Echte Vergebung heißt Loslassen, was uns verletzt

hund rose vergebung herz am himmel

hund rose vergebung herz am himmelVergeben: Loslassen, was uns verletzt, und innere Freiheit gewinnen

Leseprobe aus dem Buch: Das kleine Buch vom Vergeben: Loslassen, was uns verletzt, und innere Freiheit gewinnen
von Kitty Guilsborough (Autor), Karin Weingart (Übersetzer)

Einführung
Grundlos greift niemand zu einem Buch über Vergebung.

Sie sind verletzt worden. So sehr, dass Sie es einfach nicht vergessen können. Jemand hat Ihnen – oder einer Ihnen nahestehenden Person – etwas so Schlimmes, so Herzzerreißendes, total Niederschmetterndes angetan, dass Sie wieder und wieder daran denken müssen.

In diesem Moment könnten Sie x andere Bücher lesen, Hunderte anderer Dinge tun. Ja, eine ganze Welt wartet da draußen auf Sie. Und Sie? Lesen ausgerechnet dieses Buch und denken an Ihre alte Verletzung. Sie überlegen aber auch – zum ersten oder aber auch zum wiederholten Mal –, ob es nicht Möglichkeiten der Heilung gibt.

Denn etwas in Ihnen möchte den Schmerz überwinden. Sie wollen sich nicht länger von ihm definieren lassen. Woher ich das weiß? Weil Sie zu diesem Buch gegriffen haben und nicht zum Kleinen Buch der Schuldgefühle. Und auch nicht zum Kleinen Buch der Rache, der Vergeltung oder der Bestrafung. Nicht einmal um Gerechtigkeit dreht sich das Büchlein, das Sie gerade in der Hand halten. Sondern um Vergebung.

Vergebung lässt sich schwer erklären, zum Teil weil nicht alle mit diesem Begriff dasselbe assoziieren, aber auch weil sich nicht Vorhandenes nun einmal nicht exakt bestimmen lässt. Vergebung führt zur Abwesenheit von bestimmten Gefühlen – zur Abwesenheit von Zorn, Groll, Rachegelüsten. Denn Vergebung stellt die frei- willige, bewusste Entscheidung dar, den Groll und den Zorn der Person gegenüber loszulassen, die Sie verletzt hat. Es ist eine Entscheidung gegen das Hängen an der Vergangenheit und für die Zukunft. Für das Jetzt und gegen das Damals.

Eine Entscheidung gegen die Story über Ihren Schmerz und für tausend andere Geschichten, die Sie über sich erzählen können. Für ein neues Narrativ. Es geht darum, sich als überlebende Person zu verstehen statt als Opfer. Darum, die Kontrolle über dieses Narrativ zu übernehmen. Die Verantwortung für Ihre Lebensgeschichte.

Denn in Wahrheit geht es bei Vergebung nur um eines: um Sie
Und um Sie dreht sich auch dieses Buch

Der Prozess der Vergebung

Bevor wir anfangen, möchte ich Ihnen sagen, wie leid es mir tut, dass Sie verletzt wurden. Was passiert ist, weiß ich natürlich nicht, ich weiß nur, dass es unrecht war. Jemand hat sich Ihnen gegenüber nicht korrekt verhalten, war herzlos und unfair. Hat Sie verletzt.

Wir alle, die wir uns für Vergebung interessieren, haben traumatische Erfahrungen gemacht. Jede und jeder von uns stand einmal – oder steht auch momentan noch – mit Kummer und Schmerz auf du und du. Ich weiß nicht, welches Trauma Sie erlitten haben, aber ich weiß, dass es unrecht war. Es war unrecht und hätte nie geschehen dürfen.

Vielleicht hat Ihnen noch nie jemand gesagt, wie leid es ihm tut. Vielleicht haben Sie auch noch nie jemandem erzählt, was geschehen ist, weil Sie nicht bedauert werden wollen. Nun, ich bedauere Sie nicht. Ich bedauere nur, dass Sie das, was Sie nun zu vergeben versuchen, erlebt haben.

Leicht wird dieser Prozess nicht. Echte Vergebung ist nie einfach. Sie setzt voraus, dass wir in uns gehen – dann aber auch wieder raus in die Welt. Denn das Leben möchte, dass wir uns darüber klar werden, was uns angetan wurde – und was wir uns selbst angetan haben. Es will, dass wir unseren Schmerz und unser eigenes Verschulden begreifen, alles noch einmal durchleben, was uns geschehen ist, und herausfinden, weshalb es dazu kam. Echte Vergebung setzt Mitgefühl voraus:
für uns, für andere und für die Person, die uns verletzt hat. Sie verlangt Empathie, Kommunikation und Verständnis. Liebe

Sie können sicher vergeben. Und ich werde es auch tun. Sodass quasi ein Doppelschlag daraus wird. Teamarbeit. Eine Gemeinschaftsübung in tiefer Liebe, die Ihr Leben verschönern wird. Ich glaube an Sie. Das heißt, ich glaube an das Beste in Ihnen, und genau darum geht es in diesem Buch. Gemeinsam werden wir an das Beste in den Menschen glauben, ihnen vertrauen und darauf bauen, dass sie sich genauso im Griff haben wie wir uns. Wir werden lernen, ausschließlich für uns selbst Verantwortung zu übernehmen und die – positiven wie negativen – Konsequenzen unserer Entscheidungen zu tragen. Wir werden das Einzige tun, was wir tun können: uns selbst so gut wie möglich lieben.

Ich bin froh und stolz, Sie an meiner Seite zu wissen, und fühle mich Ihnen eng verbunden. Lassen Sie uns loslegen …

Warum vergeben?

Wie geht das? Wie vergeben wir jemandem? Und noch wichtiger: Warum sollten wir? Schließlich ist uns doch unrecht getan worden. Wir haben die Verletzung davongetragen. Reicht das nicht? Warum sollten wir uns jetzt auch noch mit dem Problem der Vergebung herumschlagen müssen?

Pech für uns: Vergebung hat nichts oder nur wenig mit der Person zu tun, die uns verletzt hat. (Sie kann die Lage nicht verbessern. Sie hat die Wunde verursacht. Und macht in manchen Fällen sogar noch weiter damit.) Weil uns niemand anders über den Schmerz hinweghelfen kann, ist Vergebung unsere Aufgabe. Oder wie Maya Angelou sagte: Das größte Geschenk, das wir uns machen können, ist Vergebung. Also …

Dass wir, um weiterzukommen, vergeben müssen, ist klar. Warum aber sollten wir weiterkommen wollen? Warum sollten wir der Zukunft fröhlich entgegensegeln wollen, solange der Gerechtigkeit nicht Genüge getan wurde? Warum sollten wir das Leid wegstecken, das angerichtet wurde? Das sind alles sehr gute Fragen. Sie dürfen so fühlen, Sie müssen nicht wortlos über die Ungerechtigkeit hinweggehen. Und werden dadurch nicht zu einem schlechten Menschen, ganz bestimmt nicht.

Womöglich spüren Sie einen gewissen sozialen Druck zur Vergebung – als würden Sie durch das Verhaftet sein in Ihrem Trauma alles nur schlimmer machen. Vielfach wird von Gewaltopfern berichtet, die ihrem Aggressor vergeben, von trauernden Familien und Frauen, die dem Mörder ihres Kindes oder dem gewalttätigen Partner die Hand reichen, und diese Geschichten gelten allgemein als Quelle der Inspiration. Durchaus zu Recht. Aber solange Sie nicht so weit sind, solange Sie einfach die Bereitschaft noch nicht spüren, sondern eher das Gefühl haben, alle Welt sei gegen Sie, liegt Ihnen höchstwahrscheinlich nichts so fern wie diese Form radikaler Vergebung. Und vermutlich empfinden Sie sich diesen legendären Heldinnen und Helden der Vergebung gnadenlos unterlegen. Was ausgesprochen kränkend sein kann.

Doch wie dem auch sei: In diesem Buch geht es nicht um andere und deren Probleme, sondern um Sie. Um Ihr Leben und Ihre Gefühle. Und darum, Sie dort abzuholen, wo Sie gerade sind … beim Versuch zu vergeben.

Echte Vergebung

Viele stellen sich unter Vergebung eine Art Schnellreparatur vor: die fixe Lösung eines großen, komplizierten Problems. Man liest oft von trauernden Eltern, die dem Mörder ihres Kindes verziehen haben, und diese Storys suggerieren, der Akt des Verzeihens bedeute, dass der Schmerz gestillt sei und die Welt sich getrost weiterdrehen könne. Ein derartiges Verständnis von Vergebung ist problematisch, besonders wenn solche Beispiele als Druckmittel benutzt werden à la: Die konnten schließlich auch vergeben und vergessen, warum gelingt dir das nicht? Warum machst nicht auch du das einzig Richtige: akzeptierst die Entschuldigung, lächelst stumm, gehst nach Hause und heulst höchstens noch hinter verschlossenen Türen?

Das wäre vollkommen falsch. Denn solch ein erzwungenes Verzeihen bewirkt keinerlei Heilung, keine wirkliche Vergebung, keine Liebe. Aber was ist denn nun echte Vergebung? Wie geht sie wirklich? Und warum ist sie so wichtig?

Für das Wort »Vergebung« gibt es eigentlich kein adäquates Synonym. Vergeben heißt weder entschuldigen noch verzeihen, ist nicht gleichbedeutend mit Freispruch oder Absolution. Englischsprachige Synonymwörterbücher schlagen »sich küssen und versöhnen« oder
»die andere Wange hinhalten« vor, aber beide Formulierungen gehen am Kern der Sache vorbei. Vergebung hat nichts mit Küssen und noch weniger mit Versöhnung zu tun. Genauso wenig geht es darum, passiv zu sein und sich ein weiteres Mal verletzen zu lassen. Vergebung ist einfach nur Vergebung und lässt sich vielleicht tatsächlich am besten als Loslassen definieren – von Zorn, Groll und Rachegedanken.

Groll verstehen

Einem berühmten Zitat Nelson Mandelas zufolge ist es mit Groll so, als würde man »Gift trinken und hoffen, es würde den Feind töten«. Das ist aber nicht einfach eine Metapher, sondern ein physiologischer, biologischer Tatbestand. Groll zerstört uns körperlich, psychisch und sozial. Er kann uns von innen her auffressen. Und schadet auf längere Sicht nur uns selbst. Was nicht heißen soll, dass er nicht auch seine guten Seiten und eine Bedeutung für unser Leben hätte.

Von Schmerz, Groll, Leid werden wir geformt, sie treiben uns an und machen uns zu den Menschen, die wir sind. Auf Dauer können sie uns allerdings ernsthaften Schaden zufügen. Wie wissenschaftliche Studien ergeben haben, steigert Groll über einen längeren Zeitraum hinweg die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen und Angststörungen zu erkranken. Groll kann uns also unglücklich machen, Verspannungen und Stress erzeugen.

Praktisch Ihr gesamtes körperliches Wohlbefinden hängt von Ihrer psychischen Gesundheit ab. Physis und Psyche sind so eng miteinander verknüpft, dass jeder Schaden in der einen Sphäre in die andere übergreift. Wenn wir zu viel arbeiten, bekommen wir Kopfschmerzen, und im Zorn beißen wir die Zähne zusammen.

Mehr noch:
Stress macht uns empfänglich für eine ganze Reihe gesundheitlicher Probleme wie etwa Herzerkrankungen und Diabetes. Oder auch für Bluthochdruck und Fettleibigkeit – die beide wiederum unsere Anfälligkeit für Viren, Bakterien und Zellmutationen steigern.

Stresssymptome

Medizinisch besteht kein Zweifel daran, dass folgende Beschwerden Symptome von Stress sind:

  • Kopfschmerzen und Schwindel
  • Muskelverspannungen oder -schmerzen
  • Magenprobleme
  • Thoraxschmerzen oder Herzrasen
  • sexuelle Störungen
  • Konzentrationsschwäche
  • Entscheidungsschwierigkeiten
  • Überforderungsgefühle
  • chronische Angst
  • beständige Sorgen
  • Vergesslichkeit
  • Reizbarkeit und Fahrigkeit
  • Schlafstörungen
  • zu großer oder zu geringer Appetit
  • Vermeidungsverhalten
  • erhöhter Alkohol- oder Tabakkonsum

Außerdem setzt Stress die Fähigkeit herab, gegen diese Probleme anzugehen. Wenn wir gestresst sind, treiben wir zumeist weniger Sport, ernähren uns ungesünder und entspannen seltener. Dafür rauchen und trinken wir oft mehr und schlafen weniger. Freunde und Angehörige opfern wir unseren Stimmungen und höhlen so unser Unterstützungsnetzwerk von innen her aus. All das stresst uns noch mehr und lässt unsere Bewältigungsstrategien erlahmen. Es ist ein Teufelskreis.

Die Auswirkungen von Stress

Stress erhöht den Cortisol- und Adrenalinspiegel, was auf Dauer zu ernsten Problemen führen kann: So schädigt etwa ein Zuviel an Cortisol unsere Fähigkeit, zu lernen und Informationen zu verarbeiten, außerdem erhöht es das Infektionsrisiko und wirkt sich negativ auf die Rekonvaleszenz aus.

In einer von Carolyn Aldwin, der Direktorin des Center for Healthy Aging Research an der Oregon State University, geleiteten Studie wurden 1293 Männer über Jahre begleitet. In einem Radiointerview sagte sie 2014:
»Diejenigen, die ihren Alltag als übermäßig stressig empfanden, starben mit einer dreimal höheren Wahrscheinlichkeit im Verlauf der Studie als diejenigen, die ihr Leben als nicht sehr stressig empfanden.«1 Der American Medical Association zufolge ist Stress »die Hauptursache für mehr als 60 Prozent aller Erkrankungen«.2

Und eine der Hauptursachen für Stress ist? Genau: Groll – auf lange Sicht buchstäblich tödlich.

Um weiterzukommen, müssen wir vergeben. Müssen die Sache ins Lot bringen – nicht dem Aggressor
zuliebe, sondern für unser eigenes Wohlbefinden: damit sich der Schmerz des Traumas nicht verschlimmert und wir uns nicht auch noch selbst verletzen. Oder gar unsere Freunde und Angehörigen. Auch der Menschen, die wir lieben, wegen müssen wir vergeben.


Buchtipp cover randomhouse Kitty Guilsborough

Das kleine Buch vom Vergeben: Loslassen, was uns verletzt, und innere Freiheit gewinnen
von Kitty Guilsborough (Autor), Karin Weingart (Übersetzer)

ergangenes loslassen und zu innerer Freiheit finden: Wer sich selbst und anderen aus vollem Herzen verzeiht, kann sich von negativen Glaubenssätzen, toxischen Beziehungen oder seelischen Verletzungen befreien, die uns sonst jahrelang leiden lassen und sogar unsere Gesundheit gefährden können. Kitty Guilsborough, Expertin für Heilrituale, zeigt, wie wir die heilende Kraft der Vergebung entdecken und entfalten: Mit einfach anwendbaren Achtsamkeitsübungen, Dankbarkeitsritualen und Mini-Meditationen eröffnet sie einen Weg der inneren Heilung, der zu neuer Lebensfreude und purer Energie führt.

DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Erscheint am 08. Februar 2022

Zum Buch

Über die Autorin Kitty Guilsborough

Kitty Guilsborough ist Autorin, Therapeutin und eine wahre Expertin für alte Heilrituale. Sie lebt in London, wo sie Menschen begleitet, die unter Depressionen, Angst und Trauer leiden, und ihnen mithilfe der heilsamen Kraft der Vergebung Wege zu mehr Leichtigkeit und Lebensfreude zeigt.

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