Mensch-Sein

Die unbewussten Signale im Zwischenmenschlichen

gewebtes NetzDie meisten Missverständnisse und Dramen entstehen durch fehlinterpretierte Signale

Meistens wird die non-verbale Kommunikation von den meisten höher eingeschätzt als wir glauben. Gleichzeitig liegt hierin eine der größten Schwierigkeiten überhaupt, ohne das wir das wirklich merken. Wir wundern uns eher über wiederholte Krisen und böse Überraschungen und fragen uns, was wir eventuell falsch gemacht haben könnten, wenn wir das Gefühl haben, bei einem anderen vor unüberwindbaren Mauern zu stehen. Die Lösung liegt darin, dass wir zwischenmenschliche Geflechte durchschauen, die unter den Oberflächen anders sind, als wir zunächst glauben. Denn nur selten werden ausgesandte Signale richtig verstanden und somit angemessen damit umgegangen von denen, die sie empfangen sollten.

Die meisten Missverständnisse und Dramen aller Art entstehen durch fehlinterpretierte Signale; denn es ist eine hohe Kunst und erfordert ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen, hinter das offensichtliche zu schauen. Ein wesentliches zwischenmenschliches Ungleichgewicht wird dadurch ausgelöst, dass wir hoffen, sogar erwarten, dass unser Gegenüber ausgesendete Signale richtig versteht und sich entsprechend verhält.

Die Falle ist die: Wir erwarten vom anderen etwas, was wir selbst auch nicht können. Dieser Mechanismus läuft unbewusst ab. Wir alle haben es wiederholt schwer, Signale von unseren Mitmenschen richtig einzuordnen, weil sie häufig widersprüchlich sind und aus Doppelbotschaften bestehen. Häufig wird auch im Verhalten, in aktiven Handlungen etwas zuvor direkt ausgedrücktes widerrufen – scheinbar zumindest. Hier entsteht häufig ein unsicheres und bedrückendes Gefühl auf der anderen Seite. Es beschleicht uns auch eine Ahnung davon, dass es sich ungünstig auswirken kann, wenn wir direkt etwas hinterfragen würden oder ein Thema auf den Punkt bringen bei diesem Menschen, der sich so unklar verhält. Wir erahnen dann, dass wir die Beziehung zu dieser Person in eine Krise hineinsteuern könnten, wären wir unmittelbar und direkt in unserer Kommunikation. Weil wir Angst vor Konsequenzen haben, bleiben wir indirekt und unverbindlich – und zwar auf beiden Seiten.

Es kommt immer wieder vor, dass wir indirekte und unklare Botschaften von anderen gegen uns selbst gerichtet empfinden. Dies nicht zuletzt, weil diese Botschaften, Signale und Hinweise tatsächlich unklar und doppeldeutig daherkommen, allerdings nicht mit bewusster Absicht.

Ein noch wesentlicher Aspekt ist der Ursprung unserer Wahrnehmung, nämlich in vielen Fällen ein verletztes inneres Kind in Kopplung mit einem überfrachteten Ego und Programmierungen im Unterbewusstsein. Der gesamte Persönlichkeitsmechanismus ist in diesem Zusammenhang eher auf Abwehr- und Schutz ausgerichtet und das wirkt sich dann insgesamt entweder eher negativ oder auch subjektiv zu positiv auf die Interpretationen von Signalen der Außenwelt aus.

In der Praxis heißt dies: Entweder ich verleugne etwas und färbe es schön oder ich sehe schwarz. Wir alle haben einen Wahrnehmungsfilter aufgrund unserer Prägung/Programmierung anhand von gemachten Erfahrungen. Eine neutrale Beobachterposition ist eher eine Seltenheit. Es ist das ganz normale menschliche Dasein im Denken, Fühlen und Handeln, dass die ganze Welt aus eigenen Interpretationen erzeugt wird, die sich in einem ganz persönlichen, selbst eingerichteten Raum befindet. Wir haben diesen Raum, mit dessen Ausstattung wir die Welt erleben, gleich am Anfang unseres Lebens eingerichtet und bauen ihn entsprechend unserer Erfahrungen, und wie wir diese wiederum bewerten ständig weiter aus. Man kann es mit einem Heimkino vergleichen, in dem unser ganz ureigener Film läuft. Die Handlung verstehen wir manchmal selbst nicht ganz, andere noch weniger. Wir wundern uns zuweilen, warum wir Regisseur von einem Film waren, dessen Handlung verzwickt und mit zu vielen ungelösten Rätseln angereichert ist. Wir sind in einem Labyrinth, aus dem es sich nicht so leicht herausfinden lässt und die Frage, wie und warum wir dort sind, entzieht sich gänzlich unserer Kenntnis. Im schlimmsten Fall hat uns das Labyrinth soweit umzingelt, dass wir uns abgeschnitten fühlen von dem, was wirklich um uns herum passiert. Wir haben das Gefühl, dass immer mehr zu unserem Raum, den wir ja nicht verlassen können, von außen hinzugefügt wird, was wir nicht kontrollieren können, was wir uns aber auch erst recht nicht ausgesucht haben.

So in etwa könnte sich der eigene erschaffene Lebensraum eines unbewussten Menschen anfühlen, der die Welt überhaupt nicht mehr versteht. Das heißt, die meisten nehmen wahr, ordnen auch zu. Ausgeschlossen ist hier der Aspekt einer neutralen Beobachtung. Wenn wir jedoch in eine gesunde Mitte von Erleben der Außenwelt kommen möchten,

benötigen wir diese drei Aspekte: 1) Beobachten, 2) Wahrnehmen, 3) Zuordnen.

Auf dieser Dreierkombination basiert ein gesundes Verarbeitungsprinzip von Signalen der Außenwelt.

Eine ungesunde Weltsicht besteht aus wahrnehmen und überinterpretiertem, ich-bezogenem Zuordnen ohne neutrale Ausgangsposition. Dieses fehlende Element erschafft eine Schwarz-Weiß-Sichtweise, meistens mit rosarot vermischt, je nach Situation. Wenn sich dieser Film in unserem Heimkino abspielt, gibt es meistens kein Happy-End – weder für uns selbst noch für unsere Mitmenschen. Hieraus entspringt allerdings die Frage: Warum vermeiden wir den direkten Kommunikationsweg und bevorzugen indirekte Signale ? Es läuft darauf hinaus, dass wir unser Selbst zu wenig erkannt, somit zu wenig entwickelt haben. Es mangelt uns an Selbstwertgefühl, Selbstbestimmung, Orientierung und bewusster Eigenverantwortung. Im Ergebnis sind wir deshalb zu ängstlich, zu verletzbar und hier schließt sich der Kreis. Aufgrund von sich wiederholenden negativen Erfahrungen verfestigt sich unser Selbstverletzungsmechanismus. Aus Angst, zu unseren Gefühlen zu stehen, aus Angst abgelehnt, nicht toleriert, nicht verstanden zu werden sagen wir dann z.B. eben gerade nicht klar: „Ich bräuchte eine Auszeit; ich möchte mich etwas zurückziehen, ich möchte auch einige persönliche Baustellen bearbeiten, damit ich Kraft schöpfen kann, ich bin dann irgendwann wieder zugänglich, ich weiß nicht genau wann“……

Dazu gehört sehr viel Mut, Mut zum Risiko z.B., dass ein Gegenüber dies negativ aufnehmen könnte und dass es dann entsprechende sehr unangenehme Konsequenzen für mich haben könnte. Schlimmstenfalls wird mir dann eine Arbeitsstelle oder Freundschaft gekündigt – sagt mein Glaubenssatz. Diese negativen Muster halten uns davon ab, den Weg einer ehrlichen Kommunikation zu gehen (ehrlich mit uns selbst, ehrlich mit anderen – ich und die anderen sind eins). Deshalb senden wir unbewusst ablaufende Signale aus. Wir wünschen uns dann, dass unsere Umwelt genau auf diese einsteigen möge. Leider ist gerade die Wahrscheinlichkeit, dass diese Signale wie erhofft erhört werden, so gering wie ein Lottogewinn. Im obigen Fall wird sich diese Person höchstwahrscheinlich auf verschiedene Arten und Weisen zurückziehen, um ihr Ruhebedürfnis zu kommunizieren. Sollte das Ruhebedürfnis überhaupt nicht bewusst wahr genommen werden, wird der körperliche Mechanismus sich vermutlich in eine Krankheit flüchten, oder bei einer Arbeit immer unkonzentrierter werden. Wenn wir diesen Umweg wählen, gehen wir erst recht ein Risiko ein, was wir doch gerade vermeiden möchten. Durch indirekte Kommunikation wird eine uns wichtige Beziehung gerade aufs Spiel gesetzt. Merken wir dann, dass unser Rückzugssignal überhaupt nicht gewürdigt wird, setzen wir meist „noch einen oben drauf“. Sind wir hier gefangen, ist es immer schwerer, aus einem selbst erschaffenen Labyrinth herauszufinden.

Wird jemand, der auf indirektem Weg kommuniziert, direkt gefragt: „Was ist los mit dir, kann man dir irgendwie helfen? Mir ist aufgefallen, dass wir nicht mehr frei und locker wie sonst uns austauschen können“ ist die Reaktion meistens: „Nein, es ist überhaupt nichts, das bildest du dir nur ein“. Wird mit solchen Ausreden gearbeitet, verunsichert man erst recht jemanden, der es ehrlich und gut mit einem meint und eine zwischenmenschliche Kluft oder Krise ist vorprogrammiert. Eine zusätzliche negative Spirale wird eventuell in Gang gesetzt. Der Betroffene fängt schlimmstenfalls an sich selbst (habe ich etwas falsch gemacht ?) und/oder an der Freundschaft/Beziehung zu zweifeln, je nach Sensibilität. Fazit ist hier also: Zwischenmenschliche Probleme, die wir durch unbewusste Signale, dem berühmten „Wink mit dem Zaunpfahl“ vermeiden wollen, ziehen wir gerade dadurch in unser Leben hinein. In den meisten Fällen geht indirekte Kommunikation nach hinten los, bringt mich selbst sowie andere in Schwierigkeiten, weil zu wenige die hohe Kunst des Beobachtens, Wahrnehmens, Zuordnens beherrschen. Es gehört sehr viel Bewusstheit dazu, die nicht zur überwiegenden Mehrheit der Menschen gehört. Sie kann sich aber jederzeit von jedem angeeignet werden, weil es nicht schwierig ist, einfach nur zu beobachten, ohne zu bewerten, erwarten, beurteilen. Es ist nur ungewohnt am Anfang, hat langfristig enorm heilsame Wirkungen. Wir werden dann sehen, dass die Wahrnehmung und die Zuordnung am Ende eine allgemeine Erleichterung bringt – für alle Beteiligten.

(c) Karin Aveon

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