Was der hebräische Begriff im jeweiligen Zusammenhang meint
Elohim ist eine hebräische Bezeichnung, die je nach Zusammenhang Gott, Götter oder göttliche Wesen meinen kann. Das Wort hat eine Pluralform. Daraus folgt aber nicht, dass an jeder Bibelstelle mehrere Götter gemeint sind: In Genesis 1,1 bezeichnet Elohim den Schöpfer; das zugehörige Verb steht im Singular. Entscheidend sind der Satz und sein Inhalt, nicht die Wortendung allein.
Die Frage nach Elohim berührt damit zwei Ebenen. Zunächst geht es um Sprache und das Verständnis alter Texte. Darüber hinaus fragen Menschen, was eine Gottesbezeichnung für ihren eigenen Glauben bedeutet. Beides darf miteinander ins Gespräch kommen. Es hilft jedoch, die Ebenen zu unterscheiden, damit eine persönliche spirituelle Deutung nicht als Übersetzung ausgegeben wird.
Die weitergehende Frage, ob und auf welche Weise sich Gottes Existenz begründen lässt, behandelt unser Beitrag über Glaube, Philosophie und die Existenz Gottes. Hier geht es um den Begriff Elohim, seinen biblischen Gebrauch und die Grenzen dessen, was sich daraus ableiten lässt.
Elohim: Pluralform und Bedeutung sind nicht dasselbe
Im Hebräischen wird Elohim אֱלֹהִים geschrieben. Die Endung lässt eine Mehrzahl erkennen. Wer daraus unmittelbar „mehrere Götter“ macht, überspringt allerdings den Gebrauch des Wortes im konkreten Satz. Eine grammatische Form und das, was sie in einem Text bezeichnet, müssen gemeinsam betrachtet werden.
Das lässt sich gleich am Anfang der Bibel beobachten. In Genesis 1,1 steht neben Elohim das Verb bara, „schuf“, in einer Singularform. Der Satz erzählt von Gott als Schöpfer. Er beschreibt an dieser Stelle weder eine Gruppe gemeinsam arbeitender Gottheiten noch eine Selbstvorstellung Gottes mit einem neu bekannt gegebenen Namen.
Die genaue sprachgeschichtliche Erklärung der Form ist eine weiterführende Fachfrage. In der Auslegung begegnen unterschiedliche Begriffe dafür, etwa eine abstrakte Bezeichnung für Göttlichkeit. Die Bibelwissenschaftlerin Diana Edelman erläutert den Zusammenhang von Bedeutung und Singularverben in ihrer Untersuchung „YHWH is Elohim, Not the Ancestral Spirits“. Für das Lesen bleibt der konkrete Kontext entscheidend.
Eine pauschale Formel wie „Elohim ist immer ein Majestätsplural“ erklärt daher zu wenig. Ebenso verkürzt wäre die Behauptung, jede Verwendung verrate einen Glauben an mehrere Götter. Die Texte müssen einzeln betrachtet werden. Das mag zunächst weniger spektakulär wirken als eine verborgene Botschaft im Wort. Es führt aber näher an das heran, was tatsächlich dort steht.
Drei Bibelstellen helfen bei der Unterscheidung
Genesis 1,1: Gott als Schöpfer
Der erste Vers des ersten Buches Mose führt Elohim als handelndes Subjekt der Schöpfungserzählung ein. Er sagt etwas darüber, wie der Text den Ursprung von Himmel und Erde versteht. Er erzählt keine Szene, in der Gott sich den Menschen vorstellt und erklärt: Dies ist mein persönlicher Name.
Auch die Formulierung „erste Erwähnung“ braucht eine Grenze. Genesis 1,1 ist die erste Stelle in der Reihenfolge der Bibel. Daraus lässt sich nicht ohne weitere Forschung ableiten, wann das Wort geschichtlich zum ersten Mal verwendet wurde. Buchreihenfolge, Entstehung eines Textes und Alter eines Wortes sind unterschiedliche Fragen.
Exodus 20,3: andere Götter
In Exodus 20,3 begegnet Elohim im Zusammenhang mit anderen Göttern, denen Israel nicht folgen soll. Hier wird sichtbar, weshalb eine einzige deutsche Übersetzung für sämtliche Vorkommen nicht ausreicht. Der Zusammenhang führt zu einem anderen Verständnis als in Genesis 1,1.
Mit der Übersetzung ist noch nicht die ganze religionsgeschichtliche Diskussion entschieden. Ein Text kann andere Götter nennen, um ihre Verehrung zurückzuweisen. Was seine Verfasser dabei voraussetzen und welche Entwicklung des Gottesverständnisses sich darin zeigt, verlangt weitere historische Untersuchung. Eine Wortendung allein kann diese Arbeit nicht ersetzen.
Genesis 2,4: JHWH Elohim
In Genesis 2,4 stehen die Bezeichnungen JHWH und Elohim miteinander verbunden. Viele deutsche Übersetzungen geben diese Verbindung sinngemäß als „Gott der HERR“ oder „der HERR, Gott“ wieder. Die Verbindung zeigt, dass verschiedene Bezeichnungen im selben Textzusammenhang verwendet werden können, ohne damit automatisch verschiedene Gottheiten zu meinen.
Diese drei Beispiele geben eine verlässliche Orientierung: Elohim kann in einem Zusammenhang auf den einen Gott verweisen und in einem anderen eine Mehrzahl bezeichnen. Wer eine Stelle erklären möchte, sollte daher wenigstens den ganzen Satz und den umgebenden Abschnitt lesen.
Was Elohim von JHWH und Adonai unterscheidet
Elohim wird häufig als Gottesname bezeichnet. Für ein genaueres Verständnis ist es sinnvoll, zwischen einer Gottesbezeichnung und dem besonderen Namen JHWH zu unterscheiden. Elohim besitzt einen breiteren Bedeutungsbereich. JHWH bezeichnet den Gott Israels mit einem eigenen Namen, der in der jüdischen Tradition mit besonderer Ehrfurcht behandelt wird.
Adonai ist eine Anrede Gottes, die mit „Herr“ wiedergegeben wird. Sie wird beim Lesen als Ersatz für den nicht ausgesprochenen Gottesnamen verwendet. Daneben begegnet HaSchem, „der Name“, als ehrfürchtige Umschreibung. Diese Ausdrücke sind deshalb keine beliebig austauschbaren Namen auf einer Liste: Sie erfüllen unterschiedliche sprachliche und religiöse Aufgaben.
Wenn du in einer deutschen Bibel „HERR“ in einer besonderen Schreibweise siehst, kann darin eine Übersetzungsentscheidung für den Gottesnamen sichtbar werden. Eine Übertragung ins Deutsche zeigt nicht immer auf den ersten Blick, welches hebräische Wort zugrunde liegt. Ein Blick auf die Erläuterungen der jeweiligen Ausgabe hilft, solche Unterschiede zu erkennen.
Auch „Adonai Elohim“ sollte nicht zu einem angeblich geheimen Kraftwort umgedeutet werden. In einem religiösen Zusammenhang verbinden sich Anrede und Gottesbezeichnung. Ihre Bedeutung erschließt sich aus Text und Gebrauch. Ein daraus abgeleitetes Versprechen besonderer Energien gehört zu einer anderen, begründungspflichtigen Aussageebene.
Jüdische Auslegung ernst nehmen
Wer Elohim aus einer christlichen oder modernen spirituellen Perspektive betrachtet, begegnet einem Begriff aus der hebräischen Bibel und einer lebendigen jüdischen Auslegungstradition. Diesen Zusammenhang sollte man nicht überspringen. Er verhindert, dass ein fremdes Wort nur noch als Bestätigung der eigenen Vorstellung dient.
Das monotheistische Verständnis des einen Gottes steht nicht dadurch infrage, dass Elohim eine Pluralform besitzt. Umgekehrt muss eine religionsgeschichtliche Untersuchung älterer Vorstellungen nicht verschwiegen werden. Gegenwärtiger Glaube, literarischer Zusammenhang und die Geschichte religiöser Vorstellungen sind verschiedene Zugänge, die sich nicht gegenseitig ersetzen.
Ein respektvoller Umgang beginnt mit einer einfachen Bereitschaft: erst verstehen, dann deuten. Das heißt auch, nicht für „die Juden“ zu sprechen, als gäbe es nur eine einzige Auslegung jedes Verses. Wo eine bestimmte Interpretation gemeint ist, braucht sie eine benennbare Quelle.
Was christliche und andere Deutungen hinzufügen
Christliche Leser begegnen Elohim in den Schriften, die sie als Altes Testament lesen. Mitunter wird die Pluralform auf die Dreieinigkeit bezogen. Das ist eine christlich-theologische Lesart. Sie ergibt sich nicht allein aus der Grammatik und darf nicht als Beweis ausgegeben werden, dass die hebräische Wortform bereits die spätere Trinitätslehre festschreibe.
Das Neue Testament ist in griechischer Sprache überliefert. Für Gott begegnet dort insbesondere theos, beispielsweise im griechischen Text von Johannes 1,1. Deshalb führt die pauschale Aussage in die Irre, Elohim sei dort gewöhnlich mit „Gott“ oder „Herr“ übersetzt worden, als handle es sich um einen hebräischen Ausgangstext. Beziehungen zwischen den biblischen Schriften bestehen, ihre Sprachen müssen trotzdem unterschieden werden.
Auch Allah gehört in einen anderen sprachlichen Zusammenhang: Es ist die arabische Gottesbezeichnung. Religiöse Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Judentum, Christentum und Islam lassen sich nicht dadurch erklären, dass man Elohim und Allah einfach gleichsetzt. Ein sinnvoller Vergleich berücksichtigt Sprache, Texte und das jeweilige Gottesverständnis.
Wer verstehen möchte, wie christliche Philosophie über Gott argumentiert, kann bei Thomas von Aquin, Gottesbeweisen und Kosmologie weiterlesen. Solche Argumentationen beantworten eine andere Frage als eine Worterklärung. Gerade diese Trennung schafft Platz für ein genaueres Gespräch.
Elohim und moderne spirituelle Vorstellungen
In manchen heutigen spirituellen Lehren wird Elohim mit schöpferischen Kräften, Lichtwesen oder einer nährenden Energie verbunden. Wer solche Vorstellungen verwendet, sollte deutlich sagen, aus welcher Lehre sie stammen oder dass es sich um eine persönliche Deutung handelt. Sie sind nicht schon deshalb die ursprüngliche Bedeutung des hebräischen Wortes, weil sie sich für jemanden stimmig anfühlen.
Ein Begriff kann in unterschiedlichen Zeiten neue Bedeutungen annehmen. Das ist zunächst ein Vorgang religiöser und kultureller Entwicklung. Schwierig wird es, wenn die neue Bedeutung rückwirkend als einzig wahre Erklärung der alten Texte erscheint. Ebenso wenig lässt sich aus einer religiösen Bezeichnung ein empirischer Nachweis für eine bestimmte Energie oder deren Wirkung ableiten.
Das muss eine persönliche spirituelle Erfahrung nicht entwerten. Es verlangt lediglich eine ehrliche Beschreibung: Was habe ich empfunden? Welche Bedeutung gebe ich dem? Und was behaupte ich darüber hinaus über die Welt? Wenn diese Fragen auseinandergehalten werden, entsteht weniger Druck, das eigene Erleben ständig beweisen oder anderen Menschen als Gewissheit vermitteln zu müssen.
Auch mystische Dichtung kann Menschen ansprechen, ohne eine sprachwissenschaftliche Erklärung zu sein. Unser Beitrag über Kabir und seine poetische Suche nach Gott eröffnet einen solchen Zugang. Er sollte als eigenständige Perspektive gelesen werden, nicht als Schlüssel, mit dem sich jeder biblische Begriff entschlüsseln ließe.
Welche Bedeutung die Schöpfungsvorstellung heute haben kann
Mich interessiert an der Beschäftigung mit Elohim auch die Frage, wie ein Gottesbild unser Verhältnis zur Welt beeinflusst. Wer das Leben als Schöpfung betrachtet, kann darin einen Grund sehen, sorgfältiger mit Menschen, Tieren und natürlichen Lebensgrundlagen umzugehen. Das ist eine ethische Folgerung aus einer Glaubensperspektive, keine versteckte Botschaft der hebräischen Endung.
Eine solche Haltung wird konkret, wenn sie Entscheidungen verändert: Wie gehen wir mit begrenzten Ressourcen um? Welche Folgen unseres Konsums nehmen wir in Kauf? Hören wir Menschen zu, die anders glauben? Ehrfurcht vor dem Leben erhält ihren Wert im Umgang mit dem Lebendigen. Ein bedeutungsvolles Wort allein nimmt uns diese Verantwortung nicht ab.
Dabei muss niemand dieselbe religiöse Vorstellung teilen, um Schutz und Würde des Lebens wichtig zu finden. Eine spirituelle Perspektive kann begründen, was einen persönlich trägt, und zugleich anerkennen, dass andere Menschen aus anderen Gründen zu ähnlichen Verpflichtungen gelangen.
Für christlich geprägte Leser kann hier die Bergpredigt und ihre ethische Herausforderung anschließen. Das ist eine Weiterführung zur Lebenspraxis. Sie ersetzt weder die hebräische Begriffserklärung noch macht sie aus Elohim automatisch eine bestimmte Handlungsanweisung.
Mit dem Begriff sorgfältig umgehen
Wenn dir Elohim in einem Buch, Vortrag oder spirituellen Angebot begegnet, lohnt sich zuerst die Frage nach dem Zusammenhang. Wird ein Bibelvers erklärt? Eine religiöse Tradition vorgestellt? Oder eine neue Lehre mit einem alten Wort verbunden? Erst wenn das klar ist, lassen sich die Aussagen sinnvoll beurteilen.
Für die biblische Grundfrage bleibt die Antwort überschaubar: Elohim ist eine hebräische Gottesbezeichnung mit Pluralform und kontextabhängiger Bedeutung. In Genesis 1,1 meint sie Gott als Schöpfer. Andere Stellen können von Göttern oder göttlichen Wesen sprechen. Moderne Energievorstellungen oder bestimmte konfessionelle Lehren lassen sich aus dem Wort allein nicht beweisen.
Die spirituelle Frage beginnt dort, wo Menschen sich davon berühren lassen und ihre eigene Haltung prüfen. Sorgfalt und Offenheit passen dabei gut zusammen. Wer weiß, was ein Begriff belegt und was die eigene Deutung hinzufügt, kann ihm freier begegnen – ohne etwas behaupten zu müssen, das der Text nicht hergibt.
Veröffentlicht: 31.05.2021 · Aktualisiert: 12.10.2026
Heike Schonert
HP für Psychotherapie und Dipl.-Ök.
Über die Autorin Heike Schonert
Heike Schonert
Heike Schonert, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Diplom-Ökonomin. Als Autorin, Journalistin und Gestalterin dieses Magazins gibt sie ihr ganzes Herz und Wissen in diese Aufgabe.
Der große Erfolg des Magazins ist unermüdlicher Antrieb, dazu beizutragen, dieser Erde und all seinen Lebewesen ein lebens- und liebenswertes Umfeld zu bieten, das der Gemeinschaft und der Verbindung aller Lebewesen dient.
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