Freie Fahrt zum friedlichsten Flecken der Erde – Überraschungen inbegriffen!

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Freie Fahrt zum friedlichsten Flecken der Erde – Überraschungen inbegriffen!

Leseprobe-Mix spezial aus:
Das geheimnisumwobene Buch − Eine märchenhafte und mystische
Reise
von Petra Henningsen

Freie Fahrt zum friedlichsten Flecken der Erde!
Überraschungen inbegriffen!
Keiner geht leer aus!
Hereinspaziert und willkommen an Bord!

Dieser Einladung folgen sieben Jugendliche und ein Hund namens Smutje. Jeder von ihnen wurde in seinem bisherigen Leben geprägt durch Trauer und Wut und konfrontiert mit Lieblosigkeit und mangelnder Achtsamkeit.

Unabhängig voneinander beschließen diese jungen Menschen, ihr Leben selbstverantwortlich zu meistern. An Bord des Mississippi-Dampfers gibt es keine Crew, dennoch wird das Schiff auf geheimnisvolle Weise gesteuert und für die Gäste stets gesorgt. Es ist wie eine geschützte Oase auf hoher See, um durchzuatmen, sich zu sortieren und anzukommen.

Einen alten Professor zieht es ebenfalls hinaus aufs Meer. Gemeinsam mit seiner Tochter und zwei Bekannten macht er sich erneut auf die Suche nach einer versunkenen Insel. Für alle entwickelt sich diese Reise zu mehr als nur einem gewöhnlichen Ausflug. Mit jeder Seemeile offenbaren sich neue Erkenntnisse, die weit über die Insel hinausgehen.

Unterdessen herrscht auf einem kleinen Fleckchen Erde mitten im Ozean helle Aufregung. Kobolde und Wichtel zimmern und hämmern gemeinsam für einen Bühnenaufbau, das Musikensemble der Feen probt eifrig für seinen Auftritt und Elfen flechten emsig Blütengirlanden. Alle freuen sich auf das alljährliche Fest zu Ehren von Gaia, Mutter Erde.

***

Ich lade Dich ein, mit mir das abenteuerliche Geschehen auf hoher See zu beobachten. Lauschen wir gemeinsam den intensiven Gesprächen der Schiffsreisenden. Lass uns heimlich bei den Vorbereitungen für jenes spektakuläre Fest dabei sein und die faszinierenden Bewohner der Insel kennenlernen. Tauche mit mir hinein in eine Welt voller Rätsel und Magie! Lass Dich inspirieren und verführen, verzaubern und berühren.

Seite 18

Du möchtest wissen, wer ich bin? Ich bin Deine Begleiterin auf dieser wundervollen, magisch anmutenden Reise. Komm, lass uns weiter beobachten, was dieses Jahr geschieht. Ich bin mir sicher, Du bist voller Entdeckerfreude!

***

Seite 27-34

Die Passagiere des Mississippi-Dampfers, der sich der Insel aus der östlichen Richtung nähert, sind Kinder und Jugendliche. Sie haben sich aufgemacht, um der Welt, in der sie leben, zu entfliehen. Alle haben sie in ihren jungen Jahren schon viel Schlimmes erlebt. Zum Teil sind sie von zu Hause oder aus dem Heim geflohen. Auf sonderbare Weise trafen sie sich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, um gemeinsam einem besseren Leben entgegenzustreben.

Christoph, 17 Jahre, und Isabelle, 16 Jahre, sind die beiden Ältesten an Bord. Sie lebten monatelang auf der Straße und sind mittels Trampen und Betteln von einem Ort zum anderen gelangt, einfach nur fort von Gewalt, Verständnislosigkeit und Lieblosigkeit, der sie in ihren Familien ausgesetzt waren. Den Übrigen an Bord, Henry, Claus, Peggy, Sammy und Percy, erging es nicht anders.

Smutje, ein Mischlingshund mit weichem, struppigem Fell, hat sich Claus angeschlossen, als dieser vor Kurzem aus dem Heim geflohen ist. Er hat es dort nicht mehr ausgehalten. Claus fehlen seine Eltern, die bei einem Autounfall ums Leben kamen, sehr. Er ist jetzt 14 Jahre alt. Auf ein Leben im Heim mit so vielen anderen in einem Zimmer hatte er wirklich keine Lust mehr.

Sammy, 9 Jahre alt, und Percy, 6 Jahre alt, sind von zu Hause fortgelaufen. Sammy hat ihren Bruder Percy mitgenommen, damit ihr Vater ihm nicht auch so etwas Schlimmes antun würde wie ihr selbst. Darüber reden kann und will sie nicht.

Henry, 12, und Peggy, 10, lebten im selben Heim. Sie waren aus unterschiedlichen Gründen dorthin gekommen. Auch sie reden nicht darüber. Dieses stillschweigende Abkommen hat sie Freunde werden lassen. Wenn die anderen Kinder um sie herum manches Mal ihrem Schicksal völlig ausgeliefert zu sein schienen und sie im Tal der traurigen Vergangenheit gefangen saßen, haben sich Henry und Peggy ihre Zukunft in bunten Bildern ausgemalt. Nun ist es soweit, dass sie sich auf die Suche nach ihrer Vision von einem besseren Leben aufgemacht haben.
Seit kurzer Zeit sind sie auf hoher See und haben bereits kleine Stürme überstanden, nicht nur, was die Seewinde betrifft. Sie alle haben keine Ahnung, wohin ihre Reise sie führen wird. Sie hatten einfach dieses große Schiff und ein Schild am Ufer entdeckt:

Freie Fahrt zum friedlichsten Flecken der Erde!
Überraschungen inbegriffen!
Keiner geht leer aus!
Hereinspaziert! Willkommen an Bord!

An beiden Seiten des Dampfers sind riesige Schaufelräder angebracht. Der größte Teil des Bootes ist rotbraun gestrichen. Die Luken sind weiß eingerahmt, auch die Reling ist weiß lackiert, verziert mit sonderbaren Symbolen. Die Flagge zeigt eine Insel mit einer Höhle, und darüber strahlt etwas, das aussieht wie die Sonne.

Das Schiff bietet ausreichend Platz für seine Passagiere und Nahrungsmittel sind ebenfalls genug an Bord. Das Einzige, was sie tun müssen, ist, sich selbst zu versorgen; das heißt, sich die Tagesspeisen herzurichten, auf sich zu achten und das Schiff sauber und in Ordnung zu halten, alles andere wird wie von Geisterhand gelenkt. Sogar für frische Wäsche ist gesorgt. Erstaunlicherweise ist für jeden etwas dabei.

Inzwischen haben sie sich längst daran gewöhnt, aber am Anfang war es ihnen schon etwas unheimlich. Zunächst hatten sie versucht, die Tür zur Kommandobrücke zu öffnen, aber sie hatten keine Chance. Immer wieder wurden sie durch einen kleinen elektrischen Schlag zurückgewiesen. Das Schiff wird dennoch gelenkt, das ist deutlich zu beobachten. Nichts wurde bisher dem Zufall überlassen. So wurde ihr Gefährt bislang immer souverän durch die Wellen geleitet, egal, wie stark der Wind war. Alle an Bord haben sich auf dieses Abenteuer eingelassen, ohne zu wissen, was auf sie zukommt. Klar ist lediglich Eines: Es kann nur besser werden als das, was sie bisher erlebt haben. Das erfahrene Leid und die Suche nach Glück und Liebe haben sie zu Verbündeten werden lassen.

***

Ja, und das andere Schiff?, wirst Du Dich vielleicht interessiert fragen. Lass uns einen Blick hineinwerfen!

***

Das Schiff am westlichen Horizont der Insel ist ein kleines, altes Fischerboot. Es gehört einem Professor der Geologie. Sein Name ist Michael. Mit 65 Jahren folgt er noch immer seinem Kindheitstraum und ist auf der Suche nach einer vor langer, langer Zeit versunkenen Insel. Er hat als Kind von vielen Legenden gehört und ebenso viele gelesen. Das war sein Antrieb, Geologie zu studieren, immer mit dem Ziel, diesen Ort eines Tages zu finden.

Ebenfalls an Bord des alten Fischerbootes ist ein junger Mann namens Robert. Die beiden haben sich auf Michaels Schiff kennengelernt. Robert ist 34 Jahre und besitzt eine kleine Segelyacht. Erst seit kurzer Zeit sind sie Bootsnachbarn. Michael hatte Robert bei einem gemütlichen Beisammensein von seinen, inzwischen zu einem manischen Hobby gewordenen, Reisen erzählt.

Eines Tages, als er sich wieder einmal startklar machen wollte, um mit seiner Tochter Josephine eine neue mögliche Position der versunkenen Insel auszukundschaften, spürte Robert die Abenteuerlust in sich. Er hatte sowieso gerade Zeit, und für einen freischaffenden Journalisten wie ihn klang das nach einer interessanten Story.

Josephine ist 30 Jahre jung. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie ihrem Vater eher etwas aus dem Weg gegangen und hatte sich voll und ganz auf ihren Beruf konzentriert. Josie kann die Trauer um den Verlust ihrer Mutter nicht so zeigen und den Kummer ihres Vaters nicht ertragen. Dieses Mal nimmt sie sich jedoch in ihrem Institut für Meeresforschung frei. Es wird höchste Zeit, dass sie dort mal wieder rauskommt. Sie ist gerne in der Natur und vor allem auf dem Meer.

Zu erwähnen wäre noch Emma. Robert hat sie mitgebracht. Sie wohnen im selben Mehrfamilienhaus auf einer Etage. Emma steckt gerade in einer Lebenskrise und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Sie hat ihren Job verloren und ihr Freund hat mit ihr Schluss gemacht. Gerade 28 Jahre jung und ohne Perspektive, da kam das Angebot genau richtig und der Professor stimmte zu. Während Emma sich freiwillig als Köchin gemeldet hat, kümmert sich der Professor ums Navigieren. Josie unterstützt Emma. Robert hilft dort, wo er gebraucht wird und bringt seine neue Story ins Rollen.

***

So treiben also zwei Boote auf dem offenen Meer. Jedes hat einen anderen Ausgangspunkt und doch, so scheint es mir, dasselbe Ziel. Schauen wir doch wieder auf der Insel vorbei. Inzwischen sind Delia und Quixi zurück in ihrem Dorf. Langsam versinkt die Sonne im Meer und malt einen bildschönen, rot-orangefarbenen Horizont. Das Wasser funkelt, als seien Tausende von Diamanten in ihm verteilt.

Allmählich kehrt Ruhe in den einzelnen Dörfern ein. Vereinzelt entdecke ich hier und da einen Inselbewohner. Ach, sieh mal, dort am Strand! Das ist doch Delia, oder? Klar! Ihr goldglänzendes, in sanften Wellen fallendes, langes Haar, das selbst der Mond noch zum Glitzern bringt, ihre fast zerbrechlich wirkende Figur und … psst! Ja, ich kann sie hören, ihre liebliche Stimme. Mit wem redet sie denn so herzergreifend?

***

»Ach, lieber Mond, kannst du mir nicht helfen? Seit einiger Zeit gibt es so viel Unruhe in mir. Ich weiß gar nicht genau, warum. Liegt es an den intensiven Aktionen für das Fest? Dieses Jahr sind alle auf der Insel noch hektischer. Selbst unsere Musik- und Chorleiterin ist strenger als sonst. Ja, und dann ist da noch Rufus, ein Kobold aus dem Nachbardorf. Er ist so entzückend. Ich weiß gar nicht, warum. Vielleicht, weil er so verträumt wirkt. Und dann sein ständig struppiges Haar … Ich glaube, einen Kamm kennt er nicht. Seine Augen scheinen stets in die Ferne zu blicken, als nähmen sie dort eine andere Welt wahr. Und er riecht so lecker nach Wald.« Delia lächelt. Sogleich beginnt es wieder so sonderbar in ihrem Bauch zu prickeln.

»Delia ist verliebt, Delia ist verliiiiebt, Delia ist verliebt!«
»Hey, wer sagt so etwas? Mond, bist du das?« Delia blickt sich suchend um. Niemand ist zu sehen. Neckt der Mond sie? Die Stimme klang allerdings nicht so machtvoll wie die des Mondes.

»Hallo?! Zeig dich mir! Wer will mich hier veralbern?«
Immer wieder ist zu hören: »Delia ist verliebt, Delia ist verliiiiebt, Delia ist verliebt!« Langsam wird sie etwas ungehalten. Ihre Freundin Quixi hat auch so merkwürdig reagiert, als sie ihr von der Begegnung mit Rufus erzählte. Er ist ein Kobold und sie eine Elfe. Sie kann sich gar nicht in Rufus verliebt haben!

»Delia ist verliebt, Delia ist verliiiiebt, Delia ist verliebt!« Neben sich entdeckt sie einen kleinen Krebs. Er hat auf dem Weg zurück ins Meer Halt gemacht.
»Hey, kleines Krabbentier, bist du es, der mich ständig mit diesen Worten bombardiert?« Leicht wütend geworden, blickt sie der Krabbe direkt in die Augen. Gerade möchte der Krebs wieder seinen Singsang von sich geben, doch Delia kommt ihm zuvor.

»Hör auf! Was soll das? Ich bin nicht verliebt. Ich mag Rufus, ja, und es fühlt sich wohlig im Bauch an, wenn ich an ihn denke, aber er ist ein Kobold. Und Kobolde bleiben unter sich, so wie wir Elfen, Feen und Wichtel. Apropos Wichtel. Jarus zum Beispiel, den mag ich ebenfalls. Er ist so herzallerliebst in seiner Tollpatschigkeit.«

Delia hält inne. »Ja, stimmt, auch Jarus schaut mich in letzter Zeit so versonnen an, und es wird mir dann so warm ums Herz.« Sie ist aber fest davon überzeugt, dass sie nicht verliebt ist, weder in den einen noch in den anderen. Es muss etwas anderes sein, was sie innerlich dermaßen aufwühlt, und vielleicht ist es bei den beiden genauso. Sie spüren möglicherweise, dass etwas noch nie Dagewesenes in der Luft liegt.

»Delia, hab Geduld, bald wirst du es wissen!« Mit tiefer, sonorer Stimme mischt sich nun der Mond ein. Die Elfe zuckt leicht erschrocken zusammen und der kleine Krebs zieht eilend ins Meer.
»Mond, bist du das? Wie lange muss ich noch warten? Und was werde ich dann wissen?«
»Geduld, Geduld, meine kleine Elfe! Das, was du fühlst, ist der Beginn einer neuen Zeit.«
»Neue Zeit? Was für eine neue Zeit?« Delia ist inzwischen noch erregter als zuvor, aber der Mond hat sich hinter eine Wolke zurückgezogen und schweigt. Kopfschüttelnd begibt sie sich zurück in ihr Dorf. Sie beschließt, erst einmal niemandem davon zu erzählen. Niemandem, auch nicht ihrer Freundin. Sie wird ihr sowieso nicht glauben und weiterhin der Meinung sein zu wissen, was mit ihr los ist. So ist Quixi eben. Aber dennoch mag Delia sie von Herzen gern.

***

Die Nacht ist auf der Insel und über dem Meer hereingebrochen. Im Dorf ist es still geworden. Und auf den beiden Schiffen?

***

In dieser Nacht erscheint der Mond extrem hell und nah. In der Ferne sind kleine Wolkengruppen zu sehen. Auch auf die Crew an Bord des Mississippi-Dampfers hat der Mond eine eigentümliche Anziehungskraft. Henry und Peggy befinden sich an Deck und haben sich am Fuße der Kapitänsbrücke unter einer Decke zusammengekuschelt. Sie genießen es, in den Himmel zu schauen, ob bei Tag oder Nacht. Dabei kann man so herrlich seinen Träumen den Raum geben, den sie benötigen, um zu wachsen.

»Du, Henry, was meinst du, wann werden wir am Ziel sein?«, durchbricht Peggy das Schweigen.
»An welchem Ziel? Haben wir denn eines? Erst seit kurzer Zeit sind wir hier auf diesem mysteriösen Schiff. Wir können es nicht selbst lenken, doch wird es irgendwie gesteuert. Außerdem können wir uns verpflegen, denn auf geheimnisvolle Weise wird für uns gesorgt. Das ist alles, was wir wissen. Jeder von uns hat seinen ganz eigenen Lebensweg. Haben wir denn dasselbe Ziel? Wir kennen uns doch kaum.« Henry streckt sich etwas. Die beiden sind schon einige Zeit an Deck.

»Nun, du hast recht. Wir haben alle unsere eigene Geschichte, aber suchen wir nicht alle das Glück?«
»Glück? Was bedeutet Glück? Was ist Glück für dich?« Henry schaut seine Freundin fragend an. Obwohl sie eigentlich noch Kinder sind, sind sie durch ihre Lebensumstände schneller erwachsen geworden, als sie wollten.
Henry war sieben Jahre lang im Heim. Seine Eltern sind Alkoholiker. Ein gemütliches Zuhause kennt er nicht. Bei ihnen war es ständig schmutzig und unaufgeräumt. Überall in der Wohnung standen leere Flaschen und übervolle Aschenbecher herum. Ein eigenes Zimmer nur für ihn gab es nicht. Henry teilte sich meist das Bett mit seiner Mutter im elterlichen Schlafzimmer.

Am Schlimmsten war es, wenn sein Vater nach tagelanger Sauftour wieder nach Hause kam. Dann musste Henry irgendwann mitten in der Nacht ins Wohnzimmer. Dort stand in einer Nische ein Schlafsofa. Es roch immer nach kaltem Rauch und Alkohol. Häufig kam es zu Streitereien innerhalb der Familie. Henry hatte meistens Glück und konnte sich vor den Schlägen des Vaters retten, seine Mutter jedoch nicht. Später versöhnten sich seine Eltern wieder und irgendwann verschwand der Vater aufs Neue.

Durch die Nachbarn wurde eines Tages das Jugendamt informiert und er kam ins Heim. Henry erinnert sich nur noch recht wenig an all das, was sich vor seiner Zeit im Heim abgespielt hat. Schließlich war er noch sehr klein. Glück bedeutet für ihn schlicht und einfach: ein eigenes Zimmer, ein liebevoller Umgang mit anderen Menschen, Achtung und Respekt, ein sauberes, wohlriechendes Zuhause, liebevolle Eltern und vielleicht auch Geschwister, eventuell ein Haus mit Garten und ein Hund.

Während er in seinen Gedanken versunken ist, meldet sich Peggy plötzlich zu Wort. Auch sie hat lange über die Frage nachgedacht, was Glück für sie bedeutet, und ohne Henry die eigentlichen Umstände ihres bisherigen Lebens zu schildern, sagt sie:
»Glück bedeutet für mich Freiheit, nicht immer nur tun zu müssen, was andere von mir wollen, mich selbst wahrnehmen zu dürfen, so wie ich bin und nicht, wie ich sein sollte.« Dann schweigt sie wieder. Peggy war erst das zweite Jahr im Heim. Ihre Eltern waren völlig überfordert …

Seite 38-42

***

Und unser Fischerboot? Was passiert in dieser Nacht dort an Bord?

***


Robert blickt Josie, die verlegen an ihrem Tuch nestelt, von der Seite an. Sie möchte vom Thema ablenken und fragt unvermittelt nach Emma
»Wie lange kennst du Emma schon?«
»Emma? Sie ist meine Nachbarin, seit ein oder zwei Jahren. Armes Ding, keinen Job, keine Liebe, keine Perspektive. Ich hoffe, dass ihr dieses Abenteuer genug Ablenkung bringt. Im Moment hängt sie ziemlich durch und kommt nicht vor und nicht zurück. Sie muss wohl den Kopf und ihr Herz wieder freibekommen, damit sich Neues entfalten kann, oder?«

»Ist es so abwegig? Wie verhältst du dich, wenn du in einer Krise steckst?« In diesem Augenblick schaut Josephine direkt in Roberts Augen, sieht aber gleich wieder weg, weil es sie irritiert, von diesem Mann so intensiv angesehen zu werden. Sie würde gern wissen, was ihn wirklich zum Mitkommen bewogen hat.

Das Schiff ihres Vaters ist wahrlich kein Luxusliner. Man muss auf jeglichen Komfort verzichten. Der Kutter ist alt, und das sieht man ihm nur zu gut an, obwohl der Kapitän ihn sorgsam pflegt. Die Kabinen sind klein und nachträglich mit einer sehr engen Nasszelle ausgestattet worden. Auch die Pritschen sind eher hart und schmal. Selbst die Küche bietet kaum Abwechslung: viel Fisch, der frisch gefangen werden muss, Konserven, Nudeln und was eine große Kühlgefrierkombination so hergibt.

Emma hat sich die Kunst des Brotbackens angeeignet. So gibt es jeden Tag frisches Brot, dazu Fett, Marmelade, Wurst, Käse, eingelegtes Gemüse und Obst. An Deck gibt es keinen Swimmingpool, geschweige denn Liegestühle, sondern nur eine Holzbank und schlichte Klappstühle sowie ein altes Fischernetz und diverses Equipment, was man auf solchen Reisen ebenso braucht.

›Bei Emma liegt es mehr als eindeutig auf der Hand‹, denkt Josie, als sie von Robert aus ihren Gedanken gerissen wird.
»Nun, ich glaube, ich war in meinem Leben noch nie in einer wirklichen Krise. Ich bin ein Einzelkind. Und alles folgte bisher einem scheinbaren Plan. Ich habe wenige, aber wertvolle Freunde, bis heute.

Der Wunsch zu schreiben entstand früh in meiner Kindheit. Buchstaben haben bereits einen Reiz auf mich ausgeübt, als ich noch nicht schreiben und lesen konnte. Ich bin damit, so glaube ich, vielen in meiner Familie auf die Nerven gegangen. Es wäre meinen Eltern bestimmt lieber gewesen, wenn ich, wie andere Kinder, zum Beispiel Fußball gespielt hätte. Nach der Schule studierte ich Journalismus, und dann verschaffte ich mir eine Position in der Welt der sogenannten unabhängigen Berichterstatter. Ich musste, so wie alle anderen auch, Lehrgeld zahlen. Jetzt habe ich meinen Platz gefunden und behaupte, wirklich unabhängig recherchieren und berichten zu können.« Mit diesen Worten wiederholt er, wie immer, wenn er danach gefragt wird, seinen Lebenslauf in knappen Sätzen.

Josie ist das etwas zu nüchtern, gern würde sie genauer nachfragen, aber sie spürt, dass auch Robert offensichtlich nicht gern über sich selbst redet. ›Gibt es denn keine Frau in seinem Leben?‹ Das würde sie jetzt gerne wissen. Doch die Tochter des Kapitäns respektiert die knappe Schilderung, denn im Grunde lernen sie sich ja erst jetzt genauer kennen.

An Bord des Bootes ihres Vaters sind sie sich erst ein- oder zweimal begegnet. Josie hat sich aber sehr zurückgehalten. Robert war ihr in gewisser Weise zu schön, um ein Mann zu sein, der ihr Interesse hätte wecken können. Seine Augen allerdings haben sie von Anfang an irritiert. Aus ihrer Sicht passen sie nicht zum Gesamtbild dieser Person. Sie wirken recht mystisch, der andere Teil des Mannes eher oberflächlich.

»Wie sieht es denn in deiner Biographie aus? Du bist nicht das erste Mal mit deinem Vater unterwegs, oder? Was ist mit Frau Professor? Ich habe mich bisher nicht getraut, deinen Vater nach ihr zu fragen. Er hat sie nur einmal erwähnt und da merkte ich, dass er unruhig wurde und schnell das Thema wechselte.«

»Frau Professor, wie du meine Mutter nennst, ist seit sieben Jahren tot. Ich studierte zu diesem Zeitpunkt noch. Mein Paps und meine Ma waren mal wieder auf Reisen. Sie sind, so oft es ihnen möglich war, zusammen losgefahren. Meine Mutter war Meeresbiologin, so wie ich jetzt. Durch einen seiner zahlreichen Vorträge über die versunkene Insel war sie auf meinen Vater aufmerksam geworden. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick und der kleine Altersunterschied schien beide nicht zu stören. Sie studierte damals im letzten Semester an der Uni, an der mein Vater einen seiner vielen Vorträge hielt. Auch sie hegte eine stille Sehnsucht nach diesem Ort. Später wurde sie schwanger und sie heirateten.

Als ich groß genug war und mich allein mit einer Schwimmweste fortbewegen konnte, folgten wir zusammen den Spuren des Mythos. So habe ich von Anfang an mit dieser Legende zu leben gelernt. Auf diese Weise entstand auch mein Interesse an den Meeren dieses Planeten. Dann kam meine Schulzeit und sie konnten mich nicht immer mitnehmen. Solche Reisen lassen sich nicht auf die Sommerferien beschränken und die anderen Ferien waren zu kurz. Meine Mutter wollte mich auch nicht zu sehr auf diese Legende fixieren. Ich sollte offen und frei selbst für mich herausfinden, was mich interessiert.

So blieb Ma bei mir und Paps heuerte, wie davor auch schon, abenteuerlustige Studenten zur Unterstützung an. Meine Mutter und ich unternahmen oft mit meinen Freunden Ausflüge, was Kindern eben so gefällt. Nun ja, als ich älter wurde, ist sie wieder allein mit meinem Vater auf Reisen gegangen und vor sieben Jahren nicht zurückgekommen.« Josie schweigt plötzlich. ›Was bewegt mich dazu, Robert, den ich kaum kenne, so viel von meinem Leben zu erzählen?‹ Sie wundert sich über ihre spontane Offenheit. Das ist wirklich nicht ihre Art, gerade bei Menschen, die ihr eher als nicht verlässlich erscheinen.

Robert bemerkt, wie das Gespräch zwischen ihnen viel zu schnell aus dem Smalltalk in eine nicht beabsichtigte Richtung läuft und wie sehr es Josie bewegt, von der Vergangenheit zu sprechen – ähnlich wie bei ihrem Vater. Er hüstelt und entschuldigt sich.
»Das tut mir leid. Ich wollte dich nicht bedrängen. Jetzt verstehe ich auch die Zurückhaltung deines Vaters. Sie muss wohl wirklich seine große Liebe gewesen sein.«
»Ja. Neben seiner Vision von der Insel und seiner Tochter«, erwidert Josie nur knapp.
»Schade. Ich meine, wenn man schon die Liebe seines Lebens gefunden hat, sie dann so früh wieder zu verlieren«, antwortet Robert nachdenklich.

Daraufhin schauen beide schweigend zum Mond, ein jeder in Gedanken an das soeben Erzählte beziehungsweise Erfahrene versunken, bis Josie schließlich aufsteht und sich in ihre Kabine zurückzieht. Sie will jetzt doch lieber allein sein.
Robert folgt ihr nach einem kurzen Moment. Gern hätte er noch eine Weile mit ihr einfach so dagesessen. Mit jemandem schweigen zu können und sich dennoch wohlzufühlen, das kommt nicht oft vor. Robert gehört eher zu den sogenannten Draufgänger-Typen und hat normalerweise kein Problem damit, Frauen in seinen Bann zu ziehen. Bei Josie scheint dies anders zu sein und merkwürdigerweise verhält er sich unbewusst auch anders als sonst. Er fühlt sich ihr fremd und dennoch nah, das wiederum macht ihn auf irgendeine Weise befangen. Der Mond verschwindet langsam hinter einer kleinen Wolkenansammlung. Bald wird er der aufgehenden Sonne Platz machen.

***

Sonderbar, nicht wahr? Da gibt es eine Insel mit Elfen, Feen, Wichteln und Kobolden, einen Mississippi-Dampfer mit Jugendlichen und ein Fischerboot mit einem alten Professor und seinen Leuten. Keiner weiß von den anderen. Doch scheinen sie alle den Zauber dieser Nacht zu spüren. Sie sind zum Teil innerlich aufgewühlt und lassen ein wenig mehr ihre Herzen sprechen als sonst üblich. Aber nicht nur die, von denen berichtet wurde, erleben diese Nacht anders als sonst. Blicken wir doch noch einmal zu den jungen Menschen an Bord des Mississippi-Dampfers!

***

Bist Du dabei?


Buchtipp

Das geheimnisumwobene Buch Eine märchenhafte und mystische Reise
von Petra HenningsenPetra-Henningsen-Das-geheimnisumwobene-Buch-Ebook

In meiner Geschichte treffen sich sieben Jugendliche und ein wuscheliger Vierbeiner zufällig auf einem Mississippi-Dampfer, der wie von Geisterhand gesteuert wird. Fast zeitgleich machen sich vier Erwachsene mit einem alten Fischkutter auf die Suche nach einer versunkenen Insel. Aus dem Alltag herausgerissen erleben die Protagonisten eine spannende äußere und innere Reise. Über die aufsteigenden Emotionen kann Bewusstwerdung und Heilung geschehen.

Mein Buch ist ein Einstiegsroman für eine neue Sichtweise auf das Leben oder einfach eine Erinnerungshilfe an bekanntes Wissen, das gerade in turbulenten Zeiten in Vergessenheit geraten kann.

Details zum Buch

03.11.2020
Petra Henningsen
Autorin

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Über die Autorin Petra Henningsen

Mein Name ist Petra Henningsen und ich wurde am 03.05.1960 in Berlin geboren. Nach einer erfahrungsreichen Kindheit und Jugend zog es mich nach Flensburg. Dort lebte ich von 1984 bis 1988. Ich wollte neu anfangen, raus aus dem Großstadtleben mit all seinen nicht immer schönen Erinnerungen, einfach das Leben in vollen Zügen genießen. In der schönen Stadt hoch im Norden heiratete ich und bekam eine Tochter. Nach kurzer Zeit zog es uns weiter nach Bayern, in die Nähe der Landeshauptstadt. Dort bauten wir uns ein neues Nest voller Hoffnungen und mit neuen Zielen auf. Nach einer schönen Phase der Elternzeit ging ich wieder meiner alten beruflichen Beschäftigung nach, die mich nie ganz erfüllt hat.
21 Jahre später führte mich das Schicksal zurück zu meinen Wurzeln. Heute lebe ich wieder dort, wo ich einst das Licht der Welt erblickte. Ich weiß, dass ich all die Jahre unbewusst auf der Suche nach etwas war, das ich nicht benennen konnte. Ich fühlte stets eine innerliche Unruhe in mir und dem nicht genug, erhöhte sich auch der äußere Druck. Ein Burnout zeigte mir auf drastische Weise, dass es endlich an der Zeit war, meiner inneren Stimme, meinem Herzen zu folgen.
Mir ist es ein Herzenswunsch, meine LeserInnen im Rahmen einer märchenhaften und mystischen Reise ein Stück weit dort abzuholen, wo sie vielleicht gerade leicht ins Stolpern geraten sind. Ich möchte sie anregen, neue Perspektiven zu erkunden, neue Sicht- und Denkweisen für sich zu erfahren, angeregt durch kleine Lichtimpulse. Manchmal geht es auch einfach nur darum, sich wieder zu erinnern, auf seiner Reise zu sich selbst. Altes anzuschauen und loszulassen, nicht mehr wegzulaufen, damit Neues entstehen kann. Dies ist nicht immer ein leichter Weg, aber einer, der sich lohnt. „Das geheimnisumwobene Buch − Eine märchenhafte und mystische Reise“ beschreibt den Anfang jener Reise zu sich selbst, den auch ich gegangen bin oder besser noch gehe.

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