Himmel & Erde

Wenn die Hoffnung schwindet

umgestürzte Bäume Wenn die Hoffnung schwindet

„Wer keine Zukunft mehr hat, ist tot“

Jean Amery  

„Es ist nicht leicht, sich  gegen Hoffnungslosigkeit zur Wehr zu setzen,wenn sie von allen Seiten herangeschlichen kommt und man nichts besitzt,womit man Widerstand leisten könnte“

Andersen Nexö

Wenn die Hoffnung schwindet. Reflexionen zum Suizid 

Dr. phil. Bernhard A. Grimm, Scheyern

* Einen 80jährigen Rentner kannte ich, der in seiner Isolation nur noch den Freitod als letzten Ausweg sah und auf einen Zeitungsrand notierte: „Vielen Dank für Eure Liebe und Fürsorge. Ich will Euch aber fürderhin nicht mehr im Wege sein.“

* Über Joe, einem guten Bekannten, waren in einem recht kurzen Zeitraum bittere Schicksalsschläge gleich einem heftigen Gewitterregen niedergegangen, und wie das Erdreich zu große Wassermassen nicht aufzunehmen vermag, so sah auch Joe sich außerstande, mit all dem Leid.vollen, das ihn traf, fertig zu werden. Sein Leben war für ihn plötzlich aussichts.los geworden, und das ist, mit Dostojewskis Raskolnikow gesprochen, so, wie

„wenn man genau weiß, dass bei allem,

was man tut,

nichts herauskommen wird.“

Joe brachte sich um – er war in einer Mit.welt, die seine Not nicht sah oder einfach weg.schaute, un.sagbar traurig geworden, jenseits jeder tragenden Sinn.perspektive für morgen.

„Leb wohl,

mein Sohn.

Jetzt hast du wohl keine Mutter mehr,

aber auch keine Plage und keine Sorgen mehr mit ihr“

* – so schrieb eine Witwe, Mitte Siebzig, gesund und geistig voll da, ehe sie sich zurSelbst.tötung entschloss.

Drei für mich erschütternde Zeugnisse.

Ich weiß sehr wohl, dass nicht jede Selbst.tötung aufgrund von Sinn.losigkeits.gefühlen verübt wird, wie bei Joe, es lebt aber in mir die Gewiss.heit, dass mancher Suizid unterblieben wäre, hätte man die Gelegenheit und Möglichkeit gehabt und/oder wahrgenommen, diesem Menschen in seiner Not, in seiner Motivations.schwäche und depressiven Resignation, in seiner abgründigen und jedes Leben und Weiterleben lähmenden Null-Bock-auf-nichts-Mentalität Sinn.möglichkeiten aufleuchten zu lassen oder ihn zu befähigen, Sinn.funken auch noch im größten Elend seiner Lebens.situation herauszuschlagen.

24Licht_HSC_400 Manchmal wäre es schon ausreichend, einfach da zu sein, zuzuhören, Nähe zuzulassen und den anderen zu berühren, seine Hand zu halten – die älteste aller Empfindungen, die wir noch früher erlernen als Sehen und Hören, ist der Tastsinn: Hier erfühlen wir nicht nur die Nähe des anderen Menschen, sondern wir schenken ihm auch – spür.bar – Nähe!

Vereinsamung gilt allgemein als eine der größten psychischen Gefahren des Alters. Und davon scheinen vor allem Männer in hohem Maße bedroht zu sein. Frauen haben stärkere soziale Netzwerke und pflegen mehr Kontakte, während Männer – und dies vermehrt nach der Ausgliederung aus dem Arbeitsprozess und/oder nach dem Tod des Partners – oftmals solipsistisch vor sich hindümpeln.

Dazu kommt noch ein weiteres Problem: Viele Männer nehmen keine Hilfe an. Ob Kinder, Nachbarn oder gute Freunde – das soziale Netzwerk ist wichtig und entscheidend, denn es hat eindeutig mortalitäts- und suizid.senkende Effekte:

Mit jeder Person, auf die man sich fest verlassen kann, mit der man sich eng verbunden fühlt und mit der man seine Sorgen, Probleme und Freuden teilen kann, sinkt das Sterblichkeits.risiko um fast 10%. Entscheidend hierbei sind – so die Forscher – insbesondere die emotionalen Auswirkungen – natürlich auch die materielle Unterstützung – durch das soziale Netzwerk: Wert.schätzung, Bestätigung, Intimität, aber freilich auch Hilfe im Haushalt, bei (schwerer) Krankheit und in Notfällen. Mangelt es an diesen Faktoren, dann steigt das Risiko für Ängste, Depressionen und Verzweiflung.

Ein chinesisches Sprichwort sagt:

„Ein Mensch allein ist noch kein Mensch“.   

Der Mensch braucht das Du, um zu seinem Ich zu finden. Er will beantwortet werden. Der andere oder die anderen sind das Lebens.elixier schlechthin.

Wenn es jedoch eine Einsam.keit gibt, in die kein Wort eines anderen Menschen mehr liebe.voll, verständnis.bereit, verwandelnd eindringen kann, wenn das Gefühl einer Verlassen.heit aufkeimt, die so tief ist, dass dorthin kein Du mehr reicht, dann ist dies eine Furchtbar.keit, die man durchaus als „Hölle“ bezeichnen kann – eine Einsam.keit, in die das Wort und die Wirklichkeit von Liebe nicht mehr dringt, bedeutet die eigentliche Ausgesetzt.heit mensch.licher Existenz – und die, meine ich, ist nicht leb.bar.

Aus der Suizid.forschung wissen wir, dass ein alter oder schwerst.kranker Mensch selbstmord.gefährdet ist, wenn die Zahl seiner monatlichen sozialen Kontakte unter zwanzig fällt.

Psychische Leiden sind im Alter besonders häufig, doch Therapeuten und Senioren finden in der Regel nur schwer zusammen. Das Problem ist nicht, dass alte Menschen schlecht auf eine Therapie ansprechen, das Problem ist, dass sie keine erhalten. Nur e i n Prozent aller Psycho.therapien, die bei Krankenkassen beantragt werden, kommen den über 60-Jährigen zugute. Das ist erschreckend, wenn man weiß, dass der Bedarf ebenso groß ist wie bei jüngeren Menschen. An schweren Depressionen leidet jeder zwanzigste Senior, in Heimen sind es noch sehr viel mehr.

Dass Menschen, die noch ein Viertel ihres Lebens vor sich haben, durch das psychotherapeutische Netz fallen, ist skandalös. Wenn jedoch Abhängigkeit und Hilfs.bedürftig.keit die Alten psychisch schwer belasten, wenn oftmals der eigene Lebens.rückblick sie im Gewissen massiv bedrängt und sie selbst außerstande sind, ihr Leben mit all den nicht verheilten Wunden in ein positives Licht zu betten, dann fackeln diese Menschen nicht lange, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Die Suizid.gefährdung steigt extrem mit zunehmendem Alter, wie viele Studien und Statistiken feststellen. Und was hier so traurig macht, ist dies:

Ø Lebensmüde Menschen wollten so eigentlich gar nicht den Tod – sie konnten nur das Leben nicht mehr ertragen.

Das ist ein wichtiger Unterschied!

Daher gilt es zu bedenken dies:

Das entscheidende Argument gegen die Selbst.tötung kann nie eines gegen den Tod,

es muss stets eines f ü r das Leben sein!

Der Schriftsteller Jean Améry war 56 Jahre alt, als er seinen wahrhaft trostlosen Essay „Über das Altern“ schrieb. Vielleicht haben 5 Jahre Konzentrationslager seine illusionslose Lebens.sicht geprägt. Er analysiert Altern übertrieben scharf, und nach ihm bestimmt nicht die wandlungs.bereite Seele oder der Lebens.ruf, wann wir beginnen, alt zu werden, sondern die Gesellschaft, es wird uns zugemessen durch den „Blick des Anderen“:

1Licht_Bogen_HSC „Im Leben eines jeden Menschen gibt es einen Punkt Zeit oder, wenn man es in mathematisch präziser Ausdrucksweise will, die Nachbarschaft eines Punktes, wo er entdeckt, dass er nur ist, was er ist.

Mit einem Mal, so erkennt er, bewilligt die Welt ihm nicht mehr den Kredit seiner Zukunft, sie will sich nicht mehr darauf einlassen, ihn als den zu sehen, der er sein könnte. Die Möglichkeiten, von denen er doch glaubte, sie seien ihm noch gewährt, blendet die Gesellschaft nicht mehr ein in das Bild, das sie sich von ihm macht.

Er findet sich – nicht aus eigenem Urteil, sondern als Spiegelbild des Blicks der Anderen, das aber alsbald von ihm interiorisiert wird – als ein GESCHÖPF OHNE POTENTIALITÄT.

Niemand fragt ihn mehr: Was wirst du tun? Alle stellen fest, nüchtern und unerschütterlich:

Das hast du schon getan“.

Ich stimme Améry nicht zu und wehre mich gegen diese Schwarzmalerei, die sich versteht als Revolte gegen die Düperie des falschen Trostes, gegen die irgendwo wahren, aber – nach Meinung un.romantisch.nüchterner Kritiker – konkret verlogenen Weichzeichnereien à la Hermann Hesse (den ich jedoch sehr schätze und liebe!), die sich aber auch versteht als Resignation vor dem Un.entrinnbaren des Älter.werdens. Daraus resultiert für ihn letale Perspektive.losigkeit: 8 Jahre später veröffentlichte Améry einen neuen, programmatischen Essay mit dem Titel „Hand an sich legen – Diskurs über den Freitod“. Dort ist unter anderem zu lesen (übrigens nahm er sich 2 Jahre nach diesen Zeilen in einem Hotelzimmer in Salzburg das Leben – er war 66 Jahre alt geworden):

„Das Leben ist Bürde.

Der anzutretende Tag ist niederdrückendes Gewicht. Gewicht ist der eigene Körper, der uns zwar trägt, den aber auch wir tragen müssen – und niemals habe ich verstanden, wie fette Menschen es aushalten können mit sich.

Last ist die Arbeit, lästig die Muße. Die Wohnung mit ihren Möbeln ist gewichtig. Der Lärm der Straßen und der Menschenstimmen muss er.tragen, ge.tragen werden – wie gescheit ist doch die Alltagsprache. Schwer ist der erigierte Penis, schwerer noch der hängende.

Selbst die zartesten Brüste müssen geschleppt werden. Auch rücken stets vier Wände gegen uns zueinander. Sie werden uns zerpressen, und werden Beschwerde sein.

Wie sagt man es? Mein Herz ist schwer, j´ai le coeur lourd“

Das ist Verzweiflung pur, tiefste Depression – und niemand vermochte sie ihm aufzuhellen, wie dies in Goethes Drama geschah bei Dr. Faust, der just in dem Augenblick, in dem er das Giftfläschchen an seine Lippen hebt, Ostermusik hört. Diese Musik, die ihn von der Selbst.vernichtung abhält, ist wie eine Hoffnung, es möge doch noch eine Lebens.verheißung geben, die ihn locken könnte: Er lässt ab von seinem Selbst.tötungs.versuch, öffnet die Tür, geht nach draußen, mischt sich unters Volk, trinkt Bier und tanzt mit einem Mädchen. Das Leben hat ihn wieder.

86 Prozent derer, die einen Suizid.versuch überlebt haben, sind froh, wieder ins Leben zurück.gekehrt zu sein. Diese Zahl ist ein deutliches Indiz dafür, dass jeder Suizid im Grunde eine Verzweiflungs.tat ist und dass sich derjenige, der sie begeht, eigentlich eine andere Lösung seines Problems gewünscht hatte. Das bestätigen Untersuchungen von Experten.

Den so genannten Bilanz.Suizid, den angeblich jemand begeht, weil er einfach zufrieden ist mit dem, was er bis dahin erlebt hat, und weil er nicht nach mehr verlangt, den gibt es so gut wie gar nicht. Vielmehr steckt in der Regel eine Notlage hinter einer solchen Tat, eine Notlage, aus der es – könnte man das große Angebot an Hilfe und Beratungsstellen tatsächlich wahrnehmen – zumeist einen Ausweg gibt.

Immer mehr alte Menschen nehmen sich das Leben, ohne dass es die Öffentlichkeit sonderlich bedrückt oder gar wachrütteln würde. Es ist symptomatisch für eine „Leistungs- und Erfolgsgesellschaft“, dass sie sich – wenn überhaupt – erschüttert zeigt nur dann, wenn sich blutjunge Menschen – also Leistungsträger! – mit der Nadel oder dem Automobil oder sonst wie umbringen.

Tatsächlich sterben aber mehr ältere Menschen von eigener Hand als junge, und häufiger in den eigenen vier Wänden als in Altenheimen. Gerade in Heimen vermutet man jedoch eine hohe Dunkelziffer, die aber in der Statistik offenbar unerwünscht ist.

Es gibt in der Regel keine einzeln zu benennende Ursache, nicht diesen nur einzigen Grund für den Frei.tod, der ir.reversiblen „Antwort“ auf ein (vielleicht? wahrscheinlich?) potentiell lös.bares Problem. Mannigfache Schwierigkeiten, Rätsel, Problemstellungen und Belastungen scheinen sich zu einer ausweg.losen Krise zu summieren:

Ein verschiedenartig geschnürtes Bündel aus körperlichen – meist chronischen und schmerzhaften – Erkrankungen, aus Kräfte.nachlassen, sozialer Isolierung und sozialen Beziehungs.konflikten, ein Bündel insbesondere aus dem Gefühl des Un.nützseins und des Nicht.mehr.Gebraucht.werdens, der Ver.einsamung, Depression und Ver.zweiflung, der Verlust. und Trennungs.angst, ein Bündel aus Schuld.gefühlen und Straf.bedürfnis, mangelndem Selbstwert.gefühl und gestörter Aggressions.verarbeitung – dieses schwere Bündel scheint den Lebens.sinn älterer (und auch schwerst.kranker) Menschen so sehr zu frustrieren, dass sie die Fahrkarte zum Leben zurückgeben, die Bühne verlassen wollen und dem eigenen Da.sein frei.willig ein vorzeitiges Ende setzen.

Die Suizidal.handlung hat außer der angeführten individual.psychologischen oftmals auch noch eine sozial.psychologische Seite: Der Selbst.mord wird zum Appell an die Umwelt und signalisiert einen Hilfe.schrei an die Mit.welt.

Wenn ich über Selbstmord bei älteren Menschen reflektiere, dann denke ich auch noch an die ungezählten Totenscheine mit der Diagnose „Herzversagen“, auf denen in Wirklichkeit stehen müsste: Gestorben an Traurigkeit, Verwahrlosung, Einsamkeit…

Aus der Perspektive vereinsamter, alter Menschen ist nämlich die Angst vor der Beziehungs.losigkeit schon der Tod. Der Zerfall menschlich befriedigender Kontakte und Aufgaben fördert die Selbst.mord.neigung in der heutigen Massengesellschaft sehr. Dies und vor allem das Ausbleiben subjektiv positiver Erfahrungen – mit Gleich.gesinnten, Gleich.altrigen, mit der Familie, mit ehemaligen Freunden, mit den Heiminsassen – ist für den Alters.selbstmord durchaus (mit)verantwortlich.

Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen – und oft waren es die so genannten „Gläubigen“ mit praktizierender Religionsausübung (Kirchgang!) – despektierlich über die Suizidanten sprechen:

Sie begreifen nicht, dass es nun mal peinigende Krankheiten, demütigende Lebensumstände und Hilflos.igkeiten und Aussichtslos.igkeiten, dass es zutiefst ent.täuschende Erfahrungen gibt, durch die ein totaler Stau aller Antriebs.richtungen im Menschen entsteht, in dem dann das Gefühl der Ausweglos.igkeit zu suizidalen Konsequenzen treibt. Auch hier ist es offensichtlich verfehlt zu unterstellen, dass der Glaube an Gott in jedem Fall einen Ausweg bieten müsse.

So wäre es denn kaum möglich, dass ein Mensch mit der Frömmigkeit, Sensibilität und Kreativität eines Adalbert Stifter von Schmerz und Krankheit zum Suizid getrieben wird.

Selbst mein antiker Freund, der Stoiker Seneca, musste anerkennen, dass die Tugend der Ataraxie, der Un.erschütterlichkeit des Gefühls, an Schmerz und Krankheit und unsäglichem Leid ihre Grenze findet.

Generell stand ja der „Frei.tod“ in der Antike in hohem Ansehen, erst mit Augustinus beginnt die Verdammung des Suizids. Seneca, für den als Stoiker der selbst gewählte, freie Tod dem natürlichen, ent.würdigenden vorzuziehen ist, formuliert seine Haltung ganz nüchtern:

„Ich will auf das Alter nicht verzichten,

wenn es mir Kräfte in vollem Umfang erhält,

d.h. die besseren, geistigen.

Wenn es aber an meiner geistigen Verfassung rüttelt,

wenn es mir nicht gesundes Leben,

sondern nur animalisches Vegetieren beschert,

dann werde ich den Sprung aus dem morschen,

zusammenkrachenden Gebäude wagen.“

In den „Leiden des jungen Werthers“ lässt J.W. von Goethe seinen Werther zu dem engstirnigen und empfindungs.armen Albert sagen:

„Die menschliche Natur … hat ihre Grenzen;

sie kann Freude,

Leid,

Schmerz bis auf einen gewissen Grad ertragen,

und geht zugrunde,

sobald der überstiegen ist.

Hier ist also nicht die Frage,

ob einer schwach oder stark ist,

sondern

ob er das Maß seines Leidens ausdauern kann.“

Gelegentlich zerbricht einer an der subjektiven oder objektiven Ausweglos.igkeit (s)einer Situation, und seine Aktion ist eine Flucht in die letzte Gnade der Natur, in den Ausweg nach rückwärts. Für manchen Sensiblen genügt schon, die Zeit zu überleben, an deren Inhalte zu glauben er gelernt hat, und schon stürzt er in ein furchtbares Vakuum geistiger Ent.leerung und letaler Frustration. Manche Selbstmorde entlarven sich nachträglich als Selbst.erleichterungen von dem un.erträglichen Gefühl der Schuld. In der Bilanz, oft gegen Ende des Lebens, sagt sich da einer: Wenn schon das Leben nicht nur un.nütz war, sondern definitiv und un.korrigierbar als nutz.los vergeudet wurde, kann es dann nicht als geradezu erstrebens.wert erscheinen, zumindest im Tod etwas Sinn.verleihendes, Recht.fertigendes, Wieder.gut.zumachendes zu wirken?

Leben, jedes Leben ist mit Albert Schweitzer schützens.wert und erhaltens.wert. Un.eingeschränkt: JA.

Aber:

Wo ein Mensch – aus welchen subjektiven Gründen auch immer – sein Leben glaubt „zurück. geben“ zu müssen, sollte in der Be.urteilung der Einzelfall ent.moralisiert werden, d.h. die Einzel.handlung fällt nicht unter moralische Kategorien.

Damit will ich dies sagen:

Die Mehrzahl suizidal Handlungs.williger befindet sich nämlich in einem außer.gewöhnlichen Zustand, der einen drängenden und treibenden, einen mehr oder minder determinierenden Einfluss ausübt so sehr, dass es mir doch höchst fraglich erscheint, ob hier noch von einem eigentlichen Freiheits.akt („Frei.tod“?) die Rede sein kann:

Wo Freiheit, Aktual.freiheit aber fehlt,

fehlt auch die un.erlässliche Voraussetzung von Moralität,

nämlich Ver.antwortung und Zu.rechnung!

Daraus folgt:

Nicht Ver.achtung und Ächtung, nicht moralische Ver.urteilung ist angesagt, sondern gefordert ist takt.voller

Respekt vor der Lebens.not und Lebens.tragik des Mit.menschen

– und das Bemühen, nach Kräften eine Mit. und Um.welt zu gestalten helfen, die den Entschluss zum Suizid weitestgehend auszuschließen, zu verhindern vermag.

Abseits der ethischen Beurteilung der einzelnen Suizidal.handlung wird die allgemeine moral.philosophische Beurteilung der Selbst.tötung seit Sokrates, Aristoteles und Seneca, seit

Augustinus, Thomas von Aquin, Immanuel Kant und Jean Améry sehr kontrovers diskutiert (radikales Freiheits.verständnis mit Rekurs auf Selbst.bestimmung und Autonomie versus Leben als Geschenk und Leih.gabe Gottes).

Ich kann das hier leider nicht vertiefen, aber im Blick auf die un.erträglich leid.geprüften Menschen und insbesondere im Blick auf alle, die mit ihrem Alter und den daraus sich ergebenden physischen, psychischen und sozialen Komplikationen absolut nicht mehr zu Recht kommen, muss ich als Ethiker mit Nachdruck anmerken, dass physisches und psychisches Leid und Elend konkret solche Formen annehmen können, dass unsere ethischen Kategorien nicht mehr zu greifen scheinen:

~ Wo die Zumutbar.keit an Grenzen stößt, da erfordert es die Achtung vor der mensch.lichen Tragik und die Achtung der subjektiven Ent.scheidung, dass wir uns eines ethischen Urteils schlichtweg enthalten.

Es stimmt allemal, wenn Viktor E. Frankl den Selbst.mord, richtiger: die Selbst.tötung, als ein hinaus geschleudertes „Nein“ zum Leben, zur Sinn.frage benennt, aber was dann, wenn ein Mensch, zumal ein alter, ver.einsam.ter und überdies pflege.bedürftiger, dem Erstickungs.tod geweihter oder sozial kalt gestellter Mensch keines einzigen Funkens an Sinn mehr gewahr wird?

Es gibt eben die bleierne Schwere einer Depression, die man nicht mehr so einfach vorüberziehen lassen kann wie eine Wolke, die die Sonne zu verdunkeln vermag und vergessen lässt, dass es die Sonne trotzdem (noch) gibt.

Es gibt eine Verzweiflung als den boden.losen Zweifel an der grundsätzlichen Sinn.haftigkeit des Lebens.

Es gibt das Leidens.paket, das der einzelne nicht mehr schultern kann und nicht mehr weiterzutragen gewillt ist, weil er auch die Kraft hierzu nicht mehr hat.

Es gibt den Abgrund, über den keine Brücken mehr zu schlagen sind.

Es gibt auch eine Hoffnungslosig.keit, in der Leid, Verzweiflung und Schwer.mut eine Dunkelheit geschaffen haben, die die Schwere eines mensch.lichen Da.seins so un.durchsichtig gemacht hat, dass aus dem noch Wünschens.werten nur noch der frei.gewählte Abgang in eine andere Dimension des Seins herausragt.

Wir Menschen der Neuzeit haben es vermocht, durch den Fortschritt der Kultur, durch die Sicherung des Nahrungsangebotes, durch die Reduktion der Seuchen, durch den enormen medizinischen Fortschritt und durch vieles andere mehr die Alters.spanne immer weiter heraufzurücken – die Verlängerung mensch.lichen Lebens ist also durchaus das Ergebnis zahlreicher mensch.licher Manipulationen des Lebens, etwas rein Kultur.bedingtes, und der eine oder andere bedarf oftmals der Hälfte seines Da.seins, um auf die Frage des Alterns eine Antwort zu geben, die das Gefüge der Natur bei weitem trans.zendiert.

Wenn es nun im Einzelfall für einen Menschen schlechterdings absolut nicht mehr sinn.voll ist, eine solche künstliche, zivilisatorisch vermittelte Lebens.verlängerung hinzunehmen, so muss es durchaus im Ermessens.spielraum des einzelnen stehen können/dürfen, über das Zeit.maß seines Lebens selber zu bestimmen bzw. für sich selber zu der ur.sprünglichen Ordnung der Natur zurückzukehren, nach der ein Leben zu Ende ist, wenn seine Beauftragung ihre Er.füllung gefunden hat.

Es muss begriffen werden, dass die Selbst.tötung in der Regel keine Ent.scheidung über Wert oder Un.wert des Da.seins im Ganzen darstellt, er ist vielmehr

Ø ein letzter Flucht.weg aus dem Gefühl oder aus der Erkenntnis der Ausweglos.igkeit einer konkreten Lebens.situation – und gerade das Alter oder eine letale Er.krankung können sich für manchen zu einer un.entrinn.baren Misere gestalten, die für ihn nicht mehr leb.bar erscheint.

· Ich bin überzeugt, dass es sehr wohl möglich ist, an Gott, an ein un.sterbliches Leben und an den Wert des Lebens im Ganzen zu glauben und dennoch eine end.liche Situation für aussichts.los zu halten.

· Wir müssen uns allesamt dazu bereit finden, das Moment des Tragischen im mensch.lichen Leben anzuerkennen und für solche Krisen des Da.seins sensibel zu werden, in denen einzelne mit ihrem Gewissen ganz allein und eigen.ver.antwortlich vor ihrem „Gotte“ stehen.

Unsere Augen tragen gelegentlich eine Binde, die uns die Herrlich.keit des Lebens – gerade im tiefsten Leiden und wenn das eigene Leben nur noch zur un.säglichen Belastung zu gerinnen droht – zu sehen vereitelt, un.fähig, hinter die Dinge zu sehen und in ihnen noch einen Sinn wahrzunehmen. Es wäre wünschens.wert, heil.sam allemal, könnten die Menschen das wunder.bar.eindrucks.volle Gedicht von Franz Kafka auch in den dunkelsten Stunden ihrer Existenz innerlich nachvollziehen:

wolken_6_hsc_coutoo „Es ist gut denkbar,

dass die Herrlich.keit des Lebens um jeden und immer in ihrer Fülle bereit.liegt,

aber verhängt,

in der Tiefe,

un.sichtbar,

sehr weit.

Aber sie liegt dort,

nicht feind.selig,

nicht wider.willig,

nicht taub.

Ruft man sie mit dem richtigen Wort,

beim richtigen Namen,

dann kommt sie“.

Hoffnung ist durchaus die Ur.gebärde der mensch.lichen Existenz und Ausdruck der Grund.verfassung des Menschen – Hoffnung als starke Kraft für das Morgen und Über.morgen ist Gewinnung von Neuland im noch Un.gewissen.

Doch woher nehmen und nicht stehlen? Sie lässt sich nicht wollen. Hoffnung ohne Kraft ist eine Straße ohne Fahrzeug – und Hoffnung ohne Richtung ist ein Fahrzeug in der Garage.

Auch in der Einbindung in das JETZT gilt: Zukunftslos.igkeit lässt sich nicht leben – erst die Überzeugung, dass die Aufgabe, auch und gerade die des Lebens, zu stemmen, zu bewältigen ist, bildet ein hinreichendes Fundament, auf dem Hoffnung keimen, entstehen, verbleiben kann.

(c) Dr. Bernhad Grimm