Das Recht auf eine unsichere Welt – Hochsensible Kinder

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mutter-kind-seifenblasen-Hochsensible-KinderHochsensible Kinder – Das Recht auf eine unsichere Welt

Worauf es in der Begleitung hochsensibler Kinder ankommt
Irgendwann in der ersten Märzhälfte holte ich meinen Sohn wie immer nachmittags von der Kita ab. In der Garderobe trafen wir auf einen Jungen aus einer anderen Gruppe und auf dessen Mutter.
Sie unterhielten sich über ein Fußballspiel, das ausfiel oder ohne Zuschauer stattfinden würde, oder irgendetwas in der Art.

Jedenfalls mischte sich mein Sohn ein und rief rüber „Ja, wegen Corona!“ „Oh!“, entgegnete die Mutter betont lässig, „ich glaube, er weiß gar nicht, was das ist.“ Ich gab meinem Sohn zu verstehen, dass es Zeit war, zu gehen, doch in meinen Gedanken blieb ich verwundert zurück.

Das andere Kind war in etwa so alt wie meins, also fünf oder sechs. Irgendwie war es der Mutter gelungen, dass es noch nichts von diesem immer näher rückenden Virus mitbekommen hatte, und so richtig thematisiert hatten die Erzieher es wohl auch noch nicht. Nur wenige Tage später wurden bundesweit die Kitas und Schulen geschlossen und ich fragte mich, wie diese Mutter ihrem Kind die Lage dann wohl erklärt hatte.

Ich erinnere mich in dem Zusammenhang noch an eine andere,

sehr persönliche Situation, als mein Vater im Sterben lag. Es war ein wildes, ein erbarmungsloses Sterben. Mein Vater war bereits mehrere Monate schwer krank gewesen, und in seinen letzten Tagen zog die Erkrankung noch einmal alle Register.

Mein Bruder und ich wachten nächtelang an seinem Bett, zwischendurch telefonierte er mit seiner Frau. Die Kinder würden nicht verstehen, warum Papa nicht nach Hause käme, er hätte ihnen doch schon vor zwei Tagen gesagt, dass Opa jetzt friedlich einschlafen würde. Ich schluckte runter, was ich eigentlich gerne gesagt hätte.

Ich wusste, er meinte es nur gut und er und seine Frau wollte meinen Neffen und meine Nichte vor der Wahrheit beschützen. Dass der Übergang in den Tod nicht immer sanft ist, manchmal weh tut und oft mindestens genauso anstrengend ist wie der Übergang ins Leben.

Aber genau in jenem Verschweigen der Dinge, wie sie nun einmal sind, und in diesem noblen Versuch, sie zu verharmlosen oder vermeintlich „kindgerecht“ zu vermitteln, berauben wir unsere Kinder um ein wesentliches Geburtsrecht. Um ihr Recht auf eine unsichere Welt. Wir wollen sie schützen und tragen dadurch doch unfreiwillig dazu bei, dass ihre natürliche Fähigkeit, sich fest verankert und gleichzeitig flexibel durch ein Leben voller Ungewissheit und Unwägbarkeiten zu navigieren, sich nicht weiterentwickeln darf – bis sie im schlimmsten Fall irgendwann verkümmert.

Ich gebe zu, auch ich bin in vielerlei Hinsicht eine sehr ängstliche Mutter.

Insbesondere, was das physische Wohlergehen meines einzigen Kindes anbelangt. Spielplätze sind eine Herausforderung für mein Nervensystem, vor allem Klettergerüste, auch das Fahrradfahren im Straßenverkehr ist ein ziemlicher Akt, und selbst das Kippeln mit dem Küchenstuhl kann ich kaum ertragen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich den Schritt, der auf dem Gerüst ins Leere tritt, den abgelenkten Autofahrer, der das kleine Fahrrad übersieht, oder den Hinterkopf, der auf den harten Küchenboden aufschlägt. Den Körper meines Sohnes, dieses kostbare zerbrechliche Gefäß seiner wunder-vollen Seele, ich würde ihn am liebsten im wahrsten Sinne des Wortes in Watte packen.

Mit seiner Seele selbst jedoch führe ich inzwischen einen weitaus entspannteren Umgang.

Nicht, weil mein Sohn so ein rustikales Kerlchen ist, im Gegenteil – er ist äußerst feinfühlig, und den gängigen Zuschreibungen nach sehr wahrscheinlich hochsensibel.

Doch in den nunmehr sechs Jahren an seiner Seite habe ich eine essenzielle Erkenntnis gewonnen: Einer hochsensiblen (Kinder)Seele darf man allen Vorurteilen zum Trotz einiges zumuten.

Heute, in dieser verrückten Zeit und im Zeichen einer weltweiten Pandemie, würde ich sogar noch einen Schritt weitergehen – es ist unsere Pflicht als Eltern und Wegbegleiter, die angeborene Fähigkeit der hochsensiblen Kinder zu nähren, mit der bittersüßen Komplexität dieser unsteten Welt nicht nur umgehen zu können, sondern in ihr, an ihr und mit ihr zu wachsen, zu heilen und zu gedeihen.

Ich bin froh und dankbar, dass mir in den vergangenen Jahren drei weise Frauen begegnet sind, die mir jenseits des Mainstreams in diesem Glauben begegnet sind und mich darin bestärkt haben.

Es muss auch Experten für Depressionen geben

Die erste war Osteopathin. Wie gefühlt jede zweite Neumutter suchte auch ich einige Wochen nach der Geburt eine osteopathische Praxis auf, um zu überprüfen, ob mein Baby irgendwelche Blockaden hatte. Er schrie viel und schlief wenig, und ich war völlig ausgelaugt.

Er war kein Schreibaby, sondern ein sogenanntes „High Need Baby“ – eins, dass nur dann entspannte, wenn es in meinem Arm lag, gestillt oder durch die Gegend getragen wurde.
Für mich als „High Need Erwachsene“ (von Hochsensibilität hatte ich damals noch nichts gehört) eine enorme Herausforderung.

Langsam, aber sicher hatte sich in den vergangenen Wochen

der altvertraute Bleimantel der Depression um mich gelegt, und ich machte mir Sorgen, was dieser Umstand mit meinem kleinen Jungen machen würde. Ich entpackte also meinen Sohn aus der Babytrage und platzierte ihn, ausnahmsweise mal nicht protestierend, auf die Behandlungsliege der Osteopathin.

Der sieht super aus!“, entfuhr es ihr sofort, „ganz symmetrisch, das sehe ich selten.“ Während sie behutsam nach möglichen Funktionsstörungen oder Verspannungen tastete, erzählte ich ihr von mir und meinen Sorgen, dass meine depressiven Verstimmungen ihn in seiner Entwicklung beeinträchtigen könnten.

Sie hielt inne und sah mir freundlich, aber fest in die Augen.
Fragen Sie sich bitte nie, ob sie die Richtige sind für ihr Kind. Sie sind die Eine, die er sich ausgesucht hat. Und außerdem muss es auch zukünftig Experten für Depressionen geben, die werden nämlich gebraucht in unserer Welt.

Ich verließ die Praxis ohne Diagnose, aber mit einer neuen wegweisenden Erkenntnis.

Ein Kind muss wissen, was Gefühle sind

Die zweite ermutigende Begegnung hatte ich mit einer ehemaligen Kinderkrankenschwester. Mein Sohn war inzwischen etwa ein dreiviertel Jahr alt, und vor allem das leidige Schlafthema belastete mich in dieser Zeit stark. Nachts stillte ich ihn bis zu zehnmal, und den Mittagsschlag machte er – wenn überhaupt – nur in meinem Arm.

Um mich ein bisschen weniger allein zu fühlen, hatte ich mich in verschiedenen Babygruppen angemeldet, und in den meisten ging es damals schon um „Attachment Parenting“, um bedürfnisorientierte Erziehung. Ich versuchte wirklich, meinem Sohn jeden Wunsch zu erfüllen, aber was mich an dieser ganzen Debatte zunehmend aufwühlte, war, dass die Bedürfnisse der Mütter völlig in Vergessenheit geraten zu schienen.

Wir sollten kompromisslos stillen und tragen und wach bleiben,

und dabei immer bester Laune sein. Zumindest war das mein Eindruck, und ich fühlte mich total schuldig, weil auch ich zwar völlig devot gegenüber den Bedürfnissen meines Sohnes war, mir das mit der guten Laune aber nicht immer gelang.

Dann traf ich auf besagte Krankenschwester, und ich beichtete ihr beschämt, dass ich mein Baby heute Morgen unter Tränen gerüffelt hätte, warum es mich denn nicht endlich mal schlafen ließe, ich bräuchte so dringend mal ein bisschen Ruhe.

Das ist doch in Ordnung“, sagte sie ganz ruhig, und doch klang es eindringlich. „Es ist okay, dass Sie auch mal wütend sind. Ein Kind muss wissen, was Gefühle sind. Es hat sogar ein Anrecht darauf.

In den nächsten Monaten wurde mein Sohn deutlich ruhiger, und mir war, als käme ich so langsam einem Geheimnis auf die Spur.

In der Liebe ist er sicher, zu jeder Zeit

Der „Durchbruch“ kam, als ich 2015 endlich auf den Begriff der Hochsensibilität stieß. Mir war ziemlich schnell klar: Ich war eine hochsensible Mutter – und ich hatte ein hochsensibles Kind.

Eine Kombination, die große Herausforderungen mit sich bringt. Aber, und das sollte ich in den kommenden Jahren immer wieder erleben, auch riesengroße Geschenke. Über meine Recherchen zum Thema lernte ich Jutta Böttcher kennen, Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums für Hochsensibiliät.

Ich ließ mich eine Weile von ihr coachen, und in unseren Gesprächen ging es anfangs immer wieder um meine Erfahrungen als junge Mutter mit einem Kind, das, genau wie ich, immer ein bisschen anders unterwegs zu sein schien.

Jutta Böttcher hat nie versucht, mir dabei zu helfen, im Mainstream-Mama sein anzukommen.

Vielmehr hat sie mich ermutigt, meinen eigenen Weg zu gehen, weil sie spürte, dass ich zwar mich selbst fortwährend infrage stellte, aber niemals meinen Sohn. Ich hatte ihn immer bedingungslos geliebt, und in dieser Liebe war er sicher, zu jeder Zeit.

Es waren all diese Ermutigungen, die ich gebraucht habe, auch meinem Sohn das Leben in all seinen Facetten im wahrsten Sinne zu-muten zu können. Das Leben, so wie es nun einmal ist: Unberechenbar. Unsicher. Manchmal ungerecht. Oft traurig. Aber eben nicht nur. So oft ist es vor allem eins: Wunderschön, mit all seinen naturgegebenen Widersprüchen. Denn vor allem ist es eins: vergänglich.

Als mein Sohn geboren wurde, und wie er da vor mir lag,

so zerbrechlich und schutzbedürftig, da durchfuhr mich eine tiefe Wahrheit, die mir beinahe das Herz zerriss: „Was habe ich dir angetan?“, dachte ich. „Ich habe dich über die Schwelle in diese lebendige atmende Welt getragen, und so wirst auch du eines Tages sterben, und dich von allem, was dir lieb ist, trennen müssen.

Mir wurde klar, jetzt war es zu spät, um ihn vor diesem Herzschmerz, vielleicht dem schlimmsten von allem, zu bewahren. Jetzt war er da, und wenn er eines Tages gehen muss, dann werde ich vermutlich nicht mehr da sein, um ihm auf seiner letzten Reise die Hand zu halten. Vielleicht werde ich ihn irgendwo in Empfang nehmen, doch das kann ich heute nicht wissen. Was kann ich also jetzt tun?

Diese Frage ist zur Leitfrage meiner Mutterschaft geworden.

Was kann ich jetzt tun, am Anfang seines Lebens, um meinen Sohn so gut wie möglich auf das Ende vorzubereiten? Klingt ver-rückt? Soll nicht jedes Kind erstmal in Ruhe „sein Leben leben“, und sich solange wie möglich „sicher und beschützt“ fühlen, fernab von all den Unzulänglichkeiten, die das Leben auf diesem Planeten mit sich bringt? Wie zum Beispiel Corona im Großen oder sterbende Großväter im Kleinen? Ja und nein.

Ich sehe da keinen Widerspruch, nicht mehr. In meiner Tätigkeit als Palliativbegleiterin besuchte ich einmal eine alte Dame, die darüber klagte, dass sie immerzu wach lag und grübelte. Ich fragte sie behutsam, was ihr denn nachts durch den Kopf geht, wenn sie nicht schlafen kann.

Sie überlegte einen Augenblick, ihr Blick hilflos, suchend. Dann hob sie kurz die Hände und ließ sie resignierend wieder zurück aufs Bett fallen. Sie hatte keine Worte. 

Hochsensible Kinder spüren genau, wenn etwas nicht stimmt

Das ist, in meinen Augen, die Gefahr, die wir unbewusst in Kauf nehmen, wenn wir unseren Kindern eine heile Welt vorspielen. Dass sie irgendwann keine Worte (mehr) haben, wenn diese heile Welt unausweichlich Risse bekommt. Und sie sich dann stattdessen „schwierig“ oder „auffällig“ verhalten, und wir als Eltern oder Pädagogen nicht wissen, was wir noch tun sollen, um sie wieder „passend“ zu machen.

Wenn wir uns nicht trauen, zu formulieren, was da draußen in der Welt los ist, oder zurückhalten, was wir in unseren Herzen so deutlich spüren. Wenn wir uns nicht erlauben, vor unseren Kindern zu weinen, weil wir immer denken, dass wir stark sein müssen. Dann nehmen wir auch ihnen allmählich die Fähigkeit, ihre Gefühle zu zeigen. Sich auszudrücken und mitzuteilen und sich mit unserer Unterstützung auch durch den tiefsten Schmerz zu navigieren.

Insbesondere die hochsensiblen Kinder spüren mit ihren feinen Antennen ganz genau, wenn etwas nicht stimmt. All die Gedanken, die wir am liebsten von ihnen fernhalten wollen, die machen sie sich sowieso. War es nicht in unserer eigenen (hochsensiblen) Kindheit genauso? Umso mehr, wenn wir nicht danach gefragt wurden, was uns im Kopf herumgeht, weil die Erwachsenen die Hoffnung hegten, die „schlimmen“ Gedanken würden dann auf magische Weise von allein wieder aus unseren Köpfen verschwinden.

Davon werden die kleinen Köpfe jedoch nicht leerer, die Herzen mitunter schon. Leere Herzen kann sich unsere Welt aber nicht länger leisten.

Eltern machen das nicht mit Absicht.

Damals nicht und heute nicht. Im Gegenteil, wir wollen Helden sein für unsere Kinder. Superhelden, die das Böse in Schach halten und dafür sorgen, dass immer alles gut ausgeht. Aber so funktioniert die Welt nicht.

Nicht jede Viruserkrankung verläuft harmlos. Nicht jeder sterbende Opa schläft friedlich ein. Aber jedes Kind hat das Anrecht auf eine unsichere Welt. Und auf Wegbegleiter, die sie mit einem offenen Herzen und mit einem starken Rücken auf ein Leben in dieser Welt vorbereiten.

Aus meinem „High Need Baby“ ist inzwischen ein entspanntes Schulkind geworden, das sich leichtfüßig, aber mit sicherem Schritt durch Licht und Schatten bewegt. Ich habe es ihm nicht immer „leicht gemacht“, im wahrsten Sinne des Wortes.

Anfangs fehlte mir schlicht die Kraft, auch die schlechten Tagen wegzulächeln oder jeden Stolpersein aus dem Weg zu räumen, doch irgendwann ist es eine bewusste Entscheidung geworden, es auch nicht um jeden Preis zu versuchen, denn: Wenn ich ihm nur den einen Teil der Geschichte erzähle, erzähle ich ihm nicht die ganze Geschichte. Das ist, streng genommen, Verrat. Denn die Welt ist nicht nur schön. Sie ist aber auch nicht nur traurig. Sie ist beides, und meistens sogar beides gleichzeitig. Erst das macht die Welt vollkommen.

Laden wir unsere Kinder in diese Welt ein, so wie sie ist,
und erzählen wir ihnen die ganze Geschichte.

Alles, was wir dafür brauchen ist ein bisschen Mut. Und ganz viel Liebe. Nur sie allein schafft Sicherheit.

23.07.2020
Sabrina Görlitz
Freiberufliche Autorin, Story-Coach und Palliativbegleiterin 
blog.aurum-cordis.de

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Hochsensibilität neu erzählt.

Hier gibt Autorin und Story Coach Sabrina Görlitz hochsensiblen Menschen die Möglichkeit, ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen und endlich gehört zu werden.

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