Entmündigen wir uns durch die fortschreitende Digitalisierung selbst? Immer mehr Daten dokumentieren unser Verhalten, unsere Interessen, unsere Empfindungen. Längst werden diese Daten kommerziell genutzt. Sie dienen aber auch heute schon der politischen und ideologischen Verhaltenssteuerung, meist ohne dass wir es bemerken. Algorithmen automatisieren die Gesellschaft und lassen Filterblasen entstehen, in denen verschiedene soziale Gruppen stets nur passende Informationen erhalten – eine ernste Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Hinzu kommt, dass nicht nur Konzerne, staatliche Dienste oder terroristische Hacker das Verhalten von Menschen manipulieren können, sondern künftig auch selbstständig lernende Künstliche Intelligenzen, wie sie z.B. im Google-Projekt DeepMind entwickelt werden.

Wie können wir Freiheit und Demokratie vor den weltgeschichtlich einmaligen Gefahren schützen? Als Antwort formulieren neun namhafte Wissenschaftler um den Physiker und Soziologen Dirk Helbing von der ETH Zürich und den Psychologen Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Berlin) ein Digital-Manifest inklusive einer Strategie zur Gestaltung des digitalen Zeitalters. Die Autoren fordern u.a., unsere Informationssysteme zu dezentralisieren. Die Politik müsse ferner eine digitale Agenda entwickeln, die das Entstehen neuer Arbeitsplätze fördert, da zahlreiche Jobs in den nächsten Jahren im Zuge der Digitalisierung entfallen werden. Es bedürfe daher auch ganz neuer Bildungskonzepte in Schule und Ausbildung, die wesentlich stärker auf kritisches Denken und Kreativität abheben. Vor allem aber dürften zur Verhinderung von Informations-Filterblasen, die zu einer Zersplitterung der Gesellschaft führen, Empfehlungsalgorithmen nicht mehr einseitig vom Informationsanbieter vorgegeben werden. Da die verwendeten Algorithmen sich meist einer demokratischen Kontrolle entziehen, bedürfe es Daten-Treuhänderinnen, z.B. in Gestalt von unabhängigen wissenschaftlichen Institutionen. Jeder Mensch müsse zum Schutz seiner Autonomie und Menschenwürde die Gewalt über die eigenen personenbezogenen Daten erhalten: So solle eine Kopie aller Informationen, die über den Einzelnen gesammelt werden, in einem standardisierten Format automatisch an eine persönliche Datenmailbox gesandt werden, über welche der Bürger deren Verwendung selbst steuern kann. Die Menschheit befindet sich am Scheideweg, warnen die Autoren. „Die von oben gesteuerte Gesellschaft ist im Prinzip nichts anderes als ein totalitäres Regime mit rosarotem Anstrich.“ Um der drohenden Entmündigung der Gesellschaft zu begegnen, fordern sie nichts weniger als eine neue Aufklärung.

Die Autoren des Digital-Manifests sind:

Dirk Helbing, Physiker und Sozialwissenschaftler, Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich.
Bruno S. Frey, Wirtschaftswissenschaftler und Leiter des Center for Research in Economics and Well-Being der Universität Basel.
Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin sowie des Harding Zentrums für Risikokompetenz Berlin.
Ernst Hafen, Professor am Institut für Molekulare Systembiologie der ETH Zürich.
Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich.
Yvonne Hofstetter, Juristin, Expertin für Künstliche Intelligenz und Geschäftsführerin der Teramark Technologies GmbH.
Jeroen van den Hoven, Philosoph und Professor für Ethik und Technologie an der Delft University of Technology.
Roberto V. Zicari, Big Data-Experte und Professor für Datenbanken und Informationssysteme an der Goethe Universität Frankfurt.
Andrej Zwitter, Jurist und Philosoph, Professor für Internationale Beziehungen und Ethik an der Rijksuniversiteit Groningen.

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Spektrum der Wissenschaft, Januar 2016