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Flashbacks – Boten aus der Vergangenheit

frau-wurzelhaar-fantasyFlashbacks – Boten aus der Vergangenheit

Wir sind im Urlaub… endlich Wochenende… Zeit für sich selbst und dann: Bum!
Kommen sie. Flashbacks. Erinnerungen. Bilder. Gefühle… alles aus einer Zeit, die man am liebsten für immer hinter sich lassen und komplett vergessen würde.
Wie Blasen in einem See steigen sie auf und zeigen Dir, dass da am Boden Deines Seelensees noch etwas ruht, vor sich hinmodert und Fäulnisgase aussendet.

Und das ist gut. Ja, Du hast richtig gelesen, das ist sogar richtig gut!

Nein, ich habe nicht den Verstand verloren… Ich habe selbst Missbrauch und Trauma erlebt und setze mich seit über zwanzig Jahren persönlich aber auch professionell mit dem Thema auseinander. Trauma erlebt in Kindheit und Jugend und wie mit den Folgen fertig werden, das ist ein riesiges Thema, das so viele Menschen betrifft und das mir täglich in meiner Arbeit mit Betroffenen begegnet. (In Deutschland: jedes dritte Mädchen, jeder fünfte Junge erleben sexuelle Übergriffe in der Kindheit).

Wie sehen Flashbacks aus?

Man wacht auf und hat das Gefühl, ich kriege keine Luft. Werde stranguliert. Ich kämpfe. Es wird dunkel. Ich will aber doch leben…
Man geht durch den Supermarkt und kauft fürs Wochenende ein, plötzlich fühle ich mich wie vier, an der Hand meiner Mutter. Die Ängste von damals sind wieder da. Nachher geht es nach Hause, Onkel D. wird wieder da sein und mit mir draußen im Gartenhaus „spielen“ wollen…

Endlich Urlaub, auf dem Weg zum Airport! Und ich merke, wie sich mein Körper immer mehr verspannt und alles weh tut. Oder war er die Wochen vorher schon verspannt gewesen und ich merke es jetzt, lasse jetzt los??!! Nein, Flugangst hab ich nicht… Ich weiß, was auf mich wartet, eine xxl Migräne, die mich für Tage ans Bett fesseln wird. Klar, nehme ich Schmerzmittel, aber das quälende Gefühl wird bleiben, die seelischen Schmerzen hinter den Kopfschmerzen und auch dieses Gefühl von Muskelkater in Armen und Beinen, die von einem Kampf herrühren, der doch schon so lange vorbei ist…

Erinnerungen jeglicher Art, mental, gefühlsmäßig, körperlich, Träume mit eindeutigen Erinnerungsinhalten, das Gefühl, die Situation gerade erlebt zu haben, obwohl sie doch Jahrzehnte zurück liegt.

Wie geht man mit Flashbacks um?

Wie will ich mit meinen „Boten der Vergangenheit“ umgehen?
Nur Du kannst das entscheiden und die Entscheidung kann je nach Lebenssituation auch immer anders aussehen.

Boten kann man willkommen heißen, sich Zeit für sie nehmen, ihre Botschaft lesen und annehmen…
Man kann sie vor der Tür warten lassen oder sie ignorieren (wenn sie nicht allzu penetrant sind)…
Man kann sie, wie es im Mittelalter Brauch war, auch köpfen… Nur dass in diesem Fall der Kopf leider früher oder später nachwachsen wird…

Annehmen was ist lautet der Weg der Transformation. Es ist in der Endkonsequenz der einzige Weg, was nicht heißt, dass man Phasen in seinem Leben hat, wo man sich anders entscheidet, weil die Kraft scheinbar fehlt oder die Situation es nun gar nicht zulässt.

Allerdings ist es meine persönliche und auch berufliche Erfahrung, dass sich Flashbacks immer dann zeigen, wenn der Moment reif ist. Die Seele macht keine „Fehler“, sie weiß, wann es der richtige Moment ist, Altes loszulassen, Erinnerungsblasen aufsteigen zu lassen und die Mülleimer zu leeren. Das ist freilich nicht angenehm, schon gar nicht im Urlaub oder in Zeiten, wo man einfach mal loslassen und entspannen will. Und genau deshalb öffnet die Seele ja ihre Schleusen, weil sie weiß, dass man jetzt Zeit hat.

Oder vielleicht auch einfach deshalb, weil es einfach an der Zeit ist!

Oft laufen wir vor dieser inneren Arbeit davon, was verständlich ist, immerhin handelt es sich hier um traumatische Erfahrungen. Wir wollen mit dem Ganzen nichts mehr zu tun haben und doch lebt es noch als gespeicherte Energie in einem und will gesehen und transformiert und somit erlöst werden.

In dem Moment, wo wir ja zu den Flashbacks sagen, zu den Bildern, Gefühlen und Erinnerungen, nehmen wir das Steuer in die Hand. Wir entscheiden und das ist eine aktive Handlung. Und ja, wir entscheiden uns vielleicht auch dafür, von den Gefühlen noch einmal überlaufen zu werden, noch einmal durch die Erfahrung zu gehen, aber weder, um in ihnen zu baden oder unter zu gehen, sondern um sie ziehen zu lassen.

Erstverschlimmerung und Heilung

Meist passiert jetzt, was man auch „Erstverschlimmerung“ nennen könnte. Der Druck wird erstmal größer. Die Flutwelle kommt. Der Dampf entweicht explosionsartig. Das kann Angst machen. Was hier hilft ist das Verstehen um diesen Vorgang und dass er völlig normal ist. Sich in solchen Momenten Hilfe und professionelle Unterstützung zu holen, ist wichtig und meist unabdingbar, es sei denn man hat gelernt, mit solchen Situationen umzugehen. Der Umgang mit dem eigenen Trauma erfordert Zeit und Mut und ist ein langjähriger Prozess und Weg, den man niemals alleine gehen sollte. Allein in dem Suchen nach Hilfe, dem sich Öffnen, dem Reden und sich Mitteilen löst sich das Trauma, denn genau das konnte man als Kind und Jugendlicher, selbst als Erwachsener direkt nach einem traumatischen Erlebnis, meist nicht.

Das Geschenk hinter dem Flashback

Warum sollte man sich überhaupt mit Flashbacks auseinander setzen? Wozu die ganze Quälerei?
Weil sie in sich ein riesiges, wunderbares Geschenk tragen…

Bei fast jedem traumatischen Erlebnis, spaltet sich ein Seelenteil von uns ab. Man verdrängt, schiebt einen Teil von sich in die seelische Abstellkammer, um nicht mehr daran erinnert zu werden und auch einfach deshalb, um im täglichen Leben weiter funktionieren zu können.

In diesen abgespaltenen Teilen von einem selbst steckt aber unsere Energie, unsere Liebe! Wir selbst!!!

Und dies ist der Grund, warum wir uns im täglichen Leben oft so vermissen, das Gefühl haben, nur halb zu sein, uns leer, einsam, verloren fühlen… Wir haben Sehnsucht nach uns selbst und können dies oft so gar nicht benennen. Eher glauben wir, wir bräuchten Dinge und Menschen im außen, um diese innere Leere zu füllen. Oft zeigen sich Flashbacks übrigens dann, wenn diese äußeren Faktoren plötzlich wegfallen: der sichere Job, der Halt gegeben hat, nach einer Scheidung, bei gesundheitlichen Problemen. Man wird plötzlich und ohne große Vorwarnung auf sich selbst zurück geworfen. Mit sich selbst konfrontiert.

Und darin liegt die Chance, noch tiefer und bewusster ja zu sich zu sagen und eins mit sich zu werden. Hinter jedem Trauma liegt ein tiefes Gefühl von Selbstliebe. Hinter jedem Trauma wartet das innere Kind/ein seelischer Teil von uns, mit dessen Integration wir uns so viel reicher, runder und sicherer fühlen!

Das ist der Grund, warum ich mich vor langer Zeit dazu entschieden habe, ja zu meinen Flashbacks zu sagen. Sie willkommen zu heißen, bewusst durch sie hindurch zu gehen und mich selbst am anderen Ende in die Arme zu schließen. Gestärkt, vereint und empowered gehe ich aus solchen Situationen hervor und zurück in meinen Alltag. Das gleiche erlebe ich bei Menschen, die ich durch solche Prozesse begleite. Die Angst vor dem Erlebten nimmt ab, die Angst vor dem, was in einem ist und somit vor sich selbst. Es werden weniger Schmerzmittel eingenommen, Suchtverhalten lässt nach, Krankheiten und psychosomatische Beschwerden heilen und Stück für Stück kehrt Ruhe, Sinnhaftigkeit und Liebe zu sich selbst in das Leben der Betroffenen zurück.

Ein Weg, der sich lohnt!
Video zum Thema:
www.youtube.com/watch?v=-dC0zSSbYL8&t=8s

14.05.2018
Ursula Schulenburg

Alle Beiträge der Autorin auf Spirit Online

6 Kommentar(e)

    • Sprecht mal mit Psychiatern, die werden Euch was anderes erzählen und ich persönlich auch. Ich verstehe nicht, wie man soetwas schreiben kann.

      • Liebe Angi, noch mal zum Thema… lies gerne meine Antwort zu Deinem obigen Post. Du wirst es nicht glauben, aber ich war direkt nach den traumatischen Ereignissen tatsächlich bei einem Psychiater und habe mir Unterstützung von den verschiedensten Therapeuten geholt, klassisch und alternativ… Später, als ich begann, selbst als Therapeutin zu arbeiten und unseren Opferschutzverein mitgründete, haben ich immer wieder Kontakt zu Psychiatern im Zusammenhang mit unserer Vereinsarbeit und verschiedenen Mitgliedern gehabt… Diese teilten sehr wohl die positive Haltung zu Flashbacks und dass sie das Potential der Heilung des Traumas in sich tragen, wenn man entsprechend professionell, sorgsam und liebevoll mit ihnen umgeht… Liebe Grüße nochmals, Ursula

    • Hallo liebe Angi,
      ersteinmal: danke für Dein Feedback und Kommentar zum Thema.
      Flashbacks sehen tatsächlich für jeden anders aus und jeder erlebt sie auch anders… Wie auch immer sie für Dich ausgesehen habe und aussehen, ist Deine ganz persönliche Erfahrung.
      Ich habe Gewalt und sexuellen Missbrauch in meiner Kindheit und Jugend erleben müssen und hatte und habe, wie man sich vorstellen kann, mit Flashbacks auf ganz direkte und intensive Art und Weise zu tun. Ich fühlte mich oft überlaufen von den Gefühlen, konnte aber dank guter Hilfe erkennen, dass sie tatsächlich das Geschenk der Selbstliebe in sich tragen, wenn es einem gelingt, durch den Schmerz zu gehen und bei sich anzukommen. Diese Erfahrung habe ich auch bei vielen Mitgliedern unseres Opferschutzvereins beobachten können: am Ende gab es Heilung, so grausam und aufreißend die Flashbacks und die dazugehörigen Erinnerungen und Erlebnisse auch waren… Diese positive Perspektive wollte ich gerne in diesem Blog zum Ausdruck bringen! Alles Liebe, Ursula

  • Ursula, ich kann voll bestätigen, dass das Annehmen der Flashbacks Heilung bringen kann.
    Bei mir hat dadurch überhaupt erst Heilung begonnen. Darauf gekommen bin ich über die Online-Konferenz „Traum(a)-Frauen“ 2017 und ein Interview mit Ellen Kalwait-Borck. Sie ist selbst Betroffene früher sexueller Gewalt und arbeitet als Heilpraktikerin und Psychotherapeutin mit Betroffenen. In dem besagten Interview nannte sie ihren Ansatz „Gefühle fühlen“. Für mich ist das jetzt das Zauberwort. Seither gebe ich mich den Flashbacks hin; wenn ich zu Hause bin, lege ich mich aufs Bett, und lasse die Gefühle geschehen; und zwar ohne „ins Drama“ zu gehen. Ich gehe voll in die „Wahrnehmung“ der Energieströme, die durch den Körper jagen, eventueller Würgegefühle, der Angst, Zittern, Geruchserinnerungen usw. Ich liege einfach da, und lasse die Emotionen sich austoben. So gut wie immer ebben sie nach 10 Sek. ganz von alleine ab, und zurück bleibt Frieden.

    Ich kann es verstehen, wenn jemand Angst davor hat, sich diesen heftigen Gefühlen alleine hinzugeben. Da ist es schon gut, eine Therapeutin an der Seite zu haben, die einen „erdet“, also im Hier und Jetzt hält. Ich hatte zur Zeit der heftigsten Flashbacks leider keine Therapeutin, zumal die Flashbacks meistens nachts kamen. Einmal hat mir mein Kater geholfen. Er legte sich an meine Seite, und ich wusste, es wird gut gehen, er hält mich.

    • Liebe Astrid,
      Danke für das Teilen Deiner Erfahrung im Umgang mit diesem Thema!
      Sehr mutig und authentisch, wie Du Dich den Flashbacks gestellt hast… Oft ist so viel heftige Energie an solche Erinnerungen gebunden. Das muss will zugelassen und auch ausgehalten werden.
      Umso mehr freut es mich, dass Du einen guten Umgang mit Flashbacks für Dich entwickeln und finden konntest. Und ja, Tiere sind (neben menschlichen und natürlich professioneller Hilfe) eine gute Seelenstütze… das kann ich mit meinen zwei Hunden bestätigen…

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