Mensch-Sein

Ein Gefühl von Hilflosigkeit

Frieden-Taube-Hand-peace-doveEin Gefühl von Hilflosigkeit

Liebe Leser,
diese Mail schrieb ich vor drei Tagen an Heike, die Inhaberin und Betreiberin dieser Seite auf ihre Anfrage nach einem Artikel von mir:

Du Liebe,
seit zwei Wochen geht es meiner Mutter sehr schlecht und ich mache mir wirklich Sorgen, ich kann im Moment nicht schreiben, ich bin beschäftigt mit ihr. Es tut mir so leid, das, was ich im Moment schreibe, ist nur dunkel und negativ, wer will denn das lesen. Sie ist verwirrt, hat eventuell eine beginnende Demenz, wir waren schon beim Notarzt, im Moment ist es schwierig. Über meine Sorgen will ich wirklich nicht schreiben.
Ganz viele liebe Grüße, Susanne

Das war ihre Antwort:

Liebe Susanne,
danke für deine Nachricht; ich hab auch an dich gedacht… Ich kann dich sehr, sehr gut verstehen! Ich denke, da gehen wir alle durch… so oder so oder auch so… Ich weiß, wovon du sprichst, da ich es (vermutlich) in vergleichbarer Form erlebt habe…
Ein paar wenige Gedanken dazu: ich habe mich damals nicht getraut, darüber zu sprechen – geschweige denn zu schreiben – vor meinen Klienten, in einem Seminar, das ich gab oder wie auch immer… ich dachte, es wäre wichtig, dass ich alles ‚negative‘ bei mir behalte und mit mir selbst ausmache. Im Nachhinein war es irgendwie nicht richtig, weil es mich noch authentischer gemacht hätte und menschlicher…
Ich schicke dir ganz viele liebevolle Gedanken, ein Lächeln und – wenn es dir gut tut – meine Hand und wünsche dir und deiner Mutter alles erdenklich Liebe und Gute,
deine Heike

Und so schreibe ich jetzt hier darüber, wie es mir geht und wie ich mein Leben meistere, wenn meine Mutter so krank, ängstlich und bedürftig ist.
Was schwierig ist. Denn wenn ich überfordert bin, und das bin ich, dann spüre ich mich nicht mehr. Ich verliere den Kontakt zu mir, zu meiner Kreativität und zu meiner Fähigkeit, meine Gefühle in Worte zu fassen – eben genau zu dem, was ich brauche, um so darüber zu schreiben, dass es dich, lieber Leser, auch berührt. Ich funktioniere und ich lenke mich ab, tue, was ich tun kann und versuche, die Hilflosigkeit irgendwie auszuhalten. Immerhin ist mein Inneres Kind gut versorgt, das ist erstaunlich, es dreht nicht durch. Die Arbeit mit dem inneren Kind trägt Früchte.

Meine Mutter hat Angst. Sie kann ihr Leben im Moment nicht meistern, der Termin in der Neurologie, wo sie endlich hoffentlich hinreichend untersucht wird, damit sie auch behandelt werden kann, ist erst in drei Tagen. Sie hat große Angst vor diesem Termin und ich muss ihr alle paar Stunden versichern, dass ich sie begleite und dass sie an nichts denken muss. Es gibt einen Verdacht auf Depressionen, auch auf beginnende Demenz, wir werden sehen. Wir waren mit dem Notarzt im Krankenhaus wegen eines Verdachts auf Schlaganfall, das hat sie nicht. Was sie hat, weiß ich nicht. Ich bin da. Zum Glück muss ich das nicht alleine schaffen, ich habe Geschwister. Doch ich bin die Älteste, das verpflichtet mich, zumindest erlebe ich es so und ich nehme diese Rolle auch gern an. Eine meiner Schwestern, die, mit der ich zusammenlebe, ist depressiv und hat gerade einen Schub, ich komme nicht raus aus der Nummer, mich zu kümmern. Es ist, als hielte ich mir diese schwere, dunkle Wolke der Depression geradezu gewaltsam vom Leib, sie droht mich von zwei Seiten aus zu überwältigen. Ich bin nicht depressiv, aber schwer. Und ehrlich gesagt auch genervt. Ich sehe, um es freundlich auszudrücken, Scheiße aus, denn meine Antwort auf Stress ist, ob es mir gefällt oder nicht, Essen. Ich habe zugenommen, das fühlt sich so grauslich an, dass ich schon alleine deshalb aggressiv bin. Ich schäme mich wegen des Essens, übe mich in Mitgefühl mit mir selbst, doch in Wahrheit – entschuldigt – kotzt es mich an. Ich weiß genau, dass ich mir selbst schade, weil ich mich erstens körperlich unwohl fühle und zweitens ebendiese Scham in mir erzeuge und nähre. Die Scham hindert mich daran, frei und selbstsicher zu sein, mich zu zeigen. Es kostet ungeheure Kraft, trotz der Scham in der Öffentlichkeit zu stehen, privat und beruflich. Es wäre so einfach. Ich weiß genau, wie viel besser ich mich fühle, wenn ich nicht zuviel esse, und doch schaffe ich es nicht – das große Thema meines Lebens. Ohnmacht dem Essen gegenüber, nur mit Kontrolle zu meistern. Nicht immer, aber wenn ich mich hilflos fühle und Angst habe, wenn ich nicht genug Raum für mich habe und mich wie belagert fühle von der Bedürftigkeit anderer, dann schon. Ich ertrage das Leid und den Schmerz derer, die mich berühren und die ich liebe, nur sehr, sehr schwer und das macht mir ernsthaft zu schaffen. Es bringt mich zum Essen, ich habe noch keine andere Lösung gefunden, außer, mich abzugrenzen. Doch wie grenzt man sich von seiner kranken, bedürftigen Mutter ab und kann das wirklich der Weg sein? Ich fühle es für mich nicht so. Das kann man coabhängig nennen, aber am Ende ist es nun mal einfach so. Das kennst du, lieber Leser, sicher auch sehr gut. Noch mal: immerhin ist mein Inneres Kind nicht ernsthaft involviert, das erleichtert den Prozess ungemein.

Meine Mutter braucht mich. Sie braucht mich wirklich und ich will unter keinen Umständen dieses unsägliche: “Sie ist aber für sich selbst verantwortlich“ hören. Weil es nicht stimmt. Sie braucht mich, weil sie die Verantwortung für sich selbst eben nicht tragen kann, das ist ihre Krankheit. Vor diesem Zustand hatte ich mein Leben lang Angst. Ich bin nicht bei ihr aufgewachsen. Als ich fünf war, ließen sich meine Eltern scheiden und sie erlaubte, dass mein Vater mich mit in seine neue Familie nahm. Sie gab uns, gefühlt, einfach weg und auf, mich und meine Schwester. Das stimmt so nicht, das ist mir schon klar, aber ein Teil in mir hat das so erlebt. Ich habe das tausendmal aufgestellt, angeschaut, geheilt und was weiß ich noch alles und es darf gut sein, aber genau diese ihre Hilflosigkeit hat eben dazu geführt, dass wir ohne sie aufwuchsen. Ich hatte sehr lange Zeit ein Loch da, wo die Kraft und Liebe meiner Mutter sitzen sollten. Jetzt darf, jetzt muss ich für sie da sein. Das ist neben all der Belastung eine Chance, das spüre ich sehr genau. Ich habe das große Glück, dass sie meine Art der Arbeit für sich selbst gut nutzen kann, so kann ich ihr jeden Tag Telefonsitzungen geben neben all dem, was ich vor Ort für sie tun kann. Zusammen verarbeiten wir ihre Verluste, zum Beispiel den ihres Mannes und ihrer Kinder. Es ist wie ein Wunder, dass ich mein inneres Kind gut hüten und gleichzeitig für meine Mutter da sein kann. Wenn ich für sie da sein und geistig mit ihr arbeiten kann, dann bin ich auf der sicheren Seite, in meiner Komfortzone und in dem Gefühl, etwas bewirken zu können. Ich spüre meine Hilflosigkeit nicht, wenn ich mit ihr arbeite. Und ich esse dann weniger.

Und doch, ich habe Angst, ich bin überfordert, ich bin schwer. Ich spüre mich selbst nicht wirklich. Vielleicht habe ich auch beginnende Wechseljahrbeschwerden, das kann gut sein. Sie hält sich an mir fest, meine Mutter, ich bin ihre Erdung, ihr Halt. Ich habe selbst nicht immer genug Halt, das ist eine große Aufgabe. Doch ich kann sie meistern, bis jetzt zumindest. Ich darf nicht erlauben, dass mich die Angst um sie lähmt, wir gehen Schritt für Schritt jeden Tag dahin, wohin dieser Tag führt. Es darf alles wieder gut werden oder es darf schlimm werden, wir werden es meistern. Und doch: ich verliere den Kontakt zu mir. Ich spüre mich nicht richtig, ich bin nicht ganz bei mir. Das gefällt mir nicht, ich habe keine Lösung für diesen Zustand, er ist gerade einfach, wie er ist und alle Techniken und Tricks nutzen nichts. Ich will sie nicht anwenden. Ich will einfach nicht, es wäre Manipulation. Es ist gut so, wie es gerade ist, ich kann das alles nicht wirklich in mir zulassen, sonst werde ich eventuell doch handlungsunfähig. Mein Pferd, mein Mann, mein Garten, meine Katzen, mein Schreiben, alles, was ich um mich habe, geben mir sehr viel Halt.

Ich bete. Ich tue alles, um mich des Überessens zu enthalten. Ich kümmere mich um das Haus, die Tiere, den Garten, meines Mann, meine Schwester, meine Mutter und auch um mich. Das mache ich sehr gerne. Ich habe zu allem Ja gesagt und würde es wieder tun, tue es jeden Tag aufs Neue. Und ich sehne mich danach, frei zu sein, alle Verantwortung abgeben zu dürfen und nur mich selbst zu spüren, frei von allem, was mich schwerer macht, als ich sein müsste. Ich lebe in dem Konflikt zwischen der Sehnsucht nach meiner eigenen leichten, mädchenhaften Energie und der Präsenz der inneren Frau und Mutter, die hüten und nähren will und kann.
Unbeschwertheit und Verantwortung, Freiheit und Fürsorge, Leichtigkeit und die Schwere der Depression, der Angst, der Scham – diese Diskrepanz begleitet mich beinahe schon immer. Es scheint mein Erlebnisfeld zu sein. Es scheint diese innere Spannung zu sein, die mich auf meinen Weg schickt, die in mir Bewusstsein entstehen lässt. Ich sehne mich nach einem Leben in aller Freiheit und Unbeschwertheit, und doch würde ich, hätte ich die Wahl, innerhalb eines halben Jahres wieder genau das um mich erschaffen, was ich jetzt habe. Ich will da sein, ich will gebraucht werden, ich will geben. Ich brauche ein neues Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Anteilen in mir. Nicht heute. Heute ist die innere Mutter für meine Mutter gefragt. Doch ich brauche einen neuen Weg, einen Weg, auf dem ich viel mehr Raum für das habe, was ich bin, wenn ich keine Verantwortung trage und keine Antworten für andere weiß, keine Räume halte und nicht verfügbar bin. Ich weiß noch nicht wie, doch da will sich etwas ändern.
Die Scham erschaffe ich selbst durch das für mein Gefühl unkontrollierte Essen. Ich erschaffe mir meinen eigenen Leidensdruck, nehme mir selbst die Leichtigkeit. Diese innere Spannung scheint etwas zu sein, das ich erleben und erfahren will, denn die Sucht sitzt so tief, dass ich bis jetzt noch nicht wirklich genesen bin. In Stresssituationen steht sie auf einmal da und bietet mir ihre vermeintlich tröstlichen weichen, süßen Arme an. Sie sind tröstlich und weich, ihre Schokoladenarme, doch während sie mich hält, bohrt sich ein Tentakel tief in mich hinein und saugt mir meine Selbstbestimmung, meine Lebensfreude und mein gutes Gefühl für mich selbst aus mir heraus.
So ist das heute. Und nur für heute bete ich:

Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom andere zu unterscheiden.
Gelassenheit, die spüre ich tatsächlich immer öfter. Mut, den erlebe ich in mir. Es ist die Weisheit, das eine vom andere zu unterscheiden, die ich brauche.
Und so ist es heute. Nur für heute bitte ich darum, dahin geführt zu werden, wo ich wirken kann und vor dem beschützt zu werden, auf das ich keinen Einfluss habe.
Und schon geht es mir besser. Ich bin bei mir, ich kann die Schokolade aus der Hand legen und diesen Artikel schreiben.

Gute 24 Stunden für euch alle,
in Liebe und Verbundenheit,
eure Susanne


Susanne Hühn

Alle Beiträge auf Spirit Online

4 Kommentar(e)

  • Danke, liebe Susanne, für diesen wunderbaren Beitrag! Ich finde mich in vielem davon selbst wieder! Das unkontrollierte Essen ist auch mein ewiges Thema…. Ich arbeite aber derzeit nicht direkt daran, es unter Kontrolle zu bringen, weil ich bereits so viel Energie damit verbraucht habe. Mein Gefühl geht irgendwie in die Richtung, dass ich vielleicht doch noch mehr daran arbeiten soll, mich schön zu finden, wie ich bin, mit unkontrolliertem Essen und den Zusatz-Kilos und so wie ich bin selbstbewusst auftreten und positives ausstrahlen kann. Ich habe, wie gesagt, viel Energie in meinem Leben mit dem Abnehmen verbraucht, dass ich nach anderen Lösungen suche und ich glaube nicht, dass es richtig sein kann, dass ich mich ewig quälen und kontrollieren muss. Das will ich nicht wahrhaben! Ich spüre, dass es einen anderen Weg gibt und suche weiter…..

    • Du Liebe,
      ich bin auch immer wieder auf diesem Pfad, spüre für mich aber auch, dass er für mich nicht funktioniert. Ich erlebe nicht, dass ich lernen muss, das Essen unter Kontrolle zu bringen, ich erlebe aber sehr stark, dass es mir wirklich etwas bringt, mich selbst an dieser Stelle einer höheren Macht zu überlassen. Mir helfen die 12 Schritte immens, ich muss sie nur gehen und mnchmal habe ich keine Kraft oder auch, seien wir ehrlich, keine Lust dazu. Weil sie ein hohes Mass an Bewusstheit fordern, das ich nicht immer aufbringen kann und will. Segen und Liebe und Licht für deinen Weg. Jeder hat seine eigenen Aufgaben, die völlig unterschiedlich sein können. Meine ist nicht, das spüre ich deutlich, in Frieden damit zu kommen, dass ich mich überesse und zunehme, sondern in Frieden damit zu kommen, dass ich mir diese Aufgabe erschaffen habe und sie mit all den Gefühlen, die dazu gehören, in die hände einer liebenden Höheren Kraft abzugeben. Dann kommt entweder Frieden mit dem Gewicht, das ich habe oder das Essen tritt in den Hintergrund, ich habe beides erlebt. Der Schlüssel ist aber für mich das Abgeben, das Loslassen, das „es Gott überlassen“, das funktioniert bei mir sehr gut. Wenn ich es denn wahrhaft loslasse und „Gott überlasse“… 🙂

  • Liebe Susanne,

    ich kann Dich sehr gut verstehen und fühle sehr mit Dir. Ich kenne eine ganz ähnliche Situation, denn so wie Du für Deine Mutter sorgen und Verantwortung tragen musst, so muss ich Verantwortung für meine schwer chronisch kranke Frau und meine ebenso kranke Tochter tragen. Und wir haben leider keine Unterstützung durch Verwandte und Freunde. Und gleichzeitig versuche ich auf der spirituellen Ebene, in meiner Kraft und Balance zu bleiben, Heiler zu sein, wo es nicht in meiner Macht steht, zu heilen, und so einfach Begleiter im ganz besonderen Leben zweier ganz besonderer Menschen zu sein, die sich aus ganz speziellen Gründen ein spezielles Schicksal mit den dazugehörigen sehr herausfordernden Lebensumständen ausgesucht haben.
    Zu begleiten und damit „unsere“ Menschen einfach darin zu unterstützen, dass sie ihre eigene Lebensaufgabe bewältigen können, ist in diesem Moment möglicherweise alles, was wir tun können. Dies zu wissen kann uns helfen, uns nicht persönlich schuldig dafür zu fühlen, dass wir eben gerade nicht mehr tun können und vielleicht nicht so viel Kraft zu haben, wie wir es uns wünschen würden.

    Doch kann es uns Kraft geben, dennoch die Vollkommenheit in dieser Situation zu erkennen.

    Ich kann Dir an dieser Stelle nur versichern: Ich weiß sehr gut, wie schwer es ist, angesichts einer solchen Situation immer wieder die Balance zu halten und gut genug für sich selbst zu sorgen.

    Ich fühle mit Dir und sende Dir eine herzliche Umarmung! Dabei wünsche ich Dir alle Kraft und Unterstützung, die Du brauchst.

    In tiefer Verbundenheit von Seele zu Seele

    Martin

    • Von Herzen danke für deine Antwort, lieber Martin und ja, so erlebe ich es auch – Begleiter im Leben zweier sehr wichtiger und besonderer Menschen zu sein, Raum zu geben, zu halten und manchmal auch einfach vor der eigenen Hilflosigkeit zu stehen, loszulassen, zu sortieren, wo kann ich etwas anbieten und wo nicht… warum bin ich Begleiter, fragte ich meine Seele und sie sagte „Weil du es kannst“. Nun ja, aber nicht imme, und so darf ich lernen, auch mir selbst Begleiter zu sein und darum geht es im Moment, glaube ich… Ich danke dir wirklich sehr.

Den Artikel kommentieren