ein Begriff aus der Psychologie). Aus spiritueller Sicht würde man hier sagen, das innere Kind hat sich zu sehr vom Ego einnehmen lassen und ist zu weit vom höheren Selbst entfernt worden. Aber der psychologische Begriff neurotisches Ich macht es schon sehr deutlich: Es erklärt sich damit, dass ein verletzter Mensch keine Energie mehr übrig hat, auf einer gesunden Basis eine ausgewogene Ich-Du-Beziehung einzugehen. Er ist zu belastet mit den Problemen der erfahrenen Verletzungen und kreist folglich zu sehr um das verletzte Ich, mit dem Ziel sich besser zu fühlen ohne zu wissen, wie dieses Gefühl aussehen könnte.

Für das Entstehen eines so genannten neurotischen Ichs genügt bereits eine Anhäufung kleinerer Verletzungen und zu große Schattenverdrängung. Man kann sagen, je größer ein Mensch verletzt wurde, desto geringer ist folglich die Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen und zu tolerieren, weil es diesem Ich ja auch nicht bei sich selbst gelingt. Mangelnde Selbstwahrnehmung und mangelnde Selbstakzeptanz gehen Hand in Hand.

bl_2_hsc In der Praxis wirkt sich das meistens so aus, dass dieser Mensch mehr oder weniger stark die diversen Selbstverletzungsmechanismen anwendet und somit seine zwischenmenschliche Beziehungsfähigkeit auch eingeschränkt ist. Er projiziert meistens sein verletzendes Verhalten auf andere, indem er glaubt, der andere würde sich so verhalten, wie er selbst. Er hat genauso wenig Fremdwahrnehmung wie Selbstwahrnehmung. Er sieht seine eigenen Verhaltensweisen im anderen gespiegelt, obwohl der andere sich nicht so verhält, wie er selbst.

Ein Beispiel von einem früheren Bekannten von mir: Dieser Mensch war stark verletzt worden, u.a. Einwirkung von Gewalt. Er hatte ein großes Redebedürfnis entwickelt und unsere Kommunikation gestaltete sich so, dass ich kaum etwas sagte, fast nur zuhörte. Als ich einmal etwas einwarf und ein paar Minuten Stellung bezog, warf er mir vor, er würde bei mir nicht zu Wort kommen und ich würde nur über mich reden. Das Interessante war, dass es genau umgekehrt der Fall war. Er wusste überhaupt nichts von mir, weil er ja immer redete. Ich war der Spiegel für ihn, in dem er sein eigenes Verhalten sah. Er war so unbewusst, dass er tatsächlich glaubte, ich würde die ganze Zeit reden und er zuhören. Fazit: Durch Verletzungen verdrehen sich Tatsachen ins genaue Gegenteil.

Es gibt natürlich auch die umgekehrte Variante: Jemand zieht sich so weit zurück, dass er verstummt. Statt des überhöhten Redebedarfs ist er unfähig, über sich zu kommunizieren. Es könnte dann so aussehen, dass er glaubt, viel zu erzählen und einen redefreudigen Menschen dann zu fragen, warum dieser so schweigsam ist.

Diese Beispiele zeigen, dass Verletzungen es einem Menschen schwer machen, sich und andere Menschen so zu erkennen, wie sie wirklich sind. Die Realität entzieht sich einem verletzten Menschen in dem Maße, wie ausgeprägt seine Verletzungen waren. Durch diese Wahrnehmung wird er einsam und gerät in einen Teufelskreis von Selbstablehnung und erfahrener Ablehnung.

Da leider viele Menschen (ich würde sagen es trifft trauriger weise auf die Mehrheit zu) in unerlösten Verletzungen feststecken ohne dies wahr zu nehmen, ist die zwischenmenschliche Kommunikation eine größere Herausforderung, als wir glauben möchten. Wenn wir uns jedoch dieser Herausforderung mit erkennender Akzeptanz stellen und aus dieser anfänglichen Akzeptanz dann sogar eine bedingungslose Liebe entwickeln, dann können wir für uns selbst und andere Menschen gleichsam wahrlich Großartiges bewirken! Aus einer verständnisvollen Selbstliebe heraus, die immer in der Reihenfolge als erstes kommen sollte, um sie dann an andere weiterzugeben, können wir einen wesentlichen Teil der Welt verändern. Wenn wir uns diese Weisheit zunutze machen: „Jeder hat die Chance mindestens einen Teil der Welt zu verändern, nämlich sich selbst“, dann können wir eine positive Kettenreaktion auslösen.

Und vergessen wir nicht: Alles beginnt im Kleinen. Alle bedeutenden und großen Dinge haben einmal einen kleinen Schritt gemacht, vielleicht ungeahnt, was danach folgte. Vielleicht einfach ein kleiner Lichtblick von irgendwo, der zu einem großen Feuer wurde. Ein kleiner Funke, der in mehrere Herzen überspringt, der ansteckend wirken kann und der die Lieblosigkeiten der heutigen Zeit in Lichtbringer umwandeln kann. Und wenn wir uns Möglichkeiten anschauen, die das allgemeine zwischenmenschliche Miteinander erleichtern können, dann finden wir derer mehr als wir vielleicht auf den ersten Blick glauben mögen. Aber die größten Schätze sind manchmal am tiefsten verborgen. Gerade deswegen lohnt es sich sie zu finden. Ich habe bewusst finden und nicht suchen gesagt, denn finden tun wir absichtslos, wir finden aus Gegenwärtigkeit und einfachem Sein im Hier und Jetzt. Wir brauchen nicht suchen, weil das in die Irre führt, aber öffnen wir doch unsere Herzen für das Finden und wir können so manchen verborgenen Schatz entdecken, nämlich den Schatz des Erkennens durch Bewusstwerdung.

(c) Karin Aveon

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