Die Angst vor dem Tod – eine Yoga-Perspektive

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angst-tod-tanja sirbu-unplashDie Angst vor dem Tod – eine Yoga-Perspektive

Tod

Worum geht es bei Corona wirklich? Einen Virus, eine Verschwörung, eine Pandemie? Wer weiß das schon, letztendlich geht es um dich, um mich, um uns und unsere Beziehung zum Tod.

Der Tod gehört zum Leben dazu, für jeden Einzelnen. Ohne Ausnahme, egal ob reich, arm, jung oder alt. Der Tod macht keine Unterschiede.

„Der Tod lächelt uns alle an, das einzige was man machen kann ist zurücklächeln.“
Marc Aurelius

Die Angst vor dem Tod. Im Yoga bedeutet Abhinivesha, die Urangst des Menschen, sein kostbares Leben zu verlieren oder anders das Anhaften am Leben. Problem ist nur, den Großteil des Lebens nimmt der Mensch nicht bewusst war, sondern schlafwandelt in seinen eigene Ideen, Konzepten und dem was von außen kommt. Wenn wir es schaffen würden alleine den Wunsch loszulassen, etwas besitzen zu wollen, so könnten wir uns von der Todesangst befreien…vielleicht?

Kleshas

Abhinivesha ist eine der 5 Kleshas aus den Yogaschriften. Kleshas heißt erstmal Schmerz, Leiden, aber sie sind auch die Ursachen des Leidens, des Schmerzes.

Der Yogagelehrte Patanjali beschreibt in seinen Sutren 5 Kleshas:

  1. avidya: Ignoranz oder unwirkliche Wahrnehmung
  2. asmita: Egoismus auf Kosten anderer
  3. raga: exzessives Anhaften an genussvollen, freudvollen Dingen
  4. dvesa: starke Abneigung oder Hass
  5. abhinivesha: Angst vor dem Tod

Kontrollverlust

Und was steht denn eigentlich hinter der Angst zu sterben?
Geht es nicht darum, loszulassen? Ist es nicht die Angst, die Kontrolle zu verlieren? Und zeigt es uns nicht wieder ganz deutlich, dass wir keine Kontrolle im Leben haben?

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In der Natur kommt und geht alles. Die Gezeiten, die Jahreszeiten, die Lebensphasen, Tag und Nacht.

Als Menschen können wir können Entscheidungen treffen, ja, so wie wir uns ihrer denn zumindest bewusst sind. Aber selbst die Konsequenzen unserer Entscheidung sind nicht immer sicher, beeinflussbar oder gar absehbar. Letztendlich haben wir keine Kontrolle im Leben, über nichts. Und selbst wenn wir unser Leben meistern und das Gefühl haben, es läuft doch ganz gut, ich treffe die „richtigen“ Entscheidungen, ich habe ein Stück weit Kontrolle oder meinen Frieden geschlossen mit der Unsicherheit, so kommt von außen dann doch irgendwas, was wir nicht kontrollieren können. Umweltkatastrophen, Anschläge, Krankheiten, Pandemien, Unfälle, untreue Partner, Jobverlust, Perspektivlosigkeit.

Wie schafft man es, diese Unsicherheit anzunehmen, nicht ständig unbewusst im Widerstand dazu zu sein und sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen wie es so schön heißt.

Wenn das Leben ein Fluss ist, so könnte man sich doch vorstellen, wie alle Altlasten, alle Sorgen, Nöte und Ängste einfach tagtäglich von uns abgespült werden. Wie wir uns am Anfang oder Ende des Tages unter eine imaginäre Lichtdusche stellen und einfach alles abfließen darf, ohne zu wissen, was es ist. Wäre das nicht toll?

Loslassen

Die Metapher mit dem Fluss kann uns helfen zu verstehen, worum es geht. Das ganze Leben ist eine riesengroße Übung im Loslassen! Als Neugeborenes fängt es schon an. Kaum raus aus dem Bauch der Mutter muss man von der Idee loslassen, dass immer für einen gesorgt ist, ohne irgendwas dafür tun zu müssen. Plötzlich muss man atmen.

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Als Kleinkind müssen wir dann früher oder später in die Fremdbetreuung, irgendwann geht es in die Schule, es kommt die erste Liebe und der erste Liebesschmerz, Ausziehen und eigenständig werden, Abschied nehmen vom Hotel Mama. Es folgen Ausbildung/Job/Studium, vielleicht noch ein Aufenthalt im Ausland…Familie gründen, Kinder kriegen oder eben auch nicht?

Als Eltern bedeutet die Entscheidung Kinder zu kriegen, sich für allezeit zu verabschieden von dem Leben das man kannte, von der Rolle als Single, Freigeist sein, plötzlich muss man jemanden anders versorgen und durchlebt Ängste und Gefühle, die man nicht kannte. Loslassen heißt es also wieder mal und darauf einlassen. Und insbesondere als Frau bedeuten Schwangerschaft, Geburt und Muttersein ein komplettes Loslassen, erst von dem Körper, den man kannte und dann von der Eigenständigkeit. Das ganze Leben ist ein riesengroßes Loslassen!

„Jeder Tag ist ein kleines Leben – jedes Erwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen eine kleine Jugend, und jedes zu Bett gehen und Einschlafen ein kleiner Tod.“
Arthur Schopenhauer

Der Atem

Und wir vergessen es oft, aber selbst der Atem steht nicht unter unserer Kontrolle. Klar, wir können bewusst atmen und auch den Atem anhalten, was sehr viele positive Auswirkungen hat, wenn man es unter Anleitung richtig praktiziert, Pranyama im Yoga, aber der Atem ist und bleibt ein Geschenk für diese Lebensreise. Ohne Atem kein Leben.

Im Yoga heißt es sogar, jeder Mensch hat eine bestimmte Anzahl an Lebenszügen zur Verfügung, das ist von Anfang an bestimmt. Wie du diese Zeit allerdings ausfüllst, das bleibt deiner Verantwortung überlassen. Ob Du quasi durch die Welt hetzt mit kurzen Atemzügen, der Rente entgegen oder Deinem verdienten Ruhestand, um dann plötzlich umzufallen oder ob du langsam gehst wie Beppo der Straßenkehrer in der Geschichte Momo von Michael Ende. Es ist Deine Wahl, Deine Entscheidung, Die Anzahl der Atemzüge bliebe gleich. Eine interessante Sichtweise, oder?

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Diese Geschichte Momo habe ich gerade mit meiner Tochter gelesen und es ist erschreckend und auch bezaubernd wie aktuell sie noch oder gerade heute auch ist.

Zeitdiebe klauen den Menschen ihre Zeit und Leben davon. Und die Menschen geben sie Ihnen ganz freiwillig. Und das Dasein der Menschen wird hastig, freudlos und sinnlos. Und die kleine Momo rettet die Zeit der Menschen und bringt sie Ihnen wieder zurück. (Hier ein kleiner Auszug aus Momo von mir vorgelesen ;-))

Erfahrungen machen und Mut haben

Wenn wir also keine Kontrolle über nichts hätten, worum würde es dann gehen?
Darum, Erfahrungen zu machen, Dinge zu lernen, sich weiter zu entwickeln, Freundschaften und Beziehungen zu anderen zu pflegen und zu nähren?

Es gibt mehrere Bücher über die Erkenntnisse von Sterbenden. In zweien hat jeweils eine Krankenschwester, die in einem Hospiz gearbeitet hat, dort Sterbende befragt, was sie anders gemacht hätten in ihrem Leben oder was sie bedauern. Herauskristallisiert haben sich 5 Dinge (frei übersetzt aus dem Englischen):

1. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mehr ich zu sein und ein Leben nach meinen Vorstellungen zu leben, nicht nach den Erwartungen anderer

2. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel und so hart gearbeitet und mehr Zeit mit meinen Kindern und der Familie verbracht

3. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle mitzuteilen und so zu mir zu stehen und authentisch zu leben

4. Ich wünschte, ich hätte meine Freundschaften besser gepflegt und mehr Zeit und Energie investiert

5. Ich wünschte, ich hätte mir selbst mehr Glücksmomente zugestanden ohne Zwänge, mehr Lachen und mehr Spontaneität

Und vielleicht geht es dann für viele von uns gar nicht wirklich um die Angst zu sterben, sondern eher um die Angst wirklich zu leben?

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Und auch wenn die Zeiten gerade alles andere als rosig sind, so können sie uns doch vielleicht helfen, unser Leben mal zu überdenken und uns anzufreunden mit dem, was ist und uns gleichzeitig zu überlegen, was wir eigentlich möchten und was es dafür braucht.

13.12.2020
Namasté.
Tanja Sirbu
www.tanjasirbu.com
www.dailypioneer.rocks

Bücher/Links:
Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
John Izzo: Die fünf Geheimnisse, die Sie entdecken sollten, bevor Sie sterben
https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2012/feb/01/top-five-regrets-of-the-dying

Bilderdank an:
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1 Kommentar

  1. Den kleinen Bruder des Todes hat Arthur Schopenhauer den Schlaf einmal bezeichnet.
    Im Schlaf ruht der Koerper, der Geist geht in eine andere Dimension und holt sich dort Informationen. Die Frage ist von wem?
    Von guten, oder boesen Geistern?
    Der Mensch laesst sich logischerweise von den Geistern beeinflussen, die seinen Charakterqualitaeten entsprechen.
    Wacht der Mensch in der uns bekannten Realitaet wieder auf, erinnert er sich moeglicherweise in Form eines Traumes, seinen gesamten Spaziergang vergisst er aber normalerweise.
    Wacht der Mensch nicht mehr in unserer Realitaet auf, sagen wir, er sei gestorben.
    Gestorben ist aber nur der Koerper, der Geist lebt jetzt unter seines Gleichen in der anderen Dimension weiter. Genannt auch, “das ewige Leben”, denn dort gibt es keine Zeit und auch keine Evolution. Folglich muss man mit den Geistern leben, mit denen man sich in unserer Realitaet eingelassen hat, im Guten, wie im Boesen. Man ist ja jetzt selbst ein Geist. Ein Geist ist nicht irgend etwas Abstraktes, vielmehr war jeder Geist auch schon Mensch.
    Hier begegnet man dann der ausgleichenden Gerechtigkeit, denn in dieser Dimension gibt es nicht den Schleier des Vergessens. Alles Gedachte ist offen zugaenglich. Man erntet dann eben das, was man gesaet hat und das auf ewig, es sei denn man tritt neuerdings in eine uns bekannte Dimension, um die Verhaeltnisse zu aendern.
    “Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast sagt Mephisto zu Faust.”
    Man ist fuer seine Gedanken und fuer sein Tun verantwortlich und wird frueher oder spaeter die Konsequenzen tragen.
    So kann der Tod durchaus auch ein ganz willkommener Gast sein, um hier Mephisto zu widersprechen.

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