Familie – Geborgenheit oder Gefängnis
„Familie ist das Wichtigste“. So wird es propagiert in unzähligen Filmen, Sprüchen, Büchern und Kurztexten. Tröstend wird verkündet: „Wir sind doch eine Familie, wir halten immer zusammen“.
Ist die Familie tatsächlich diejenige Gemeinschaft, die immer zu dir hält und dich unterstützt?
Sicher mag es Familien geben, in denen dieser herzliche Zusammenhalt besteht und sich alle aufeinander verlassen können. Genauso aber gibt es mindestens so viele andere Menschen, die eben gerade wegen der Familie ihre Probleme haben.
Die Familie ist der prägende Grund
in welche ein Mensch hinein geboren wird. Das Baby hat keine Chance, irgendetwas davon in Frage zu stellen. Die gegebenen Tatsachen bestimmen, in welchem Erziehungsstil, in welcher Atmosphäre es aufwächst, ob und welche Religionszugehörigkeit und welche politische Gesinnung gepflegt werden, welche Ansichten über andere Länder und andere Sitten gelten, welche Essgewohnheiten vorherrschen… die Liste könnte bis ins kleineste Detail weitergeführt werden. Es wird dabei deutlich, dass die Tradition der Familie entscheidenden Einfluss auf das Heranwachsen eines Menschen hat.
Ein Erwachsener lebt normalerweise danach, was ihm beigebracht worden ist, ganz im Stil von „gelernt ist gelernt“.
Normalerweise.
Dann gibt es Diejenigen, die aus der Norm herausfallen, es sind die Außenseiter oder auf Englisch ausgedrückt: die „Misfits.“
Es sind Menschen, die Fragen stellen.
Unbequeme Fragen
Sie geben sich nicht damit zufrieden, dass „es halt so ist“. Es sind Menschen, die auf eigene Faust das Leben und seine Geheimnisse entdecken wollen und sich nicht mit vorgefertigten Antworten begnügen.
Diese Menschen haben es oft nicht leicht, denn sie werden in der Familie als „schwarzes Schaf“ bezeichnet. Mit ihren oft skurril wirkenden Aussagen machen sie sich unbeliebt, denn sie passen so gar nicht in das, was man „als Familie“ denkt und als Wahrheit ansieht.
Vielleicht kennst du das.
Vielleicht bist du auch eines jener „schwarzen Schafe“.
Vielleicht leidest du auch darunter, dass man dich und deine Lebenseinstellung ablehnt.
Du bekommst keine Anerkennung.
Du fühlst dich ausgestoßen.
Dieser Zustand kann dazu führen, dass du schließlich auch selbst davon überzeugt bist, daneben zu sein, du fühlst dich vielleicht ungeliebt und wirst depressiv (oder entwickelst andere psychologische Störungen).
Dabei ist gar nichts falsch an dir!
Im Gegenteil! Du bist ein intelligenter Mensch, der es wagt, etwas in Frage zu stellen.
Du hast den Mut, durch die Oberfläche hindurch in die Tiefe zu gehen.
Du glaubst nicht mehr, dass das, was du gelernt hast, zwangsläufig auch wahr und richtig ist.
Du suchst eigene Wege.
Ja, du bist ein Außenseiter, ein Misfit.
Und das ist gut so. Nur so kannst du erkennen, dass du in deinem Inneren Antworten bekommst, die für dich Gültigkeit haben. Nur so kannst du erkennen, dass du ein einzigartiges Wesen bist, das seine ureigenen Fähigkeiten und Herausforderungen hat.
Sehr wahrscheinlich bist du hoch begabt.
Um herauszufinden, wer du bist und deinen eigenen Weg zu gehen, musst du zwangsläufig ein „Misfit“ sein.
Und die Familie?
Die Familie ist nur eine genetische Angelegenheit
Aber die Menschen haben daraus die Idee entwickelt, dass die Familie auch das Nest der Geborgenheit, der Zugehörigkeit, des Schutzes und der Unterstützung sei.
Im Tierreich ist das so, weil die Familie hauptsächlich der Arterhaltung dient.
Bei den Menschen dehnt sich diese „Arterhaltung“ aber auch auf die Denk- und Lebensweise jeder Familie aus. Wer sich der Tradition dieser Regeln beugt, erhält unter Umständen die erwünschte Anerkennung und Zuwendung. Wenn du zur Familie dazugehören, dich geliebt und anerkannt fühlen willst, musst du Kompromisse eingehen.
Du musst dich stets anpassen
Aber der Preis dafür ist hoch.
Du kannst deine Einzigartigkeit nicht entdecken, geschweige denn ausleben.
Du bist gefangen in der Familie.
Doch die meisten Menschen merken das nicht.
Das Bedürfnis nach Liebe und Dazugehörigkeit ist zu groß.
Und so werden nicht nur die biologische Familie, sondern auch viele „Wahlfamilien“ erschaffen, Menschen, die eine gleiche oder ähnliche Gesinnung aufweisen. Das häufigste Beispiel sind Vereine.
Du findest diese erdachten Familien in allen Bereichen
Und du findest unzählige Menschen, die sich zu solchen Familien gruppieren und sich darin geborgen fühlen.
Aber ein Außenseiter hat alles das nicht.
Er ist auf sich selbst gestellt.
Er ist allein.
Solltest du dich in dieser Rolle befinden und Probleme haben damit, dann sieh es mal von einer anderen Warte aus.
Du hast erkannt, dass du keine oder nur geringe Übereinstimmung findest mit deiner Familie.
Du hast zu spüren bekommen, dass du verurteilt, also nicht angenommen und geliebt bist.
Zumindest erlebst du es so.
Das tut weh, solange du glaubst, auf diese Anerkennung und Zuwendung angewiesen zu sein.
Doch wie heißt es so schön im Zitat: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“.
Warum ist das möglich?
Weil du eine andere Quelle von Liebe, Anerkennung, Unterstützung und Geborgenheit entdecken kannst.
Die Urquelle von Liebe ist in dir selbst zu finden
Erst dann, wenn du bereit bist, deine Wegrichtung um 180 Grad zu drehen, nach innen anstatt nach außen zu schauen, wirst du entdecken, dass du nicht ausgestoßen bist, sondern allein.
Nicht einsam.
All-Eins.
Du spürst, dass du in deinem Inneren Antworten bekommst auf deine Fragen.
Vielleicht nicht in Form von Worten, aber in der Weise, wie du es am besten verstehst.
Du spürst immer deutlicher, was du brauchst, wo und wie du es bekommst.
Du bekommst immer, was du brauchst.
Und du musst nicht mit Anpassung und Gefallen wollen dafür bezahlen.
Denn Liebe ist kein Business
Du spürst immer stärker, wie du vom Leben selbst getragen wirst.
Von Augenblick zu Augenblick.
Du merkst, dass all das Geschwätz, die Sorgen und Vorstellungen, Interpretationen und Spekulationen der Menschen überflüssig sind und nichts zu tun haben mit der Schönheit und Wahrheit deines Seins.
Je tiefer du dich einlässt in diese Wahrnehmung, desto entspannter, leichter und fröhlicher wirst du.
Du erkennst, dass es nicht deine Familie ist, die für dich sorgt, sondern das Leben, die Liebe selbst.
Das alles kannst du erfahren, wenn du bereit bist, die einschränkenden Familienbande zu lösen.
Es ist, aus meiner Erfahrung, oft notwendig, diese energetischen Bänder aus deinen Chakren zu durchtrennen, einhergehend mit dem Bewusstwerden darüber, was sie mit dir verbinden. Vermeintliche Verantwortung, Schuldgefühle, Verpflichtung und Angst sind die vorherrschenden Gefühle.
Hast du alles das erkannt und dich dazu entschieden, zu dir zu stehen und nur deinem inneren Wesen zu gehorchen, dann ist es völlig egal, was andere, auch die Familie, von dir denken. Du bist frei!
Vielleicht befürchtest du, deiner Familie und anderen Menschen gegenüber gleichgültig und lieblos zu werden, wenn du dich von ihr löst. Aber das ist nur deine Angst, denn das Gegenteil ist der Fall. Je mehr du dich als einzigartiges Wesen erkennst, je mehr du dich in der Liebe, die uns einfach zur Verfügung steht und unsere Natur ist, geborgen fühlst, desto mehr Verständnis und Liebe fühlst du deiner Familie gegenüber. Es ist nicht mehr nötig, überall mitzumachen, mitzumischen und mit zu leiden…
Das bisher Gesagte bezieht sich auf deine angestammte Familie.
Aber wie sieht es aus mit einer eigenen, neuen Familie?
Wenn du dich verliebst, bist du zunächst nach außen fixiert, auf dein Gegenüber. Du verliebst dich in Aspekte deines eigenen Wesens, die du vorher nicht hast erkennen können. Wenn du dem Schema deiner Familie und Gesellschaft folgst, wirst du normalerweise heiraten und Kinder haben wollen.
Bist du aber bereits zur Erkenntnis gelangt, dass Familie Bindung und Kompromiss bedeutet, dann bist du vielleicht vorsichtiger. Anstatt der Tradition zu folgen, wirst du dein Herz befragen und herausfinden, was sich für dich richtig anfühlt. Vielleicht gehört es nicht in dein Leben, Kinder zu bekommen. Vielleicht willst du nicht heiraten.
Vielleicht genügt es, diesen Menschen als Partner wertzuschätzen, ihn in seinem So-Sein zu erkennen und zu akzeptieren.
Du lässt ihm Freiheit, sich so zu entfalten, wie es ihm entspricht.
Du bist dankbar für seine Gegenwart, aber nicht abhängig davon.
Die Liebe, die du in dir spürst, schränkt nicht ein, sie schenkt Freiheit.
Sollten Kinder in dein Leben kommen
dann wirst du lernen, sie nicht als deine „eigenen“ Kinder zu betrachten, sondern als eigenständige Wesen. Du wirst erkennen, dass es nicht deine Aufgabe ist, sie in irgendein Schema zu zwängen, sie in einem bestimmten Stil zu erziehen, sondern ihnen als liebevolle Begleitung zur Seite zu stehen. Du respektierst, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen und müssen und unterstützt sie dabei so gut, wie du es eben kannst. Du akzeptierst, dass sie nicht dazu da sind, deine Erwartungen zu erfüllen. Genauso wie auch du ihre Erwartungen nicht erfüllen musst.
Du hast in dir selbst die Liebe gefunden, und vermutlich beeinflusst du damit diejenigen, mit denen du lebst.
Die Illusion der spirituellen Familie
Wie oft hören oder lesen wir, gerade in der jetzigen turbulenten Zeit, von sogenannten spirituellen Familien, von Bedürfnissen der Einheit, der spirituellen Zugehörigkeit. Es entstehen haufenweise Gruppierungen, die sich gemeinsam entwickeln wollen, gemeinsam in „die neue Welt“ einziehen wollen…
Auch das sind, aus meiner Warte gesehen, Illusionen.
Sie entstehen, wie auch die Familienbande, aus dem Bedürfnis nach Bestätigung, Schutz, Geborgenheit und Zugehörigkeit. Nachdem viele Menschen erkannt haben, dass die gängige Gesellschaftsstruktur nicht mehr ihren Bedürfnissen entspricht, kreieren sie neue Gemeinschaften, neue Ziele, die sie gemeinsam erreichen wollen. Aber bei diesen neuen Zielen fehlt es oft an Weitblick der Zusammenhänge und damit sind sie auch wieder nicht besser, nur anders.
Die Chance bekommen bewusster zu werden
Es sieht ganz so aus, als würden in dieser Zeit viele Menschen die Chance bekommen und ergreifen, bewusster zu werden und die Quelle der Liebe in sich selbst zu entdecken. Die immer stärker sichtbaren Gegensätze von Macht und Liebe sind hervorragende Lehrer dafür.
Aber auch wenn es Viele sind, und mehr als in anderen Zeiten, dann bedeutet das jedoch nicht, dass wir gemeinsam eine neue, bessere Welt erschaffen.
Wohl verändern wir alle die Welt, ständig. Jeder Mensch schafft sich seine Welt entsprechend seinem Zustand des Bewusstseins. Daraus werden sich Überschneidungen mit anderen ergeben, Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten. Es erscheint mir als Wunschdenken, wenn in vielen Kreisen davon die Rede ist, dass „wir alle eins“ sind.
Natürlich, im Ursprung, in der Quelle des Seins sind wir alle eins
Aber als inkarnierte Menschen sind wir Individuen mit unterschiedlichen Aufgaben, unterschiedlichen Bedürfnissen, unterschiedlichen Fähigkeiten und unterschiedlichem Karma. So, wie wir in der Kleinfamilie unsere Schwestern und Brüder nicht zwangsläufig als Unterstützung, Schutz und Geborgenheit empfinden, so sieht es im Großen nicht anders aus.
Warum sollten wir plötzlich in der Lage sein, zu wildfremden Menschen brüderliche und schwesterliche Liebe zu empfinden, ihnen die Freiheit zu lassen, sich so zu verhalten, wie es ihnen entspricht?
Nur aus der Tatsache heraus, dass wir alle derselben Natur angehören, heißt noch nicht, dass wir tatsächlich die reine Bewusstheit erfahren haben. Solange dies nicht der Fall ist, sind wir immer noch verstrickt in Erwartungen und Bindungen, Projektionen und Täuschungen.
Das, was uns in der Kleinfamilie einschränkt, nämlich die Suche nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit, das verlagert sich auf die große „Familie“ der Menschheit. Deshalb kümmern wir uns besser um unsere eigene Freiheit anstatt um die Erschaffung einer Illusion von einem gemeinsamen Paradies. Denn jeder Mensch hat nur sich selbst.
Jeder Mensch hat nur sich selbst
Du kannst nur allein durch das „Tor deines Herzens“ gehen.
Nur du allein kannst durch die vielen Nebelschichten zum klaren Bewusstsein durchdringen.
Wohl gibt es Menschen, die dir Hilfestellung bieten können.
Es gibt haufenweise Situationen und Lebewesen, die etwas in dir in Gang setzen können.
Aber niemand anders kann für dich den Weg gehen, du kannst dich mit niemandem vergleichen, weil niemand so ist, wie du. Und du kannst nicht „Händchenhaltend“ ins Paradies einmarschieren.
Bist du jetzt bereit, deine einschränkenden Bindungen, Überlegungen, Urteile, Ängste und Pläne zu erkennen und gehen zu lassen, dann bist du erfüllt von dem, was dir das Leben jetzt bietet.
Du hast genug zu tun damit, dich auf das Jetzt einzulassen und dich nicht dauernd von Gedanken an die Zukunft oder Vergangenheit ablenken zu lassen.
Jetzt ist alles, was ist
Mit herzlichen Grüßen
Navyo Brigitte Lawson
12.06.2024
Alle Beiträge der Autorin auf Spirit Online
Mein Name ist Navyo Brigitte Lawson. Ich wurde 1948 in der Schweiz geboren. Bereits seit frühster Jugend war ich auf spiritueller Suche, denn die christliche Religion, in der ich erzogen worden war, erfüllte mich nicht, auch nicht mein Psychologiestudium, das ich mit 30 Jahren begann. …
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