Würde leben

Das ist gelebte Würde im Alltag

backen-torte-bakingEin Stück Würde zum Mitnehmen, bitte!

Vor kurzem wollte ich mal wieder richtig lecker und gemütlich frühstücken gehen. Also zog es mich in ein Café, das ich schon seit vielen Jahren kenne. Ein ortsansässiger Konditor betreibt es, und so lange ich denken kann, sieht der Gastraum gleich aus: rustikale Spiegel an den Wänden, Kronleuchter mit viel Blingbling und etwas altbackene, stoffbezogene Bänke und Stühle. Die Kundschaft ist dementsprechend: vor allem betagte Frauen, die sich hier auf ein Kännchen Kaffee mit ihren Freundinnen treffen. Ich war mit meiner Tochter da, und gemeinsam haben wir den Altersdurchschnitt schlagartig gesenkt. Aber irgendwie hat das was. Und vor allem dann, wenn das Frühstück an den Tisch gebracht wird. Alleine die Croissants sind ein Bild für die Götter. Handgefertigter Blätterteig und eine unregelmäßige Bräunung, wie sie nur mit viele Liebe gefertigte Einzelstücke vorweisen können. Dazu eine frische Marmelade – köstlich.

Warum er nicht mehr aus seinem Café macht, haben wir uns trotzdem gefragt. Die Menschen würden ihm den Laden einrennen. Die Geschäftsleute und auch die Jugendlichen. Warum sollte er das wollen, sagte er, als wir beim Bezahlen mit ihm ins Gespräch kamen. Schließlich sei das Café doch auch so gut besucht, und den Stress wolle er sich ersparen. Viel lieber investiere er die Zeit in sein Handwerk. Pralinen herzustellen und sich neue Produkte für die verschiedenen Saisons zu überlegen, das sei für ihn Luxus und Entspannung. Es habe eine Zeit in seinem Leben gegeben, in denen er expandiert und mehr Mitarbeiter beschäftigt hatte. Diesen Stress wolle er nie wieder haben.

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Ich denke bei diesen Dingen anders. Wenn ich eine Idee habe, überlege ich bald, ob es nicht doch noch höher, schneller und weiter geht. Für mich hatte das Auftreten des Konditors, wie er da in seiner weißen, mit Schokolade beklecksten Schürze vor uns stand, etwas sehr würdevolles. Er ruhte in sich selbst. Er strahlte ganz deutlich aus: Ich kenne mich selbst so gut wie kein anderer. Ich weiß, was ich brauche, was ich mir wünsche, was ich dafür tun muss und vor allem: Ich weiß, was ich auch lassen muss, um das Leben zu führen, in dem ich mich wohl fühle. Das sind genau die Punkte, an denen sich für mich ein würdevoller Umgang im Zwischenmenschlichen bemerkbar macht. Denn die Ausgeglichenheit, die dem Konditor selbst zugutekommt, lässt er auch seine Mitarbeiter spüren.

Ich habe die Konditorei verlassen, in der Hand eine große Tüte fantastischer und liebevoll hergestellter Köstlichkeiten und in meinen Gedanken eine wichtige Erkenntnis: Dieses Café ist vielleicht etwas angestaubt und altbacken, es ist aber ein wunderschöner, warmer und würdevoller Ort. Das ist gelebte Würde im Alltag, von der ich mir noch mehr wünsche.

Stefanie Menzel
01. Dezember 2017


stefanie-menzel-headStefanie Menzel
Ziel ist, praxis- und alltagstauglich Bewusstsein für neue Dimensionen zu schaffen und Zugang zur Gestaltungskraft im Leben zu eröffnen. Zu diesem Zweck hat sie die Heilenergetik und in diesem Zuge die Sinnanalytischen Aufstellungen entwickelt. 

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