Ein kollektives Trauma – »dunkle Materie« des Gesellschafts-Kosmos

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kosmos-gesellschaft-trauma-humanEin kollektives Trauma ist so etwas wie die »dunkle Materie« des Gesellschafts-Kosmos

Vorwort der deutschen Buch Ausgabe: Kollektives Trauma heilen
Persönliche und globale Krisen verstehen und als Chance nutzen
von Thomas Hübl


Und gerade an diesem Punkt der Geschichte,
an dem Zusammenarbeit für uns so entscheidend wichtig wird,
sind weltweit erste Anzeichen

eines gemeinsamen Bewusstseins zu erkennen.
Roger D. Nelson
Connected

Mein Freund und Kollege William Ury hat mir unlängst mit eindringlichen Worten das gesellschaftliche Dilemma vor Augen geführt, das uns in diesem Jahr 2020 alle beschäftigt. Er sagte:

»Covid-19 ist wie ein ganz aktuelles Zwischenzeugnis, das uns über alle ›Fächer‹ Auskunft gibt: die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit, die Qualität unserer politischen Führer, den Zustand der Kultur, den Grad der politischen Polarisierung. Das kannst du drehen, wie du willst, das Virus hört nicht einmal zu. Es ist ganz unpersönlich, es möchte sich einfach nur ausbreiten und schätzt dafür unseren Lebensraum. Es liebt Polarisierung.«

Wahrhaftig, die Polarisierung hat ein Ausmaß erreicht, das es uns schwer macht, angesichts der Krisen unserer Zeit eine gemeinsame Linie zu finden, und Covid-19 ist ja nur eine der vielen gewaltigen Herausforderungen, die uns ins Haus stehen oder bereits akut sind.
Die Corona-Pandemie ist auf diese oder jene Art mit vielen anderen gesellschaftlichen Dauerproblemen verknüpft, sei es institutioneller Rassismus, seien es Polizeiübergriffe oder auch die sich beschleunigende Klimakrise.

Während ich dies schreibe, fegen Waldbrände nie da gewesenen Ausmaßes über den Westen der USA und andere Landesteile hinweg, hinterlassen auf weit über 16.000 Quadratkilometern nichts als Asche, zerstören Tausende Wohn- und Geschäftshäuser, bedrohen Mensch und Tier und machen Massenevakuierungen notwendig. Rekordverdächtig viele Tropenstürme haben sich dieses Jahr bereits über den Ozeanen zusammengebraut und sorgen für unvorstellbare Überflutungen und Schäden. Anschließend hängen vielerorts dichte Mückenschwärme über dem durchweichten Land, töten Wild- und Nutztiere und schaffen neue Gesundheitsbedrohungen für den Menschen.

2020 -wie zukunftsträchtig und vielversprechend das einmal klang!-

zanken sich mächtige Länder um Ressourcen wie Öl-, Gas- und Wasservorkommen, sie feilschen um Abwehrsysteme und Waffentechnologie, und die Gefahr des Atomkriegs steht wieder einmal im Raum. In den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Israel, Libanon, Russland, Belarus, Brasilien, Chile, Philippinen, Hongkong und anderswo kommt es zu Massenprotesten, die zwar meist gewaltfrei bleiben, aber wenn sich neben normalen Bürgern auch Leute einschalten, die einen Kulturkrieg schüren wollen, sind gewalttätige Zusammenstöße zwischen den empörten und aufgebrachten Fraktionen vorprogrammiert.

Online und auf der Straße wird massenhaft zum Widerstand gegen die Lockdown-Bestimmungen aufgerufen, anderswo belagern bewaffnete Bürger die Regierung selbst. In vielen Ländern versammeln sich die Menschen zu Massenprotesten – hier gegen brutale Übergriffe der Polizei, dort gegen die Missachtung der Rechte von Frauen und Mädchen. Überall müssen sich verwundbare Demokratien gegen neue oder wieder erstarkte digitale, gesellschaftliche und politische Angriffsstrategien von innen und außen wehren.


Online Buchpräsentation mit Thomas Hübl
„Kollektives Trauma heilen“

Persönliche und globale Krisen verstehen und als Chance nutzen
Am Montag, 29. März 2021, 19 Uhr auf litlounge.tv

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Zur interaktiven Buchpräsentation

Viele fürchten um ihr Leben und ihre Zukunft.

All das und manches andere belegt klar und unbestreitbar, dass der kollektive Körper-Geist – also das an uns, was auf rätselhafte Art mit allen verbunden ist – an einem Trauma leidet und dadurch voller Brüche ist: entfremdet, getrennt, polarisiert. Warum ist das so?

Nun, aus mystischer Sicht entspringen alle mit dem System verhafteten und unlösbar erscheinenden gesellschaftlichen Probleme überall auf der Welt der gleichen Quelle: dem bodenlosen Sumpf der in alles hineinwirkenden ungelösten und nicht geheilten Vergangenheit. Die Ereignisse des Jahres 2020 bestätigen und unterstreichen diese Wahrheit. Sie gehen von den Schichten der seit Generationen in uns abgelagerten historischen Traumata aus – und an die müssen wir uns jetzt heranwagen, wir müssen sie bewusst zur Kenntnis nehmen und fühlen, wir müssen sie verarbeiten und integrieren.

Ein kollektives Trauma ist so etwas wie die »dunkle Materie« des Gesellschafts-Kosmos:

nicht direkt zu sehen, nur an ihren Wirkungen (Symptomen) zu erkennen. Und dafür brauchen wir mehr als nur unsere Augen.

Ein Trauma zersplittert uns, und zwar besonders dann, wenn es lange anhält oder sich wiederholt. Es beschädigt unsere Kohärenz innen wie außen. Es verzerrt die Wahrnehmung und unterbricht den Strom der Lebenskraft im Körper des Menschen und dem der Erde.

Trauma beschädigt unsere Fähigkeit, aufeinander zuzugehen und uns aufeinander einzulassen. Wir können auch sagen: Trauma erzeugt die Illusion der Trennung.

Wo zeigen sich der gestörte Zusammenhalt und die Fragmentierung?

Um diese Frage zu beantworten, brauchen wir uns nur zu vergegenwärtigen, in welchem Maße uns die Phänomene von Hyperarousal (zum Beispiel soziale Ängste, innere Anspannung, Misstrauen, Unruhe, Furcht, Aggression) oder Hypoarousal (Abstumpfung, Apathie, Lethargie, Beziehungslosigkeit, Überdruss, Pessimismus) begegnen. Wir können uns diese Formen der sehr hohen beziehungsweise sehr niedrigen Erregung als eine Art gesellschaftliche »Motorkontrollleuchte« vorstellen.

Wo es Fragmentierung gibt, herrscht Beziehungslosigkeit: Die Fähigkeit, sich anderen Menschen verbunden zu fühlen, schwindet. So entsteht eine negative Rückkopplungsschleife, die von der Fragmentierung zur Beziehungslosigkeit zur Polarisierung zur Auflösung der Ordnung und schließlich ins Chaos führt.

Die ungelöst versteinerte Vergangenheit untergräbt unsere Fähigkeit, die Herausforderungen der Gegenwart anzunehmen. Die Atmosphäre der Angst, des Misstrauens und der Trennung kommt uns auf einmal dichter vor, als sie unserer Erinnerung nach in der jüngeren Vergangenheit war. Dennoch, die Symptome, die uns als Einzelne und als Kollektiv plagen, sind eigentlich Hinweisschilder, die uns darauf aufmerksam machen wollen, dass wir uns – jeder für sich und alle miteinander – in Richtung Ganzheit bewegen müssen. Überlegen Sie mal:

Die Evolution hat das Immunsystem so eingerichtet, dass es die meisten eindringenden Krankheitskeime und viele Giftstoffe unschädlich machen kann.

Wird die pathogene Last zu groß, kann die natürliche Immunantwort so überschießend werden, dass sie sich gegen den Körper selbst richtet (anhaltendes Hyperarousal oder Übererregung des autonomen Nervensystems), oder sie fällt ganz aus, sodass die Anfälligkeit für pathogene Einflüsse größer wird (anhaltendes Hypoarousal). Ausschlaggebend sind dann der grundsätzliche Gesundheitszustand und die Resilienz oder Widerstandskraft.

Ohne Zweifel können traumatische Ereignisse einen Menschen oder eine Gemeinschaft anfälliger für die schädlichen Einflüsse durch Stress und andere Widrigkeiten in der Zukunft machen. Außerdem gilt, dass ein gewisses Maß an Herausforderungen als Abhärtung notwendig ist und die Widerstandskraft gegen Stress und traumatische Einflüsse erhöht. Dadurch entsteht eine positive Rückkopplungsschleife: Wenn das System über ausreichende Widerstandskraft verfügt, werden die Nervenbahnen, die für Stresslinderung und Resilienz zuständig sind, weiter verstärkt.

Natürlich gibt es noch eine Reihe anderer Faktoren, die für die Stärkung der Widerstandskraft wichtig sind,

zum Beispiel ein sicheres Heim, eine ausreichende Gesundheitsversorgung, wirtschaftliche Stabilität, sowie Rückhalt in der Familie und Gemeinde (durch Verbundenheit, Kommunikation, Mitgefühl und Harmonie). Wo diese und ähnliche Voraussetzungen fehlen, sind der einzelne Mensch und ganze Gesellschaften stressanfälliger und knicken unter erschwerten Bedingungen leichter ein, was sich negativ auf die Gesundheit und den Zusammenhalt auswirkt und schließlich die Aussichten auf Wachstum und Wohlergehen mindert.

Trotz Covid-19, trotz weltweiter Unruhen, trotz wirtschaftlicher Instabilität und mitten im Klimachaos bieten sich uns doch viele Möglichkeiten, zusammenzukommen und unsere Widerstandskraft zu mobilisieren und zu steigern – und dazu werden ständig neue Methoden entdeckt.

Im Zentrum dieses Buchs steht eine Praxis, die eben diesem Zweck dient. Ich habe sie mir im Laufe vieler Jahre durch die Leitung von Gruppenprozessen in mehreren Ländern angeeignet, und sie hat sich als zutiefst wirksam erwiesen. Eines wird dabei ganz besonders deutlich: Wir alle tragen Jahrtausende historischer Traumatisierung und die Schmerzen und Leiden früherer Generationen in uns, aber dass wir heute leben, beweist, dass all unsere genetischen Vorfahren auch unter schwierigsten Bedingungen lange genug überlebten, um resiliente Kinder hervorzubringen. Und bei all deren Nachkommen war es ebenso.

Wir existieren überhaupt nur aufgrund dieser Resilienz, die zu unserer Grundausstattung gehört.

Alles, was unsere Urahnen und Eltern überlebt haben, damit es uns jetzt geben kann, lebt in uns weiter – und nicht nur ihre Kämpfe und ihr Leiden, sondern auch ihre Begabungen, ihr Können, ihre Zähigkeit, ihr Durchhaltevermögen, ihr Genie. Die Energie und das gesammelte Wissen unzähliger Generationen ist in unseren heutigen Knochen, Gewebe, Nerven und dem Gehirn präsent wie das weit verzweigte Wurzelwerk eines mächtigen Baums. Darüber hinaus haben sich Menschen über die Jahrtausende hinweg Kenntnisse und Methoden angeeignet, die uns befähigen, uns selbst und andere zu heilen, und dieses ganze Wissen ist ebenfalls hier in unseren Zellen präsent.
Die Frage lautet jetzt:

Werden wir angesichts zunehmender sozialer Brüche und Widersprüche weiterhin blind gegen alles angehen, was uns irgendwie nicht behagt oder unserem einseitigen Weltbild widerspricht?

Oder werden wir einander besser zuhören und jede andere Perspektive erst einmal gelten lassen und dabei lernen, uns mit den Umständen unseres Lebens auseinanderzusetzen, statt sie einfach nur abzuwehren?

Trauma zerfasert unser menschliches Licht so sehr, dass es im Schatten unterzugehen droht. Aber wenn engagierte einzelne Menschen in der Lage sind, Heilung zu suchen und sich von den Folgen früherer Traumata zu befreien, muss es auch für Familien, Organisationen, Lebensgemeinschaften und ganze Gesellschaften möglich sein. Meine Arbeit beweist mir diese große Wahrheit immer wieder eindrucksvoll:

Wenn wir uns gemeinsam auf das Werk der Heilung einlassen, setzen wir große Mengen blockierter, zweckentfremdeter, abgespaltener und verborgener Energie frei, fehlinvestierte Lebenskraft und Intelligenz, die lange nicht fließen konnten und praktisch unsichtbar waren. Werden diese gewaltigen Energiereserven freigesetzt, können wir sie wieder für uns und unsere Welt nutzen, und nicht nur zur Heilung, sondern für großartige und notwendige Veränderungen. Für persönliches Wachstum! Wir haben es hier vielleicht mit der größten bisher ungenutzten Ressource überhaupt zu tun.

Die Klimakrise ist für uns alle existenzbedrohend – und sie ist hausgemacht.

Sie zeigt, dass wir uns der Vergangenheit noch nicht gestellt und sie nicht geheilt haben. Trauma ist Karma ist Schicksal. Die Umweltkrise erzwingt unsere Aufmerksamkeit, aber sie eröffnet auch die Möglichkeit der kollektiven Heilung. Wir können die ungenutzt in uns schlummernden Energien und Potenziale freisetzen und so für eine bessere Zukunft sorgen. Gerade in dieser Zeit weltweiter Brüche und Umbrüche können wir unsere Resilienz als Einzelne und als Gesellschaft aufbauen und uns für die Herausforderungen dieser Zeit wappnen.

Wir können unsere Verunsicherung und Ängste genauso gelten lassen wie unsere angeborene Stärke, Entschlusskraft und Wandlungsfähigkeit.

Wir können uns die von unseren fernen Vorfahren geerbte Resilienz neu erschließen und uns zugleich mit all jenen verbinden, die uns nachfolgen werden. Wir können uns die unbewältigte Vergangenheit bewusst machen, um besser für die Zukunft gerüstet zu sein. Hand in Hand und einander Rückhalt gebend können wir unser Bewusstsein als Einzelne und als Gemeinschaft erweitern, zu neuen Höhen der kollektiven Intelligenz aufsteigen und eine neue Vision unserer Welt kreieren.

Indem wir uns gemeinsam ins Zeug legen und aufeinander hören, machen wir den Weg frei für neue Möglichkeiten, höhere Erkenntnisse und neue Formen der Verbundenheit. Wir machen uns die höheren Dimensionen des Menschengeists zunutze und schöpfen mehr und mehr unser wahres Potenzial aus.

Wir sind alle wie T-Zellen im Immunsystem der Menschheit. Wir sind das Problem und die Heilung. Wir tragen alles, was zur Heilung unserer selbst, der Gesellschaft und der Erde nötig ist, bereits in uns. Nutzen wir es, die Zeit drängt.


Buchtipp:cover-kollektives-trauma-heilen-thomas-huebl-randomhouse

Kollektives Trauma heilen
Persönliche und globale Krisen verstehen und als Chance nutzen
von Thomas Hübl

Große Krisen gemeinsam meistern
Jeder von uns ist in eine Welt hineingeboren worden, die über Tausende von Jahren verschiedenste Traumata erlitten hat. Diese reichen von Kriegen oder Umweltkatastrophen bis hin zu Pandemien, die uns über Generationen viel nachhaltiger prägen, als uns bewusst ist…

Zum Buch

20.03.2021
Thomas Hübl
Autor, internationaler Speaker, moderner Mystiker,  spiritueller Lehrer
Weitere Informationen: https://thomashuebl.com/de

Alle Beiträge des Autors auf Spirit Online

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mystisch-heilung-baum-wasser-natur-sunsetMystische Prinzipien der Heilung
Leseprobe der deutschen Buch Ausgabe: Kollektives Trauma heilen
Persönliche und globale Krisen verstehen und als Chance nutzen
von Thomas Hübl

Jede Heldenreise läuft letztlich auf eine Verwandlung hinaus.
Den Toren ist es bestimmt, am Ende weise zu sein. Die Geschichte des Zynikers endet damit, dass seine starre Haltung aufgebrochen wird und er sich ungeschützt und damit authentisch zeigt. Der Verzweifelte findet am Ende Hoffnung, Vertrauen und Erneuerung. Der Furchtsame oder Schwache wächst im Laufe seiner Geschichte in den Adel seiner wahren Stärke hinein. Das sind Grundformen der geistigen Reise, sie beschreiben den Bogen des Seelen-Narrativs.

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Vita Thomas HüblThomas-Huebl-hintergrund-verschwommen

Thomas Hübl ist ein moderner Mystiker und spiritueller Lehrer. In seinem Wirken verbindet er die wichtigsten Lehren der großen Weisheitstraditionen mit Erkenntnissen der modernen Wissenschaft, und macht dank seines tiefgreifenden Verständnisses beide verständlich und erfahrbar.

Er wurde 1971 in Wien geboren, studierte einige Jahre Medizin und beschäftigte sich intensiv mit Körpertherapie und anderen holistischen Therapierichtungen. Mit 26 Jahren folgte er einem starken inneren Ruf, brach sein Studium ab und widmete sich für vier Jahre fast ausschließlich der Meditation und der Erforschung von inneren Bewusstseinsräumen. Seit 2004 ist Thomas weltweit unterwegs, gibt Vorträge und veranstaltet Festivals, Workshops, Online-Kurse und Trainings für spirituell Suchende und Fachleute verschiedenster Bereiche. Er wird regelmäßig als Gastredner zu Konferenzen auf der ganzen Welt eingeladen.
Weitere Informationen: https://thomashuebl.com/de

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